Der Islamische Staat dürfte die gleiche religiöse Überzeugung vertreten, wie sie in Saudi-Arabien vorherrschend ist. Es handelt sich um den Salafismus der saudischen Wahhabiten.[1] Entsprechend dieser Lehre soll der Islam auf die Zeit des Propheten zurückgeführt werden. Diese reine Lehre gilt aber nur für die Sunniten im Islam. Die Schiiten mit ihrer Verehrung Alis[2], des vierten Kalifen, Schwiegersohns des Propheten und Ehemann der Prophetentochter Fatima, sind für die „orthodoxen“ Sunniten Ketzer, die es zu töten gilt.

Der Islamische Staat steht unter der Führung von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Kalifen Ibrahim, der seine Abstammung auf den Stamm des Propheten, die Quraisch, zurückführt. Damit begründet er auch seinen Anspruch, Herrscher über die Gläubigen, Amir al-Mu’minin, zu sein. Die Ausrufung des Kalifats weckt bei vielen Sunniten die Erinnerung an das Goldene Zeitalter der Abbassiden-Dynastie[3] in Bagdad und Kairo, die auch den Quraisch entstammte. Dieser Weckruf des Kalifen Ibrahim ist beinahe gleichbedeutend mit dem Aufruf an die Gläubigen zum Gebet. Diese Wirkung der Ausstrahlung wird in Europa übersehen.

Heute kontrolliert der Islamische Staat, den man als einen Protostaat bezeichnen könnte, rund ein Drittel des Iraks und beinahe die Hälfte Syriens. Damit sind die willkürlichen Grenzen, die durch das Sykes-Picot-Abkommen der Briten und Franzosen während des Ersten Weltkrieges für den Mittleren Osten festgesetzt worden sind[4], weggefegt. Durch die Bildung des Islamischen Staates ist auch der Machteinfluss des schiitischen Iran zurückgedrängt worden. Diese Zurückdrängung dient in erster Linie Saudi-Arabien, das durch die Wahhabiten beherrscht wird und die Führung über die gesamte sunnitische Welt beansprucht. Aufgrund dieser Übereinstimmung der Interessen kann vermutet werden, dass der Islamische Staat nicht nur den Interessen Saudi-Arabiens dient, sondern auch eine Schöpfung der Wahhabiten und damit im Prinzip ein Satellit der Saudis sein könnte – eine Hypothese, die plausibel erscheint. Die Tatsache, dass u.a. saudische Organisationen und Förderer aus den Vereinigten Emiraten den Islamischen Staat finanziell unterstützen, erhöht die Plausibilität dieser Hypothese.

In Ergänzung zur Massakrierung von Schiiten, Alawiten, Yeziden, Christen und anderen Ungläubigen in Syrien und im Irak hat der Islamische Staat auch seine Sympathisanten in der islamischen Diaspora in Europa und zurückgekehrte Frontsoldaten zur Ausführung von Anschlägen in Europa aufgefordert. Die dazu notwendigen Waffen und Sprengstoff gelangen vermutlich auf dem See- und Landweg in die Zielgebiete. Mit diesen Anschlägen und der dadurch ausgelösten Angst könnte die Führung des Islamischen Staates die Einschüchterung der europäischen Bevölkerungen und Regierungen bezwecken. Die Europäer sollen ihre Mitwirkung im US-geführten Krieg gegen den Islamischen Staat aufgeben. Langfristig könnte mit diesen Anschlägen, sollten sie fortgesetzt werden, auch die Destabilisierung Europas beabsichtigt sein.

Die westliche Welt ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit einem neuen Jihad konfrontiert, der wohl auf Argumenten aus der Frühzeit des Islams beruht, aber mit modernen Waffen geführt wird. Der Schlachtruf ist der gleiche geblieben: Allah-uh-Akbar!

[1] Anhänger von Muhammad ibn Abd al-Wahhabs, 18. Jahrhundert, Oasenstadt Uyaina im Nadschd (heutiges Saudi-Arabien), Wahhabiten, Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten, 17.01.2015.

[2] Ali ibn Abi Talib, 600-661, Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki, 17.01.2015.

[3] Abbasiden, 750-1258 in Bagdad, 1261-517 in Kairo, Enzyklopädie des Islam, http://www..eslam.de/begriffe/a/abbasiden.htm, 17.01.2015.

[4] Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 zwischen dem Engländer Mark Sykes und dem Franzosen François Georges-Picot, Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Sykes-Picot-Abkommen, 17.01.2015-

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