Die gegenwärtige Ausrichtung der USA und ihrer Alliierten mit ihrem Luftkrieg gegen den Islamischen Staat könnte Moskau für die Planung und Durchführung einer Rückeroberung der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen ausnützen. Vorbild für eine solche Operation dürfte die Besetzung der Krim sein. Tarnung und Überraschung waren die wichtigsten Merkmale dieser Besetzung. Mit Ausnahme von Sanktionen haben die USA und ihre Alliierten gegenüber der Besetzung keinen militärischen Widerstand geleistet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht aber für Russland die Gefahr, dass die russische Wirtschaft kollabieren könnte. Ein Kollaps könnte aber im Land Unruhen auslösen. Angesichts dieser Situation müsste die russische Führung nur schon als innenpolitische Ablenkungsmassnahme eine Rückeroberung des Baltikums sobald als möglich durchführen.

Die erste Phase der Rückeroberung könnte bereits jetzt eingesetzt haben. Zu dieser Phase dürfte die Einschüchterung der Europäer, insbesondere der Briten und der Norweger, mit der Drohung eines Nuklearkrieges gehören. Das Drohpotential dazu wären die Manöver der schweren Bomber Tu-95MS6/16 (Bear H-6/H-16) nahe den Lufträumen der betreffenden Staaten. Diese Bomber verfügen über Luft-Boden-Marschflugkörper Kh-55/-102 mit nuklearen Gefechtsköpfen.[1] Gemäss seiner jüngsten Erklärung zur Operation Krim sind für Putin Nuklearwaffen das Drohmittel, mit denen er seine konventionellen Aktionen unterstützt. Das nukleare Drohmittel könnte Putin zur Abriegelung des Kriegstheaters Baltikum gegenüber möglichen Reaktionen der NATO benützen.

In einer zweiten Phase würde Moskau unter Ausnützung eines laufenden Manövers mit den Kriegsschiffen der baltischen Flotte[2] die Küste des Baltikums abriegeln. In einer dritten Phase könnte mit der Marineinfanterie der baltischen Flotte unterstützt durch deren Kampfflugzeuge eine amphibische Landung erfolgen. Das Niederwalzen jedes Widerstandes seitens der Balten würde den Motorisierten Schützen- und Panzerbrigaden des Westlichen Militärbezirkes (HQ St. Petersburg) obliegen.[3] Mit den Kampfflugzeugen der 2. Luftstreitkräfte des Militärbezirks würde das Kriegstheater gegenüber möglichen Gegenoperationen der NATO abriegelt werden.

Es wäre denkbar, dass die europäischen NATO-Staaten eingeschüchtert durch angedrohte nukleare Einsätze der schweren Bomber aber auch der Mittelstreckenbomber Tu-22M3 Backfire C der Westlichen und Südlichen Militärbezirke[4] und der während der letzten Manöver in die russische Exklave Kaliningrad (grenzt an Polen und Litauen) verlegten Boden-Boden-Lenkwaffen Iskander-M (mögliche Reichweite über 500km)[5] die USA von Gegenangriffen und Gegenschlägen abhalten und damit die russische Rückeroberung des Baltikums ohne Widerstand hinnehmen würden.[6]

[1] The Military Balance 2015, The International Institute for Strategic Studies, London, 2015, p. 185.

[2] The Military Balance 2015, p. 192.

[3] The Military Balance 2015, p. 191.

[4] Isachenkov, V., Russia to send new missiles to Baltic exclave on maneuvers, Associated Press, March 17, 2015.

[5] LaGrone, S., Russian Military ‚Snap Drills‘ Include Bomber and Ballistic Missile Deployments to Crimea, Kaliningrad, USNI News, March 17, 2015.

[6] Russia Targets NATO With Military Exercises, Stratfor, March 19, 2015.

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