Über die zahlenmässige Stärke der Armee des Islamischen Staates existieren verschiedene Angaben und Schätzungen. So soll die CIA noch im September 2014 die durch den Islamischen Staat in Syrien und im Irak eingesetzten Kämpfer auf 20‘000 bis 31‘500 geschätzt haben.[1] Dagegen haben andere Berichte den Gesamtbestand auf 80‘000 Kämpfer, 50‘000 in Syrien und 30‘000 im Irak, evaluiert. Der Unterschied von beinahe 50‘000 Kämpfern zwischen den verschieden Angaben ist erheblich. Welche Zahl näher bei den Tatsachen liegt, kann anhand des Zustromes an fremden Kämpfern zum Islamischen Staat ermittelt werden. Gemäss einer Grafik in der Washington Post, die aufgrund von Angaben der CIA und privaten Instituten erstellt worden ist, reisten bis Oktober 2014 insgesamt 15‘000 fremde Kämpfer aus 80 Staaten nach Syrien und verstärkten dadurch die Kampfkraft des Islamischen Staates und ähnlicher Organisationen.[2] Trifft diese Zahl zu, dann ist anzunehmen, dass die Kampfkraft des Islamischen Staates mit 80‘000 Kämpfern genauer angegeben ist. Eine solche Kampfkraft erklärt auch, warum der IS bis anhin eine so erfolgreiche Kriegführung im Irak und in Syrien führen konnte.

Die erwähnte Graphik lässt vermuten, welche Staaten bis anhin die grössten Lieferanten an Kämpfern sind:

  • Tunesien: 3‘000
  • Saudi-Arabien: 2‘500
  • Jordanien: 2‘089
  • Marokko: 1‘500
  • Libanon: 890
  • Russland: 800
  • Libyen: 556
  • Grossbritannien: 488
  • Frankreich: 412
  • Türkei: 400
  • Ägypten: 358
  • Pakistan: 330
  • Belgien: 296
  • Australien: 250
  • Algerien: 250
  • Irak: 247
  • Deutschland: 240
  • Albanien: 148

Für diesen gewaltigen Zustrom dürfte es verschiedene Erklärungen geben. Eine Erklärung ist sicher die, dass die Ausrufung des Kalifats eine Faszination auf junge Sunniten ausüben dürfte, gleichgültig ob sie in Nordafrika oder in Europa leben. Das Kalifat des Islamischen Staates mit Kalif Ibrahim aus dem Stamm der Quraisch, dem Stamm des Propheten, an der Spitze, muss Erinnerungen an die glorreiche Zeit der Abbassiden-Kalifen in Bagdad wecken.[3] Der letzte Abbassiden-Kalif Al-Mutawakkil III., der in Kairo residiert hatte, war von den Osmanen nach Istanbul entführt worden und ist dort 1517 gestorben. Die türkischen Osmanen haben das Kalifat später usurpiert. Dass dieses Motiv für den Zustrom, insbesondere von jungen Moslems auch aus Europa zutrifft, geht aus der Befragung von Rückkehrern hervor.[4]

Bei der Durchsicht dieser Zahlen fällt auch auf, dass viele junge Moslems aus arabischen Staaten stammen, die den Arabischen Frühling erlebt haben. Dazu gehört insbesondere Tunesien. Diktaturen, wie Algerien, bremsen offenbar die Flucht ihrer Bürger nach Syrien. Saudi-Arabien widerspricht allerdings dieser Deutung. Offenbar wirkt sich hier die ideologische Nähe zum Kalifat-Staat aus und die Tatsache, dass bis kurzem der Zustrom von jungen Saudis nach Syrien vermutlich durch das Königreich gefördert wurde, in der Erwartung, dass durch den IS und andere Salafisten-Organisationen das feindliche Regime des schiitischen Regimes von Assad gestürzt werden sollte.

Was die fremden Kämpfer aus Europa betrifft, so dürfte es sich dabei einerseits um junge Moslems handeln, die der Ruf des Kalifen erreicht hat. Anderseits könnte es sich um junge Konvertiten handeln, die aus Abenteuerlust am Krieg des Kalifen Ibrahim teilnehmen wollen, und dies im Wissen tun, dass die Selektion und damit der Eintritt in die Armee des Islamischen Staates sehr hart sein werden.

Welche Erklärungen auch immer zutreffen, die USA und Obama dürften mit ihrem Luftkrieg allein kaum den Islamischen Staat besiegen können. Dazu sind kampferprobte Bodentruppen notwendig. Sollte sich aber der IS trotz des Luftkriegs als unbesiegbar erweisen, dann könnte er sehr bald zu einer Herausforderung insbesondere für Europa werden und vielleicht dadurch gar die politische und religiöse Existenz dieses Kontinentes in Frage stellen, der selbst zunehmend im Hedonismus versinkt.

[1] Islamic State of Iraq and the Levant, Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Islamic_State_of_Iraq_and_the_Levant, 24.10.2014, S.1.

[2] Foreign fighters flow to Syria, The Washington Post, http://www.washingtonpost.com/world/foreign-fighters-flow-to-syria/2014/10/14.

[3] Salibi, K., A History of Arabia, Second Edition, Dar Nelson, Beirut, 2010, P. 90/91.

[4] Bisserbe, N., and St. Meichtry, France Struggles to Track Terror Threats at Home, Wall Street Journal, Tuesday, October 21, 2014, P. 10/11.