Lenkwaffe des S-300PMU-SystemsDie Bezeichnung S-300 (NATO-Code SA-10 Grumble) weist auf ein Langstrecken- Boden-Luft-Lenkwaffensystem hin, das in der UdSSR und auch in Russland für die Abwehr von Flugzeugen und Marschflugkörpern entwickelt und später auch für das Abfangen ballistischer Lenkwaffen weiterentwickelt worden ist.[1] Zum ersten Mal wurde ein S-300-System 1979 für den Schutz grosser Industrie- und Verwaltungsgebiete und militärischer Stützpunkte sowie für die Kontrolle des Luftraumes gegen angreifende Kampfflugzeuge in Dienst gestellt. Das System ist vollautomatisiert, kann aber auch manuell gesteuert werden.

Entwicklung und Management der S-300 obliegen dem russischen Unternehmen Almaz, das in Regierungsbesitz ist. Die Entwicklung der Lenkwaffen führt das Büro MKB „Fakel“ durch.

S-300 wird als eines der wirksamsten Fliegerabwehrlenkwaffensysteme beurteilt. Die Radars sollen bis zu 100 Ziele gleichzeitig erfassen und 12 bis 36 Ziele gleichzeitig bekämpfen können. Innert 5 Minuten kann eine Einheit in Stellung gebracht werden. Die Lenkwaffen benötigen während ihrer gesamten Lebensdauer keinen Unterhalt. Aus dem ursprünglichen Modell sind eine Reihe verschiedener Systeme entwickelt worden. Seit 2004 ist das weiter entwickelte System S-400 (NATO-Code SA-21 Growler) einsatzbereit.

Aus dem nachfolgenden S-300PS/PM-System (NATO-Code SA-10d/e) ist für den Export das S-300PMU-System (NATO-Code SA-10f) entwickelt worden, das ab 1992 einsatzbereit war.[2] Die Lenkwaffen dieses System verfügen im Vergleich zu den ursprünglicheren Modellen über einen kleineren Gefechtskopf. Die Einsatzreichweite der neuesten Version S-300PMU-2 (NATO-Code SA-20B) gegen aerodynamische Ziele beträgt 3 – 200 km und gegen ballistische Ziele 5 – 40 km. Die maximale Einsatzhöhe gegen aerodynamische Ziele ist 0.01 – 27 km und 2 – 25 km gegen ballistische Ziele[3].

Eine besondere Entwicklungsreihe sind die S-300V-Systeme (Antey 300, NATO-Code SA-12 Gladiator/Giant).[4] Diese Systeme sind hauptsächlich für das Abfangen ballistischer Lenkwaffen konzipiert worden. Die Einsatzreichweite der weiterentwickelten S-300VM (NATO-Code SA-23) gegen aerodynamische Ziele beträgt bis zu 400 km und gegen ballistische Ziele bis zu 40 km. Die Lenkwaffe soll eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu Mach 9 erreichen und fähig sein, ballistische Lenkwaffen mit einer Geschwindigkeit von 4‘500 m/s abfangen zu können.[5]

Was die Lieferung der S-300PMU-1-Systeme (NATO-Code SA-20A Gargoyle) an den Iran betrifft, so behauptete die Islamische Republik mit Russland darüber am 25. Dezember 2007 einen Vertrag abgeschlossen zu haben.[6] Offenbar soll Russland anschliessend einige Komponenten des Systems an den Iran geliefert haben. Am 28. Dezember 2009 wurde dies von russischer Seite aber bestritten. Am 22. September 2010 stoppte der damalige russische Präsident Dmitry Medwedew jegliche Lieferungen von Komponenten der S-300PMU-1-Systeme an den Iran und zwar mit Bezug auf die Resolution des UN-Sicherheitsrates 1929. Am 10. Juni 2013 lehnte der iranische Botschafter in Moskau die Lieferung anderer Abwehrsysteme als Ersatz für die S-300PMU-1-Systeme ab. [7] Nun hat der Kreml aber die Lieferung der Abwehrsysteme mit dem Hinweis auf die bis anhin in den Verhandlungen der UN-Veto-Mächte (unter Einschluss Deutschlands) mit dem Iran erreichten Grundsätze für den Abschluss eines definitiven nuklearen Abkommens am 30. Juni 2015 beschlossen.[8]

Welches könnten die strategischen Auswirkungen dieser Lieferungen an den Iran sein? Blockiert der abgeschlossene Vertrag auch in den nächsten Jahrzehnten definitiv eine mögliche Entwicklung einer Nuklearwaffe durch den Iran, dann ist die Lieferung der S-300PMU-1-Abwehrsysteme als ein Beitrag zur Abwehrfähigkeit des Irans gegenüber Angriffen feindlicher Kampfflugzeuge und ballistischer Lenkwaffen zu beurteilen. Nützen die Ayatollahs in Teheran aber den Vertrag als Tarnung für die Entwicklung von Nuklearwaffen aus, dann werden die iranischen Stellungen der ballistischen Boden-Boden-Lenkwaffen, ausgerüstet mit nuklearen Gefechtsköpfen, gegenüber allfälligen Angriffen durch amerikanische oder israelische Bomber und Jagdbomber geschützt sein. Solche Luftangriffe würden dann nur unter Inkaufnahme hoher Verluste durchführbar sein.

[1] S-300 (missile), http://en.wikipedia.org/wiki/S-300_(missile, 15.04.2015, p. 1.

[2] S-300 (missile), p. 2.

[3] S-300 (missile), p. 6.

[4] S-300 (missile), p. 3.

[5] S-300 (missile), p. 6.

[6] S-300 (missile), p. 5.

[7] S-300 (missile), p. 5.

[8] Sonne, P. and J. Solomon, Russia Lifts its Ban on Iran Air Defense Delivery, in: The Wall Street Journal, April 14. 2015, p. 1/8.