Nach 13 Jahren Krieg gegen die Taliban ziehen die USA und ihre Alliierten den grössten Teil ihrer Truppen aus Afghanistan ab. Gemäss dem vor kurzem vom neuen Präsidenten Afghanistans unterzeichneten Abkommen „Bilateral Security Agreement (BSA)“ mit den USA und der mit der NATO abgeschlossenen Vereinbarung „Status of Forces Agreement (SOFA)“ werden von der US-Allianz nach dem 31. Dezember 2014 12‘000 Mann im Land verbleiben. Die USA selber werden davon 9‘800 US-Soldaten stellen.[1] Der Rest wird sich auf die übrigen Alliierten verteilen, zB. auf die Briten mit 453 Soldaten.[2] Das mit 12’000 Soldaten kleine Kontingent wird vor allem für die Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei verantwortlich sein. Die US-Eliteeinheiten innerhalb dieses Kontingents werden weiterhin für die Terrorismusbekämpfung im Grenzgebiet zu Pakistan eingesetzt.

Allgemein wird befürchtet, dass der Rückzug der Alliierten zu einem Wiedererstarken der Taliban führen könnte. Die Blickrichtung dieser Befürchtungen richtet sich auf die südlichen und östlichen Provinzen, wo die Ethnie der Paschtunen mehrheitlich siedelt und die eigentliche Basis der Taliban bildet. Zentral liegt die Provinz Helmand, wo die britischen Truppen den Widerstand der Taliban während Jahren zu brechen versucht haben. Ihnen und auch später den Amerikanern ist es nie gelungen, die Taliban aus Helmand zu vertreiben. Bis zum heutigen Tag ist das Islamische Emirat von Helmand intakt und dessen Führung kontrolliert nach wie vor die Taliban-Streitkräfte der Provinz.

Helmand gilt auch als einer der Brennpunkte für den Drogenanbau in Afghanistan. Über 85% des weltweiten Opiums wird in Afghanistan produziert und ist wiederum Basis für die Herstellung von Heroin in den afghanischen Labors. Über Zentralasien, den Iran und Pakistan wird die ganze Welt mit afghanischem Heroin versorgt. Ebenfalls boomt in Afghanistan der Anbau von Hanf und damit die Produktion von Cannabis. Die Hauptabnehmer dieser Drogen sind Russland, Nord- und Südeuropa, China und der Mittlere Osten. Die durch den afghanischen Drogenanbau erzeugten Einnahmen werden pro Jahr auf 200 bis 300 Milliarden US-Dollar geschätzt, die vermutlich in verschiedenen Finanzzentren Asiens, Europas und den USA gewaschen werden. Trotz enormer Anstrengungen ist es der UNO und den amerikanischen Streitkräften und Behörden während all der Jahre nicht gelungen, dem illlegalen Anbau und Handel von Drogen Einhalt zu gebieten. Für dieses Scheitern gibt es mehrere Erklärungen. Dazu gehört das Desinteresse oder eben gerade das Interesse der betroffenen Staaten, denn der afghanische Drogenanbau weckt kriminelle Energie, auf einfache Art und Weise viel Geld zu generieren. Zu den Erklärungen gehören aber auch Unfähigkeit und Unwille zur Kooperation verschiedener Behörden jener Staaten, die bis anhin in Afghanistan Truppen im Einsatz hatten. So hat bis anhin das amerikanische Justizministerium (Department of Justice, DOJ) die Unterstützung und Hilfeleistung an die afghanische Drogenbekämpfungspolizei (Counternarcotics Police of Afghanistan, CNPA) durch die dem US-Ministerium unterstellte Behörde für die Bekämpfung von Drogen (Drug Enforcement Administration, DEA) beinahe verweigert.[3]

Was die Armee (Afghan National Army, ANA) und die Polizei (Afghan National Police, ANP) Afghanistans betrifft, deren Hauptaufgabe nach dem Abzug der fremden Truppen die Bekämpfung der Taliban sein wird, steht hinter deren Bereitschaft und Fähigkeit bereits heute ein Fragezeichen: „According to the forward of the coalition’s classified report, the summaries presented a “synthesized analysis of observations and identified shortfalls, highlighting main findings and most pressing issues that hamper ANSF (Afghan National Security Forces (ANA und ANP)) longterm sustainability.” [4] Ferner werden die afghanischen Sicherheitskräfte ANA und ANP nur einen Bruchteil des bisher durch die US-Streitkräfte in Afghanistan eingesetzten Materials (auch Waffen) erhalten. Vielmehr wird der grösste Teil an überzähligem Material in die USA zurückverlegt oder vor Ort von afghanischen Schrotthändlern verschrottet werden.[5] Anstatt die Kampfkraft der afghanischen Sicherheitskräfte zu erhöhen, erfolgt beinahe das Gegenteil.

Dass den Alliierten der Aufbau der Infrastruktur während all der Jahre nur bedingt gelungen ist, zeigt sich am Beispiel der Sanierung des Zentralgefängnisses Pol-i-Charkhi in Kabul. Trotz sorgfältiger Planung und Budgetierung mussten die Kontrolleure von SIGAR bei der Überprüfung der Sanierung feststellen, dass nicht nur gepfuscht, sondern offensichtlich viel Geld, das für die Sanierung bereitlag, über korrupte Kanäle abgezweigt wurde. So hätte ein Teil des Gefängnisdachs durch den Einbau von Metallträgern gestützt werden sollen. Stattdessen wurde das billigere Holz verwendet.[6]

Trotz der Einsetzung einer Koalitionsregierung bestehend aus dem Paschtunen Ghani als Präsident und dem Tadschiken Abdullah als Ministerpräsident[7] bleibt angesichts der geschilderten Schwächen der Sicherheitskräfte und aufgrund von Lücken in der Infrastruktur des Landes die Befürchtung bestehen, dass die Taliban wieder einen grossen Teil Afghanistans unter ihre Herrschaft zwingen könnten.[8] Das ruft uns die Periode kurz vor der Besetzung Afghanistans durch die UdSSR im Dezember 1979 eindringlich ins Gedächtnis:

„Muslim leaders, recognizing the new man as just another … puppet …, called for a jihad – a holy war against the nonbelievers. Every one of Afghanistan’s provinces took up arms. Already-devout tribesmen became fanatical Mujahedin, soldiers of the jihad who singled out the hated infidels as targets. Captured … advisers were reportedly flayed alive and subjected to other atrocities.” [9]

Der Jihad gegen die Ungläubigen in Afghanistan dürfte erneut intensiviert werden, denn immer noch gilt für jeden Fremden der indische Ausspruch: „Hüte Dich vor dem Zorn der Afghanen“.

[1] Capaccio, T., U.S. Military Classifying Afghan Military Assessments, Sopko Says, Bloomberg, Oct. 30, 2014.

[2] Haleem, A., News Analysis: Will Helmand turn into Taliban sanctuary after British forces’ withdrawal? Special Report: Afghanistan Situation, 10-27-2014.

[3] Counternarcotics Police of Afghanistan: U.S. Assistance to Provincial Units Cannot Be Fully Tracked and Formal Capability Assessments Are Needed, SIGAR, Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction, SIGAR 15-12-AR, October 2014.

[4] Capaccio, T.

[5] SIGAR-15-08-SP Inquiring Letter: Disposition of U.S.-Owned Excess Equipment in Afghanistan, October 14, 2014.

So auch SIGAR-15-02-SP Inquiry Letter: Scrapping of G222 Fleet at Kabul Airport, October 3, 2014.

[6] Pol-i-Charkhi Prison: After 5 Years and $18.5 Million, Renovation Projects Remains Incomplete, SIGAR, Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction, SIGAR 15-11-IP Inspection Report, October 2014, P. 3.

[7] Wörmer, N., Einheitsregierung in Kabul, Kein Demokratischer, Aber Friedlicher Machtwechsel in Afghanistan, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Länderbericht, Oktober 2014.

[8] Cordesman, A.H., Losing the Forgotten War“, The US Strategic Vacuum in Afghanistan, Pakistan and Central Asia, Center for Strategic & International Studies, Washington DC, September 26, 2014, p. 60.

[9] Andersen, R.N., et al, Special Forces and Missions, The New Face Of War, Time-Life Books, Alexandria, Virginia, 1991, p. 90.