Die USA waren der erste Staat, der Nuklearwaffen entwickelt und auch eingesetzt hat. Am 6. August 1945 wurde die Uran-Bombe Little Boy (13.5 Kilotonnen TNT Energieäquivalent) über der japanischen Stadt Hiroshima und am 9. August 1945 die Plutonium-Bombe Fat Man (22 Kilotonnen TNT) auf die japanische Stadt Nagasaki abgeworfen.[1] Die beiden Einsätze führten unmittelbar zu 120‘000 bis 140‘000 Toten. Anschliessend starben während Jahren Tausende an Strahlenkrankheiten und Krebsfolgen.

Nukleare Gefechtsköpfe

Zwischen 1945 und 1990 entwickelten die USA mehr als 70‘000 nukleare Gefechtsköpfe mit verschiedener Sprengkraft. Diese reichten von 0.01 Kilotonnen TNT Energieäquivalent[2] – der Gefechtskopf der ungesteuerten Lenkwaffe Davy Crockett[3] – bis zu den 25 Megatonnen TNT der Freifallbombe B41. Die USA haben von 1940 bis 1996 für die Entwicklung dieser nuklearen Gefechtsköpfen und ihrer Trägersysteme im heutigen Wert 8‘660 Milliarden Dollar ausgegeben.[4] Für die Beseitigung der Umwelt- und Strahlenbelastungen haben die USA bis heute 543 Milliarden Dollar eingesetzt. Für die Aufrechterhaltung ihrer Gefechtsköpfe haben die USA zwischen dem 16. Juli 1945 und dem 23. September 1992 – ausgenommen die Phase des Moratoriums vom November 1958 bis September 1961 – 1‘054 nukleare Tests ausgeführt. Davon fanden 100 im Pazifik, über 900 im Testzentrum von Nevada und zehn an anderen Orten in den USA statt. Bis November 1962 erfolgte der grösste Teil dieser Tests in der Atmosphäre. Seit der Unterzeichnung des Partial Test Ban Treaty durch Präsident Kennedy am 7. Oktober 1963 verlegte man diese in den Untergrund.[5]

Die TRIADE

Beinahe parallel zur Produktion der nuklearen Gefechtsköpfe wurden drei verschiedene Arten von Trägersystemen entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügten die USA über eine Flotte an B-29 Bombern. Am 22. März 1946 wurde diese Bomberflotte dem neu gegründeten Strategic Air Command (SAC) unterstellt.[6] 1948 wurde dem SAC der erste schwere Bomber B-36 Peacemaker (Aktionsradius 4450 km, max., Reichweite 17518 km) zugewiesen.[7] Dazu kam noch der Mittelstreckenbomber B-50, eine verbesserte Version des B-29. Ab Mitte der 50er Jahre wurden die B-36 durch die achtstrahligen B-52 Stratofortress (max. Reichweite 9900 km) schrittweise abgelöst.[8]

Mit Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Bomberflotte durch interkontinentale ballistische Flugkörper (ICBM, Inter-Continental Ballistic Missile[s]) ergänzt. Die ersten ICBMs wurden durch flüssige Treibstoffe angetrieben und ihre Rampen waren offen aufgestellt.[9] Ab Mitte der 60er Jahre wurden diese Waffensysteme durch in Silos verbunkerte ICBMs abgelöst. Die Mehrheit dieser ballistischen Lenkwaffen erhielt Raketenmotoren mit festem Treibstoff.[10]

Beinahe gleichzeitig mit den ICBMs wurden die U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper (SLBM, Submarine-Launched Ballistic Missile[s]) eingeführt. Innert kürzester Zeit wurden als Träger für diese Lenkwaffen SSBN-U-Boote (Nuclear-Powered Ballistic Missile Submarine[s]) entwickelt. Diese U-Boote konnten von da an die SLBM im getauchten Zustand abfeuern. Durch den Antrieb mit Kernreaktoren waren jetzt Kreuzfahrten von 3 bis 6 Monaten möglich.[11] Seit Beginn der 70er Jahre wurden die ICBMs und SLBMs mit der MIRV-Technologie (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle[s]) ausgerüstet.[12] Damit wies jeder Flugkörper mehrere Wiedereintrittskörper auf, deren Gefechtsköpfe gegen verschiedene Ziele eingesetzt werden konnten.

Das Nuklearsenal bestehend aus den schweren Bombern, den interkontinentalen und den U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern bildete von da an die nuklearstrategische TRIADE und wurde somit das Instrumentarium der Nuklearstrategie der USA.[13] Im Verlaufe der Weiterentwicklung der einzelnen Waffensysteme wurden die SLBMs aufgrund ihrer Überlebensfähigkeit in einem Nuklearkrieg zunehmend zum wichtigsten Teil der Triade.[14]

Nuklearstrategie

Nach wie vor beruht die Nuklearstrategie der USA auf der Triade der drei Waffenkategorien. Eine ICBM hat eine Reichweite von 10‘000 km, eine SLBM eine Reichweite von 12‘000 km und die schweren Bomber aufgrund der Luftbetankung eine unbeschränkte Reichweite.[15] 2010 verfügten die USA über ein Arsenal von insgesamt 5‘113 nuklearen Gefechtsköpfen, die entweder aktiv einsatzbereit, in der aktiven Reserve oder inaktiv waren.[16] Am 8. April 2010 unterschrieb Präsident Obama zusammen mit dem damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew einen neuen Abrüstungsvertrag (New START) mit dem Ziel, die Zahl der aktiv einsatzbereiten nuklearen Gefechtsköpfe für den nuklearstrategischen Bereich von 2‘200 auf 1‘550 zu reduzieren.[17] Zu diesem Zeitpunkt verfügten die USA als Trägermittel der 2‘200 nuklearen Gefechtsköpfe über 450 einsatzbereite ICBM, über 288 SLBM und über 113 schwere Bomber. Damit hatten die USA eine Triade von 851 nuklearstrategischen Waffensystemen.[18] Aufgrund des neuen Vertrages soll vor allem die Zahl der ICBM und der Bomber reduziert werden. Damit werden die SLBM automatisch zum Schwerpunkt der amerikanischen Triade werden. Dies ist auch verständlich, können doch diese U-Boote beinahe nicht geortet werden und gelten als ein sicheres Mittel der amerikanischen Nuklearstrategie.

Durch welche Strategie wird die Aufrechterhaltung dieses nuklearen Arsenals und der dazugehörigen Träger bestimmt? Im Prinzip ist immer noch die Mitte der 60er Jahre vom damaligen US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara postulierte MAD-Strategie (Mutual Assured Destruction) für die Stabilität der nuklearen Abschreckung zwischen Nuklearmächten bestimmend. Die eigenen Nuklearwaffen sollen soweit als möglich überlebensfähig sein, damit nach einem gegnerischen nuklearen Erstschlag auf die eigenen Waffen die übrig gebliebenen Waffen gegen den Gegner und seine Industrie einen zerstörerischen Zweitschlag ausführen können. Wörtlich stellte McNamara dazu im Jahr 1967 vor dem Senatsausschuss für Verteidigungsfragen fest:

            „…unsere Fähigkeit, einen Angreifer als lebensfähige Nation des zwanzigsten Jahrhunderts zu zerstören, ist es, was die Abschreckung bewirkt, nicht unsere Fähigkeit, den Schaden für uns selbst zum Teil zu begrenzen. Welche Art und welches Mass an Zerstörung wir einem Angreifer zufügen können müssten, um die Abschreckung zu bewirken, lässt sich nicht exakt sagen. Es erscheint jedoch vernünftig anzunehmen, dass im Falle der Sowjetunion die Vernichtung von sagen wir einem Fünftel bis einem Viertel der Bevölkerung und der Hälfte bis zwei Drittel des Industriepotentials bedeuten würde, dass sie als Grossmacht für viele Jahre ausgeschaltet ist …“[19]

Modernisierung versus Abrüstung

Während in der Vergangenheit der Zustand der nuklearen Gefechtsköpfe immer wieder überprüft wurde und sie modernisiert wurden, stammen die Träger noch weitgehend aus der Zeit des Kalten Krieges. Deshalb ist nun die Obama-Administration mit einer Erneuerung der Träger der nuklearstrategischen Triade konfrontiert. Dazu gehören die Entwicklung eines neuen bemannten Bombers, der die bisherigen B-2A ergänzen sollte, neue SSBN-U-Boote, die die Boote der Ohio-Klasse ersetzen würden und die Prüfung von Optionen für die Ablösung der ICBMs Minuteman III.[20] Bezüglich dieses Modernisierungsprogramms stellen sich zum heutigen Zeitpunkt mehrere Fragen:

  • Sollen die USA weiterhin an der Aufrechterhaltung der Triade festhalten?
  • Sollen die USA das gesamte Arsenal ihrer immer älter werdenden Nuklearwaffen überhaupt aufrechterhalten?
  • Sollen die USA eine weitere nukleare Abrüstung angesichts der Notwendigkeit, die Rivalen von einem Krieg abzuschrecken und gleichzeitig Staaten, die Nuklearwaffen beschaffen möchten, durch Druck von einem solchen Schritt abzuhalten, in Angriff nehmen?

 

In Anbetracht der zum gegenwärtigen Zeitpunkt herrschenden entspannten Lage zwischen Russland und den USA könnte Washington sicher die strategische Stabilität der Abschreckung gegenüber Moskau mit weniger nuklearen Gefechtsköpfen aufrechterhalten. Die USA sind aber aufgrund ihrer verschiedenen Bündnisverpflichtungen zu einer Extended Deterrence gegenüber diesen Staaten verpflichtet. Diese Extended Deterrence kann nur durch einen wirksamen und glaubwürdigen Bestand an amerikanischen Nuklearwaffen aufrechterhalten werden. Wird dieser Bestand zu sehr reduziert, dann könnten die Alliierten an der Glaubwürdigkeit der Extended Deterrence zweifeln und deshalb sogar selbst nuklear aufrüsten. Gleichzeitig könnten die Rivalen die amerikanische Abrüstung als eine Window of Opportunity beurteilen und durch eigene nukleare Aufrüstung Parität mit den USA erreichen wollen. Am Ende einer solchen Entwicklung wären die USA mit einer multipolaren Welt konfrontiert, in der sich mehrere gleichwertige Nuklearmächte gegenüberstünden. Eine solche instabile Situation würde die Bildung von Allianzen zwischen den Nuklearmächten provozieren.

Die Zukunft zwischen Scylla und Charybdis

Am Ende bleibt den USA aus Spargründen bei den Verteidigungsausgaben nichts anderes übrig als ihr Arsenal massvoll zu verkleinern, aber zwecks Abschreckung von Herausforderern müssen sie dieses Arsenal gleichzeitig modernisieren. Dazu gehören insbesondere die Entwicklung und die Beschaffung neuer SSBN-U-Boote. Die SLBM sind in der Gegenwart jene Systeme, die gegenüber nuklearen Angriffen am überlebensfähigsten sind. Der Verzicht auf diese Modernisierung würde die Zweitschlagfähigkeit der USA langfristig mindern.[21]

Die Entwicklung und Indienststellung eines neuen schweren Bombers (LRS-B, Long-Range Strike Bomber) als Ergänzung zu den B-2A drängt sich vor allem auch für konventionelle Einsätze im Rahmen des operativen Konzeptes AirSea Battle, das früher oder später zum Einsatz gegen China gelangen könnte. Für die Einsatzfähigkeit der Bomberflotte müssen auch die alten nuklearen Freifallbomben und die Marschflugkörper ersetzt werden.

Was die ICBMs betrifft, so werden die USA wohl oder übel die verfügbaren Minuteman III modernisieren müssen.[22]

Aufgrund dieser Überlegungen ist in der Zukunft seitens der USA mit Abrüstungsschritten bei den strategischen Nuklearwaffen zu rechnen. Gleichzeitig werden die USA aber mit der Aufrechterhaltung der Stabilität der strategischen Abschreckung gegenüber nuklearen Herausforderern konfrontiert sein. Des Weiteren werden sie regionale Mächte von Kriegen abschrecken und andere Staaten vom Erwerb von Nuklearwaffen abhalten müssen. Eine Aufgabe des geschilderten Modernisierungsprogramms würde dies alles verunmöglichen. Dazu käme noch die Tatsache, dass bei einer Sistierung der Modernisierung die materiellen und personellen Voraussetzungen für die Produktion von nuklearen Gefechtsköpfen abnehmen würden.

Die USA stehen jetzt nuklearstrategisch zwischen Scylla und Charybdis. Der Inangriffnahme der geschilderten Modernisierung ihrer Nuklearwaffen können sie nicht länger ausweichen, ausser sie wären bereit, auf ihre Weltmachtstellung zu verzichten. Ob eine Welt ohne das weitere Bestehen der Nuklearmacht USA auf die Dauer überlebensfähig wäre, muss angesichts der immer noch gültigen Aussage des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) – homo homini lupus – bezweifelt werden.


[1] Nuclear weapons and the United States, Wikipedia, en.wikipedia.org/wiki/Nuclear_weapons_and_the_United_States, 12.01.2014, S. 2/3.

[2] Stahel, A.A., USA – UdSSR Nuklearkrieg?, S. 136.

[3] Gunston, B., Die illustrierte Enzyklopädie der Raketen und Lenkwaffen, Buch-Vertriebs-GmbH, Wollerau 1981, S. 39.

[4] Nuclear weapons and the United States, S. 3.

[5] Nuclear weapons and the United States, S. 4.

[6] Stahel, A.A., S. 68.

[7] Stahel, A.A., S. 69.

[8] Stahel, A.A., s. 71.

[9] Stahel, A.A., S. 20.

[10] Stahel, A.A., S. 76.

[11] Stahel, A.A., S. 78.

[12] Stahel, A.A., S. 52/53.

[13] Stahel, A.A., S. 21.

[14] Stahel, A. A., S. 78.

[15] Nuclear weapons and the United States, S. 6.

[16] Nuclear weapons and the United States, S. 13.

[17] Nuclear weapons and the United States, S. 13.

[18] Nuclear weapons and the United States, S. 15.

[19] Legault, A., und G. Lindsey, Dynamik des nuklearen Gleichgewichts, Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 114/115.

[20] Montgomery, E.B., The Future of America’s Nuclear Deterrent, in: The National Interest, December 6, 2013, retrieved January 10, 2014. http://natiionalinterest.org/commentary/the-future-americas-nuclear-deterrent-9512, 10.01.2014, S. 1.

[21] Montgomery, E.B., S. 2.

[22] Montgomery, E.B., S. 2.

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