Neunzig Jahre nach der Absetzung des letzten Kalifen Abdülmecit II. aus der Herrscherdynastie der osmanischen Sultane (ein Nichtaraber!) im März 1924 durch den Gründer der modernen Türkei Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) hat die irakisch-syrische Kampforganisation ISIS (Islamischer Staat im Irak und in der Levante) ihren Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ausgerufen. Mit der Wiederbegründung des Kalifats soll die islamische Welt wieder einen „Stellvertreter des Gesandten Gottes“ auf Erden erhalten, der über die Gläubigen, insbesondere der sunnitischen Richtung, seine geistige und weltliche Herrschaft ausüben soll. Grundsätzlich sollte, so die Überzeugung der Muslime nach dem Tode des Propheten 632, nur ein Araber aus dem Stamme Mohammeds, der Quraisch, den Anspruch auf das Kalifat erheben und damit für die Einhaltung der Regeln des islamischen Glaubens und für die Verbreitung des Islams verantwortlich sein. Ob dies für al-Baghdadi zutrifft, müsste überprüft werden. Bis heute konnten nur die Herrscher über Marokko und Jordanien, Mohammed VI. und Abdullah II. bin Hussein, ihre Dynastien auf die Familie des Propheten zurückführen.

ISIS, der sich fortan als „Islamischer Staat“ bezeichnet, kontrolliert nach den erfolgreichen Eroberungen den westlichen Teil Syriens und die sunnitischen Gebiete des Irak. Auch wenn die irakische Armee des schiitischen Ministerpräsidenten al-Maliki einzelne Ortschaften, die jetzt unter der Kontrolle von ISIS sind, wieder zurückerobern sollte, muss der Irak heute als zerfallen bezeichnet werden. Im Nordosten herrschen die Peschmerga (irakisch-kurdische Kämpfer) von Barzani mit ihrem Kurdenstaat und im Westen die sunnitischen Kämpfer von ISIS. Al-Maliki ist nur der schiitische Süden mit den reichen Erdölgebieten verblieben, der als Protektorat von Teheran gilt. Der Iran dürfte al-Maliki mit Angehörigen der Pasdaran (Revolutionsgarde) und der Lieferung von russischen Su-25-Erdkampfflugzeugen militärisch unterstützen.

Über die weiteren militärischen Ziele al-Baghdadis kann nur spekuliert werden. Angesichts der schiitischen Mehrheit in der Hauptstadt dürfte die Eroberung Bagdads kaum möglich sein. Dagegen ist es durchaus denkbar, dass ISIS dank seiner amerikanischen Artillerie, die von der irakischen Armee auf ihrem Rückzug zurücklassen wurde, den Regierungssitz al-Malikis zerstören und die irakische Armee durch weitere Kämpfe vernichten will. Erst durch die Verwirklichung dieser beiden Ziele könnte al-Baghdadi das durch ISIS eroberte Gebiet zu einem echten Staat konsolidieren und seinen Anspruch auf das Kalifat festigen. Bei der Verfolgung dieser beiden Ziele dürfte die Organisation die Unterstützung der beiden sunnitischen Staaten Türkei und Saudi-Arabien geniessen und zwar sowohl mit Waffenlieferungen als auch mit der Förderung von kampfwilligen Jihadisten in der islamischen und westlichen Welt. Der Krieg im Irak ist deshalb auch das Spiegelbild der weltweiten Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten. Gleichzeitig dürfte das arabische Saudi-Arabien mit diesem Krieg beabsichtigen, die regionalen Machtansprüche der Ayatollahs und damit der Perser von Teheran zunichtemachen zu wollen. ISIS gilt deshalb als Speerspitze der sunnitischen Herrscher gegen die schiitischen Ketzer in Teheran.

Offenbar hat der Herrscher über das Moskowiter-Reich, Präsident Putin, die Gefahr erkannt, dass durch die Gründung des Kalifats von ISIS auch seine Herrschaft über die Muslime Russlands gefährdet werden könnte. Folgerichtig hat auch Putin alte Su-25-Erdkampfflugzeuge instand stellen lassen und an al-Maliki geliefert. Damit soll dieser den Ansturm der Kämpfer von ISIS zurückdrängen und verlorene Gebiete wieder zurückerobern. Zu beachten ist auch, dass Russland und der Iran in einer politischen Zweckgemeinschaft gegen die USA verbunden sind.

Was tut Obama in dieser Lage? Im Prinzip wenig. Er hat einige hundert Elitesoldaten nach Bagdad abkommandiert. Diese sollen die Lage aufklären und vielleicht später auch den irakischen Sicherheitskräften als Berater dienen. Für den Schutz seiner Soldaten lässt Obama über Bagdad Drohnen fliegen. Der Rest seiner Verlautbarungen – Androhungen von Luftschlägen – sind bisher leere Worthülsen geblieben. Wie kann dieses Zögern erklärt werden? Die USA befinden sich im Irak in der ungemütlichen Lage eines Odysseus als dieser Charybdis und Scylla gegenüberstand. Al-Maliki ist heute der Staathalter Teherans im Irak, mit Teheran aber kann Obama aus innen- und aussenpolitischen Gründen keine Zusammenarbeit eingehen. Innenpolitisch würde er im Kongress auf Widerstand stossen und aussenpolitisch würden die USA ihre bisherigen Alliierten im Mittleren Osten, Saudi-Arabien und die Türkei, definitiv verlieren. Beide Staaten würden sich in einer solchen Lage nach einer neuen Schutzmacht umsehen.

Nur der Russe Putin kann in der gegenwärtigen Lage den Irak als Schachbrett für seine Geostrategie einsetzen. Der Präsident der USA Obama steht dabei Gewehr bei Fuss und ist zur Untätigkeit verdammt. Eine ähnliche Situation existiert heute bezüglich der Ukraine. Gelähmt durch die Angst vor einer Rezession der deutschen Volkswirtschaft für den Fall ernsthafter Sanktionen gegenüber Moskau begnügt sich die starke Frau in Berlin, die Bundeskanzlerin Merkel, auf Verbales in Richtung Putin. Gleiches gilt für Obama, der angesichts der Herausforderung durch China im westlichen Pazifik die USA nicht in den ukrainischen Sumpf führen will. Auch auf diesem geopolitischen Schachbrett hat Putin als Zar aller Reussen freie Hand und versucht die Ukraine mit verschiedenen Machenschaften – Waffenlieferungen und Söldner an die Separatisten – seinen Machtansprüchen zu unterwerfen.