In der Vergangenheit marschierte die sowjetische Armee in Bruderländer ein, die sich politisch von Moskau emanzipieren und absetzen wollten. Nach dem Einmarsch wurde die jeweilige Regierung des Bruderlandes auf Befehl der Machthaber des Moskowiterreichs gestürzt und durch ihnen genehme Satrapen ersetzt. Beispiele dafür sind die Niederschlagungen des ungarischen Aufstandes von 1956 und des Prager Frühlings von 1968. Ebenfalls Beispiel in dieser Reihe war die „befreiende“ und „befriedende“ Intervention in Kabul und Afghanistan 1979. In diesem Fall wurde zuerst der afghanische Machthaber Amin durch eine sowjetische Spezialeinheit liquidiert und anschliessend durch den Vasallen Babrak Karmal ersetzt. Gleichzeitig marschierte die 40. Armee der Sowjetunion ein und besetzte das Land. Anders als die früheren Eingriffe entfesselte diese Besetzung einen das ganze Land umfassenden Aufstand, der schliesslich die 40. Armee zum Rückzug zwang. Dieser Krieg und der Rückzug dürften den Zusammenbruch der UdSSR beschleunigt haben.

Entgegen der in Europa verbreiteten Meinung, dass nach 1991 Interventionen und Besetzungen dieser Art der Vergangenheit angehören würden, führte die russische Armee in der direkten Nachfolge der sowjetischen Armee 2008 eine Intervention in Georgien durch und besetzte beinahe das ganze Land. Nur durch den Druck der USA begnügte sich Moskau mit der Besetzung der georgischen Teilrepubliken Abchasien und Süd-Ossetien und rief deren „Unabhängigkeit“ aus. Trotz der russischen Intervention, die dem sowjetischen Vorbild folgte, wollten politische Auguren in Europa nicht zur Kenntnis nehmen, dass der russische Machthaber Putin die Politik der UdSSR beinahe linientreu fortsetzte. Aufruhr im nahen Ausland – eine andere Bezeichnung für Bruderländer – wollte Moskau nicht tolerieren. Diese Kopie des sowjetischen Vorbildes hätte niemand überraschen dürfen, hatte doch Putin pflichtgetreu Karriere im sowjetischen Geheimdienst KGB gemacht. Dank dem KGB-Netzwerk wurde er ins Präsidentenamt der Russischen Föderation gehievt, mit dem klaren Auftrag, die Folgen des Zerfalls der UdSSR wieder rückgängig zu machen. Sein bisher letztes Husarenstück war die Besetzung der Krim, dem nun der Einfall in die Ostukraine folgen könnte.

Alle diese Interventionen kopierten ein bekanntes Muster. Nach einer intensiven Diffamierung der Führung des aufbegehrenden „Bruderlandes“ über Diplomatie und Medien forderten Vertreter von auf Moskau hin orientierten Gruppen die UdSSR bzw. Russland offen um Hilfe und um den Einmarsch. Nach der Besetzung wurde die Satellisierung konsequent durchgesetzt und die Diffamierung der politischen Gegner über die Medien fortgesetzt. Die Opfer der sowjetischen bzw. russischen Gewalt wurden als Täter apostrophiert.

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