Der amerikanische Geostratege Zbigniew Brzezinski hat in seiner 1997 publizierten Studie „The Grand Chessboard“[1] den Mittleren Osten, den Kaukasus und Zentralasien in Analogie zu den Konflikten in Ex-Jugoslawien als Eurasischen Balkan bezeichnet. Wie im Falle von Ex-Jugoslawien werde der gesamte Raum durch ethnische und religiöse Konflikte und Gegensätze dominiert. Gleichzeitig seien die aussenstehenden Mächte Russland, die Türkei, der Iran, die USA und China an einer Ausbeutung der Rohstoffe in diesem Raum interessiert und auf die geopolitische Beherrschung des Eurasischen Balkans ausgerichtet.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird der Eurasische Balkan durch mehrere Kriege erschüttert. In Syrien wollen verschiedene Gruppen das Assad-Regime stürzen. Die sunnitische Kampforganisation Islamischer Staat (ISIS) hat beinahe ein Drittel des Irak erobert. In Afghanistan kämpfen die Taliban gegen das Regime von Kabul und gegen die ISAF-Truppen der USA und ihrer Alliierten. Pakistan versucht die pakistanischen Taliban im Stammesgebiet North Waziristan durch eine grossangelegte Militäroperation niederzukämpfen. Im Jemen steht die Regierung von Sana einer bewaffneten Opposition gegenüber, zu der auch die Terrororganisation al-Kaida gehört.

Gleichzeitig wird der Libanon durch Anschläge, die im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien stehen, erschüttert. In Ägypten haben die Militärs nach dem Sturz des Präsidenten der Moslembrüder, Mursi, die Macht wieder übernommen. Israel führt Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen. Bahrein ist durch Armeeinheiten aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten besetzt und die schiitische Opposition niedergeknüppelt worden. Die Zukunft der Könige von Jordanien und Saudi-Arabien ist ungewiss. In der Türkei nehmen Demonstrationen zu. Die Volkswirtschaft des Iran ist als Folge der Sanktionen beinahe am Boden. Und in Zentralasien herrschen fast immer noch alle ehemaligen Ersten Sekretäre, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zu Präsidenten deklariert und ihre Machtstellung über ihre Staaten ohne Legimitation gefestigt haben.

Zunehmend machen sich auch Sezessionen im ganzen Raum bemerkbar. Dazu gehört das durch ISIS neu geschaffene Kalifat, das das östliche Syrien und den Nordwesten des Irak umfasst. Die Kurden im Irak haben einen beinahe unabhängigen Staat errichtet. Gleiches wollen auch die Kurden Syriens tun. Der Süden Jemens möchte wieder seine Unabhängigkeit. Paschtunische Stämme der halbautonomen Tribal Areas Pakistans möchten sich mit den Paschtunen Afghanistans vereinigen. Im Gefolge der vor kurzem erfolgten Wahlen für das Präsidentenamt haben sich die afghanischen Tadschiken mit der Anschuldigung von Wahlfälschungen beinahe von Kabul losgesagt. Sollten sich die Tadschiken von Afghanistan abspalten wäre eine Vereinigung mit den Tadschiken Tadschikistans denkbar.

Die geschilderten Kriege und Unruhen könnten zum Zerfall verschiedener Staaten des Eurasischen Balkan führen. Aus diesem Zerfallsprozess könnten neue Staaten mit neuen Grenzen entstehen. So wäre die Bildung eines Grosskurdistans aus Gebieten des Irak, der Türkei, Syriens und des Iran denkbar. Das Territorium der betroffenen Staaten würde durch den Verlust ihrer Kurdengebiete schrumpfen. Die Vereinigung aller paschtunischen Stämme würde auf Kosten Pakistans und Afghanistans zu einem Grosspaschtunistan führen. Ein ähnliches Ziel könnten auch die Tadschiken in Zentralasien und Afghanistan anstreben.

Der Zerfall und die Vereinigung von Völkern zu neuen Staaten würde die gesamte Staatsordnung des Eurasischen Balkan, die im 19. Und 20. Jahrhundert durch Russland und Grossbritannien errichtet worden ist, mit einem Schlag zerschlagen. Dieser Prozess könnte auch auf ethnische und religiöse Konflikte in Russland, China und in Indien übergreifen. Die USA wären der einzige Staat, der von dieser Entwicklung nicht betroffen wäre und durch eine Neugliederung des Eurasischen Balkans auch profitieren könnte.


[1] Brzezinski, Z., The Grand Chessboard, American Primacy and its Geostrategic Imperatives, Basic Books, New York, 1997, p. 123-150.