Seit über 3 Jahren tobt in Syrien ein Krieg um die Herrschaft über das Land. Zur Auslösung dieses Krieges haben Saudi-Arabien und die Türkei im wesentlichen Masse beigetragen. Beide Staaten verfolgen das Ziel, das schiitische Regime Assads zu stürzen und durch eine Herrschaft der Sunniten, die im Land die Mehrheit bilden, zu ersetzen. Die Intensivierung des Krieges haben sowohl Saudi-Arabien als auch die Türkei betrieben und sie haben die dadurch ausgelösten Gräueltaten in Kauf genommen. So hat das Herrscherhaus der Saud in Riyad die Salafisten in Syrien, die ideologisch den saudischen Wahhabiten nahestehen, mit Geld, Waffen und arbeitslosen Saudis unterstützt. Die Türkei, beherrscht von dem den Moslembrüdern nahestehenden Erdogan, hat den Zustrom europäischer Jihadisten in den Krieg in Syrien über die türkischen Grenzen ungebremst durchgelassen und diesen Zustrom teilweise auch gefördert.

Auf der Grundlage der saudischen und türkischen Unterstützung für den Krieg in Syrien ist schlussendlich der Islamische Staat mit dem Kalifen Ibrahim entstanden. Das Kalifat, das von der syrischen Stadt Raqqa aus herrscht, kontrolliert heute die Hälfte Syriens und ein Drittel des Irak. Das Geld für diese Herrschaft beruhte zu Beginn auf den Zuwendungen der Saudis. Im Augenblick kann sich das Kalifat dank der Kontrolle über die syrischen Erdölgebiete und des Erdölschmuggels in die Türkei selbst finanzieren. Die amerikanischen Waffen haben der Kalif und seine Offiziere, die zu einem wesentlichen Teil noch aus der Armee Saddam Husseins stammen, von der zusammengebrochenen Armee des schiitisch dominierten Irak erobert.

Ideologisch stimmt das Kalifat mit den saudischen Wahhabiten überein.[1] In den Schulen der Hauptstadt Raqqa werden die gleichen Lehrbücher verwendet, die auch in den Schulen Saudi-Arabiens benützt werden. Das Gesellschaftssystem des Kalifats beruht auf politischen und religiösen Mechanismen, die auch in Saudi-Arabien durchgesetzt werden. Das tägliche Leben und die Einhaltung der Kleidervorschriften, insbesondere jener der Frauen, werden durch eine Religionspolizei kontrolliert und durch diese bei einem Verstoss auch geahndet.[2] Das freudlose Leben im Kalifat wird durch die gleichen strengen Regeln des Salafismus beherrscht, die auch für Saudi-Arabien gelten.

Die Entstehung des Islamischen Staates ist auch durch die Interventionen der USA im Irak und in Syrien gefördert worden. Ein Anstoss zu diesen Interventionen war insbesondere das Dogma des Regime Change, das sowohl amerikanische Neokonservative wie Wolfowitz als auch Linksintellektuelle wie die gegenwärtige UN-Botschafterin der USA, Samantha Power, bis heute vertreten. Der Sturz von Saddam Hussein durch die USA musste nach diesem Dogma zwangsläufig ohne Wenn und Aber direkt in die Diktatur des Kalifen Ibrahim führen.

Dank den geopolitischen Irrungen der USA und der saudischen und türkischen Unterstützung ist es dem Kalifen gelungen, ein Gebilde zu errichten, dass alle Attribute eines Staates aufweist. Der Kalif und seine Offiziere haben die ihnen zur Verfügung stehende Zeit ausgenützt und als Schutzmassnahme ihre Führung in unterirdische Bunker verlegt. Diese Bunker bieten ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt genügend Schutz gegenüber den chirurgischen Luftangriffen der USA und ihrer Alliierten. Mit diesen Luftangriffen werden der Kalif und sein Staat kaum in die Knie gezwungen werden können. Die Barbarei des Islamischen Staates, die sich notabene durchaus auf die Kriegführung der deutschen Nazis und der russischen Stalinisten im Zweiten Weltkrieg berufen könnte, wird der US-Präsident Obama mit seiner Chirurgie kaum beenden können. Für eine Vernichtung des Islamischen Staates müsste Obama die Luftkriegführung eines Henry Kissinger als Massstab nehmen. Dieser hat im Dezember 1972 während 11 Tagen in der Operation Linebacker II mit über 200 strategischen Bombern B-52 die nordvietnamesische Stadt Hanoi und den Hafen Haiphong mit ungenauen Freifallbomben belegt. In 720 Einsätzen wurden 15‘000 Tonnen Bomben abgeworfen. Der Preis für das Nachgeben der Nordvietnamesen in den Verhandlungen in Paris waren allerdings zahllose tote und verwundete vietnamesische Zivilisten. Ob der Träger des Friedensnobelpreises Barack Obama solche Kollateralschäden für die Zerschlagung des Islamischen Staates auf sich nehmen wird, muss bezweifelt werden. Deshalb könnte der Fall eintreten, dass die westliche Welt in ihrer grenzenlosen Dekadenz sich eines Tages mit der Existenz des Islamischen Staates und der Neuordnung des Mittleren Ostens wird abfinden müssen.

[1] Kirkpatrick, D.D., Extremist Group’s Harsh Brand of Islam Has Roots in Austere Saudi Greed, in: New York Times, September 25, P. A14.

[2] House, K.E., On Saudi Arabia, Its People, Past, Religion. Fault Lines – and Future, Alfred A. Kempf, New York, 2012, p. 57-101.