Dieser Beitrag ist in der NZZ am 22. April 2014 erschienen.

Der Neuenburger Emer de Vattel schrieb 1758 einen «Bestseller», der international Erfolg hatte. Am 25. April jährt sich sein Geburtstag zum 300. Mal.

Die Schweiz ist nicht nur der erste kontinentaleuropäische Staat, der einen Freihandelsvertrag mit der Volksrepublik China abgeschlossen hat. Sie ist auch das erste westliche Land, dessen juristische Texte ins Chinesische übersetzt worden sind. Es handelt sich um Auszüge aus dem Werk «Le droit des gens» (Völkerrecht), das der Jurist, Philosoph und Diplomat Emer de Vattel 1758 in Neuenburg veröffentlichte. Am 25. April 1714, also vor 300 Jahren, wurde er in Couvet im Kanton Neuenburg geboren. Gestorben ist er 1767 in Neuenburg. Heute erinnern die Rue Emer-de-Vattel in Neuenburg und eine unlängst an seinem Geburtshaus angebrachte Gedenktafel an ihn.

Als erstes Werk über internationales Recht in leicht verständlichem Französisch statt in lateinischer Sprache hatte «Le droit des gens» grossen Erfolg. Dem Buch wurde nach dem 1625 erschienenen Werk «De iure belli ac pacis libri tres» (Drei Bücher über das Recht des Krieges und Friedens) von Hugo Grotius, dem Vater des modernen Völkerrechts, die zweithöchste Verbreitung zuteil, mit Übersetzungen ins Englische, Polnische, Spanische, Italienische, Deutsche und – teilweise – ins Chinesische.

Schon 1760 wurde das Werk in London ins Englische übersetzt. 1775 erhielt Benjamin Franklin, einer der Gründerväter Amerikas, drei Exemplare. Aufklärern in Nordamerika gefiel in ihrer Auseinandersetzung mit der englischen Kolonialmacht de Vattels These von der souveränen Gleichheit aller Staaten. Dieser Grundsatz hat dank seiner Verankerung in der Uno-Charta weltweit Anerkennung erlangt. So fand er zum Beispiel Eingang in die «Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz», die China heute als Leitlinien seiner Aussenpolitik bezeichnet.

1839, also vor 175 Jahren, liess unter der letzten chinesischen Dynastie Qing (1644–1911) der kaiserliche Kommissar Lin Zexu einige Passagen aus de Vattels Werk ins Chinesische übersetzen. Er wollte seine drakonischen Massnahmen gegen den britischen Verkauf von Opium in China auf Argumente westlichen Denkens stützen. Von Passagen aus de Vattels Werk inspiriert, schrieb Lin Zexu einen Brief an die britische Königin Victoria, in dem er die Ungeheuerlichkeiten des Opiumhandels anprangerte. Grossbritannien verweigerte aber die Annahme des Briefes und löste den Opiumkrieg (1840–1842) aus. 1847 wurde die chinesische Übersetzung aus de Vattels Werk im berühmten Kompendium «Haiguo Tuzhi» (Illustriertes Handbuch über die ans Meer grenzenden Länder) veröffentlicht. Diese Publikation aus de Vattels Werk kann für sich beanspruchen, in der etwa 3000-jährigen chinesischen Rechtsgeschichte die erste chinesische Veröffentlichung eines westlichen juristischen Textes zu sein.