Nach dem Ende des Kalten Krieges nahm im Westen das Interesse an den russischen Streitkräften ab. Den Stand ihrer Ausrüstung und Bewaffnung beurteilte man als veraltet und irrelevant für das militärische Gleichgewicht in Europa. Lediglich das Potential der strategischen Nuklearwaffen Russlands wurde in militärischen Analysen noch ernst genommen. Die Bemühungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin um die Erneuerung und Modernisierung der russischen Streitkräfte blieben daher lange Zeit unbeachtet. Zum ersten Mal seit 1991 nahm die westliche Staatengemeinschaft 2008 im Krieg gegen Georgien die Angriffsbereitschaft der russischen Streitkräfte wahr. Bereits ein Jahr später war dieses Interesse wieder verschwunden. Nachdem man in den letzten Jahren den zunehmenden Anti-Amerikanismus Putins bemerkt hatte, wurde auch der Bereitschaftsstand der russischen Streitkräfte von Experten ernsthaft analysiert. Die Folge war die Erarbeitung verschiedener Studien. Einen hervorragenden Einblick in die russischen Streitkräfte vermittelt die Studie Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2013[1] des schwedischen Forschungsinstituts für Verteidigungsfragen (FOI), die von Hedenskog, J. und C.V. Pallin herausgegeben wurden und im Dezember 2013 erschienen sind. Schwedens exponierte Lage gegenüber den russischen Machtansprüchen im Baltikum dürfte zur Erarbeitung dieser Studie geführt haben. Angesichts von Putins Machtpolitik gegenüber der Ukraine wird diese Studie jetzt auch in militärischen Kreisen in den USA beachtet! Die folgenden Ausführungen beruhen auf dieser Studie.

Vier Militärbezirke

Aufgrund der Erfahrungen im Krieg gegen Georgien hat das russische Verteidigungsministerium Mitte 2010 die 6 Militärbezirke (MB) auf 4 reduziert und umorganisiert. Mit dieser Umorganisation will die Führung in Moskau den „Bedrohungsachsen“, mit denen Russland konfrontiert ist, militärisch begegnen. Für Russland sind der westliche, der östliche und der südliche Militärbezirk entscheidend. Der zentralasiatische Militärbezirk dient als Reserve für die anderen drei Bezirke. Im Westen ist Russland mit dem Gegner NATO konfrontiert, im Süden wird der Kaukasus durch Islamisten bedroht und im Osten muss sich Russland mit der militärisch aufsteigenden Macht Chinas befassen. In keinem russischen Bericht wird aber China explizit als Bedrohung bezeichnet.

Entsprechend den militärischen Herausforderungen hat Moskau 2010 in den Militärbezirken vier regionale Führungskommandos eingeführt. Aussagekräftig für die Beurteilung der Kampfkraft ist die Zahl der Mittel und Kampfeinheiten, die diesen vier Militärbezirken unterstellt sind. Der östliche Militärbezirk, der von Khabarovsk aus geführt wird, verfügt mit 25 Kampfbrigaden über die grösste Heereskampfkraft der vier Militärbezirke. Damit soll Russland in der Zukunft auf eine Herausforderung durch das chinesische Heer vorbereitet sein. Der westliche Militärbezirk mit dem Hauptquartier in St. Petersburg verfügt über 20 Brigaden. Der zentralasiatische Militärbezirk mit der Führung in Yekaterinburg verfügt über 18 Brigaden und der südliche Militärbezirk mit dem Hauptquartier in Rostov hat über 16 Brigaden.

Bei den ihm unterstellten Kampfflugzeugen ist der westliche Militärbezirk entsprechend dem Luftkriegspotential der NATO mit 200 Abfangjägern, 80 Jagdbombern, 10 Gefechtsfeld-kampfflugzeugen und 70 Kampfhelikoptern ausgerüstet und verfügt damit über die grösste Kampfkraft an Luftkriegsmitteln. Im Vergleich dazu hat der östliche Militärbezirk nur 110 Abfangjäger. Dafür hat dieser MB 90 Jagdbomber und 70 Gefechtsfeldkampfflugzeuge. Während die Kapazität der NATO für Luft-Boden-Angriffe als sehr hoch eingeschätzt wird, beurteilen die Russen die chinesische Angriffskapazität aus der Luft als viel schwächer. Dies ermöglicht es ihnen, für den Fall eines Krieges im Osten ein grösseres Potential für eigene Luftangriffe gegen Bodenziele einzuplanen.

Was die den Militärbezirken zugewiesenen Seestreitkräfte betrifft, so ist die Kampfkraft der Nordflotte im westlichen MB jener der Pazifikflotte im östlichen MB etwas überlegen. Dies trifft insbesondere für die Zahl der nuklearangetriebenen Angriffs-[2] und Marschflugkörper-U-Boote[3] zu. Offenbar sollen diese U-Boote der Nordflotte die Nachschublinien der NATO über den Atlantik im Fall eines Krieges nachhaltig stören bzw. unterbrechen.

Organisation, Strukturen und Bestand der Streitkräfte

Der Oberkommandierende der Streitkräfte ist der Präsident Russlands. Bei den Vorbereitungen und der Führung der Streitkräfte wird er durch den Verteidigungsminister und dessen Ministerium unterstützt. Die Militärbezirke und damit die Armeen führt der Präsident über den Generalstab. Die russischen Streitkräfte gliedern sich in die drei Teilstreitkräfte Heer, See- und Luftstreitkräfte. Diesen wiederum sind Waffengattungen unterstellt. Dem Generalstab direkt unterstellt sind die strategischen Raketenstreitkräfte, die Luftraumverteidigung und die Luftlandetruppen.

Das Heer verfügt einschliesslich der Wehrpflichtigen über 285’000 Mann. Der eigentliche Kampfverband des Heeres ist die Brigade mit einem Sollbestand von 2’700 Mann. Russland hat über 79 einsatzbereite Kampfbrigaden, davon sind 38 motorisierte Schützen- und Panzerbrigaden. Für weitere 14 (Reserve-)Brigaden sind Material und Waffen eingelagert. Ausserhalb des südlichen Militärbezirkes sind drei Brigaden in Nord-Ossetien, Abchasien, Armenien und eine Brigade ausserhalb des zentralasiatischen Militärbezirkes in Tajikistan stationiert. Im westlichen MB sind 2 Brigaden wieder zu Divisionen kampfwertgesteigert worden.

Zur Ausrüstung der Heeresbrigaden verfügt Russland über ein Arsenal, das teilweise noch aus der sowjetischen Zeit stammt aber zum Teil auch modernisiert worden ist. Dazu gehören 2’800 Kampfpanzer, 18’260 Kampfschützenpanzer und gepanzerte Transportfahrzeuge und 5’436 Artilleriegeschütze. In den Depots befinden sich weitere 18’000 Kampfpanzer, 15’500 Schützenpanzer und 21’695 Artilleriegeschütze.

Die Luftwaffe besteht aus 150’000 Mann und ist in Führung, zwei Einsatzkommandos (Langstreckenluftwaffe und Transportkommando) und vier territoriale Kommandos der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung, die den MB zugewiesen sind, organisiert. Der Luftverteidigung sind 44 Lenkwaffenregimenter und 18 Radarregimenter unterstellt, die wiederum in 13 Luftverteidigungsbrigaden organisiert sind. Die Fliegerkräfte sollen über 1’460 Kampfflugzeuge und 100 schwere Transportflugzeuge verfügen. Dazu existiert noch eine Flotte von 105 Mittelstreckenbombern Tu-22M3.

Die Marine verfügt über 130’000 Seeleute und ist in vier Flotten und eine Flottille gegliedert. Die baltische Flotte hat das Hauptquartier in Baltiisk ausserhalb Kaliningrads, das Hauptquartier der Nordflotte ist in Severomorsk nahe bei Murmansk, die Schwarzmeerflotte hat ihr Hauptquartier in Sevastopol, das Hauptquartier der pazifischen Flotte liegt in Vladivostok und die Flottille im Kaspischen Meer hat ihr Hauptquartier in Astrakhan. Dazu kommen noch die Luftstreitkräfte der Marine, die Marineinfanterie und die Truppen der Küstenverteidigung. Vorrang haben die Nordflotte und die pazifische Flotte mit ihren strategischen nuklearangetriebenen U-Booten[4] (SSBN).  Die Nordflotte ist primär für die Aufrechterhaltung des seegestützten Teils der nuklearstrategischen Triade zuständig. Die pazifische Flotte ist sowohl für die nuklearstrategische Komponente als auch für die Verteidigung der Häfen von Vladivostok und Petropavlovsk verantwortlich. Sowohl Nordflotte als auch pazifische Flotte verfügen neben den strategischen nuklearangetriebenen U-Booten auch über nuklearangetriebene Marschflugkörper (SSGN)- und Angriffs-U-Boote (SSN) sowie auch über dieselelektrische Angriffs-U-Boote[5]. Die Schwarzmeer- und die baltische Flotte und auch die kaspische Flottille haben die russischen Küsten zu schützen.

Die Luftlandetruppen sind für Luftlandungen und Einsätze hinter den feindlichen Linien vorgesehen. Deshalb sind die Luftlandetruppen im Frieden dem Verteidigungsminister und im Krieg direkt dem Oberkommandierenden unterstellt. Russland verfügt über die 98. Luftlandedivision in Ivanovo, die 106. Luftlandedivision in Tula, die 76. Luftangriffsdivision in Pskov, die 7. Gebirgsdivision in Novorossiisk und die autonom einsetzbare 31. Luftangriffsbrigade in Ulyanovsk. Das 45. Spezialkräfteregiment in Kubinka in der Nähe Moskaus bildet den Kern des neuen Kommandos Spezialkräfte. Zehn Prozent der Ausrüstung der Luftlandetruppen gelten als modern.

Die Luftraumverteidigung hat den Auftrag, alle Angriffe aus der Luft und dem Weltraum auf Russland durch Satelliten und bodengestützte Radars zu erfassen, die politische und militärische Führung zu warnen und Russland mit Abwehrmitteln vor Angriffen durch nuklearstrategische Waffen, ballistische Flugkörper und Marschflugkörper mit konventionellen Gefechtsköpfen zu schützen. Die Abwehrmittel umfassen 68 Boden-Luft-Lenkwaffen des Typs Gazelle, die mit nuklearen Gefechtsköpfen, und die Bataillone, die mit Boden-Luft-Lenkwaffen des Typ S-400 ausgerüstet sind.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt weisen die russischen Streitkräfte einen Bestand von 702’000 Mann auf. Davon sind 220’000 Offiziere, 186’000 Berufsleute (durch Kontrakte verpflichtete Soldaten) und 295’710 Wehrpflichtige. Den in Gang gesetzten Reformen entsprechend sollten die russischen Streitkräfte per 1. Januar 2017 einen Gesamtbestand von mindestens 915’000 Mann aufweisen. Davon wären 220’000 Offiziere, 425’000 Berufsleute und höhere Unteroffiziere und 270’000 Wehrpflichtige. Diese Planung ist mit zwei Problemen konfrontiert. Die russische Bevölkerung wird jedes Jahr um 1 Million kleiner und der Gesundheitszustand der potentiellen Wehrpflichtigen ist schlecht. Über 52 Prozent kämpfen mit gesundheitlichen Problemen. Die Tatsache, dass Studierende von der Wehrpflicht befreit sind, verkleinert den Bestand der potentiell rekrutierbaren Wehrpflichtigen. Das Ziel, eine Streitkraft von 1 Million Mann zu erreichen, könnte sich als Illusion erweisen.

Strategische und substrategische Nuklearwaffen

Wie die USA verfügt auch Russland über eine nuklearstrategische Triade. Diese umfasst die strategischen Raketenstreitkräfte, die strategischen nuklearangetriebenen U-Boote mit ballistischen Flugkörpern und die Bomberkräfte der Langstreckenluftwaffe. Neben den 1’800 einsatzbereiten Gefechtsköpfen der strategischen Nuklearwaffen hatte Russland im Januar 2013 noch ein weiteres Arsenal von 6’700 nuklearen Gefechtsköpfen. Zu diesen gehörten 700 Gefechtsköpfe von strategischen U-Booten, die überholt werden müssen, 2’000 Gefechtsköpfe der substrategischen Nuklearwaffen und 4’000 nukleare Gefechtsköpfe, die entsorgt werden sollten. Damit hatte Russland letztes Jahr ein Arsenal von insgesamt 8’500 nuklearen Gefechtsköpfen. Im Januar 2011 sollen es noch 11’000 nukleare Gefechtsköpfe gewesen sein. Insgesamt dienen 80’000 Mann in der nuklearstrategischen Triade.

Die strategischen Raketenstreitkräfte bilden mit den interkontinentalen ballistischen Flugkörpern[6] den Kern der nuklearstrategischen Waffen Russlands. Mit ihnen sollen nukleare Angriffe auf Russland abgeschreckt und Ziele im Feindgebiet vernichtet werden. Die Raketenkräfte gliedern sich in drei Raketenarmeen mit 12 Divisionen in silogestützten und strassenmobilen ICBMs. Diese sind mit insgesamt 700 nuklearen Wiedereintrittskörpern[7] bzw. Gefechtsköpfen unterschiedlicher Sprengkraft ausgerüstet. Die Sprengkraft reicht je nach Typ der Gefechtsköpfe von 100 bis 800 KT (Kilotonne TNT Energieäquivalent).

Die strategischen nuklearangetriebenen U-Boote der Nordflotte und der pazifischen Flotte mit ballistischen Flugkörpern[8] garantieren Russland die Vergeltungs- und damit Abschreckungsfähigkeit gegen einen US-geführten Erstschlag mit Nuklearwaffen. Kontinuierlich werden ältere Flugkörper durch die neuen Bulava-Flugkörper ersetzt. Auch die älteren strategischen nuklearangetriebenen U-Boote will Russland durch die neue Yuri Dolgorukii-Klasse ersetzen. Auf den 7 strategischen nuklearangetriebenen U-Booten hat die Russische Föderation 448 nukleare Gefechtsköpfe.

Die Bomber der Langstreckenluftwaffe, die auf zwei Stützpunkten stationiert sind, können sowohl für strategische und substrategische als auch für konventionelle Einsätze verwendet werden. Im Januar 2011 verfügte Russland über insgesamt 60 strategische Bomber der Typen Tu-95 und Tu-160. Diese können mit nuklearen Freifallbomben oder luftgestützten Marschluftkörpern ausgerüstet werden. 676 nukleare Gefechtsköpfe sind dafür verfügbar.

Über die substrategischen Nuklearwaffen gibt es nur wenige Informationen. Mit Ausnahme des südlichen MB sind in allen Militärbezirken Depots mit nuklearer Munition vorhanden. Die Anzahl dieser nuklearen Gefechtsköpfe wird auf insgesamt 2’000 geschätzt, wobei nur die Hälfte einsatzbereit sein dürfte. Davon dürften 340 Gefechtsköpfe für Boden-Luft-Lenkwaffen vorgesehen sein. Für die Langstreckenmarschflugkörper gegen Landziele dürften 96 Gefechtsköpfe und für die Marschflugkörper gegen Seeziele 44 Gefechtsköpfe verfügbar sein. Die ballistischen Flugkörper SS-21 Tochka und SS-21 Iskander des Kurzstreckenbereichs[9] können mit insgesamt 192 Gefechtsköpfen ausgerüstet werden. Dazu kommen noch nukleare Landminen. Schlussendlich kann Russland für den substrategischen Bereich insgesamt 340 bis 430 Mittelstreckenbomber Tu-22M3 und Jagdbomber Su-24M einsetzen. Für diese Kampfflugzeuge stehen 334 – 730  nukleare Gefechtsköpfe als Freifallbomben oder für Lenkwaffen bereit. Die Hälfte der Gefechtsköpfe des substrategischen Bereichs steht für Einsätze des westlichen Militärbezirks bereit.

Rüstungsindustrie und Rüstungsbeschaffung

Die Rüstungsindustrie ist seit jeher der Stolz des Landes gewesen und garantiert heute noch Russland die Rüstungsautonomie. Die Rüstungsbeschaffung wird durch einen Zehnjahresplan gesteuert. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gilt der Plan für die Periode von 2011 bis 2020. Die nächste Periode wird 2016 bis 2025 sein. Bis 2015 soll der Anteil der modernen Waffen und Ausrüstung am Gesamtbestand auf 30 Prozent und bis 2020 auf 70 Prozent anwachsen. Die Finanzierung soll gesichert sein.

Produktion und Absatz der 1’340 Rüstungsbetriebe werden im Gegensatz zum Westen nicht durch marktwirtschaftliche Grundsätze bestimmt. Zusammengefasst gilt die russische Rüstungsindustrie als die fünftgrösste in der Welt. Die Industrie ist allerdings mit einer Überalterung der Arbeitskräfte konfrontiert. Bis 2020 sollen 200’000 zusätzliche Ingenieure und Techniker ausgebildet werden. Gleichzeitig gelten viele Produktionsstätten als veraltet.

Die Beschaffung von Kampffahrzeugen und Kampfflugzeugen hat während der gesamten laufenden Periode eine hohe Priorität. Neue Kampfschützenpanzer und Panzer werden produziert und eingeführt. Der Kampfpanzer T-72B wird zum T-72BA aufgerüstet. Die Entwicklung und Einführung von Kampfflugzeugen der fünften Generation mit Stealth-Technologie, wie z. B. das Kampfflugzeug T-50 von KnAAPO, ist hochgefahren worden. Eine weitere Priorität hat die Produktion neuer Helikopter. Die Lieferung von Artilleriegeschützen soll ab 2016 gesteigert werden. Bis 2017 wird das Heer vollständig mit neuen Boden-Boden-Flugkörpern ausgerüstet sein. Auch die Entwicklung und Einführung neuer Lenkwaffen für die Abwehr ballistischer Flugkörper ist gesteigert worden. Die strategischen Raketenstreitkräfte sollen bis 2020 mit 100 bis 150 neuen ICBMs ausgerüstet sein. Zu diesem Zeitpunkt sollen für die russischen SSBNs 224 bis 250 neue SLBMs verfügbar sein.

Seit 2013 erlebt die russische Rüstungsindustrie einen neuen Aufschwung. Durch die Rüstungsbeschaffung werden bestehende Waffensysteme mit neuen Komponenten versehen. Gleichzeitig werden neue Systeme entwickelt und produziert. Russland will den technologischen Vorsprung der USA soweit als möglich einholen.

Militärisches Denken und Kriegsführung

In verschiedenen offiziell zugänglichen Dokumenten werden die Sicherheitspolitik, die Militärdoktrin und die Aussenpolitik Russlands beschrieben. Aus diesen Dokumenten können die Bedrohungsanalyse von Wladimir Putin und das militärische Denken in Russland beurteilt werden. Die russische Bedrohungsanalyse umfasst gemäss den Autoren der schwedischen Studie folgende Faktoren:

  • die Expansion der NATO
  • Systeme der NATO zur Abwehr ballistischer Flugkörper
  • regionale und lokale Kriege an den Grenzen Russlands
  • Terrorismus und Radikalismus

 

Diese Bedrohungsanalyse wird durch die geopolitische Sichtweise der russischen Führung bestimmt, die einem Nullsummenspiel „Wenn ihr gewinnt, verlieren wir!“ entspricht. Weitere Prämissen des militärischen Denkens in Russland sind die Forderungen nach einem starken Staat, einer starken Armee und einer starken orthodoxen Kirche. Dank dem Drang des russischen Volkes nach Einheit ist die russische Nation begründet worden.

Grundsätzlich sind das militärische Denken in Russland und damit der Einsatz der russischen Streitkräfte heute durch Anti-Amerikanismus geprägt. Die bisherigen Erfahrungen mit den USA und die Ausdehnung der NATO bis an die russischen Grenzen lieferten diesem ausgeprägten Anti-Amerikanismus Nahrung.

Entsprechend der sowjetischen Tradition wird auch in der Gegenwart über die Kunst des Krieges, die Führung zukünftiger Kriege und die Militärstrategie im Generalstab an der Militärakademie und in der militärischen Presse diskutiert. Die sowjetische Militärstrategie sei, so die schwedischen Autoren, immer noch weitgehend gültig. Eine Ablösung habe nicht stattgefunden. Die Militärstrategie beruhe immer noch auf der Verfügbarkeit von Nuklearwaffen. Dank diesen Waffen könne Russland immer noch

  • den Status einer globalen Grossmacht
  • die nuklearstrategische Parität mit den USA
  • eine strategische Abschreckungsfähigkeit für Russland und seine Alliierten
  • eine wirksame Verteidigungsfähigkeit

 

aufrechterhalten. Gleichzeitig hätten die russischen Militärdenker zur Kenntnis genommen, dass die Art des Krieges sich in den vergangen 20 Jahren verändert habe und dass die russischen Streitkräfte aufgrund des Zerfalls der UdSSR zahlenmässig kleiner geworden seien.

Die russische Militärdoktrin erwähnt vier verschiedene Arten von Kriegen:

  • Kriege grösseren Ausmasses
  • regionale Kriege
  • lokale Kriege
  • Scharmützel

 

Offenbar besteht aber unter den militärischen Denkern Uneinigkeit darüber, wie die russischen Streitkräfte gegenüber diesen verschiedenen Bedrohungen inskünftig organisiert und ausgerüstet werden sollten. Die einen befürworten kleine, bewegliche Verbände mit grosser Feuerkraft, andere, konventionelle Denker, wie der Armeegeneral Mahmut A. Garejew, treten für die Aufrechterhaltung grosser Panzerverbände ein.

Trotz Differenzen sind sich aber alle im Anti-Amerikanismus, der unter Putin noch verstärkt wurde, und bezüglich der Notwendigkeit, die russische Verteidigungsfähigkeit mit der Eurasischen Union zu verknüpfen, einig. Einig sind sich diese Denker auch darüber, dass Russland in der Zukunft vermehrt durch regionale Kriege herausgefordert werden könnte und die Streitkräfte auf diese Art des Krieges vorzubereiten sind.

Ausblick

Auch in der nahen Zukunft werden Russland und die russischen Streitkräfte mit den folgenden Problemen konfrontiert sein:

  • als Folge der schrumpfenden Bevölkerung wird das Potential an rekrutierungsfähigen Männern weiter abnehmen. Die Aufrechterhaltung einer Streitmacht von einer Million Soldaten könnte sich sehr bald als Illusion  erweisen;
  • auch in der Zukunft dürfte Russland, was seine Volkswirtschaft betrifft,ein reiner Rohstofflieferant bleiben. Das Wirtschaftswachstum des Landes wird weiterhin durch die Nachfrage nach Rohstoffen und deren Preisentwicklungen bestimmt sein. Schwankungen des Wirtschaftswachstums werden auch bei den Staatseinnahmen und –ausgaben zu Schwankungen führen. Deshalb besteht die Möglichkeit, dass die angestrebte Modernisierung und Aufrüstung der Streitkräfte langfristig scheitern könnte;
  • die Voraussetzung für schnelle Truppenverschiebungen zwischen den Militärbezirken wäre eine funktionsfähige Infrastruktur mit ausgebauten Strassen. Solche Strassen existieren ausserhalb der Agglomerationen nicht. Für den Ausbau seiner Infrastruktur müsste Russland riesige Summen einsetzen. Dies könnte aber nur zu Lasten der Modernisierung und Aufrüstung der Streitkräfte erfolgen.

Nachdem die USA in den vergangenen 20 Jahren beinahe alle ihre Streitkräfte aus Europa abgezogen, gleichzeitig in den unsinnigen Kriegen im Irak und Afghanistan über 3000 Milliarden verschleudert haben und die europäischen Staaten ihre Verteidigung auf ein Minimum abgerüstet haben, muss Russland trotz der erwähnten Probleme als die kampfstärkste Militärmacht in Kontinentaleuropa bezeichnet werden. Entsprechend seiner Traditionen und seiner Geschichte ist Russland in den vergangenen Jahren nicht einer sinnlosen Abrüstung verfallen, sondern hat unter Präsident Wladimir Putin im Gegenteil wieder aufgerüstet.

 


[1] Hedenskog, J. and C.V. Pallin (eds), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2013. FOI, FOI-R–3734—SE, December 2013.

[2] Nuklearangetriebenes Angriffs-U-Boot = SSN, Nuclear-Powered Attack Submarine(s)

[3] Nuklearangetriebenes U-Boot mit Marschflugkörpern = SSGN, Nuclear-Powered Cruise Missile Submarine(s)

[4] Nuklearangetriebenes U-Boot mit U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper = SSBN, Nuclear-Powered Ballistic Missile Submarine(s); U-Boot-gestützter ballistischer Flugkörper = SLBMs, Submarine-Launched Ballistic Missile(s)

[5] Dieselelektrisches Angriffs-U-Boot = SS, Diesel-Powered Attack Submarine(s)

[6] Interkontinentaler Ballistischer Flugkörper = ICBM, Inter-Continental Ballistic Missile(s), Reichweite über 5’500 km

[7] gewisse ICBM-Typen verfügen über mehrere gegen verschiedene Ziele einsetzbare Wiedereintrittskörper = MIRV(s), Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle(s)

[8] SLBMs, Submarine-Launched Ballistic Missile(s)

[9] Reichweite unter 500km

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