Nuklearmacht Israel

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt existiert im Mittleren Osten eine einzige Nuklearmacht, Israel. Gemäss amerikanischen Berichten besitzt das Land bis zu 300 nukleare Gefechtsköpfe. Diese Gefechtsköpfe können durch drei verschiedene Arten von Waffenträgern eingesetzt werden. Damit verfügt Israel wie die USA und Russland über eine nuklearstrategische TRIADE.

Die wichtigsten Trägersysteme sind die ballistischen Boden-Boden-Flugkörper Jericho 1, 2 und 3. Die Werfer dieser Flugkörper sind mobil und weisen eine Einsatzreichweite von 2‘900 bis 4‘800 km auf.[1]  Als zweite Trägerkategorie für den Einsatz nuklearer Gefechtsköpfe hat Israel 5 dieselelektrische U-Boote der Dolphin-Klasse, die aus Deutschland stammen. Ein sechstes U-Boot sollte bald geliefert werden. Israel dürfte diese modernen U-Boote mit seegestützten Marschflugkörpern ausgerüstet haben. Vermutlich patrouillieren diese U-Boote im Mittelmeer, im Arabischen Meer und im Golf von Oman. Der luftgestützte Arm der israelischen TRIADE besteht aus 99 Kampfflugzeugen des Typ F-16I Sufa.[2]

Israel ist mit den USA und Russland auch die einzige Nuklearmacht auf dieser Welt, die nicht nur über nukleare Offensivwaffen, sondern auch über ein wirksames System für die Abwehr gegnerischer Offensivwaffen verfügt. Israel hat 3 Batterien der mobilen zweistufigen Boden-Luft-Lenkwaffen Arrow 1 und Arrow 2, 6 Batterien des Abwehrsystems Iron Dome, 17 Batterien der Lenkwaffen MIM-23B I-HAWK und 6 Batterien der Lenkwaffen MIM-104 Patriot.[3] Mit den Arrow-Lenkwaffen können angreifende ballistische Kurz- und Mittelstreckenflugkörper auf einer Höhe von mehr als 50 km abgefangen werden. Iron Dome dient der Abwehr taktischer Artillerieflugkörper mit einer Reichweite von 5 bis 70 km.

Iranische Ambitionen

Der einzige Staat, der im Mittleren Osten neben der Nuklearmacht Israel nukleare Ambitionen haben dürfte, ist die Islamische Republik Iran. Sichtbarer Ausdruck dieser Ambitionen ist das iranische Programm zur Entwicklung ballistischer Boden-Boden-Flugkörper. Verschiedene der iranischen Flugkörpertypen beruhen auf der Weiterentwicklung des einstufigen SCUD-B-Flugkörpers der UdSSR, der zur Zeit des Kalten Krieges eine Reichweite von bis zu 280 km aufwies. Die SCUDs konnten damals mit nuklearen, chemischen und konventionellen Gefechtsköpfen ausgerüstet werden. Gemäss dem Strategischen Institut in London verfügt der Iran über verschiedene ballistische Flugkörper des Kurz (bis 1000 km)- und Mittelstreckenbereichs (1000-2400 km), die durch die Revolutionsgarden kontrolliert werden[4]:

12 Werfer für die Shahab-3/Ghadr-110-Flugkörper; einige Sajjil-2, die in Entwicklung sind.

Die folgenden Flugkörper decken den Kurzstreckenbereich (100-500 km) ab:

Verschiedene Werfer für die Fateh A-110-Flugörper, 12-18 Werfer für die 200-300 Shahab- 1/2-Flugkörper.

Auch die reguläre Armee des Iran verfügt über ballistische Flugkörper für den (taktischen) Kurzstreckenbereich (bis 500 km)[5]:

30 Werfer für 175 CSS-8-Flugkörper. Dazu bestehen noch die Flugkörper Shahin-1, Shahin-2, Nazeat, Oghab.

Über die Reichweite und den Entwicklungsstand der iranischen Flugkörper existieren verschiedene Angaben. George C. Marshall und Claremont Institutes führen für einsatzfähige und in Entwicklung stehende Boden-Boden-Flugkörper im Kurz-, Mittelstreckenbereich und  interkontinentalen Bereich des Iran[6]  u.a. folgende Daten auf[7]:

Typ                           Reichweite                        Ladung                                      Status

Fateh A-110             200-210 km                     1 Gefechtskopf, 500 kg             einsatzfähig

Ghadr-110                1950 km                          1 Gefechtskopf, 800 kg             unbekannt

M-11 Variant           290 km                             1 Gefechtskopf, 490 kg             unbekannt

M-9 Variant             800 km                             1 Gefechtskopf, 320 kg            unbekannt

Musudan(BM-25)   2500-4000 km                   1 Gefechtskopf, 1200 kg           unbekannt

R-11/-17                   190 km                            1 Gefechtskopf, 600 kg einsatzfähig

(SCUD-A/B/C/D)

SCUD-B Variant      300 km                            1 Gefechtskopf                         einsatzfähig

(Hwasong 5)

Sajjil-1/2/3                2000 km                          1 Gefechtskopf, 500-1500 kg   einsatzfähig?

Shahab-1                  300 km                            1 Gefechtskopf, 985 kg             einsatzfähig

Shahab-2                  500 km                            1 Gefechtskopf, 770 kg             einsatzfähig

(SCUD-C Variant)

Shahab-3                  1300 km                          1 Gefechtskopf, 1200 kg           einsatzfähig

Shahab-3 Variant      1500-2500 km                 1 Gefechtskopf, 800 kg             einsatzfähig

Shahab-4                  2000-4000 km                                                                    einsatzfähig?

Shahab-5                  4000 km+                        1 Gefechtskopf                          in Entwicklung

Shahab-6                  6000 km+                        1 Gefechtskopf                          in Entwicklung

Zelzal-1/2/3              125/200/150-400km        1 Gefechtskopf                          einsatzfähig

Tondar 69                                                         1 Gefechtskopf                         ?

 

Die Werfer verschiedener Flugkörper sind, wie z.B. die für die Shahab-3, mobil. Mit diesem Flugkörpertyp können bereits heute Ziele in Israel abgedeckt werden. Allerdings wird deren Zielgenauigkeit als ungenügend beurteilt. So soll der Shahab-3-Flugkörper für die maximale Reichweite von 1300 km eine 50-prozentige Zielabweichung von 2.4135 km aufweisen[8]. Selbst mit einem nuklearen Gefechtskopf könnte ein Shahab-3-Flugkörper aufgrund dieser Zielungenauigkeit keine stark verbunkerten Ziele wie die Silos ballistischer Flugkörper zerstören. Mit dieser Ungenauigkeit könnten nur nichtgehärtete Flieger- und Seestützpunkte oder Städte und Industriezentren durch sogenannte Countervalue-Schläge vernichtet werden.

Nicht nur über den Stand der Entwicklung der iranischen Flugkörper wird in Fachpublikationen spekuliert, sondern auch über das Programm des Iran betreffend der Produktion nuklearer Gefechtsköpfe. Die folgende nukleare Infrastruktur ist bekannt[9]:

der Kernreaktor Busher

die Forschungsreaktoren bei Isfahan und Teheran

geplante Produktionsstätte für Schweres Wasser bei Arak

Anreicherung von Uran Natanz

Yazd Uranminen

Nach der Störung der Leittechnik der iranischen Urananreicherungsanlagen in Natanz durch die amerikanischen und israelischen Geheimdienste mit dem Computerwurm Stuxnet 2010 und der Tötung verschiedener iranischer Kernphysiker durch den Mossad dürfte die Realisierung des iranischen Kernwaffenprogramms um Jahre verzögert sein. Neben dem Zustand der Volkswirtschaft des Iran könnten diese erfolgreichen Aktionen ein Grund dafür sein, warum die Regierung von Präsident Rouhani Verhandlungsgespräche über das iranische Nuklearprogramm aufgenommen hat.

Ein nuklearer Rüstungswettlauf im Mittleren Osten?

Welche Auswirkungen hätte eine iranische Aufrüstung mit Nuklearwaffen im Mittleren Osten? Mitglieder der saudischen Königsfamilie haben bereits mit einer eigenen nuklearen Aufrüstung gedroht:

„Saudi King Abdullah stated, ‚If Iran developed nuclear weapons … everyone in the region would do the same.‘ A similar statement was made by Prince Turki al-Faisal, former head of Saudi Arabia’s General Intelligence Directorate. In 2012, a senior Saudi source declared, ‘There is no intention currently to pursue a unilateral military nuclear program but the dynamics will change immediately if the Iranians develop their own nuclear capability ….politically, it would be completely unacceptable to have Iran with a nuclear capability and not the kingdom.’“[10]

Diese Aussagen weisen darauf hin, dass bei einer iranischen Aufrüstung auch Saudi-Arabien Nuklearwaffen erwerben würde. In diesem Fall könnte das Königreich direkt von Pakistan solche Waffen kaufen oder pakistanische Nuklearwaffen auf seinem Territorium stationieren, wobei die Saudis die Einsatzkontrolle über diese Nuklearwaffen de facto behalten würden.

Denkbar ist auch, dass weitere Staaten im Mittleren Osten Nuklearwaffen als Reaktion auf das iranische Nuklearpotential erwerben würden. Kandidaten dafür wären die Türkei und Ägypten.[11] Ein solcher nuklearer Rüstungswettlauf wäre das Ende der nuklearen Nonproliferation in der Welt.

Die nukleare Abschreckungsstrategie

Welche Strategie würden diese Nuklearmächte mit ihren Arsenalen verfolgen? Wäre für diese Staaten auch die Abschreckungsstrategie Russlands und der USA massgebend? Das Ziel der Abschreckung, das dieser Strategie zugrunde liegt, ist in vielen Publikationen der 60er und 70er Jahre eingehend erläutert worden. So zitieren Albert Legault und Georg Lindsey in ihrem Werk „Dynamik des nuklearen Gleichgewichts“ den französischen Vordenker Claude Delmas:

„ … der die Politik der Abschreckung erklärt als den Versuch, den Krieg nicht zu führen, sondern ihn zu verhindern, indem man jedem Angreifer Vergeltungen androht, die ihm mehr Schaden bringen, als ihm sein Griff zur Gewalt gewinnen kann.“[12]

Die beiden Autoren zitieren auch den in den 60er Jahren bekannten Spieltheoretiker Thomas Schelling:

„Die erste Strategie (Bemerkung: die Strategie der Abschreckung [deterrence]) soll den Gegner davon abschrecken, dem anderen seinen Willen aufzuzwingen …“[13]

Auch über die Glaubwürdigkeit der angedrohten Vergeltung, die die Grundlage der Abschreckung mit Nuklearwaffen ist, ist viel publiziert worden. So zitieren die beiden Autoren Clark M. Clifford, US-Verteidigungsminister von 1969, wie folgt:

„Obwohl in die Analyse für die Anforderungen bezüglich unserer strategischen Streitkräfte die Zahlen der sowjetischen und amerikanischen Gefechtsköpfe, Trägersysteme, Megatonnen und viele sonstige Faktoren eingehen, ist doch das vernünftige Mass für die Wirksamkeit dieser Streitkräfte ihre Fähigkeit zur ‚Gesicherten Zerstörung‘ (‚Assured Destruction‘), ihre Fähigkeit, selbst nach dem Ertragen eines wohlkoordinierten Überraschungsangriffs dem Angreifer einen unannehmbaren Schaden zuzufügen… “[14]

Die Logik der Abschreckung mit Nuklearwaffen bestand und besteht für die Grossmächte immer noch darin, nach einem ersten Schlag mit (strategischen bzw. interkontinentalen) Nuklearwaffen gegen das eigene Nukleararsenal einen Gegenschlag und damit Zweitschlag mit den übriggebliebenen Nuklearwaffen gegen die Industrie- und Wirtschaftszentren des Gegners mit gewaltigen Zerstörungswirkungen führen zu können. Diese Abschreckungsstrategie wird aufgrund des angestrebten Mechanismus als Mutual Assured Destruction (MAD) bezeichnet.

Der US-Verteidigungsminister der Kennedy- und Johnson-Administrationen, Robert S. McNamara, hat 1967 die angestrebte Wirkung des Gegenschlages definiert:

„ … unsere Fähigkeit, einen Angreifer als lebensfähige Nation des zwanzigsten Jahrhunderts zu zerstören, ist es, was die Abschreckung bewirkt, … Welche Art und welches Mass an Zerstörung wir einem Angreifer zufügen können müssten, um diese Abschreckung zu bewirken, lässt sich nicht exakt sagen. Es erscheint jedoch vernünftig anzunehmen, dass im Falle der Sowjetunion die Vernichtung von sagen wir einem Fünftel bis einem Viertel der Bevölkerung und der Hälfte bis zwei Dritteln des Industriepotentials bedeuten würde, dass sie als Grossmacht für viele Jahre ausgeschaltet ist … “[15]

Der hypothetische Mechanismus von Erst- und Zeitschlag und das durch McNamara definierte Vernichtungsziel des Zweitschlages haben bis heute die Glaubwürdigkeit der Abschreckung mit Nuklearwaffen zwischen den Grossmächten bestimmt.

Ein Krieg mit Nuklearwaffen im Mittleren Osten?

Wie bereits erwähnt, es ist denkbar, dass im Mittleren Osten neben Israel der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei und vielleicht sogar Ägypten in der Zukunft zu Nuklearmächten werden könnten. Würden diese Staaten Planung und Einsatz ihrer Nukleararsenale auch auf die MAD-Strategie ausrichten? Verschiedene Faktoren dürften allerdings die Umsetzung der MAD-Strategie im Mittleren Osten behindern:

Zwischen den einzelnen Staaten bestehen echte Feindschaften und Rivalitäten. Dies trifft insbesondere für den Iran und Saudi-Arabien zu. Die Politik dieser beiden Staaten wird durch den religiösen Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten und durch die während Jahrhunderten andauernde Feindschaft zwischen Arabern und Persern bestimmt.

Die Reichweite zwischen den erwähnten Staaten ist entweder sehr klein oder inexistent. Israel und Ägypten sind Nachbarstaaten. Gleiches gilt für den Iran, die Türkei und Saudi-Arabien. Die eigentlichen Territorien der USA und der früheren Sowjetunion (trifft auch auf Russland zu) wurden durch Ozeane und Meere getrennt.

Als Folge der kurzen Reichweite zwischen den einzelnen Staaten würden die ballistischen Flugkörper dieser Staaten eine gestreckte und nicht eine klassische ballistische Flugbahn ausführen.

Wegen der Reichweite und der gestreckten Flugbahn wäre die Vorwarnzeit gegenüber einem gegnerischen Angriff minim. Während für die UdSSR und USA mit einer Vorwarnzeit von 20 bis 25 Minuten gerechnet wurde, könnten es im Mittleren Osten weniger als 5 Minuten sein. Dies bedeutet, dass die Nukleararsenale dieser Staaten in einer ständigen Einsatzbereitschaft, einem sogenannten „launch-on-warning“, sein müssten. Dazu müsste die Einsatzkompetenz auf eine sehr tiefe Kommandoebene delegiert werden.[16]

Keiner dieser Staaten könnte die Folgen eines gegnerischen Erstschlages abwarten, sondern würde bereits beim kleinsten Verdacht eines möglichen Angriffes zuschlagen.

Wegen der Zielungenauigkeit ihrer ballistischen Boden-Boden-Flugkörper könnten diese Nuklearmächte nur Countervalue-Schläge ausführen.

Die multipolare Feindschaft zwischen den verschiedenen Staaten würde grundsätzlich die Durchsetzung der Rationalität einer gegenseitigen Abschreckung verunmöglichen.

Sollten neben Israel die erwähnten Staaten wirklich nuklear aufrüsten, so müsste man damit rechnen, dass aufgrund der aufgeführten Faktoren im Mittleren Osten eine sehr instabile Lage entsteht und dass das gegenseitige Misstrauen einen nuklearen Rüstungswettlauf auslösen könnte. Je mehr Nuklearwaffen aber diese Staaten erwerben würden, umso tiefer könnte die Schwelle der Bereitschaft für die Auslösung eines Nuklearkrieges werden. Ein Nuklearkrieg könnte knapp 70 Jahre nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki wieder Wirklichkeit werden.


[1] Krepinevich, A.F. (2013). Critical Mass, Nuclear Proliferation in the Middle East. CSBA, Center for Strategic and Budgetary Assessments. Washington, DC., S. 28ff.

[2] The Military Balance 2014. The International Institute for Strategic Studies. London, S. 326.

[3] The Military Balance 2014, S. 324.

[4] The Military Balance 2014, S. 320.

[5] The Military Balance 2014, S. 319.

[6] Stahel, A.A. (1983). USA – UdSSR Nuklearkrieg? Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982. Verlag Huber, Frauenfeld, S. 136. Flugkörper mit einer Reichweite von mehr als 5’500 km werden zu den Interkontinentalen Ballistischen Flugkörper (ICBM, Intercontinental Ballistic Missile(s)) gerechnet.

[7] George C. Marshall and Claremont Institutes, Missile Threat. http://missilesthreat.com/missiles-of-the world/02.03.2014.  

[8] Krepinevich, A.F., S. 26.

[9] http://israelinsight.com/?p=567 / 02.03.2014

[10] Krepinevich, A.F., S. 33.

[11] Krepinevich, A.F., S. 34.

[12] Legault, A., und G. Lindsey (1973). Dynamik des nuklearen Gleichgewichts. Aus dem Englischen übersetzt durch Dieter Kalix. Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. Bonn, Band 10. Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am Main, S. 93.

[13] Legault, A., und G. Lindsey, S. 95.

[14] Legault, A., und G. Lindsey, S. 105.

[15] Legault, A., und G. Lindsey, S. 114/115.

[16] Krepinevich, A.F., S. 54.

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