Nach der Annexion der Krim und der erfolgreichen Unterstützung der Separatisten in der Ost-Ukraine wird in Fachkreisen über die nächsten kriegführenden Schachzüge Putins gegenüber der Ukraine nachgedacht. Gemäss dem amerikanischen Nachrichtendienst Stratfor könnte Putin über folgende Optionen und damit Szenarien verfügen:[1]

  1. die Eroberung der Stadt Mariupol und der umliegenden Gebiete zur Absicherung der Krim durch eine Landverbindung nach Russland;
  2. die Eroberung der gesamten Schwarzmeerküste der Ukraine bis nach Transniestrien;
  3. die Eroberung der gesamten Ost-Ukraine bis zum Dnjepr;
  4. die Eroberung des südlichen Teils der Ost-Ukraine;
  5. die Abrundung der beiden Provinzen Donezk und Luhansk durch weitere Eroberungen im nördlichen Teil der Ukraine;
  6. die Drohung eines Angriffs auf die Ukraine durch massive Truppenverlegungen Russlands an die ukrainisch-russische Grenze.

Damit das im ersten Szenario erwähnte Gebiet innert 6 bis 14 Tagen erobert werden könnte, müsste gemäss Stratfor Russland 24‘000 bis 36‘000 Mann einsetzen. Im zweiten Szenario wären für eine Eroberung der gesamten Schwarzmeerküste innert 23-28 Tagen 40‘000 bis 60‘000 Mann notwendig. Für die Eroberung des ukrainischen Gebietes im dritten Szenario innert 11-14 Tagen müsste Russland 91‘000-135‘000 Mann verfügbar haben. In den letzten drei Szenarien und Optionen müsste Russland kleinere Truppenkontingente einsetzen. In den Optionen 1 bis 5 wäre mit einem massiven Widerstand seitens der ukrainischen Bevölkerung zu rechnen. Um ukrainische Widerstandsaktionen niederschlagen zu können, müsste Moskau zusätzlich umfangreiche Besatzungstruppen einsetzen.

Was können die USA und die NATO gegenüber diesen 6 Szenarien tun? Für eine maximale Unterstützung der Ukraine müsste das westliche Bündnis 22 Staffeln an Kampfflugzeugen innert 11 Tagen in die baltischen Republiken, Polen, Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien verlegen.[2] Für das Erlangen der Luftherrschaft über dem Kriegsgebiet und die Zerschlagung der russischen Offensiven wären eine wirkungsvolle Aufklärung und Störung der russischen Führungssysteme notwendig.

In Anbetracht der westlichen Luftüberlegenheit und der Tatsache, dass die russische Streitmacht nicht einmal ganz 1 Million Mann umfasst, dürften für Putin nur das erste und das sechste Szenario durchführbar sein. Aber auch die Angriffsoperation des ersten Szenarios müssten angesichts der möglichen Reaktionen der USA und der NATO innert 6 Tagen abgeschlossen sein.

Neben der knappen Zeit und der begrenzten Mittel, die Moskau zur Verfügung stehen, könnten weitere Faktoren eine Umsetzung der ersten Option behindern. Dazu gehört der desolate Zustand der russischen Wirtschaft als Ergebnis der Sanktionen der USA und der EU sowie die fallenden Preise für Erdöl und -gas. Gemäss dem International Institute for Strategic Studies in London[3] ist das russische Bankensystem durch die Sanktionen sehr geschwächt worden. Dazu kommen noch die ungebremste Kapitalflucht aus Russland und die zunehmende Inflation. Die Devisenreserven schwinden wie Schnee an der Sonne. Neben dem weltweiten Preiszerfall für Erdöl und Erdgas wird in Europa eine Substituierung des russischen Erdgases durch verflüssigtes Erdgas einsetzen.

Ein weiterer Faktor, der Russland in der Zukunft die Umsetzung der ersten Option gegen die Ukraine erschweren könnte, ist die Waffentechnologie, die den USA in spätestens 5 Jahren zur Verfügung stehen wird. Dazu gehören Elektromagnetische Schienenkanonen und Laserwaffen. Angesichts der Wirksamkeit dieser Waffensysteme dürfte die heute Putin zur Verfügung stehende 1-Million-Streitmacht mit einem zahlenmässig beachtlichen Waffenarsenal in der Zukunft alt aussehen.

Sollte Putin die Absicht hegen, die erste Option wirklich umzusetzen, müsste er dies sehr bald tun. Die Ergänzung dazu wäre eine blitzschnelle Eroberung der baltischen Republiken und das Niederwalzen des Widerstandes in diesen Republiken durch die militärische Überlegenheit Russlands. Auch bei einem solchen, begrenzt geführten Krieg müsste Putin aber den amerikanisch geführten Gegenschlag miteinrechnen, der gar den Einsatz von Nuklearwaffen einschliessen könnte. Nach wie vor sind Einsätze von Nuklearwaffen Bestandteil der militärischen Planung von Grossmächten und damit ihres Abschreckungsarsenals. Die Auslösung eines Nuklearkrieges sollte aber für jeden logisch denkenden Staatsmann keine Option der Machtpolitik sein.

[1] Gaming a Russian Offensive, Stratfor, March 9, 2015.

[2] What the West Could Do, Stratfor, March 10, 2015.

[3] Negative outlook for Russian economy as sanctions bite, IISS Strategic Comments, Volume 21, Comment 5, London, March 2015.

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