Aufgrund der Erfahrungen im Krieg gegen Georgien werden die russischen Streitkräfte seit 2008 neu organisiert und mit modernen Waffen ausgerüstet.[1] Dazu gehören insbesondere die Fliegerkräfte, deren Bestand im Military Balance noch 2013/4 mit 150‘000 Mann aufgeführt wurde.[2] 2013 waren die Fliegerkräfte wie folgt organisiert: zwei übergeordnete Kommandos, die Langstreckenfliegerkräfte (Bomber) und die Transportfliegerkräfte und, verteilt auf die vier Militärbezirke (West, Süd, Zentral, Ost), vier Kommandos der Luftstreitkräfte und der Luftverteidigung.[3] Gemäss einer Mitteilung des russischen Generalstabes vom 13. Januar soll 2015 durch die Zusammenfassung der Luftstreitkräfte und der Luft-Kosmos-Verteidigung die neue Teilstreitkraft Luft-Kosmos-Kräfte gebildet werden.[4] In der Zukunft wird Russland über drei Teilstreitkräfte, Landstreitkräfte (Heer), Seekriegsflotte (Seestreitkräfte) und Luft-Kosmos-Kräfte verfügen, geführt durch drei Hauptkommandos.

Die Kampfeinheit in den Militärbezirken ist die Luftgruppe (aviagruppy). Sie umfasst Fliegerstützpunkte mit den Staffeln und der dazu gehörenden Logistik.[5] Die Luftverteidigung weist 45 Boden-Luft-Lenkwaffen-Regimenter und 18 Radarregimenter auf. Diese sind in 13 Luftverteidigungsbrigaden zusammengefasst.

Gemäss dem Military Balance verfügten die russischen Luftstreitkräfte 2014 über das folgende Potential an Kampfflugzeugen und -helikoptern:[6]

  • 141 Bomber: 63 Tu-22M3/MR Backfire C, 31 Tu-95MS6 Bear, 31 Tu-95MS16 Bear, 16 Tu-160 Blackjack
  • 580 Abfangjäger: 150 MiG-29 Fulcrum, 40 MiG-29UB Fulcrum, 120 MiG-31B/31BS Foxhound, 40 MiG-31B/31BS Foxhound, 200 Su-27 Flanker, 30 Su-27UB Flanker
  • 343 Jagdbomber: 28 MiG-29SMT Fulcrum, 6 MiG-29UBT Fulcrum, 150 Su-24M Fencer, 50 Su-24M2 Fencer, 47 Su-27SM2 Flanker, 12 Su-27SM3, 4 Su-30M2, 6 Su-30SM, 28 Su-34 Fullback, 12 Su-35S Flanker
  • 215 Erdkampfflugzeuge: 150 Su-25 Frogfoot, 50 Su-25SM Frogfoot, 15 Su-25UB Frogfoot
  • 392+ Kampfhelikopter: 12 Ka-50 Hokum, 30+Ka-52A Hokum B, 290 Mi-24D/V/P Hind, 50+ Mi-28N Havoc B, 10+ Mi-35 Hind

Gewisse Typen sind entweder modernisierte Versionen von bereits während der Sowjetzeit eingeführten Kampfflugzeugen und -helikoptern, wie die Jagdbomber Su-24M2[7], oder den Luftstreitkräften neu zugeführten Typen, wie die Jagdbomber Su-34 Fullback[8] oder Su-35S[9]. Seit 2010 werden schrittweise die nichtaufgerüsteten Modelle durch neuere Kampfflugzeuge ersetzt. Die Mehrheit der sowohl älteren als auch der modernen Abfangjäger und Jagdbomber gehört zur Kategorie der Mehrzweckkampfflugzeuge.

Beinahe die Hälfte der Abfangjäger soll im westlichen Militärbezirk, der strategisch gegen Mittel- und Nordeuropa gerichtet ist, stationiert sein.[10] Aufgrund dieser Stationierung könnte der Schluss gezogen werden, dass aufgrund der Bedrohungsanalyse Russlands in einem Konfliktfall die Jagdbomber der NATO für die russischen Luftstreitkräfte die grösste Herausforderung sein könnten und deshalb im westlichen Militärbezirk fünfzig Prozent der russischen Abfangjäger stationiert werden. Dazu ist zu bemerken, dass wegen der Flexibilität von Luftstreitkräften abgestimmt auf die Bedrohungslage schnell neue Schwergewichte der Stationierung erreicht werden können. Gleichzeitig muss erwähnt werden, dass zwei Drittel der Flotte der Mittelstreckenbomber Tu-22M3/MR Backfire C im westlichen Militärbezirk und ein Drittel der Flotte im zentralen Militärbezirk stationiert sind. Dazu ist zu beachten, dass es sich bei diesen Bombern um nukleare Waffenträger handelt. Dies könnte auf die nukleare Abschreckungswirkung dieser Bomber gegenüber der NATO hinweisen. In anderen Quellen wird die Flotte auf 150 Mittelstreckenbomber geschätzt.[11]

Seit 2013 sollen die Übungen und Einsätze der russischen Fliegerkräfte massiv zugenommen haben. Für das Jahr 2014 konnten folgende Übungen und Einsätze erfasst werden:[12]

  • Januar: Abfangjägerübungen von Su-27 über Komsomolsk-am-Amur
  • Februar: Erprobungen des neuen Abfangjägers T-50 (5. Generation) in Achtubinsk
  • Februar: Raketenangriffe und Bombenangriffe von 20 Su-24 im Gebiet Chabarowsk
  • 28. Februar: Übungen der Fliegerkräfte (Su-24, Su-34, Su-27, Su-25, MiG-29) im westlichen Militärbezirk
  • Februar: simulierte Angriffe gegen gegnerische Fliegerstützpunkte durch Su-24, Su-34, Su-25, mit dem Begleitschutz durch Su-27, MiG-29,MiG-31, in den Gebieten Saratowsk und Woronesh
  • März: Übungen der Fliegerkräfte im westlichen und im zentralen Militärbezirk einschliesslich der Fliegerkräfte der baltischen Flotte
  • März: Übungen von MiG-31 in den Gebieten Perm, Tscheljabinsk und Swerdlowsk
  • März: Abfangjägerübungen über dem Gebiet Perm
  • März: 6 Su-27 des westlichen Militärbezirkes wurden nach Belarus verlegt und führten dort Übungen durch
  • März: Übungen der neuen Su-35S des Fliegerregiments in Charbarowsk
  • März: ‚Ladoga-2014‘-Übung der Fliegerregimenter des westlichen Militärbezirkes
  • März: Landungen von Transportflugzeugen auf dem Stützpunkt Barneo im Nordpolarmeer
  • März: Übungen von 30 Su-27 und Su-30 im östlichen Militärbezirk
  • April: Bombenangriffe von Su-24M, Begleitschutz durch MiG-31, in Burjatien
  • April: 1 Staffel mit modernisierten MiG-31B im Gebiet Twer (westlicher Militärbezirk) ergänzt
  • April.: elektronisches Störflugzeug Su-24 im Einsatz gegen US-Zerstörer „Donald Cook“ im Schwarzmeer
  • April: Bombenabwürfe durch Su-24 in Burjatien
  • Mai: modernisierte Abfangjäger MiG-31BM im Gebiet Twer (westlicher Militärbezirk) einsatzbereit
  • Juni: Alarmübung mit MiG-31 in Kamtschatka (östlicher Militärbezirk)
  • Juni: Übungen der baltischen Flotte, zusammen mit Luftlandetruppen und Fliegerkräften (Jagdbomber Su-34, Mittelstreckenbomber Tu-22M3)
  • Juni: Übungen im Kaliningrader Gebiet mit „AWACS“ A-50, Abfangjäger Su-27, Jagdbomber Su-34 und Su-24
  • Juni: Übungen in der Ostsee mit Jagdbomber Su-34
  • Juni: Luftbetankungsübungen mit Jagdbomber Su-24M und Abfangjäger MiG-31BM aus den Gebieten Tscheljabinsk, Perm, Krasnojarsk
  • Juli: Abfangjägerübungen mit MiG-29SMT, Su-27, MiG-31 gegen Jagdbomber Su-34 und Su-24M im westlichen Militärbezirk
  • Juli: Angriffsübung strategischer Bomber Tu-95MS, zusammen mit Su-27 und Su-24 gegen Überwasserkriegsschiffe und Küstenartilleriestellungen der Schwarzmeerflotte
  • Juli: Landung und Start von Su-33 auf dem Flugdeckkreuzer „Admiral Kusnezow“ (Flugzeugträger)
  • Juli: Angriffsübungen von Erdkampfflugzeugen Su-25SM des südlichen Militärbezirks gegen Panzerformationen
  • 8. August: Übungen in den westlichen, zentralen und südlichen Militärbezirken mit Kampfflugzeugen Su-27, MiG-31, Su-34, Su-24 und Kampfhelikoptern Mi-24 und Mi-28N
  • August: Einsatz von MiG-31 mit Luftbetankungen bis zum nördlichen 82.Breitengrad. Einsatzbereitschaft von Fliegerstützpunkten in der Arktis.
  • August: Übungen von 4 Su-34 über dem Nordpolarmeer. Start vom Stützpunkt Montschegorsk im Gebiet Murmansk
  • September: Überflüge von Su-24 und An-26 über der kanadischen Fregatte „Toronto“ im Schwarzmeer
  • September: Übungen von Su-33 und Su-25 über der Krim und simulierte Landungen auf einem Flugzeugträger
  • September: Abfangjägerübungen (Su-27, MiG-31, Ka-52) im östlichen Militärbezirk
  • Oktober: Start und Landungen von Su-33 auf dem Flugdeckkreuzer „Admiral Kusnezow“ (Flugzeugträger) im Nordpolarmeer
  • Oktober: Tests der Tarnung und des Schutzes strategischer Raketenkomplexe im Altaigebiet durch Su-24MR
  • Oktober: Übungen von Su-24 über dem japanischen Meer
  • Oktober: Überprüfung der Gefechtsbereitschaft der Luftverteidigung der GUS-Staaten durch Einsätze von Su-27, MiG-29, MiG-31, Su-24, Su-25, Tu-22M3, Tu-160, Tu-95
  • Oktober: Einsatzbereitschaft eines Fliegerregiments mit Su-30SM im Raum Baikal-Amur
  • November: Erprobungen und Übungen eines Abfangjägers Su-35S im Gebiet Astrachan
  • November: gemeinsame Luftlandeübungen mit Serbien für die Terrorismusbekämpfung
  • November: Übungen von Su-25SM im südlichen Militärbezirk zur Terrorismusbekämpfung
  • November: Verlegung von 10 Su-27SM2 und 4 Su-30M2 auf die Krim
  • Dezember: Übungen von 10 Abfangjäger auf der Krim
  • Dezember: Übungen der Fliegerkräfte der Nordflotte mit MiG-31 und Su-24
  • Dezember: 2014 erhielten die Fliegerkräfte 16 neue Su-34 und 18 modernisierte MiG-31BM. Insgesamt wurden in diesem Jahr 100 Kampflugzeuge und Helikopter produziert.

Die Übungen und Einsätze der russischen Fliegerkräfte im Jahr 2014 weisen darauf hin, dass Russland mit seinen Fliegerkräften in der Geopolitik und Geostrategie wieder eine aktive Rolle einnimmt. Dieser Schritt könnte auch als Beginn eines neuen Kalten Krieges zwischen Russland und der NATO beurteilt werden.

[1] Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds.), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2013, FOI-R–3734—SE, FOI, Stockholm, December 2013.

[2] The Military Balance 2014, The International Institute for Strategic Studies, London, 2014, p. 185. so auch Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds.), p. 26.

[3] Hedenskog, J., and C.V. Palin (eds.), p. 27. So auch The Military Balance 2014, p. 185-190.

[4] Lemcke, E., Korvettenkapitän aD, persönliche Mitteilung, 21.01.2015.

[5] Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds.), p. 27.

[6] The Military Balance 2014, p. 186.

[7] RIA Novosti, 2008 in: Lemcke, E., Übungen und Operationen der RF 2014, 2. Teil, Januar 2015, S. 16.

[8] Lemcke, E., 2. Teil, S. 19.

[9] RIA Novosti 2011, in: Lemcke, E., 2. Teil, S. 15/22.

[10] Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds.), p. 27.

[11] Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds.), p. 28.

[12] Lemcke, E., Übungen und Operationen der RF 2014, 1. Teil und 2. Teil, Januar 2015, S. 1-16 und S. 1-22.