Die bisherigen Luft-Boden-Einsätze der USA haben die Kampfkraft des Islamischen Staates (IS) nicht geschwächt. Nach wie vor stossen seine Kampftruppen auf das autonome Kurdengebiet vor und erreichen Geländegewinne. Auch die Durchdringung von Bagdad durch Guerillagruppen des IS nimmt zu. Entgegen der Bezeichnungen in Europa ist der Islamische Staat keine Terrorgruppe, sondern verfügt über eine Armee mit ausgebildeten Offizieren der früheren Armee Saddam Husseins und mit kriegserprobten Kämpfern. Die Führung dieser Armee setzt eine durchdachte Taktik ein, die aus einem Verbund der konventionellen Kriegführung und des Guerillakrieges besteht. Die Taktik des Guerillakrieges wird insbesondere in den Städten gegen die syrischen Einheiten des Assad-Regimes und gegen die irakische Armee von Bagdad umgesetzt. Die Kampfkraft der IS-Armee, die sowohl in Syrien als auch im Irak operiert, wird auf mehr als 30‘000 Mann geschätzt. Neben Arabern aus dem Irak, aus Syrien, dem Libanon, aus Ägypten, Saudi-Ara und Libyen sind an diesen Kämpfen auch Tschetschenen und Europäer[1] beteiligt. Seine modernen Waffen amerikanischer Herkunft hat der Islamische Staat von der irakischen Armee erbeutet. Der Islamische Staat dürfte zum gegenwärtigen Zeitpunkt rund ein Drittel des Iraks und beinahe 50% Syriens kontrollieren. Die biensyrische Stadt Ar Raqqah dient als Hauptort.

Das Vermögen des Islamischen Staates wird auf 500 Millionen Dollar geschätzt. Dieses Vermögen konnte IS durch die Erbeutung der Nationalbankgelder von Mosul anhäufen. Wesentliche Beiträge haben auch Zuwendungen gläubiger Moslems aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geleistet.

Politisch geht die Führung des Islamischen Staates sehr geschickt vor. Das Ausrufen des Kalifats unter seinem Anführer al-Baghdadi muss als eine Meisterleistung bezeichnet werden. Al-Baghdadi führt seine Herkunft auf den Stamm des Propheten, die Quraisch, zurück und ist für den Machtanspruch als Kalif in den Augen eines jeden gläubigen Sunniten direkt legitimiert. Das Ausrufen des Kalifats übt eine direkte Sogwirkung auf alle sunnitischen Araber aus. In Europa und in den USA wird übersehen, dass der Koran nicht nur eine Heilsbotschaft für die Gläubigen, sondern auch eine politische Konzeption ist. Mit seinen Verkündigungen wollte der Prophet alle arabischen Stämme zu einer Gemeinschaft der Gläubigen, der Ummah, vereinigen. Noch heute verehren die gläubigen Sunniten als Zentrum des Islams das durch die Mongolen vernichtete Kalifat der Abbassiden, das während Jahrhunderten von Bagdad aus über das islamische Weltreich herrschte.

Das Kalifat demonstriert in Ar Raqqah auch seine Fähigkeit zum Regieren und zum Verwalten einer zivilen Gesellschaft. Die Bevölkerung wird dank dem Aufbau durch IS mit Elektrizität und Wasser versorgt. Die Jugendlichen sind zum Schulbesuch verpflichtet und werden dort in der Tradition des Islams ausgebildet.

Die bisherigen Luftangriffe der Amerikaner haben sich als Nadelstiche erwiesen. Die USA haben den Islamischen Staat vor allem aufgrund fehlender Nachrichten unterschätzt.[2] Der Islamische Staat kann nur durch massive Luftschlage von B-52-Bombern gegen seine Infrastruktur und Waffenstellungen zurückgedrängt werden. Diese Luftschläge müssten durch den zielgerichteten Einsatz von Bodentruppen ausgenützt und unterstützt werden. Dazu müssen vor allem die Kampftruppen der Peschmerga mit Kampfhelikoptern und Leichtpanzern ausgerüstet werden. Das Vorbild für ein solches Vorgehen ist das Niederringen des afghanischen Staates der Taliban vom Oktober bis Dezember 2001 durch massive Bombardierungen amerikanischer B-52-Bomber und dem Einsatz der Kampftruppen der Nord-Allianz.

In die Auseinandersetzungen um die Kontrolle über Syrien und den Irak ist auch die Türkei verwickelt. Mit dem Ziel, das syrische Regime von Assad zu stürzen, lässt die Türkei den ungehinderten Zustrom von Europäern zur Verstärkung der Kampftruppen des Islamischen Staates über die türkisch-syrische Grenze zu. Für die Unterbrechung dieses Zustromes müssten die USA Druck auf den NATO-Alliierten Türkei ausüben.

 


[1] Norman, L., Kosovo Sweep Targets Suspected Islamic Militants, in: The Wall Street Journal, Tuesday, August 12, 2014, p.5.

[2] Gorman, S. and J.E. Barnes. U.S. Missed Urgency of Militant Threat, in: The Wall Street Journal, Tuesday, August 12, 2014, p.9.