IMG_3482Kurz vor dem Einfall der USA und ihrer Alliierten 2003 in den Irak gab Saddam Hussein in einem Interview bekannt, er habe die Schriften der Vordenker des Guerillakrieges wie z. B. die des Argentiniers Ernesto Ernesto „Che“ Guevara (1928-1967)[1] und des Brasilianers Carlos Marighela (1911-1969)[2] studiert. Offenbar setzte Saddam Hussein deren Inhalte mit der Bildung seines Freikorps Fedayeen auch um. Dessen Kampfkraft wurde vor dem amerikanisch geführten Einmarsch durch das Londoner Institut für Strategische Studien auf 18’000 bis 20‘000 Mann geschätzt.[3] Vor ihrem Einmarsch wurden diese Saddam‘s Fedayeen von den Amerikanern nicht ernst genommen. Bei ihrem Vorstoss nach Bagdad mussten sie allerdings erfahren, dass vor allem die Fedayeen ihnen mit der Guerillataktik heftigen Widerstand leisteten. Dadurch hätten die Amerikaner feststellen müssen, dass Saddam Hussein seine Fedayeen und vermutlich auch seine Geheimdienste und deren Offiziere entsprechend den Klassikern des Guerillakrieges wie z. B. Mao Tse-tung (1883-1976) nach der Besetzung des Iraks auf eine zweite Phase des Krieges ausgerichtet hatte.[4] Gemäss Mao und seinen Epigonen wird in dieser zweiten Phase eine Besatzungsarmee durch einen intensiven Guerillakrieg abgenützt. Dies erlebten die Amerikaner auch in ihrem Krieg gegen die Streitmacht des vietnamesischen Generals Vo Nguyen Giap[5]. Aber offenbar hatten die amerikanischen Generäle die Niederlage, die ihnen der Vietnamese mit seinen Reisbauern erteilt hatte, vergessen.

Kaum waren die konventionellen Truppen des Iraks durch die überlegene Feuerkraft der Amerikaner und ihrer Allianz der Willigen niedergewalzt und das Land besetzt worden, entliess der durch Bush jr. ernannte Prokonsul L. Paul Bremer III[6] auf einen Schlag die gesamte irakische Armee mit einem Bestand von 389‘000 Männer und Frauen[7]. Tausende berufserfahrene Offiziere, die 1980-88 gegen den Iran Krieg geführt, 1991 und 2003 gegen die Amerikaner gekämpft hatten, wurden arbeitslos. Gleichzeitig setzte unter Bremer, getrieben durch schiitische Politiker, die Debaathifizierung des Iraks und der irakischen Gesellschaft durch. Wiederum wurden Tausende von Funktionären, insbesondere Führungskräfte und Offiziere der Geheimdienste, heimgeschickt. Im Prinzip wurde die gesamte sunnitische Gesellschaft, die bis anhin den Staat getragen und geführt hatte, enthauptet. Vor allem die Offiziere der irakischen Eliteeinheiten und der Geheimdienste dürften aber auf Anweisung Saddam Husseins das Gedankengut der Klassiker des Guerillakrieges studiert haben. Vor allem diese Leute gründeten die Widerstandsorganisation mit der Bezeichnung Naqshbandi[8].

Bush Jr. erklärte mit dem Slogan Mission Accomplished den Krieg für beendet. Kurz danach brach vor allem in den sunnitischen Gebieten der Widerstand gegen die Besatzungsmacht aus. Sehr schnell erkannte auch Al-Kaida die günstige Gelegenheit, den Amerikanern Schläge verpassen zu dürfen. Zum Anführer von Al-Kaida im Irak erklärte sich der Jordanier Abu Musab al-Zarkawi. Mit äusserster Brutalität ging unter seiner Führung Al-Kaida gegen die Schiiten und ihre Exponenten vor. Schliesslich gelang es einer Spezialgruppe unter Leitung von General Stanley McChrystal am 7. Juni 2006 Zarkawi zu töten.[9]

Nach dem Tod Zarkawis schien A-Kaida im Irak führungslos. Dies war aber nur für eine kurze Zeit der Fall. Sehr bald erkannten die Offiziere der Armee und der Geheimdienste Saddam Husseins die Gelegenheit, einen Widerstand entsprechend ihren Zielen durch die Verschmelzung ihrer Organisation mit jener von Al-Kaida zu erreichen.[10] Zu diesen Offizieren soll gemäss Spiegel u.a. der frühere Geheimdienstoberst Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi, mit dem Kriegsnamen Haji Bakr, gehört haben.[11] Wer in dieser neuen Organisation die Führung übernahm, die Offiziere oder die Al-Kaida-Anhänger, ist bis heute ungeklärt. Tatsache ist, dass viele der früheren Offiziere von Saddam Hussein durch ihre Einkerkerung im amerikanischen Gefängnis Camp Bucca im Irak radikalisiert worden waren.[12] Anführer wurde aufgrund seines Hochschulabschlusses in Islamwissenschaften Abu Bakr al-Baghdadi.

Haji Bakr soll allein oder zusammen mit anderen ehemaligen Offizieren Saddam Husseins die Struktur und die Konzeption des Islamischen Staates formuliert und bestimmt haben.[13] Interessant an der Struktur des Islamischen Staates ist, dass er dem typischen Stasi-Überwachungsstaat mit Geheimdienstfunktionären und Spitzeln auf allen Stufen entspricht. Dies überrascht nicht, sind doch die Baathisten beim Aufbau ihrer Organisation in den 70er Jahren im Irak durch Geheimdienstleute aus der DDR und der UdSSR beraten worden. Was aber gleichzeitig auffällt, ist die politische und militärische Zellenstruktur, die sich von der obersten Führungsebene bis hinunter zum Bezirk und zur Dorfgemeinschaft durchzieht. Das Vorbild dazu könnte dem Handbuch der Stadt-Guerilla von Carlos Marighela vom Juni 1969[14] entlehnt worden sein. Saddam Hussein soll, wie bereits erwähnt, dieses Handbuch studiert und offenbar auch veranlasst haben es umzusetzen. Marighela hat das klassische Drei-Phasen-Konzept Maos auf die Verhältnisse in Brasilien adaptiert:[15]

 

  1. Phase: Auslösung der Stadtguerilla in den Grossstädten;
  2. Phase: Auslösung der Landguerilla im Hinterland;
  3. Phase: Bekämpfung der gegnerischen Armee mit einer (eigenen) Volksarmee.

 

Damit eine Revolution (Aufstand) erfolgreich wird, müssen deren Führer sowohl die Stadtguerilla (terroristische Anschläge) als auch den konventionellen Krieg führen können. Entsprechend dieser Kombination von (Selbstmord-)Anschlägen in den Städten und der Eroberung von Ortschaften und gegnerischen Stützpunkten durch konventionelle Angriffe führt auch der Islamische Staat seinen Krieg. Das Handbuch von Marighela über die Stadt-Guerilla hat in der Vergangenheit vielen revolutionären und terroristischen Organisationen als Vorbild gedient – so auch der deutschen Roten Armee Fraktion (RAF) in den 70er und 80er Jahren[16] – warum soll nicht auch der Islamische Staat von dieser aufschlussreichen Schrift profitiert haben. Dies wäre auch ein Hinweis auf den hohen militärischen Intellekt der Führung des Islamischen Staates, der allzu lange von Politikern und Generälen in Washington DC unterschätzt wurde.

[1] Stahel, A.A., Terrorismus und Marxismus, Marxistisch-Leninistische Konzeptionen des Terrorismus und der Revolution, ASMZ, Huber & Co. AG, Frauenfeld, 1987, S. 72-86.

[2] Stahel, A.A., S. 87-103.

[3] The Military Balance 2002-2003, The International Institute for Strategic Studies, University Press, Oxford, 2002, p. 106.

[4] Stahel, A.A., S. 43-59.

[5] Stahel, A.A., S. 60-71.

[6] Bremer III, L.P., Ambassador, with M. McConnell, My Year in Iraq, The Struggle to Build a Future of Hope, Simon & Schuster, New York, London, Toronto, Sydney, 2006.

[7] The Military Balance 2002-2003, p. 105.

[8] Sly, L., The hidden hand behind the Islamic State militants? Saddam Hussein’s, http://www.washingtonpost.com/world/middle_east/the -hidden-hand-behind-the-islamic-state, 21.04.2014, p. 7.

[9] McChrystal, General, St., U.S. Army, Retired, My Share of the Task, A Memoir, Updated with a new preface, Portfolio Penguin, New York, 2014, p. 230.

[10] Sly, L., p. 4.

[11] Reuter, Chr., Der Stratege des Terrors, in: Der Spiegel, Nr. 17/18.4.2015, S. 78-86.

[12] Sly, L., p. 4.

[13] Reuter, Chr., S. 81.

[14] Stahel, A.A., S. 92-103.

[15] Stahel, A.A., S. 94.

[16] Stahel, A.A., S. 108-128.

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