Mit der Auslösung der Operation Barbarossa gelangte die Wehrmacht 1941 durch die Vernichtung eingekesselter Verbände der Roten Armee in sogenannten Kesselschlachten beinahe bis nach Moskau. Im Winterfeldzug 1942/3 wendete sich die Lage zugunsten der Roten Armee. Nun war es die Rote Armee, die die Grossen Verbände der Deutschen und ihrer Alliierten in Kesselschlachten vernichtete. Die berühmteste dieser Schlachten war die Einkesselung der deutschen 6. Armee in Stalingrad durch die sowjetische Südwestfront. Am 31. Januar 1943 kapitulierte der südliche und, nach einer intensiven Beschiessung durch die schwere Artillerie, am 2. Februar auch der nördliche Kessel. Vom ursprünglichen Bestand von 300‘000 Offizieren und Soldaten gerieten 91‘000 in Gefangenschaft[1]. Von diesen überlebten lediglich 6‘000 die Gefangenschaft.[2]

Derzeit setzen die Separatisten in der Ost-Ukraine – von russischen Offizieren beraten – dasselbe operative Prinzip der Kesselschlacht bei ihrer Offensive gegen die ukrainische Armee ein. Die Geschichte wiederholt sich. Seit dem Scheitern der wirtschaftlichen Erpressungen betreibt Putin schrittweise eine militärische Eskalation gegen Kiew. In den Eskalationspausen signalisiert er jeweils seine Bereitschaft zu Verhandlungen, die sich bald in ein Nichts auflösen. Dazu zählt auch das Waffenstillstandsabkommen von Minsk vom September 2014, das heute nicht einmal mehr das Papier wert ist, auf dem es festgehalten wurde.

Nach wie vor beschränkt sich Putin auf begrenzte Operationen durch die Separatisten und russischen „Freiwilligen“ in der Ost-Ukraine. Eine Eroberung der gesamten Ukraine durch einen umfassenden Angriff Russlands ist offenbar noch nicht geplant.[3] Mit der militärischen Unterstützung Russlands haben die Separatisten aber mittlerweile eine weitgehende politische Unabhängigkeit der von ihnen eroberten Gebiete in den Provinzen Donetsk und Luhansk erreicht. Nächstes Ziel ist vermutlich die vollständige Eroberung der beiden Provinzen und, nach deren Abschluss entsprechend dem Modellfall Süd-Ossetien und Abchasien, ihre Anerkennung als unabhängige Republiken durch Russland.

Bis Ende letzten Jahres führten die Separatisten und ihre russischen Berater einen sogenannten hybriden Krieg, in dem vor allem Spezialeinheiten eingesetzt wurden. Seit Ende 2014 sind die Separatisten und ihre Berater zum offenen Krieg übergegangen. Wie sich bei der endgültigen Eroberung des Flughafenterminals von Donetsk gezeigt hat, setzen sie, offenbar getrieben durch ihre russischen Berater, zunehmend das operative Konzept der Kesselschlacht aus dem Zweiten Weltkrieg ein. Am 16. Januar 2015 haben die Separatisten, nachdem sie im Terminal des Flughafens von Donetsk ukrainische Fallschirmjäger und Freiwillige eingekesselt hatten, diese angegriffen und bezwungen. Seit dem 21. Januar 2015 kontrollieren sie den gesamten Flughafen.[4]

Seitdem greifen die Separatisten an drei verschiedenen Orten an: im Nordwesten der Stadt Donetsk, die Transport-Drehscheibe von Debaltseve und die Hafenstadt Mariupol.[5] An allen drei Orten wird das Konzept der Kesselschlacht eingesetzt. In Debaltseve haben die Separatisten 8‘000 ukrainische Soldaten und Freiwillige eingekesselt. Seit dem 1. Februar kontrollieren sie alle Zufahrtsstrassen mit Ausnahme eines Korridors, den sie bewusst für die Evakuierung der ukrainischen Zivilisten und Verwundeten offen lassen. Die öffentlichen Gebäude der Stadt werden systematisch durch das Feuer der Mehrfachraketenwerfer BM-21 (GRAD, Reichweite 20+km, pro Salve 40 Raketen in 20 Sekunden) zertrümmert.[6] Durch die Eroberung von Debaltseve würden die Separatisten und damit auch Russland die Eisenbahn- und Strassenverbindungen von Donetsk nach Russland kontrollieren. Damit wäre auch eine Ausgangsbasis für weitere Offensiven erreicht.

Ähnlich werden sie auch bei der Eroberung der Hafenstadt Mariupol vorgehen. Wie der Raketenschlag vom 13. Januar 2015 bewiesen hat, kann die Stadt vom Norden und Osten ohne Schwierigkeiten durch Artillerie beschossen und durch Panzer mit Infanterieunterstützung angegriffen werden. Durch die Eroberung von Mariupol würde Russland über eine direkte Verbindung zur Krimhalbinsel verfügen. Anschliessend könnten die Separatisten und ihre Berater zum Angriff auf die ukrainische Schwarzmeerküste ansetzen und ohne grossen Widerstand bis nach Transniestrien vorstossen. Die Annektierung der Schwarzmeerküste würde zur vollständigen Isolierung der westlichen Ukraine führen. Putin hätte dann ein leichtes Spiel, diesem „Rest“ seinem Willen aufzuzwingen.[7]

In den nächsten Wochen dürften die eigentlichen Ziele und die Strategie von Putin erkennbar werden. Im Augenblick wartet er noch die Ergebnisse der Appeasement-Diplomatie der Kanzlerin Merkel und ihrer Regierung ab. Wie auch immer diese Diplomatie enden wird, es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Putin mit seiner Strategie die Bezwingung der Ukraine erreichen könnte, ausser Obama entzieht sich der politischen Umarmung Deutschlands und entscheidet sich für Waffenlieferungen an die Ukraine. Diese Unterstützung drängt sich direkt auf, denn die ukrainische Armee wehrt nicht nur die russische Aggression ab, sondern leistet damit auch einen Beitrag zur Sicherheit des übrigen Europa. Ohne den nuklearen Schutzschirm der USA könnte die russische Militärmaschinerie ohne Schwierigkeiten innert Wochen die europäischen Staaten, die während Jahren in fahrlässiger Weise abgerüstet haben, überrennen.

[1] Förster, G., Helmert, H. und H. Schnitter, Der zweite Weltkrieg, Militärhistorischer Abriss, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, (Ost-)Berlin, 1972, S. 222/223.

[2] Der Zweite Weltkrieg, Band 2, Von Pearl Harbor, Verlag DAS BESTE, Stuttgart, Zürich, Wien, 1979, S. 292.

[3] Spaulding, H., Putin’s next Objectives in the Ukraine Crisis, Institute for the Study of War, Backgrounder, February 3, 2015, p. 1.

[4] Spaulding, H., p. 3.

[5] Spaulding, H., p. 4.

[6] Spaulding, H., p. 5.

[7] Spaulding, H., p. 6/7.