Das Jahr 2014 ist durch die Annexion der Krim und die Hybride Kriegführung in der östlichen Ukraine, befohlen durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin, geprägt worden. Als Reaktion darauf haben die USA und die EU Wirtschaftssanktionen gegen Persönlichkeiten und Unternehmen, die Putin nahe stehen, erlassen. Beinahe zeitgleich hat die russische Luftwaffe über der Ostsee eine hohe Aktivität aufgenommen. Die finnischen Streitkräfte konnten zunehmend Flüge strategischer Bomber Tu-95 Bear, von Mittelstreckenbombern Tu-22M Backfire, Erdkampfflugzeugen Su-34 Fullback, Mehrzweckkampfflugzeugen Su-27 Flanker und von Abfangjägern MiG-31 Foxhound erfassen. Verschiedene russische Kampfflugzeuge flogen in Richtung der russischen Enklave Kaliningrad. Allein im Oktober 2014 soll die NATO 100 Interzeptionen russischer Flugzeuge ausgeführt haben. Verglichen mit Oktober 2013 waren dies dreimal mehr.[1]

Viele westliche Beobachter führen diese zunehmende Aktivität der russischen Luftwaffe auf die Sanktionen der USA und der EU, den sinkenden Erdölpreis und den dadurch ausgelösten Absturz des Rubels zurück. Bereits vor der Annexion der Krim hat aber die russische Seekriegsflotte 2013 und 2014 eine ganze Reihe von Manövern auf beinahe allen Weltmeeren durchgeführt.[2] So ist bereits vor über einem Jahr in der Arktis die Nordflotte aktiv geworden. Mit dem Flaggschiff, dem nuklearangetriebenen Raketenkreuzer Pyotr Veliky, haben Flottillen der Nordflotte die Nordostpassage durchschifft und frühere sowjetische Stützpunkte auf den Kotelny- und Wrangel-Inseln aktiviert.[3]

2014 hat Russland auch das dritte nuklearangetriebene U-Boot mit ballistischen Flugkörpern der Borey-Klasse (Projekt 955, Einsatzverdrängung 19‘400 Tonnen, 16 U-Boot-gestützte ballistische Flugkörper Bulawa) in Dienst gestellt.[4] Geplant ist die Beschaffung von 8 U-Booten dieser Klasse. Gleichzeitig wird die Schwarzmeerflotte mit modernen Überwasserkriegsschiffen und dieselangetriebenen U-Booten ausgerüstet und auf der Krim werden neue Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter stationiert.[5]

Während die Einführung der neuen Waffensysteme die Folge der nach dem Georgienkrieg durch Putin 2008 beschlossenen Aufrüstung ist, die sich bis 2020 erstrecken soll und Ausgaben in der Höhe von 23 Billionen Rubel bedingen wird, kann die zunehmende Aktivität der russischen Luftwaffe und Seekriegsflotte nur mit der Besonderheit der geopolitischen Lage Russlands erklärt werden. Das grösste Land der Erde weist vor allem im Westen und im Osten Grenzen auf, die nur durch eine Art Vorneverteidigung gesichert werden können. Vor allem auf den an Russland grenzenden Meeren (Schwarzes Meer, Pazifik, Arktis, Ostsee) können die Grenzen nur durch eine Seekriegsflotte gesichert werden, die jedem Rivalen das Eindringen in die von Russland beanspruchten Wirtschaftszonen verunmöglicht. Um dieses „sea-denial“ erreichen zu können, benötigt Russland in erster Linie eine kampfstarke Flotte mit nuklearangetriebenen U-Booten[6], die durch Mittelstreckenbomber unterstützt wird. Dies wurde bereits 1972/73 durch den damaligen Oberbefehlshaber der sowjetischen Kriegsmarine, Flottenadmiral der Sowjetunion Sergej G. Gorschkow, gefordert:

Sie tragen objektiv dazu bei, dass bei ihnen die U-Boote und die Luftstreitkräfte auf      den ersten Platz vorrücken.“ [7]

Die Wirkung einer solchen U-Boot-Flotte beruht aber letztendlich auf der Verfügbarkeit über ein glaubwürdiges Abschreckungspotential mit Nuklearwaffen, die auch jederzeit einsatzbereit wären:

„Aus dem Dargelegten ergeben sich solche Forderungen an die Entwicklung der   Flotten wie grosser Fahrbereich der Schiffe mit erhöhter Geschwindigkeit, grosse        Eindringtiefe der Luftstreitkräfte und der kernangetriebenen U-Boote.“ [8]

Diese Abschreckungswirkung wird in der Zukunft vor allem die Flotte der nuklearangetriebenen U-Boote der Borey-Klasse mit den weitreichenden Bulawa-Flugkörpern für Russland leisten.

[1] LaGrone, S., Russian Air Force Chief: U.S. Surveillance Flights Monitor Russia Daily, US Naval Institute, December 17, 2014.

So auch LaGrone, S., Finland: ‘Unusually Intense Russian Air Activity‘ Over Baltic, US Naval Institute, December 10, 2014.

[2] Lemcke, E., Korvettenkapitän aD, Übungen unter Beteiligung der Russischen Seekriegsflotte 2014, unveröffentlichtes Manuskript, Dezember 2014.

[3] Fedyszyn, Th.R., The Putin-Roosevelt Connection, in: Proceedings, December 2014, p. 33.

[4] LaGrone, S., Russia Accepts Third Borei-class Boomer, US Naval Institute, December 11, 2014.

[5] Daly, J.C.K., The Crimean Question and NATO Strategy, in: Proceedings, December 2014, p.37-43.

[6] Martyanov, A., Russia’s Navy in Search of a Mission, in: Proceedings, December 2014, p. 47.

[7] Gorskov, S.G., Die Rolle der Flotten im Krieg und Frieden, deutsche Übersetzung von Dr. Wilhelm Arenz, Wehrforschung aktuell, Band 2, J.F. Lehmanns Verlag, München, 1975, S. 175.

[8] Gorskov, S.G., S. 178.

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