P1010188Am 16. Mai 1916 wurde zwischen Grossbritannien und Frankreich ein Abkommen über Aufteilung und Zukunft der arabischen Territorien des Osmanischen Reiches für die Zeit nach dem Kriege unterzeichnet. Dieses Abkommen war durch den französischen Diplomaten François Georges Picot und den Briten Mark Sykes ausgehandelt worden und wird deshalb bis heute als Sykes-Picot-Abkommen bezeichnet. Dieses Abkommen stand und steht im Gegensatz zu den Versprechungen des britischen Hochkommissars in Ägypten Sir Henry McMahon an den Grossscherif von Mekka Hussein ibn Ali aus der Dynastie der Haschemiten von 1915/16. In der Korrespondenz wurde dem Grossscherif, einem Abkömmling des Propheten, die Gründung eines arabischen Grossreiches versprochen. Als Gegenleistung sollte der Grossscherif den arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich anführen. Dieses Versprechen McMahons wurde auch durch die Balfour-Deklaration vom November 1917, in der Grossbritannien den Juden die Schaffung einer nationalen Heimstätte versprach, ad absurdum geführt.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Niederlage des Osmanischen Reichs wurde der arabische Raum zwischen Frankreich und Grossbritannien aufgeteilt. Frankreich erhielt ursprünglich gemäss dem Sykes-Picot-Abkommen die Süd-Ost-Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon. Grossbritannien wurde das heutige Jordanien, der Irak und Palästina zugewiesen. Im Vertrag vom 24. Juli 1922 wurden aus dieser Zuteilung drei Mandate des Völkerbundes für die beiden Kolonialmächte:[1]

  1. das Mandat für Mesopotamien (der heutige Irak) an Grossbritannien;
  2. das Mandat für Palästina (der südliche Teil der osmanischen Provinz Syrien mit Palästina und Jordanien) erhielt Grossbritannien;
  3. das Mandat für den restlichen Teil der Provinz Syrien (Syrien, Libanon und Hatey [Antakya]) ging an Frankreich.

Zur Kompensation des nicht eingehaltenen Versprechens für den Grossscherif setzte Grossbritannien nach 1922 zwei seiner Söhne als Herrscher über den Irak und Jordanien ein. Frankreich verwaltete sein Mandatsgebiet selbst, trennte es dann aber in die Staaten Syrien und Libanon und trat Hatey an die moderne Türkei ab. Während der Zwischenkriegszeit bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden aus diesen Mandatsgebieten die folgenden Staaten:

  1. Irak (zuerst als Haschemiten-Königreich);
  2. Jordanien (unter einem Haschemiten-Herrscher)
  3. Israel
  4. die durch Israel besetzten Gebiete
  5. Syrien als Republik
  6. Libanon als Republik.

Bis zum heutigen Tag weist keiner dieser Staaten als Folge der willkürlichen Grenzziehungen durch die beiden Kolonialmächte eine innen- und aussenpolitische Stabilität auf. Alle Kriege im Mittleren Osten, insbesondere jene zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten, lösten in den arabischen Staaten innenpolitische Erschütterungen aus, die vielfach zu Militärputschen führten. Diese Instabilität zeigte sich insbesondere 2003 nach dem Einmarsch und der Besetzung des Iraks durch die USA und ihre Allianz der Willigen. Sehr schnell leisteten die sunnitischen Gebiete und Stämme des Iraks, die durch Saddam Husseins Sturz von von der Macht verdrängt worden waren, bewaffneten Widerstand gegen die Invasoren.

Die Führer von Al-Kaida erkannten die Gelegenheit, den USA Verluste zuzufügen, und bildeten eine Kampfgruppe mit der Bezeichnung Al-Kaida im Irak (AQI). Zu ihrem Anführer wurde der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi. Unter seiner Führung führte Al-Kaida nicht nur gegen die fremden Truppen Anschläge durch, sondern auch gegen die schiitische Bevölkerung und ihre Moscheen. Die Zahl der Anschläge und Angriffe nahm zu, so z. B. in Bagdad. Unter General Stanley McChrystal gelang es den Amerikanern al-Zarqawi in einem seiner Verstecke aufzuspüren. Am 7. Juni 2006 wurden er und seine Begleiter durch je eine lasergelenkte und eine GPS-gelenkte Bombe eines F-16-Kampfflugzeuges getötet.[2] Durch seinen Tod verlor Al-Kaida im Irak an Bedeutung und die Zahl der Anschläge, die von AQI durchgeführt wurden, nahm ab.

Frühere Offiziere der Armee Saddam Husseins erkannten sehr schnell die Möglichkeit das Netzwerk von AQI für ihre Widerstandsziele auszunützen. Zwischen ihrer Organisation und jener von AQI fand eine Verschmelzung bzw. Fusionierung zum Islamischen Staat in der Levante (ISIS) statt. Die Offiziere übernahmen Führungsfunktionen in der Armee und auch im Sicherheitsdienst des ISIS. Der Sicherheitsdienst wurde entsprechend dem Vorbild der Baathisten und damit der früheren DDR errichtet. 2014 fand eine weitere Transformation statt, in dem der frühere Prediger al-Baghdadi an die Spitze des ISIS gesetzt wurde. Als Abkömmling aus dem Stamm des Propheten, den Quraisch, wurde er zum Kalif Ibrahim ernannt. Durch diesen Schritt wurde an das goldene Zeitalter des arabischen Weltreichs erinnert. Diese beinahe mystische Erinnerung nützten die für die Kommunikation Verantwortlichen z. B. für die Rekrutierung von fremden Kämpfern aus den westlichen Staaten und dem arabischen Raum aus.

Nach der Ernennung des Kalifen änderte die Organisation ihren Namen auf Islamischen Staat (IS). Heute führt der IS gegen seine Feinde, die Armee des Alawiten Assad und die der schiitischen Regierung in Bagdad sowohl einen konventionellen Krieg als auch Anschläge mit Selbstmördern durch. Der IS dürfte die Hälfte Syriens und ein Drittel des Iraks kontrollieren. Trotz des Luftkrieges der USA und ihrer Alliierten und der militärischen Unterstützung für Bagdad durch den Iran ist die Kampfkraft des IS intakt. Eine totale Vernichtung des IS dürfte angesichts der geopolitischen Lage und der militärischen Möglichkeiten und Mitteln dieser Organisation kaum möglich sein. Das Ziel des IS dürfte die Beseitigung der Folgen des Sykes-Picot-Abkommens sein. Nach einer Zerstörung des Iraks und Syriens dürfte der IS seine Aufmerksamkeit auf Jordanien, Israel und Palästina richten.

Der Krieg des Islamischen Staates kann als Teil der geopolitischen Auseinandersetzungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran gesehen werden. Während Saudi-Arabien sich als Führungsmacht der sunnitischen Welt sieht, vertritt der Iran die schiitische Welt. Ihre Gegnerschaft symbolisiert den weltweiten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Seit der Ermordung des vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib, des Schwiegersohnes und Cousins des Propheten, im Jahr 661 sind die Schiiten aus der Sicht der Sunniten, die die Mehrheit in der islamischen Welt bilden, Ketzer und Abtrünnige, die es zu beseitigen gilt. Der Antagonismus zwischen Saudi-Arabien und dem Iran wird noch durch die Gegnerschaft zwischen Arabern und Perser bestimmt. Dieser Antagonismus existiert seit dem Sieg der Araber über das persische Grossreich der Sassaniden in der Schlacht von Nehawend 642. Die Beseitigung der schiitischen Regimes von Syrien und Irak durch den Islamischen Staat dürfte sich mit den Interessen und Zielen Saudi-Arabiens decken. Durch deren Beseitigung wird nicht nur der Einflussbereich des Iran zurückgedrängt, sondern auch die schiitische Welt in die Knie gezwungen. Auch der Krieg im Jemen widerspiegelt diesen machtpolitischen Konflikt.

Sowohl der Islamische Staat als auch Saudi-Arabien dürften das gleiche Ziel, die Zerstörung der bisherigen Ordnung in der arabischen Welt, die die Folge des Sykes-Picot-Abkommens ist, verfolgen. Die Vermutung, dass zwischen deren Führer eine Übereinstimmung der geopolitischen Ziele und Interessen besteht, erscheint plausibel. Wie im 7. Jahrhundert sind Massenhinrichtungen und Genozid Teil dieser Kriegsführung, die aber moderne Waffen einsetzt.

[1] Sykes-Picot-Abkommen, http://de.wikipedia.org/wiki/Sykes-Picot-Abkommen, 17.5.2015.

[2] McChrystal, General St., U.S.Army (ret.), My Share of the Task, a Memoir, Portfolio/Penguin, New York, 2014, p. 230.