Foto Palmyra Syrien.001Seit Jahrtausenden erlebt die Menschheit zwei Ereignisse, die sich in der Geschichte stets wiederholen:

  1. Gründung und Aufbau von Zivilisationen und Kulturen
  2. Deren Zerstörung durch Kriege

Ein Beispiel dafür ist die Oasenstadt Palmyra im Osten Syriens, die mehrfach aufgebaut wurde, um anschliessend zerstört zu werden. Tontafeln belegen die Existenz Palmyras um 1950 v.Chr., und zwar als assyrische Handelskolonie.[1] Karawanen zogen durch die Handelsstadt und liessen sie wirtschaftlich aufblühen. Der Untergang des Reiches der Seleukiden entliess Palmyra im 1. Jahrhundert v.Chr. beinahe in die Unabhängigkeit. Grosser Reichtum lockte die Römer und mit ihnen 41. v.Chr. Antonius’ Truppen an, die Stadt zu plündern, aber sie war rechtzeitig verlassen worden.

Palmyra war fortan Grenzstadt zwischen dem römischen Reich und dem der Parther. Die Herrscher von Palmyra pflegten mit beiden Reichen diplomatische Beziehungen, aber Rom begann im ersten nachchristlichen Jahrhundert diese Situation für sich auszunützen. Um 106 wurde die Stadt zum Vasall Roms.[2] Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde Palmyra im Konflikt mit den Parthern zu einer römischen Garnisonsstadt. Der Sturz der Parther durch das Herrscherhaus der Sassaniden verschärfte den während Jahrhunderten dauernden Krieg zwischen West- und Ostreichen.

260 erlitten die Römer unter Kaiser Valerian eine Niederlage bei Edessa durch die Sassaniden, angeführt von Shahpur I. Valerian geriet dabei in persische Gefangenschaft. Der Fürst von Palmyra, Odaenathus, trieb die Sassaniden wiederum über den Tigris zurück. Als Dux Romanorum erhielt er das Oberkommando über die römischen Truppen im Orient. Trotz des Machtzuwachses lehnte er sich, der einer arabischen Familie entstammte, immer an die Grossmacht an. Er wurde 267 oder 268 durch seine Gattin Zenobia ermordet, worauf sie selbst die Macht übernahm.[3] Die Tatsache, dass Claudius II. durch eine Goteneinfall gebunden war, wusste sie auszunützen. Ihr General Zabdas eroberte Teile Ägyptens, Syriens und Kleinasiens. Zenobia glaubte, Rom würde diese Gebietsverluste akzeptieren, aber der neue Kaiser Aurelian begann 272 mit seinem Feldzug gegen Palmyra. Die Truppen von Zenobia wurden am Taurus besiegt und im selben Jahr war die Stadt erobert. Nach einem Aufstand wurde Palmyra im August des folgenden Jahrs zerstört und geplündert.[4] Zenobia wurde gefangen genommen und Ende 273 gefesselt und geschmückt in einem Triumphzug durch Rom geführt.

Palmyra wurde römische Provinzstadt. Kaiser Justinian befestigte die Stadt und liess die Kirchen erneuern. Der alte Glanz war dahin.

Khalid ibn al-Walid, islamischer Feldherr, nahm Anfang 634 im Auftrag des Kalifen Abu Bakr Besitz von Palmyra. Die Omayyaden liessen zwar in der Nähe Wüstenschlösser errichten, aber die Oasenstadt verödete zusehends. Im Mittelalter (1132/33) liess ein Seldschuken-Emir die Propyläen des Baal-Tempes zu einer Zitadelle ausbauen. Zu dieser Zeit trug Palmyra den Namen Tadmor. 1620 entdeckte der Italiener Pietro Della Valle die Stadt für Europa. Im 19. Jahrhundert bestand die Stadt nur noch aus Strohhütten und die Bevölkerung bestand noch aus knapp 800 Einwohnern, die sich von Viehhaltung und Salzhandel ernährten.[5] Weil in Palmyra noch bedeutende Ruinen aus der hellenistisch-römischen Zeit lagen, setzte ab Mitte des 20. Jahrhunderts der Tourismus aus Europa und den USA ein.

2009 haben wir, eine schweizerische Reisegruppe, am Ende unserer Syrienreise Palmyra (Bild 3) besucht. Dabei durften wir das römische Theater (Bild 1) bewundern. Sitzend im Theaterplatz sahen wir vor unseren Augen die römischen Darbietungen. Ein weiterer Höhepunkt war der Baal-Tempel mit den Säulenhallen (Bild 2) aus dem Jahre 32. Eine für die heutige Zeit fremde Religion wurde für uns wieder lebendig. Es folgten während des Besuchs weitere Höhepunkte, so der Tempel des Nabu (Bild 4), der mesopotamische Gott der Weisheit und Schriftkunst, ein guter und belohnender Gott.[6] Wir hätten für den Besuch und das Bewundern der Stadt den Aufenthalt auf mehrere Tage ausdehnen sollen, blieben aber nur eine Nacht, was wir heute bedauern.

Seit 2012 gehört Palmyra zum Herrschaftsbereich des Islamischen Staats, der zum Ziel hat, die Zeugen der Antike des Orients durch radikale Zerstörung historischer Kulturgüter zu vernichten. Alles Bildhafte widerspreche dem Islam und müsse vernichtet werden, behaupten Verfechter des Islamischen Staats. Es ist zu befürchten, dass Palmyra ein weiteres Mal zerstört wird – dieses Mal aber vermutlich endgültig.

[1] Scheck, F.R. und J. Odenthal, Syrien, Hochkulturen zwischen Mittelmeer und Arabischer Wüste, Dumont, Kunst Reiseführer, Ostfeldern, 3., aktualisierte Auflage, 2007, S. 356.

[2] Scheck, F.R. und J. Odenthal, S. 358.

[3] Scheck, F.R. und J. Odenthal, S, 361.

[4] Scheck, F.R. und J. Odenthal, S. 362.

[5] Scheck, F.R. und J. Odenthal, S. 356..

[6] Scheck, F.R. und J. Odenthal, S. 382.