Tu-22M3 Backfire CSeit der ersten nuklearen Explosion vom 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico und den beiden Abwürfen nuklearer Bomben auf die japanischen Städte Hiroshima (6. August 1945) und Nagasaki (11. August 1945) wurde über die Ziele und damit die Strategie mit diesen Waffen diskutiert.[1] Eigneten sich Nuklearwaffen auch für die Kriegführung oder waren sie lediglich ein Drohmittel für die Abschreckung? Die 1954 zu Beginn der Eisenhower-Administration (1953-61) verkündete Strategie der massiven Vergeltung mit Nuklearwaffen zur Abschreckung eines Angriffes der Sowjetunion auf Westeuropa [2] wies sowohl eine Komponente der Abschreckung als auch die einer Kriegführung mit strategischen Nuklearwaffen auf. Die Grundlage der glaubwürdigen Abschreckung der UdSSR musste entsprechend dem römischen „si vis pacem, para bellum“ auf einer Kriegführung beruhen, die auch umsetzbar war. Zur Zeit der Eisenhower-Administration verfügten die USA gegenüber der UdSSR über eine eindeutige Überlegenheit an nuklearen Waffenträgern.

Erst als sich seit Mitte der 60er Jahre das zahlenmässige Verhältnis der nuklearstrategischen Triade mit land- und seegestützten Flugkörpern sowie mit Bombern bei den Supermächten ausglich, musste jede Drohung und damit jeder Einsatz von Nuklearwaffen zur gegenseitigen Auslöschung der beiden Mächte führen. Mit den Rüstungskontrollverträgen von 1972/73 wurde die gegenseitige Abschreckung durch die politischen Führer der USA als auch der UdSSR als Maxime anerkannt:

„Lage von nuklear gerüsteten Staaten, von denen jeder eine genügend geschützte Vernichtungswaffe besitzt, die ihm erlaubt, einen Angriff durch die Drohung zu    verhindern, dass jeder solcher Angriff mit einem vernichtenden Vergeltungsschlag           beantwortet wird.“ [3]

Auch nach dem Zerfall der UdSSR wurde von den US-Präsidenten Bush sen. und Clinton und dem russischen Präsidenten Jelzin an den Zielen und dem Wesen dieser gegenseitigen Abschreckung nicht gerüttelt. Die gegenseitige Abschreckung wurde zur Grundlage der in den 90er Jahren abgeschlossenen Abrüstungsverträge und dadurch auch für die gegenseitige Anerkennung der nuklearstrategischen Parität zementiert.

Die Einsicht, dass die Drohung mit Nuklearwaffen zur sicheren gegenseitigen Vernichtung führen würde, blieb grundsätzlich bis 2001 erhalten. 2002 publizierte das US-Verteidigungsministerium eine neue Nuclear Posture Review[4]. Mit diesem Bericht wurde verlangt, dass die USA eine neue strategische Triade errichten müssten, bestehend aus nuklearen und nichtnuklearen Offensivsystemen, einer aktiven und passiven Verteidigung und einer verbesserten Verteidigungsinfrastruktur. Mit dem ersten Standbein der Triade sollte durch die Vereinigung nuklearer und nichtnuklearer strategischer Systeme eine Erhöhung der offensiven Abschreckung der USA erreicht werden. Im Rahmen der aktiven Verteidigung wurde die Aufstellung eines Verteidigungssystems gegenüber angreifenden nuklearstrategischen Waffen auf die USA postuliert. Gleichzeitig erwähnte die neue US-Administration die Reduktion der Offensivwaffen auf 1‘700 bis 2‘200 nuklearstrategische Gefechtsköpfe. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten der Verhandlungen über die nuklearstrategischen Waffenarsenale wurde mit diesem Bericht die eindeutige Ausrichtung der Nuklearstrategie auf die sichere gegenseitige Vernichtung gewissermassen in Frage gestellt. Vor allem das zweite Standbein der neuen Triade wies auf eine denkbare Möglichkeit der Kriegführung mit nuklearstrategischen Waffen hin.

Die US-Administration von Barack Obama distanzierte sich ab 2009 in ihren sicherheitspolitischen Berichten teilweise vom Nuclear Posture Review der Bush-Administration. Bis vor kurzem glaubte jeder Experte, dass die sichere gegenseitige Vernichtung wieder zum Dogma der Nuklearstrategie von Russland und der USA geworden sei. Bei der Besetzung der Krim 2014 hat aber der russische Präsident Putin für den Fall von Gegenmassnahmen durch die USA und die NATO offenbar mit dem Einsatz von Nuklearwaffen gedroht.[5] Seither hat Putin auch Mittelstreckenbomber Tu-22M3 Backfire C, die mit Nuklearwaffen ausgerüstet werden, auf die Krim verlegen lassen. Die Obama-Administration wirft nun Russland auch die Verletzung des 1987 zwischen US-Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow abgeschlossenen INF-Vertrages über das Verbot der Stationierung von Mittelstreckenwaffen (Reichweite 500 bis 5‘500 km) vor. Russland soll den Boden-Boden-Marschflugkörper R-500 entwickelt haben, der mit seiner Reichweite diesen Vertrag verletzt. Des Weiteren soll Russland auch mit der Weiterentwicklung der Reichweite des ballistischen Boden-Boden-Flugkörpers Iskander-M den INF-Vertrag verletzt haben.[6]

Der Zwiespalt in der Nuklearwaffenstrategie ist mit diesem neuen kalten Krieg aufgebrochen und damit wieder sichtbar geworden. Nuklearwaffen sollen nicht nur der Abschreckung dienen. Mit Nuklearwaffen können offenbar sowohl nichtnukleare als auch nukleare Staaten bedroht und erpresst werden. Nuklearwaffen sollen wieder ein Mittel der Kriegführung sein!

[1] Stahel, A.A., USA-UdSSR Nuklearkrieg? Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber, Frauenfeld, 1983, S.12-17.

[2] Schwarz, U. und L. Hadik, Strategic Terminology, A Trilingual Glossary, Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 1966, p. 78/79

[3] Schwarz, U. und L. Hadik, p. 61/62.

[4] Nuclear Posture Review, Submitted to Congress on 31 December 2001, Washington DC, 8 January 2002.

[5] Squassoni, Sh., Nuclear midnight ticks closer in wake of Russia’s Crimea threats, , March 23, 2015.

[6] Stratfor, U.S., Russia: A Nuclear Treaty Shows Weakness, December 18, 2014.

Print Friendly, PDF & Email