Erfahrungen aus dem Krieg gegen Georgien von 2008

Die Führung Russlands hat gemäss einem Bericht der Autoren Barabanov, Makienko und Pukhov[1] im Krieg gegen Georgien von 2008 schwerwiegende Mängel bei den Streitkräften feststellen müssen. Zu diesen Mängeln gehörten die Qualität der Ausbildung und die Motivation der Truppen, der Stand der Ausrüstung sowie die Modernität der Waffen. Obwohl die russischen Streitkräfte einen Sollbestand von 1.35 Millionen auswiesen, waren in den beiden Tschetschenienkriegen nie mehr als 100‘000 Soldaten und Offiziere im Einsatz. Von 1992 bis 2008 wurden keine neuen Waffen beschafft. Bei der Luftwaffe waren 2008 bis zu 55% der Waffensysteme nicht mehr tauglich.[2] Seit 1979 haben die sowjetische und später die russische Armee Antiguerillakriege und Antiterrorismusoperationen durchgeführt, für die sich die schwerfällige Struktur der Streitkräfte zunehmend als ungeeignet erwies. Dazu gehörten insbesondere die motorisierten Schützen- und Panzerdivisionen. Auch die hierarchisch zentralisierte Einsatzführung war nicht mehr zeitgemäss. Nur sich selbst organisierende kleine Einheiten können im modernen Krieg gegen die Guerilla und den Terrorismus bestehen.[3]

Aufgrund dieser Erkenntnisse und Erfahrungen haben der frühere Verteidigungsminister Anatoly Serdyukov und der damalige Generalstabschef Nikolai Makarov den Auftrag für eine Reform der Streitkräfte erhalten. In ihrer Studie vom Oktober 2008 zuhanden von Putin haben sie eine radikale Transformation der Streitkräfte postuliert, die sich mit jener Trotzkis bei der Aufstellung der Roten Armee 1918 messen kann. Das Ziel der Studie ist die Reform aller Bereiche der Streitkräfte, wie Bestand, Einsatzführung, Organisation und Ausbildung der Offiziere. In der Nachahmung des Mottos des Grafen Sergei Witte aus der Zarenzeit hat sich die russische Führung das Ziel gesetzt, diese Reform so schnell als möglich umzusetzen. Für die Ausführung der Reform soll der russische Präsident Putin für die nächsten zehn Jahre ab 2011 23 Billionen Rubel im Staatshaushalt bereitgestellt haben.[4] Gemäss den ursprünglichen Absichten sollte die Reform bis 2015 weitgehend vollzogen sein. In der Zwischenzeit hat der Nachfolger von Serdyukov, Sergei Shoigu, den Zeitplan modifiziert. In Anlehnung an die Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte unter Präsident Eisenhower Mitte der 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bezeichnen die drei Autoren diese Reform als russischen New Look!

Russische Beurteilung der militärischen Bedrohung

Ausgangspunkt der Bedrohungsanalyse ist der Kollaps der Sowjetunion von 1991, der sich als ein nationales Desaster erwiesen hat.[5] Auch nach dem Ende des Kalten Krieges dauert die politische und militärische Rivalität mit den USA und der NATO immer noch an. Die Eindämmung der NATO kann aber nur mit nuklearer Abschreckung erreicht werden.[6] In diesem Zusammenhang muss auch das amerikanische Projekt für den Aufbau einer Raketenabwehr erwähnt werden. Sollte sich die NATO in die Beziehungen Russlands mit früheren Sowjetrepubliken einmischen, dann wäre ein offener Konflikt vorstellbar.[7]

In den offiziellen Dokumenten wird eine militärische Bedrohung Russlands seitens China nie erwähnt. Eine militärische Herausforderung durch China könnte nur mit den russischen Nuklearwaffen abgeschreckt werden.

Eine andere Bedrohung wäre die Verstrickung der Russischen Föderation in die politischen Konflikte zwischen Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan. Auch ein Übergriff afghanischer Taliban auf Kasachstan würde die Sicherheit Russlands gefährden.[8]

Bis heute wurde Russland durch die Konflikte im Nord- und Süd-Kaukasus militärisch herausgefordert. Diese Situation hat sich nicht verändert. Zu erwähnen sind der pankaukasische Salafismus im Nord-Kaukasus und die Kriege zwischen Georgien und Abchasien und Georgien und Süd-Ossetien.

Ein Konflikt anderer Art würde durch die Besetzung der südlichen Inseln der Kurilen durch Japan entstehen. Dies entspräche einer Art „Falkland-Szenario“. Aufgrund der Abschreckung durch die russischen Nuklearwaffen wird aber Japan eine solche Aggression nie wagen.[9]

Gemäss den Autoren kann die Instabilität im Mittleren Osten, die Situation im Iran und in der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nord-Korea) für Russland zu Konflikten führen.[10]

Demographie und Finanzen

Der Kollaps der Sowjetunion soll sich auch auf die Demographie Russlands ausgewirkt haben. Seit den 1990er Jahren befindet sich Russland in einer Art demographischer Talsohle. Pro Jahr hat Russland lediglich 700‘000 Männer im dienstfähigen Alter. Davon sind aber aufgrund von Krankheiten, Dispensen, usw. nur 550‘000 diensttauglich. Die Tauglichkeitsrate betrug 2009 lediglich 68.4%. Die physisch fittesten, am besten trainierten und motiviertesten Jungen kämen aus dem Nordkaukasus. Wegen ihrer Religion sind aber Rekruten aus dieser Region gegenüber dem russischen Staat nur bedingt loyal.[11]

Bis vor kurzem wurde mit einem stetigen Wachstum des Bruttosozialproduktes (BSP) gerechnet. Dieses Wachstum hätte auch die Steigerung der Verteidigungsausgaben auf 4% des BSP pro Jahr ermöglicht.[12] In Anbetracht der Tatsache, dass das Wachstum der russischen Wirtschaft zu 50% auf dem Export von Erdöl und Erdgas beruht, die Infrastruktur des Landes dringend saniert werden müsste (und die westlichen Sanktionen in zunehmendem Masse das Wachstum behindern), könnte sich dieses Ziel sehr bald als Illusion erweisen.

Strategische Ziele der Reform

In der Studie vom Oktober 2008 wurden für die Transformation folgende Ziele postuliert:[13]

  1. Reduktion des Sollbestandes von 1.35 Millionen auf 1 Million Mann;
  2. Eliminierung aller nicht oder nur bedingt einsatzfähigen Grossen Verbände des Heeres und Reduzierung der Zahl der Stützpunkte;
  3. Reduktion des Sollbestandes der Offiziere,
  4. Beschränkung der Gliederung auf 4 Militärbezirke;
  5. Beibehaltung der Raketenstreitkräfte, der Raumverteidigungskräfte und der Luftlandetruppen unter dem zentralen Kommando;
  6. Aufhebung der Divisions-, Korps- und Armeestruktur des Heeres und Ausrichtung auf die Brigadeorganisation;
  7. Ausrichtung der Luftwaffe und der Luftverteidigung auf die Struktur der Fliegerstützpunkte und Luftverteidigungsbrigaden;
  8. Zentralisierung der Ausbildung und Reduktion der Ausbildungsstätten auf 10 Einrichtungen;
  9. Verkleinerung des Bestandes der Zentralverwaltung;
  10. Outsourcing der Logistik;
  11. Intensivierung der Kampffähigkeit auf allen Stufen;
  12. Wiederaufrüstung 2011 – 2020;
  13. Erhöhung der Löhne.

Verschiedene Ziele sind in der Zwischenzeit erreicht worden. Dazu gehört die zahlenmässige Reduktion der Offiziersbestände vom Hauptmann bis zum General. Das wichtigste Ziel dürfte die Reduktion der Organisation auf vier Militärbezirke mit vier Joint-Kommandos sein (West mit dem HQ in St. Petersburg, der baltischen Flotte und der Nordflotte, Süd mit HQ in Rostow am Don und der Schwarzmeerflotte, Zentrum mit dem HQ in Jekaterinburg, Ost mit dem HQ in Chabarowsk und der Pazifikflotte). Diese vier Militärbezirke sind auf die potentiellen Bedrohungen und die Kriegstheater Russlands ausgerichtet.[14] Einem Joint-Kommando sind alle Einheiten des Heeres, der Luftlandetruppen, der Luftwaffe, der Luftverteidigung und der Marine, die auf dessen Territorium stationiert sind, unterstellt.[15]

Im Zentrum der Reform stand und steht die Umstrukturierung des Heeres. Dazu gehörten die Auflösung der Divisionsstufe und die Eliminierung aller Grossen Verbände, die in Friedenszeiten nicht den vollen Bestand aufwiesen. Heute ist das russische Heer auf die Brigadestruktur ausgerichtet. Bei der Luftwaffe soll die Regimentsstruktur zugunsten von 10 Fliegerstützpunkten (inkl. der Fliegerkräfte der Seestreitkräfte) aufgehoben werden.[16] Bei der Luftraumverteidigung ist die Divisions- und Korpsstruktur durch 13 Luftverteidigungsbrigaden ersetzt worden. Auch die Seestreitkräfte haben eine zahlenmässige Reduktion der Einheiten und die Bildung von Joint-Kommandos der U-Boote der Nord- und Pazifikflotte erfahren müssen. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Errichtung der Luftraumverteidigung durch die Zusammenlegung der Raumstreitkräfte, der Raketenabwehr und der Luftverteidigung unter einem einzigen Kommando.[17]

Die Organisation der strategischen Raketenstreitkräfte ist nicht grundsätzlich verändert worden. Seit 1997 erfolgt die Einführung der silogestützten und mobilen interkontinentalen ballistischen Flugkörper Topol-M. Neu werden seit 2010 die mobilen ballistischen Flugkörper RS-24 Yars und eine MIRV[18]-fähige Version der Topol-M eingeführt. Neue Modelle von Flugkörpern und nuklearen Gefechtskörpern sind in Entwicklung.

Die militärische Ausbildung findet seit 2012 in 10 Ausbildungsstätten statt, mit drei Zentren für Forschung und Schulung, sechs Militärakademien und einer Militäruniversität. Diese Reform ist noch nicht beendet.

Wehrpflicht und freiwillige Verpflichtung

In der ersten Phase der Reform (2008-2010) befürwortete das Verteidigungsministerium vor allem für das Heer eine Kombination aus Freiwilligen und Wehrpflichtigen. Der vollständige Übergang zur Berufsarmee wurde noch bis 2010 aus den folgenden Gründen verworfen:[19]

  1. Russland fehlt die Tradition der Berufsstreitmacht;
  2. Russland hat deshalb nie über ein Korps von Berufsausbildnern verfügt;
  3. der finanzielle Aufwand für eine Berufsarmee ist im Vergleich zum Wehrpflichtheer zu hoch.

2009 betrug der Bestand der Berufssoldaten ca. 190‘000 Mann. Wegen der in absehbarer Zeit abnehmenden Zahl an dienstfähigen Wehrpflichtigen hat sich das Ministerium 2011 für eine Erhöhung der Zahl der Freiwilligen entschieden. Bis 2016 sollte der Bestand an Freiwilligen schrittweise auf 425’000 Mann erhöht werden. Bei einer vollständigen Umsetzung dieses Plans könnte Russland bis zu diesem Zeitpunkt über eine 1-Million-Mann-Armee bestehend aus 220‘000 Offizieren, 425‘000 Freiwilligen und 350‘000 Wehrpflichtigen verfügen.

Die Wiederaufrüstung

2008 ist die Wiederaufrüstung der russischen Streitkräfte mit der Beschaffung moderner Waffen ausgelöst worden. 2010 wurde für die Periode 2011-2020 ein Rüstungsprogramm in der Höhe von 19.5 Billionen Rubel beschlossen.[20] Priorität haben bei der Wiederaufrüstung die Strategischen Raketenstreitkräfte und die Luftraumverteidigung. Nachfolgende Priorität haben die Modernisierung der Einsatzführung und der Kauf von Transportflugzeugen für die Verlegung von Truppen in die Krisengebiete von Zentralasien und des Nordkaukasus.

Bereits im Dezember 2008 wurde der Kauf von 32 Suchoi Su-34-Jagdbombern beschlossen. 2009 bestellte die Luftwaffe moderne Mehrzweckkampfflugzeuge, so 12 Su-27SM3, 4 Su-30M2 und 48 Su-35S. Gleichzeitig wurden von Algerien 34 Jäger MiG-29SMT/UBT zurückgekauft. [21]

Als Teil des Rüstungsprogramms 2011-2020 wurde auch der Bau neuer Fregatten (Projekt 11357) und neuer U-Boote (Projekt 06363) für die Schwarzmeerflotte beschlossen. Der Krieg gegen Georgien hatte 2008 Ausrüstungslücken bei der Schwarzmeerflotte aufgezeigt.

80% des Rüstungsbudgets wird für den Kauf neuer Waffen eingesetzt. Für die Forschung und Entwicklung neuer Waffen stehen lediglich 20% des Budgets zur Verfügung, was im internationalen Vergleich wenig ist. Als Ausgleich dazu will die russische Führung den Rüstungsexport massiv fördern.[22] Dazu gehört der Verkauf von Fregatten, U-Booten, Kampfhelikoptern Mi-35M und Kampfflugzeugen Su-30.

Ausblick

Wie bereits erwähnt sind viele der postulierten Ziele unter der Führung von Präsident Putin Realität geworden. Als Ergebnis dieser Reform muss Russland heute als die stärkste Militärmacht in Kontinentaleuropa beurteilt werden.[23] Wie die bisherigen Ereignisse um und in der Ukraine aufgezeigt haben, ist die russische Armee heute eine gut ausgebildete und ausgerüstete Streitmacht. Im Gegensatz zu den europäischen Staaten der NATO und der EU hat Russland unter Putins Führung seit 2008 aufgerüstet und seine Streitkräfte modernisiert. Ob aber die vollständige Umsetzung der Reform bis 2020 Wirklichkeit werden wird, muss aufgrund der gegenwärtigen Schwächungen der russischen Wirtschaft als Folge der Sanktionen der USA und der EU und des sinkenden Erdölpreises mit einem Fragzeichen versehen werden.

[1] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, Military Reform: Toward the New Look of the Russian Army, Valdai Discussion Club, Analytical Report, Moscow, July 2012.

[2] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 5.

[3] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 7.

[4] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 3.

[5] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 9.

[6] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 6.

[7] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 11.

[8] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 10.

[9] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 1.

[10] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 11.

[11] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 13.

[12] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 13.

[13] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 15/16.

[14] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 19.

[15] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 20.

[16] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 23.

[17] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p 24.

[18] Stahel, A.A., USA – UDSSR, Nuklearkrieg?, Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber, Frauenfeld und Stuttgart, 1983, S. 136, MIRV = Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle(s) – mehrere gegen getrennte Ziele einsetzbare Wiedereintrittskörper.

[19] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 26/27.

[20] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 30.

[21] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, p. 29.

[22] Barabanov, M., Makienko, K. and R. Pukhov, S. 31.

[23] Hedenskog, J. and C.V. Pallin (Hrsg.), Russian Military in a Ten-Year Perspective – 2013, FOI-R-3743-SE, Stockholm, December 2013.

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