In den letzten Monaten haben chinesische Medien über die Ausrüstung der strategischen U-Boot-Flotte Chinas mit neuen ballistischen Flugkörpern berichtet. Die 3 nuklear angetriebenen U-Boote der Jin-Klasse sollen neu über je 12 JL-2-Flugkörper (CSS-NX-4) mit mehreren nuklearen Wiedereintrittsköpfen MIRV (Multiple Independently Targetable Re-entry Vehicles) verfügen, die sogar möglichweise vor dem Einschlag Zielkorrekturen ausführen und mit Gefechtsköpfen kleiner Sprengwirkung ausgerüstet sein könnten. Mit diesen Flugkörpern könnte China von getauchten U-Booten im Zentrum des Pazifiks aus die Gesamtheit von Kontinental-USA abdecken.[1]

Bis vor einiger Zeit konnte China vor allem mit seinen landgestützten ballistischen Lenkwaffen DF-5A (CSS-4 Mod 2) die Westküste der USA bedrohen. Aufgrund der Reichweite der neuen mobilen DF-31A (CSS-10 Mod 2) von 11‘263 – 14’000 km soll ganz Kontinental-USA im Einsatzbereich der chinesischen landgestützten ballistischen Flugkörper sein. Innert 10 Jahren könnte China 100 Flugkörper von diesem Typ verfügbar haben.[2]

Während Jahrzehnten war die Nuklearstrategie Chinas gemäss eigenen Verlautbarungen auf eine Konzeption der minimalen Abschreckung und des Nicht-Erst-Einsatzes der Nuklearwaffen gegenüber den USA ausgerichtet. Die Aufrüstung des Arsenals mit ballistischen Flugkörpern grösserer Reichweite und höherer Zielgenauigkeit könnte schrittweise eine Modifikation der chinesischen Nuklearstrategie und damit der Einsatzgrundsätze der interkontinentalen Nuklearwaffen und ihrer Träger bewirken.[3] Denkbar ist, dass China mit diesen neuen Waffensystemen militärisch relevante Ziele, wie amerikanische Truppenkonzentrationen ausserhalb der USA, abdecken könnte. Damit könnte der Übergang zu einer Strategie der nuklearen Kriegsführung eingesetzt haben. Vorstellbar ist auch, dass dank der grösseren Flexibilität, Zielgenauigkeit und Zielwechselfähigkeit eines nuklearen Gegenschlages China eine Strategie der Abschreckung durch Bestrafung einführen könnte. In diese Richtung weisen die neuen U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper JL-2, die einen „launch-on-warning“-Einsatz gegenüber einem allfälligen Nuklearschlag der USA ermöglichen könnten.[4]

Eine weitere Hypothese ist die, dass China den Einsatz seiner zielgenauen Nuklearwaffen auf eine begrenzte Abschreckung oder „deterrence-by-denial“-Strategie (Abschreckung durch Vernichtung des gegnerischen Nuklearpotentials) ausrichtet. Eine solche Strategie würde der chinesischen Führung begrenzte Nuklearschläge für die Eskalationskontrolle in einem regionalen konventionellen Konflikt ermöglichen, um damit den Gegner zu einer Deeskalation zu zwingen. In einem anderen Szenario wäre auch der Einsatz von operativ-taktischen Nuklearwaffen für das Erlangen der Überlegenheit gegenüber dem konventionellen Gegner auf dem Gefechtsfeld denkbar. Welche Hypothesen auch zutreffen sollten, die Einführung der zielgenaueren Nuklearwaffen und neue Übungen der strategischen Truppen könnten auf eine Strategie der nuklearen Kriegsführung hinweisen. Damit würde China mit seinen Nuklearwaffen im Falle eines Krieges einen Schutzschirm über seine konventionellen Streitkräfte errichten. Dies würde China die ungehinderte Umsetzung seiner „anti-access/area-denial“-Strategie der Seekriegsführung gegenüber der Seemacht USA ermöglichen oder die USA in einem für sie ungünstigen konventionellen Konflikt vor dem Einsatz ihrer taktischen Nuklearwaffen abschrecken.[5]

Wie auch immer, die Einführung zielgenauer Nuklearwaffen dürfte China die Durchsetzung seiner Machtansprüche in Asien und im westlichen Pazifik wesentlich erleichtern. Auch die Einführung neuer nuklear angetriebener Angriffs-U-Boote und Überwasserkriegsschiffe in den chinesischen Seestreitkräften dürfte diesem Ziel dienen. China will wieder Seemacht werden und die Herrschaft über den Pazifik nicht mehr den USA allein überlassen. Bereits jetzt geraten die USA mit ihren zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfügbaren Seestreitkräften gegenüber China in zunehmendem Masse ins Hintertreffen.[6]

Die weltweite Aufrüstung mit neuen Nuklearwaffen ist aber nicht nur auf China beschränkt. Auch Russland erweitert sein Nukleararsenal durch die Einführung neuer Waffenträger. Dazu gehören die neuen U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper RSM-56 Bulava, die mit 10 nuklearen Wiedereintrittskörpern ausgerüstet sind und eine Reichweite von bis zu 9145 km aufweisen.[7] 2010 hat Russland auch den neuen mobilen landgestützten ballistischen Flugkörper RS-24 Yars mit interkontinentaler Reichweite eingeführt. In den letzten 6 Monaten hat Russland offenbar sein Arsenal um 131 zusätzliche nukleare Gefechtsköpfe erweitert. In der gleichen Periode ist das Arsenal der USA um 57 zusätzliche Gefechtsköpfe erhöht worden. Die russische Führung will in den nächsten 6 Jahren im Rahmen der Modernisierung der Streitkräfte den Ersatz ihrer alten Flugkörper mit 140 Milliarden US-Dollar finanzieren. Dazu gehört auch die Aufrechterhaltung eines Arsenals von 1’200 nuklearen Gefechtsköpfen auf den landgestützten ballistischen Flugkörpern. In den nächsten 10 Jahren werden die USA für das Upgraden ihrer Nuklearwaffen 355 Milliarden US-Dollar ausgeben.

Weitere Nuklearmächte, die die USA mit der Aufrüstung und Modernisierung ihrer Arsenale herausfordern, sind Nordkorea, Pakistan und Indien.[8] Auch wenn die Obama-Administration als Folge dieser Entwicklung die Indienststellung neuer nuklearangetriebener U-Boote beschleunigen will[9], die Triade der land- und U-Boot-gestützten Nuklearwaffen und der nuklearfähigen Bomber der USA gleicht bereits heute beinahe einem Museum des Kalten Krieges, das wegen des fehlenden Geldes nur noch beschränkt einsatztauglich und deshalb nur noch beschränkt zur Abschreckung fähig ist.[10] Damit diese Abschreckung in der Zukunft wieder glaubwürdiger wirkt, müssten die USA in den nächsten 30 Jahren 12 neue strategische U-Boote für U-Boot-gestützte Flugkörper, 100 neue strategische Bomber und 400 neue landgestützte ballistische Flugkörper entwickeln und einführen. Die Finanzierung dieser Aufrüstung wird bereits heute auf über 1‘100 Milliarden US-Dollar geschätzt.[11] Dies ist eine enorme Summe für einen hochverschuldeten Staat!

[1] Hennigan, W.J. and R. Vartabedian, Arsenal ages as world rearm, The debate over modernizing U.S. nuclear weapons is growing more urgent, Los Angeles Times, Nov.10, p. A1.

[2] Hennigan, W.J. and R. Vartabedian.

[3] Giacometti, N., Could China’s Nuclear Strategy Evolve?, the Diplomat, October 16, 2014, p.1.

[4] Giacometti, N., p.2.

[5] Giacometti, N., p. 2/3.

[6] Holmes, J.R., China’s Navy Is Already Challenging the USA in Asia, the Diplomat, October 16, 2014.

[7] Hennigan, W.J. and R. Vartabedian.

[8] Hennigan, W.J. and R. Vartabedian.

[9] Majumdar, D., Navy Starting Work on New SSN(X) Nuclear Attack Submarine, U.S. Naval Institute, October 23, 2014.

[10] Hennigan, W.J. and R. Vartabedian.

[11] Sanger, D.E. and W.J. Broad, Pentagon Studies Reveal Major Nuclear Problems, New York Times, Nov. 14, 2014, p. A18.

so auch Air Force Global Strike Command „To Deter and Assure“, Strategic Master Plan 2014, Washington DC, 1 March 2014, p. 9-11.

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