Erschienen im PORTAS CAPITAL Newsletter – September 2014

Geopolitische Bedeutung des westlichen Pazifik

Aufgrund der wachsenden Volkswirtschaften der Anrainerstaaten dürfte zum gegenwärtigen Zeitpunkt der westliche Pazifik in der Rangliste der umfassenden Geopolitik den Spitzenwert einnehmen. Zu diesen Staaten gehören China mit der zweitgrössten Volkswirtschaft in der Welt und Japan mit der drittgrössten Wirtschaft. Vor allem diese beiden Staaten beliefern den Rest der Welt mit elektronischen Gütern aller Art. Der Wert des Handels durch das Südchinesische Meer wird pro Jahr auf 5‘300 Milliarden US-Dollars geschätzt. Deshalb gilt die Seestrasse von Malakka, die vom Indischen Ozean zum Pazifik und umgekehrt führt, als eine der wichtigsten seestrategischen Chokepoints in der Welt. Über diese wird auch die Volksrepublik China mit Erdöl und flüssigem Erdgas aus dem Persischen Golf und Afrika versorgt. Aufgrund ihrer seestrategischen Dominanz ist die Weltmacht USA jederzeit in der Lage dieses Nadelöhr nicht nur zu kontrollieren, sondern auch zu unterbinden.

Das Südchinesische Meer ist auch aufgrund der erfassten und vermuteten Rohstoffvorkommen von hohem strategischem Wert. Das Potential an Erdöl wird auf 11 illiarden Barrel und jenes an Erdgas auf 190 Billionen Kubikfuss geschätzt. Diese Vorkommen lagern unter den Archipels der Paracel- und der Spratley-Inseln. Schon nur wegen dieser Vorkommen weisen beide Archipels eine hohe geopolitische Bedeutung auf.

Was die kulturellen Beziehungen und Verflechtungen im westlichen Pazifik betrifft, so ist in der Vergangenheit insbesondere Japan, Korea, Thailand und Indochina durch die chinesische Kultur beeinflusst worden. Dies trifft sowohl für die Kunst wie auch für die Philosophie und Religion zu. Bis zum Ende der Qing-Dynastie 1911 hat China immer wieder politisch und militärisch auf Korea und Indochina Einfluss ausgeübt, galten doch diese Staaten als tributäre Staaten des Kaiserhofs und hatten Abgaben zu liefern.

 

Der historische Anspruch Chinas eine Seemacht zu sein

Eroberungen der Yuan-Dynastie

Mit der Gründung der Yuan-Dynastie durch den Mongolen Kublai Khan (1215-94), Enkel von Dschingis Khan (1162-1227) und der Errichtung von Khanbalik (Beijing) als Hauptstadt setzte das machtpolitische Ausgreifen von China über das Meer ein. Dazu gehörten auch zwei gescheiterte Eroberungsversuche von Japan durch amphibische Operationen unter der Führung von Kublai Khan, die 1274 und 1281 aufgrund des japanischen Widerstands wie wegen den Windverhältnissen in Disaster endeten. Auch bei seinen Vorstössen und Eroberungsfeldzügen nach Südostasien war Kublai Khan nicht erfolgreicher. So eroberte er wohl teilweise 1286 Burma, scheiterte aber 1286-88 trotz des Einsatzes der chinesischen Flotte bei der Eroberung von Annam (heutiges Nordvietnam).[1] 1292/93 beauftragte Kublai Khan seinen Heerführer Shi-pi mit der Eroberung von Java. Mit 1000 Schiffen und 20‘000 Soldaten erreichten die Chinesen nach einer Seefahrt von 4‘000 km ohne Zwischenhalt Java. Der Kommandant führte die amphibische Operation durch. Er verwickelte sich aber im Landesinneren in die Intrigen der Herrscher auf Java, geriet in einen Hinterhalt und verlor auf dem 150km langen Rückzug zur Küste 3‘000 Mann. Für dieses Debakel wurde er durch Kublai Khan bestraft.[2] Damit waren die Seekriegsoperationen Chinas unter der Yuan-Dynastie vorderhand beendet.

Chinesische Seemacht unter der Ming-Dynastie

Unter der nachfolgenden Ming-Dynastie (1368-1644) wurde die Seemachtpolitik der Yuan-Dynastie fortgesetzt. Der erste Ming-Kaiser Zhu Yuanzhang musste die japanischen und chinesischen Piraten bekämpfen. Gleichzeitig versuchte er Japan, Annam, Champa und Korea an ihre Tributpflicht und damit an den Kotau gegenüber den neuen Kaisern erinnern. Dies versuchte er durch die Entsendungen von Botschaften und einer maritimen Aktivität zu erreichen.[3] Während der japanische Shogun den Kotau ablehnte, sah sich Annam angesichts der Eroberungsfeldzüge der Seemacht Champa gezwungen bei China Schutz zu suchen.

Der zweite Ming-Kaiser Yongle beschloss 1403 mit einer Kriegsflotte die Beherrschung des südchinesischen Meeres durch die Champa zu beenden. Da gleichzeitig wegen der Kontrolle der Seidenstrasse durch den Mongolen Timur Edelsteine, Gewürze und wertvolle Gegenstände nicht mehr auf dem Landweg nach China importiert werden konnten, musste mit einer Flotte der Zugang zu den Lieferanten in Aden, Mekka, Darfur und Hormoz erzwungen werden. China musste zur einer Seemacht zu werden. In den nächsten 16 Jahren wurden 2‘000 Hochseetaugliche Schiffe bzw. Dschunken gebaut. Diese Schiffe übertrafen an Breite und Grösse die spanischen Karavellen, mit denen Kolumbus nach Amerika schiffte. Mit 5 Masten ausgerüstet wiesen die grössten Schiffe eine Länge von 54 Meter auf und konnten 200 Menschen transportieren.[4]

Als Admiral bestimmte der Ming-Kaiser den Moslem Zheng He, der seit 1382 als Eunuch in seinen Diensten stand und sich durch seine militärischen Fähigkeiten ausgezeichnet hatte. Er sprach türkisch und wurde durch einen chinesischen Muslim, Ma Huan, begleitet. Dieser beherrschte die arabische und die persische Sprache. Die Flotte ankerte in der Bucht des Min-Flusses, Provinz Fujian. Die Schifffahrtsrouten kannten die chinesischen Kapitäne seit der Song-Dynastie (11.-13. Jahrhundert). Bekannt waren die Ost- und West-Routen, die sich in Haupt- und Nebenrouten unterteilten. Die östliche Hauptroute berührte Java und Borneo, die östliche Nebenroute führte zum nördlichen Borneo und zu den Philippinen. Die westliche Hauptroute führte über die Malakkastrasse in den Indischen Ozean, die westliche Nebenroute führte nach Sumatra und zur malaiischen Halbinsel.

Nach einer intensiven Ausbildung führte der Admiral die erste Expedition 1405 mit 317 Schiffen, 62 davon waren die grossen Dschunken, und 27‘000 Männern in den indischen Ozean. Überall trieb Zheng He den Tribut und den Kotau ein, was angesichts der Drohung durch die grosse Flotte die jeweiligen Despoten auch willig leisteten. Dies traf für Sumatra und die Stadt Malakka zu. Während der dritten Expedition trug er in Colombo auf Ceylon Kämpfe aus. Während der fünften Expedition wurde er in Lasa an der arabischen Küste und in Mogadishu in Afrika unfreundlich empfangen. Dank der Überlegenheit der chinesischen Matrosen konnten Kämpfe vermieden werden. Ein Geschwader der siebten und damit letzten Expedition führte der Admiral bis nach Jidda an die arabische Küste im Roten Meer. Gemäss dem Bericht von Ma Huan hatten die Flotten als Ladungen viele kostbare Güter, wie Saphire, Rubine, Diamanten, Jade, Perlen, Kristalle und Seide für den kaiserlichen Hof. Aber auch Tiere und Früchte waren Teil der Ladungen.[5] China beanspruchte unter den Ming-Kaisern auch die Kontrolle über die Paracel (Xisha)- und Spratley-Inseln.[6]

Unter den späteren Ming-Kaisern wurde wegen der Feldzüge im Norden gegen die Mongolen, der Hofintrigen, der Kämpfe gegen die Piraten, der Wiedereröffnung des Grossen Kanals 1411 und der Renaissance des Konfuzianismus der Bau und die Aufrechterhaltung der chinesischen Seemacht vernachlässigt. Der Neo-Konfuzianismus führte zu einer Abkehr von der Erforschung ferner Länder.[7] 1516 erschienen zum ersten Mal die Portugiesen in Asien. 1525 befahl ein kaiserlicher Erlass die Zerstörung aller Hochseetauglichen Schiffe. 1564 besetzten die Spanier die Philippinen. 1644 überrannte die Kavallerie der Mandschus Beijing. Diese errichteten die letzte Fremdherrschaft über China, die der Qing, die bis 1911 dauerte.[8]

Der Niedergang unter der Qing (Mandschu)-Dynastie

Unter dem Qing gab es durch den Bau einer Kriegsflotte immer wieder Versuche zur Begründung einer Seemacht, aber diese Bemühungen scheiterten vielfach aufgrund der Hofintrigen und Korruption, der gesellschaftlichen Dekadenz und der Verschleuderung der finanziellen Mitteln für Luxus. Wohl wurden Kriegsschiffe auf ausländischen Werften gebaut, ausländische Offiziere als Berater beigezogen und chinesische Offiziere auf ausländischen Kriegsschulen ausgebildet, aber dies alles genügt nicht um gegen die britischen, französischen und japanischen Kriegsschiffe zu bestehen.

Die grösste Herausforderung für die Seestreitkräfte der Qing-Dynastie waren die beiden Opiumkriege gegen die Briten. Am 7. Januar 1841 griffen die Briten mit ihrem durch Dampf angetriebenen Kriegsschiff HMS Nemesis 15 chinesische Dschunken an und vernichteten diese. Am 29. August 1842 kapitulierte die Qing-Dynastie im Vertrag von Nanjing, zahlte den Briten 21 Millionen Dollar Kriegsentschädigungen, trat Hong-Kong ab, öffnete den Briten Kanton, Fuzhou, Xiamen, Ningbo und Shanghai als Häfen für den Handel und überliess es den Briten zu importieren und exportieren was ihnen beliebte. Es folgte der zweite Krieg, mit dem China zu unkontrollierten Importen aus Grossbritannien und Frankreich genötigt wurde. Mit dem Kriegsende von 1859 musste China den Briten und den Franzosen 11 weitere Häfen öffnen. Im Krieg von 1884 gegen Frankreich verlor China die mit viel Geld aufgebaute Flotte. In China selbst gab es unter den Militärs Stimmen, die den Verzicht auf den Aufbau einer Kriegsflotte und die militärische Orientierung Chinas nach Westen propagierten. Während all dieser Jahre versuchten die Briten auf den Aufbau der chinesischen Kriegsflotte Einfluss auszuüben und China Kriegsschiffe zu verkaufen.

Die Clique um die Kaiserinwitwe Cixi zweigte 1889-1894 vom Marinebudget 12 Millionen Dollar ab, verschwendete dieses Geld für die Renovierung des Sommerpalastes und für den Bau eines Marmorbootes zur Ehrung des sechzigsten Geburtstages der Kaiserin. Die chinesischen Seestreitkräfte wären auf dieses Geld dringend angewiesen gewesen. Trotz heftigen Widerstandes unterlag die Flotte Chinas im Krieg von 1894-95 gegen die Übermacht von Japan am Yalu. Als Folge dieser Niederlage musste China Korea an Japan ausliefern, an die Japaner Taiwan und die Pescadores abtreten. Die anderen Grossmächte nutzten die Niederlage Chinas aus. 1898 annektierte das Deutsche Reich Qingdao, Grossbritannien übernahm Weihai, Russland den eisfreien Hafen Port Arthur und Frankreich Zhanjiang am Südchinesischen Meer.[9] Diese Niederlage beschleunigte den Untergang der Qing-Herrschaft über China. Diese Fremdherrschaft durch die Mandschu wurde für die Chinesen immer unerträglicher. Die Parteinahme der chinesischen Kriegsmarine für die Revolution 1911-12 war für den Sturz des Kaiserreiches massgebend.

Neubeginn unter der Republik China

Dem Anführer der Revolution, Dr. Sun Yat-sen, gelang es nicht die inneren Verhältnisse Chinas zu stabilisieren. Seine Machtstellung blieb auf Südchina beschränkt. In Beijing gab es zwischen 1912 bis 1928 45 Regierungswechsel. Diese Unsicherheit behinderte auch den Neubeginn der Kriegsmarine Chinas. Zwischen 1912 bis 1937 betrieb die Kriegsmarine sechs Ausbildungsstätten und zwei Werften, dies allerdings sehr sporadisch. Die Kriegsmarine wurde durch verschiedene Cliquen beherrscht. Chiang K’ai-shek, der China unter die Herrschaft des Kuomintang einigen wollte, versuchte wohl dieser Cliquen Herr zu werden, war aber mehr an der kontinentalen Einigung interessiert als am Aufbau der Marine. Gleichzeitig versuchten Grossbritannien und Japan diesen Aufbau durch die Ausbildung chinesischer Seeoffiziere zu beeinflussen. Für China wurde ab 1927 der japanische Expansionsdrang nach Nordchina zunehmend gefährlich. 1937 brach offiziell der zweite chinesisch-japanische Krieg aus. Durch Bombardierungen aus der Luft konnten die Japaner die grössten chinesischen Kriegsschiffe versenken.

Nach Kriegsende besetzte ein chinesisches Geschwader der Republik Oktober bis November 1946 wieder die Xisha(Paracel)- und Nansha(Spratley)-Inseln und errichtete dort Radio- und meteorologische Stationen. Die Begründung dazu lautete, dass diese Inseln schon immer zu China gehört hatten. Nach dem Sieg über Japan habe China diese nun zurückgeholt![10]

Trotz der Bemühungen des US-Aussenministers George C. Marshall um die Bildung einer Koalitionsregierung zwischen Kommunisten und Kuomintang brach im Januar 1947 wieder der Bürgerkrieg aus. Bereits 1946 hatten die Kommunisten eine Akademie für Seeoffiziere eingerichtet und führten einen Guerillakrieg auf dem Meer durch. Dabei wurden sie durch sowjetische U-Boote unterstützt. Den Seestreitkräften der Nationalisten (Kuomintang) gelang es im Norden nicht den kommunistischen Nachschub über das Meer zu unterbinden. Trotz Reorganisationen litten die Seestreitkräfte der Nationalisten unter der Korruption. Ab 1948 desertierten Seeoffiziere einschliesslich der Kriegsschiffe zu den Kommunisten. Januar/Februar 1949 eroberten die Kommunisten Beijing. Chiang zog sich nach Taiwan zurück.

Volksrepublik China: Wiederaufstieg

Mao rief die Volksrepublik China aus. Für die Kommunisten galt es nun die Nationalisten aus Taiwan und den übrigen Inseln, die diese nach wie vor besetzt hielten, zu vertreiben. Im Oktober 1949 erlitten die Kommunisten beim Versuch der Eroberung der Insel Quiemo ein Debakel. Präsident Truman verkündete im Juni 1950 die Blockade der Taiwan-Meeresstrasse durch die 7. Flotte. Die Nationalisten hielten noch 32 Inseln besetzt und führten vom Meer aus Angriffe gegen die Verbindungslinien der Kommunisten. Im Zusammenhang mit den Friedensgesprächen um Korea 1953 eroberte Beijing die Dachen-Inselgruppe südlich von Shanghai. 1955 gaben die Nationalisten angesichts der zunehmenden gegnerischen Kampfkraft alle Inseln mit Ausnahme von Matsue und Quiemo auf.

Während der Phase der Zusammenarbeit mit der UdSSR von 1950-59 baute Beijing seine Seestreitkräfte auf. China erhielt von den Sowjets Unterseeboote und andere Kriegsschiffe. Beijing führte wieder das Drei-Flotten-System ein: Nordflotte mit der Ausrichtung auf das Gelbe Meer, Ostflotte mit der Ausrichtung auf das Ostchinesische Meer und Südflotte mit der Ausrichtung auf das Südchinesische Meer. Die Kriegsmarine kontrollierte die Partei über die Politkommissare. Von 1956-59 bekämpften sich die Technokraten, die für eine professionelle Ausbildung eintraten, und die Ideologen, die für die Übertragung der militärischen Thesen von Mao ohne Wenn und Aber auf den Seekrieg waren.

Dem Ende der sowjetischen Kooperation folgte von 1960-65 eine strategische Debatte. Schlussendlich wurden auch die Seestreitkräfte Opfer der Kulturrevolution von 1966-68. Trotz dieser vielen Wirrungen versuchte Beijing die Seestreitkräfte zu einer ausgreifenden Seemacht aufzubauen. 1964 wurde eine neue Klasse von Unterseebooten eingeführt. China erprobte von U-Booten aus ballistische Lenkwaffen und Marschflugkörper.

Als Folge der bewaffneten Auseinandersetzung 2. März 1969 am Ussuri-Fluss mit der UdSSR erhielten die Seestreitkräfte eine erhöhte Bedeutung. Unter der Führung von Deng Xiaoping, der durch die Kulturevolution seinen Status verloren hatte, erhielt die Flotte ab 1973 wieder Auftrieb. 1974 wurden die Paracel-Inseln von Südvietnam erobert. Als im Januar 1976 Zhou Enlai starb, verlor Deng seinen Schutzherrn und wurde wieder gestürzt. Am 7. September 1976 starb auch Mao und mit der Verhaftung der Viererbande griff Deng wieder zur Macht. Seither wurden die Seestreitkräfte kontinuierlich modernisiert und ausgebaut. Entscheidend dabei war der Bau von nuklearangetriebenen Angriffs-Unterseebotten. Mit diesen will die Volksrepublik ihre machtpolitischen Ansprüche im Südchinesischen Meer und im Westlichen Pazifik durchsetzen.

 

Seestrategische Machtansprüche von China

Mit dem Bezug auf die Geschichte Chinas versucht die Volksrepublik seit Mitte der 70er Jahre Machtansprüche im Ost- und Südchinesischen Meer mit ihren Seestreitkräften durchzusetzen. Der erste Schritt war die Eroberung der Paracel-Inseln von Südvietnam 1974 und zwar mit dem Hinweis auf die Expedition des Ming-Admirals Zheng He. Mit diesem Schritt riskierte Deng damals einen Bruch mit dem Alliierten Nordvietnam. Der Anspruch Chinas auf dieses Archipel wird seither durch das vereinigte Vietnam bestritten.

Des Weiteren macht China Japan den Besitz über die Senkaku[11]– bzw. Diaoyudai[12]-Inseln streitig. Diese Inseln sind eine Fortsetzung der Ryukyu-Inseln, zu denen auch Okinawa gehört. Die USA haben die Hoheit über diese Inseln zusammen mit Okinawa 1972 wieder an Japan übergeben.[13] Zusammen mit den übrigen Ryukyu-Inseln kann mit diesen Inseln die Durchfahrt der chinesischen U-Boote in den westlichen Pazifik überwacht werden. Damit stelle sie eine Art Sperrriegel dar.[14] Bereits 1978 versuchte China mit 200 Fischerbooten und bewaffneten Dschunken seinen Anspruch gegen Japan durchzusetzen.[15]

China will auch die Paracel-Inseln besetzen. Grosse Erdöl- und Erdgasvorräte sollen unter diesen Inseln sein. Gleichzeitig ermöglicht ihr Besitz auch die Kontrolle der Schifffahrt durch das Südchinesische Meer. Bereits 1980 hatte China einige dieser Inseln durch Waffengewalt von Vietnam erobert. 1990 hat China das Felsenriff Mischief, das bis anhin die Philippinen beansprucht hatten, besetzt.[16]

Mit den beiden Archipels, Paracel und Spratley, beansprucht China die territoriale Herrschaft über das gesamte Südchinesische Meer und steht damit in Opposition zu beinahe allen Anrainerstaaten (Vietnam, Philippinen, Malaysia, Brunei, Indonesien, Taiwan). China will sowohl die Rohstoffvorkommen allein ausbeuten wie auch das gesamte Meer beherrschen. Damit will China jederzeit die Schifffahrt anderer Staaten, so auch jene nach Japan, nach Gutdünken unterbinden und sich gleichzeitig einen ungehinderten Zugang in den westlichen Pazifik sichern.[17] Mit diesem Anspruch stösst China auf die Gegnerschaft den USA, die sich als Seemacht für die freie Schifffahrt auch durch das Südchinesische Meer einsetzen.

 

Chinas Aufrüstung

Für die Durchsetzung der geschilderten Machtansprüche rüstet China seit 2000 ständig auf. Die Ausgaben für die Verteidigung Chinas haben im Vergleich zu den anderen asiatischen Staaten beinahe exponentiell zugenommen. Dabei konzentriert China die Aufrüstung auf vier Waffenkategorien:

  1. Unterseeboote
  2. Überwasserkriegsschiffe
  3. Kampfflugzeuge der chinesischen Luftwaffe
  4. Boden-Luft-Lenkwaffen der Luftverteidigung.

Der zahlenmässig grösste Ausbau hat bei den Unterseebooten stattgefunden. 2014 verfügte China gemäss dem Londoner Institut für Strategische Studien über 70 Unterseeboote. Diese Flotte wies folgende Struktur auf:[18]

  • 4 strategische nuklearangetriebenen U-Boote für den Einsatz von ballistischen Lenkwaffen
  • 66 taktische Angriffs-U-Boote, davon:

5 nuklearangetriebene Angriffs-U-Boote,

60 teilweise sehr moderne dieselelektrisch angetriebene U-Boote und

1 U-Boot für Erprobungen.

2014 verfügte China über 70 grosse Überwasserkriegsschiffe. Davon 1 ehemaliger russischer Flugzeugträger, 15 Zerstörer und 54 Fregatten. Die chinesischen Seestreitkräfte sind für die Bekämpfung der amerikanischen Kriegsschiffe mit modernsten Waffen ausgerüstet.

In den letzten Jahren haben die chinesischen Streitkräfte einen neuen Typ ballistischer Boden-Boden-Lenkwaffen in Dienst gestellt. Es ist dies die DF-21D, die mit zielgenauen Wiedereintrittskörpern ausgerüstet, für die Bekämpfung der amerikanischen Flugzeugträger vorgesehen ist.[19] Die Luftstreitkräfte verfügen über eine grosse Zahl an modernen Mehrzweckkampfflugzeugen russischer Herkunft. Siebzig Satelliten ermöglichen die Aufklärung und könnten im Ernstfall den Einsatz der verschiedenen Waffensysteme gegen die Seemacht USA steuern.

Mit den modernen Waffensystemen soll im Ernstfall eine Unterstützung von Taiwan durch amerikanische Flugzeugträgerkampfflotten verhindert werden. Langfristig wollen die Chinesen mit ihrer Aufrüstung die amerikanische Seemacht aus dem westlichen Pazifik ganz verdrängen. Die Mittel dazu sind die chinesische Unterseebootflotte und die ballistischen Lenkwaffen gegen die Flugzeugträger.

 

Die Seemacht USA und ihre Alliierten

Dank ihrem Sieg über Japan haben die USA schrittweise ein System von Bündnissen errichten können, das den gesamten Pazifik umschliesst. Dazu gehören im nördlichen Westpazifik Japan und Korea. Im Süden sind es die Philippinnen, Thailand, Australien und Neuseeland. Dazu kommen noch Staaten, die in enger Beziehung zu den USA stehen, wie Taiwan, Singapur und Indonesien. In neuerer Zeit gehört zu diesem Kreis auch Vietnam, das dem Druck Chinas zu Land und auf dem Meer Widerstand leisten will. Auch die Vereinigung der ASEAN-Staaten muss erwähnt werden. Mit einzelnen dieser Staaten pflegen die USA gute Kontakte. Im Gegensatz zum Nordatlantischen Bündnis NATO gibt es im Pazifik kein Gesamtbündnis, sondern nur bilaterale Verträge.

Dank diesen verschiedenen Beziehungen und Bündnissen können die USA im Pazifik und im Indischen Ozean eine ganze Reihe von Stützpunkten benützen. Die wichtigsten Stützpunkte im Pazifik, die sich im Besitz der USA befinden, sind Hawaii und Guam. Hawaii ist der Stützpunkt der 7. US-Flotte und Hauptquartier des USPACOM (US Pacific Command). Guam wird insbesondere als Bomberstützpunkt verwendet. Dank dem Bündnis mit Japan verfügen die USA über verschiedene Stützpunkte auf der Insel Okinawa, auf denen Einheiten des US Marine Corps stationiert sind. Weitere US-Stützpunkte existieren in Südkorea. In den Philippinen haben die USA keinen Stützpunkt mehr, dafür besteht aber eine enge Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften der USA und der Philippinen bei der Bekämpfung des Terrorismus. In Singapur können die USA Kriegsschiffe stationieren. Schlussendlich ist im Pazifik der Stützpunkt bei der Stadt Darwin in Nordaustralien zu erwähnen.

Im Indischen Ozean haben die USA die Inselgruppe Diego Garcias von den Briten geleast. Diese dient ihnen als Drehscheibe für den Einsatz ihrer schweren Bomber gegen Ziele in Afghanistan und im Mittleren Osten. Weitere Stützpunkte haben die USA in Oman, Katar, Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien.

Mit diesen Stützpunkten und ihrer 5.- und 7. Flotte kontrollieren die USA den westlichen Pazifik, den Indischen Ozean und den Mittleren Osten. Vorderhand können die USA aufgrund dieser Bündnisse, Stützpunkte und Flotten ihre Rivalen China und Russland in Schach halten. Langfristig dürfte sich aber aufgrund der Aufrüstung und des wirtschaftlichen Aufschwungs von China die geopolitische Lage ändern.

 

Szenarien der Austragung der Machtpolitik

Bereits heute wird in Washington und in Beijing die Austragung eines Konfliktes zwischen China und den USA studiert. Die am wenigsten gewalttätigste Art sind Machtdemonstrationen durch Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge. Demonstrationen führen die beiden Kontrahenten bereits heute im Südchinesischen Meer. Amerikanische Aufklärungsflugzeuge werden durch chinesische Kampfflugzeuge behindert oder chinesische Kriegsschiffe versuchen die Weiterfahrt amerikanischer Flugzeugträger zu verhindern.

Auch die Eskalation der Konfliktspirale wird analysiert. Dazu gehört die Behinderung oder gar das Unterbrechen der Handelsschifffahrt Chinas durch den Indischen Ozean und die Malakkastrasse. Durch einen solchen Unterbruch könnte die Wirtschaft Chinas zusammenbrechen. Als Gegenmassnahme dazu hat die Volksrepublik China den Bau von Häfen im Indischen Ozean finanziert. Dazu gehören Gwadar in Pakistan, Hambantota in Sri Lanka, Chittagong in Bangladesch und Sittwe in Myanmar. Die Inder bezeichnen diese Häfen als Perlenkette Chinas.

Für die Umgehung der Malakkastrasse hat China eine Pipeline nach Myanmar gebaut. Auch der Bau von Pipelines und Strassen nach Zentralasien sind Bestandteil der chinesischen Strategie zur Umgehung der Malakkastrasse. Schlussendlich ist der Bau der eisernen Seidenstrasse durch China zu erwähnen. Mit dem Bau einer Eisenbahnverbindung quer durch Zentralasien will China das europäische Normalspurnetz an das chinesische anbinden.

Die letzte Eskalationsstufe der Auseinandersetzung wäre ein Krieg zwischen China und den USA. Als Antwort auf die Aufrüstung und die militärstrategischen Ziele Chinas haben die USA in den letzten Jahren ein operatives Konzept mit der Bezeichnung AirSea Battle entwickelt. Entsprechend diesem Konzept würden die USA bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit weitreichenden Waffensystemen wie Langstreckenbomber, strategischen Marschflugkörpern und ballistischen Lenkwaffen, ausgerüstet mit konventionellen Gefechtsköpfen, von verschiedenen Stützpunkten im Pazifik und im Indischen Ozean aus, Ziele in China wie Flugplätze, Führungseinrichtungen, Raketenstellungen usw. angreifen.

Die letzte Stufe der Eskalation zwischen China und den USA wäre der Einsatz der interkontinentalen Nuklearwaffen.

 

Fazit

Angesichts der Machtansprüche von China, die das Reich der Mitte mit dem Hinweis auf seine Geschichte begründet und dank seiner neuen Stärke durchsetzen will und den geplanten und bereits vorbereiteten Gegenmassnahmen der USA für den Ernstfall stellt sich die Frage, ob die beiden Giganten einen Krieg überhaupt riskieren könnten? Durch einen grossen Krieg im Pazifik und in Asien würden beide Mächte erhebliche Verluste an Menschen und Material erleiden. Leider beweist die Geschichte, dass Staaten vielfach lediglich aufgrund von geopolitischen Interessen Kriege gegeneinander geführt haben.

[1] Man, J., Kublai Khan, From Xanadu to Superpower, Bantam Books, London, Toronto, Sydney, Auckland, Johannesburg, 2006, p. 351/352.

[2] Man, J., p. 356-358.

[3] Swanson, B., Eight Voyage of the Dragon, A History of China’s Quest for Seapower, Naval Institute Press, Annapolis, 1982, p. 29.

[4] Swanson, B., p. 33/34.

[5] Swanson, B., S. 40.

[6] Swanson, B., S. 38.

[7] Swanson, B., S. 42/43.

[8] Swanson, B., S. 43.

[9] Swanson, B., S. 112.

[10] Swanson, B., S. 169.

[11] Japanische Bezeichnung!

[12] Chinesische Bezeichnung!

[13] Ahr, K., How Japan Defends Itself – Facing the Power Shifts in East Asia, Strategic Studies and Conflict Research, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, Zürich, 2014, p. 1972, p.94..

[14] Ahr, K., p. 95.

[15] Swanson. B., S. 222.

[16] Ahr, K., p. 94.

[17] Ahr, K., p. 95.

[18] The Military Balance 2014, The International Institute for Strategic Studies, IISS; London, 2014, p. 233.

[19] The Military Balance 2014, p.231.

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