Dank dem Waffenstillstandsabkommen der „Aufständischen“ mit Kiew und der Aussetzung des Wirtschaftsabkommens der EU mit der Ukraine hat sich in den letzten Wochen die Situation zugunsten Moskaus entwickelt. Diese Situation und die Tatsache, dass die USA und einige ihrer Alliierten den Luftkrieg gegen den Islamischen Staat intensivieren müssen, kann Putin für neue Ziele ausnützen und seine Aufmerksamkeit in zunehmendem Masse auf das Baltikum ausrichten. Hinweis für diese Neuorientierung ist das Eindringen russischer Kampfflugzeuge in den schwedischen und den finnischen Luftraum in den letzten Wochen.

Das Baltikum hat für Russland einen hohen geopolitischen Wert. Das Baltikum stellt einerseits die russische Einfallsachse nach Europa und anderseits die Einfallsachse nach Russland dar. Gleichzeitig ist Moskau für die militärische Absicherung von St. Petersburg auf die Kontrolle der Ostseeküste der baltischen Staaten angewiesen. Nicht von ungefähr hatte Peter der Grosse (1672-1725) nach dem Vorstoss ins Asowsche Meer sehr schnell seine Aufmerksamkeit auf das Baltikum gerichtet und nach dem Nordischen Krieg von 1700-1721 Livland und Estland von den Schweden erobert.[1]

Zielgerichtet hat Russland seit 2008 seine Streitkräfte in der baltischen Region, die zum westlichen Militärbezirk gehört, modernisiert und aufgerüstet. Bei den Landstreitkräften wurde die Brigadestruktur konsequent umgesetzt. Nur die zwei Elitedivisionen, Tamansky und Kantemirovsky, wurden beibehalten. Insgesamt wurde bei allen Teilstreitkräften die Zahl der Einheiten, der Garnisonen, der Stützpunkte, Kasernen usw. reduziert. Offenbar will Russland in absehbarer Zeit die frühere Massenarmee in eine Streitmacht mit hoher Bereitschaft überführen. Priorität haben dabei die Luftlandetruppen, die Marineinfanterie und die SPETZNAZ. Diese Truppen werden sehr bald einen hundertprozentigen Bereitschaftsstand erreichen. Putin hat bis anhin für seine hybride Kriegführung in der Ukraine vor allem Luftlandetruppen und SPETZNAZ-Einheiten eingesetzt.

In der baltischen Region dürften folgende Einheiten eine hohe Einsatzbereitschaft aufweisen:[2]

  • die 25. Motorisierte Schützenbrigade ist seit 2009 im Grenzbereich zu Estland stationiert worden;
  • der Luftstützpunkt Ostrov, nahe der lettischen Grenze, ist seit dem Frühjahr 2014 wieder einsatzbereit. Drei Staffeln mit Kampfhelikoptern Ka-52, Mi-28N, Mi-35 sollen hier stationiert sein;
  • auf dem Luftstützpunkt Baranovichi in Weissrussland soll ein ganzes Fliegerregiment mit 24 Kampfflugzeugen Su-27M3 stationiert werden;
  • auf dem Luftstützpunkt Lida an der weissrussisch-litauischen Grenze sind neu 4 russische Kampfflugzeuge Su-27M3 stationiert;
  • die Marineinfanteriebrigade der baltischen Flotte wird bald mit neuen Kampfschützenpanzern ausgerüstet werden;
  • die 138. Motorisierte Schützenbrigade nahe von St. Petersburg ist mit neuen Kampfpanzern ausgerüstet worden;
  • die baltische Flotte hat neue Kriegsschiffe erhalten;
  • zwischen 2010-2011 sind die neuen operativ-taktischen Boden-Boden-Lenkwaffen des Typ Iskander-M (Reichweite 500+ km) in die Enklave Kaliningrad verlegt worden;
  • moderne Boden-Luft-Lenkwaffensysteme S-400 sind in Kaliningrad und in der Nähe von St. Petersburg stationiert worden.

Moskau könnte mit seinen modernen Kampfflugzeugen und der einsatzbereiten Luftverteidigung jederzeit den Luftraum über den baltischen Staaten behindern. Aufgrund der schwachen Verteidigungsbereitschaft der baltischen Staaten, aber auch anderer NATO-Staaten, könnte Moskau trotz der Luftmanöver der NATO jederzeit die hybride Kriegführung auch im Baltikum einsetzen.

[1] Peter the Great, Northern War of 1700-1721, Moscow, 1990.

[2] Kaas, K., Russian Armed Forces in the Baltic Sea Region, Diplomaatia, 7.08.2014.