Mit seiner Quasi-Eroberung der Krim hat Putin in den Regierungskanzleien des Westens einen Sturm der Entrüstung entfacht. Diese Eroberung wird insbesondere in den USA, in Kanada, in Grossbritannien und in Frankreich verurteilt. Welche Ziele dürfte Putin mit der Eroberung der Krim verfolgen? Die Zustimmung der Duma und des russischen Oberhauses zu einem Truppeneinsatz zum Schutz der Russen auf der Krim und auch in der Ukraine lassen die wahren Ziele dieser militärischen Operation erkennen. Vordergründig sind die geopolitischen Folgen einer Übernahme der Krim durch Russland zu erkennen. Der Verlust der Krim bewirkt, dass die Ukraine den strategisch wichtigen Marinestützpunkt Sewastopol verliert und damit als Schwarzmeermacht bedeutungslos wird. Dies dürfte aber für Putin nur ein Zwischenziel sein, das übrigens die politischen Kosten amerikanischer Sanktionen nicht rechtfertigen dürfte. Putin wird deshalb weiterreichende Ziele verfolgen. Mit der Eroberung demonstriert er Kiew die politische, wirtschaftliche und strategische Abhängigkeit der Ukraine von den Absichten und Manövern Moskaus. Russland kann die Ukraine jederzeit zu einem Vasallenstaat degradieren.

Die Eroberung der Krim ist auch als Drohfinger Moskaus gegenüber Kiew und damit als erster Schritt zur definitiven Unterwerfung der Ukraine zu beurteilen. Gibt Kiew den Forderungen von Moskau nicht nach, dann kann Putin für den angeblichen Schutz der Russen in Charkow und im Donezk-Becken seine Truppen in die östliche Ukraine eimarschieren lassen. Die heute in Kiew Regierenden sind nicht in der Lage, gegenüber einem russischen Vorstoss militärisch Widerstand leisten zu können. Das eigentliche Ziel Putins dürfte deshalb die endgültige Unterwerfung der Ukraine unter den russischen Machtbereich sein.

Bereits heute beschränken sich die USA und einzelne europäische Staaten auf verbale Verurteilungen Moskaus. Die Weltmacht USA wie auch ihre engsten Alliierten in Europa können dem rücksichtslosen Vorgehen Putins, das durch die geopolitischen und -strategischen Ziele Russlands bestimmt wird, ähnlich wie 1956 beim Einmarsch der UdSSR in Ungarn und 1968 beim Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei nur tatenlos zusehen. Den USA fehlen in Europa die notwendigen Bodentruppen und auch die operativen Einsatzpläne, um auf die russischen Manöver reagieren und entgegnen zu können. Dazu kommt noch, dass beinahe alle NATO-Staaten in den letzten 10 Jahren militärisch abgerüstet haben. Militärische Ohnmacht bestimmt das Verhalten der USA und der NATO gegenüber der Aggression des russischen Bären. Für jeden sichtbar haben aber in dieser Zeit die russischen Streitkräfte unter Putin eine Aufrüstung und Erneuerung erfahren. Nach Jahrzehnten der politischen und wirtschaftlichen Demütigung ist Russland wieder zur stärksten kontinentalen Militärmacht in Europa geworden und damit bereit für weitere Expansionen in Richtung Baltikum und Südeuropa. Der eigentliche Verlierer in diesem geopolitischen Spiel um Europa dürfte aber Deutschland sein. Während Jahren setzten die Regierenden in Berlin auf eine einvernehmliche Zusammenarbeit mit Moskau mit dem Ziel, Mittel- und Osteuropa im Sinne einer Wiederaufnahme des Rapallovertrages vom 16. April 1922 in deutsche und russische Einflusszonen aufzuteilen.