An seiner Medienkonferenz vom 19. Dezember 2013 hat Präsident Putin offenbar eine bereits erfolgte Stationierung von mobilen Kurzstreckenlenkwaffensystemen Iskander-M in der russischen Enklave Kaliningrad bestritten. Diese Aussage steht im Widerspruch zu früheren Meldungen aus Russland. Bereits im November 2008 hatte der damalige Präsident Dmitri Medwedew als Gegenmassnahme zur Errichtungen eines amerikanischen Abwehrsystems gegen ballistische Lenkwaffen in Ostmitteleuropa mit der Stationierung von Iskander-M in Kaliningrad gedroht.[1]

Das System Iskander (NATO-Bezeichnung SS-26 Stone)[2] ist seit 2005 in Produktion[3] und dürfte das Nachfolgemodell der bekannten R-300 Elbrus (NATO-Bezeichnung SS-1B Scud) mit einer Reichweite von 300 km[4] und der OTR-23 Oka (NATO-Bezeichnung SS-23 Spider) mit einer Reichweite von 500 km[5] sein. Beide Lenkwaffensysteme waren zur Zeit des Kalten Krieges sowohl mit nuklearen als auch mit chemischen und konventionellen Gefechtsköpfen ausgerüstet. Von der Iskander soll es mehrere Modelle geben: eine Exportversion Iskander-E, deren Lenkwaffe eine Reichweite von 280 km aufweist, die Lenkwaffe 9M723 der russischen Einsatzversion Iskander-M mit einer Reichweite von 480 km und die Lenkwaffe R-500 der Iskander-K mit einer Reichweite von vermutlich über 500 km.[6] Die Stationierung der letztgenannten Variante würde allerdings den immer noch gültigen INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces) vom 8. Dezember 1987 verletzen, der explizit die Produktion und Stationierung von landgestützten Lenkwaffen mittlerer und kürzerer Reichweite von 500 bis 5500 km durch die USA und Russland untersagt.[7]

Die 9M723-Lenkwaffen der Iskander-M sind mit verschiedenen Lenksystemen (GLONASS-Satellitennavigationssystem, Gelände-Kontur-Abgleichsystem [ähnlich dem amerikanischen Korrelationsnavigationssystem TERCOM], Radar-Endphasen-Lenksystem) ausgerüstet und sollen eine Zielgenauigkeit von 7-10 Meter erreichen. Zusätzlich verfügen die Lenkwaffen über eine ganze Reihe von Systemen zur Abwehr gegnerischer Abwehrsysteme.[8] Die Lenkwaffen können mit einer ganzen Palette von Gefechtsköpfen[9]  bestückt werden:

  • Splittergefechtskopf
  • Penetrations-Gefechtskopf gegen verbunkerte Anlagen
  • Bomblets mit Splitterwirkung
  • Bomblets mit Brandwirkung
  • Panzerminen zur Fernverminung
  • Fuel-Air-Explosive (FAE)
  • Selbstzielsuchende (Intelligente) SPBE-D-Submunition zur Panzerbekämpfung
  • Nicht-nuklearer EMP-Gefechtskopf

Des Weiteren stehen der nukleare Gefechtskopf AA-86 mit einer variablen Sprengkraft von 5 bis 50 KT und der nukleare Gefechtskopf AA-92 mit einer variablen Sprengkraft von 100 bis 200 KT zur Verfügung. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass Russland das Risiko der Stationierung von taktischen Nuklearwaffen an der Grenze zur NATO wagen würde.

Ein Iskander-M-System weist sechs Fahrzeuge und vier Lenkwaffen auf. Dazu gehört der geländegängige MZKT-79306-Lkw für den Transport von zwei 9M723-Lenkwaffen und das Werferfahrzeug MZKT-79306.[10] Aus voller Fahrt erfolgt der erste Abschuss innert 16 Minuten und der zweite Abschuss innert 40 Sekunden.[11] Eine Brigade besteht aus 12 solchen Einsatzkomponenten.

Im Krieg von 2008 hat Russland mindestens drei Iskander-Lenkwaffen gegen Georgien abgefeuert.[12] Im Oktober 2011 hatte Russland die erste Iskander-M-Brigade in der Stadt Luga bei St. Petersburg einsatzbereit. Ende 2013 soll Russland vier Iskander-Brigaden (mit je 12 Werferfahrzeugen) einsatzbereit gehabt haben. Im Juni 2013 hatte Russland im westlichen Teil von Armenien, 12 km von der türkischen Grenze entfernt, eine Brigade aufgestellt. Bis Ende 2015 sollen insgesamt 60 Systeme verfügbar sein.[13]

Das Iskander-System könnte in der Zukunft zur wichtigsten Unterstützungswaffe für das russische Heer werden. In Fachkreisen wird die Produktion der Iskander und damit die Ablösung der Lenkwaffen Scud als Teil der Erneuerung und Modernisierung des russischen Abschreckungsarsenals an landgestützten ballistischen Lenkwaffen beurteilt. So soll Moskau planen, die veralteten SS-18 Satan (russische Bezeichnung RS-20V Voyevoda bzw. R-36M2), die seit den 70er Jahren in Silos stationiert sind, durch die neue interkontinentale ballistische Lenkwaffe Sarmat ab 2018 bis 2020 abzulösen.[14]

Diese Beurteilung beruht auf einer Einschätzung des Zustands der russischen Streitkräfte. Die Nuklearwaffen sind das einzige glaubwürdige Abschreckungsmittel, das der Russischen Föderation gegenüber einer Bedrohung noch verblieben ist. Mit seinen konventionellen Streitkräften ist Moskau für die USA und die NATO keine Herausforderung mehr.

Am 17. September 2009 verfügte die Obama-Administration die Sistierung der durch die Bush-Administration angekündigten Aufstellung eines Systems zur Abwehr iranischer Lenkwaffen in Polen und in der Tschechischen Republik.[15] Das amerikanische System für Europa wurde als „European Phased Adaptive Approach (EPAA)“ neu konzipiert.[16] Kurzfristig gab es diesbezüglich eine Entspannung zwischen Moskau und Washington. Als aber Washington 2011 verkündete, die USA und die NATO würden bei der Abwehr iranischer Lenkwaffen nicht mit Russland zusammenarbeiten, und gleichzeitig das polnische Redzikowo als Standort amerikanischer Lenkwaffenwerfer und Radars bekanntgab, verurteilte am 23. November 2011 Ministerpräsident Dmitri Medwedew die Errichtung eines solchen Abwehrsystems in Ostmitteleuropa. Die Stationierung von Iskander-Lenkwaffen in Kaliningrad könnte deshalb als Umsetzung von Medwedews Drohung interpretiert werden. Allerdings ist EPAA, das auf dem seegestützten Aegis-Abwehrystem (Aegis Ballistic Missile Defense System) und der Abwehrlenkwaffe SM-3 (Standard Missile-3) der US Navy beruht,[17] an den vorgesehenen Standorten für die Abwehr russischer Lenkwaffen gegen die USA vorderhand nicht geeignet. Die Flugbahn der ballistischen Lenkwaffen aus Russland verläuft viel nördlicher als es für zukünftige iranische Lenkwaffen der Fall sein könnte.

Vorerst werden im Mittelmeer amerikanische und spanische Kriegsschiffe mit dem Aegis-System im Einsatz sein. 2015 werden im rumänischen Deveselu die ersten landgestützten Radars und Werfer der SM-3 errichtet werden. 2018 wird die Errichtung der landgestützten Systeme in Polen folgen.[18] 2020 wird EPAA mit der neuesten Software und der neuesten Version der SM-3 ausgerüstet werden.[19]

Der eigentliche Grund für den Unmut in Moskau dürfte nicht die Errichtung des US-Abwehrsystems sein, sondern die Tatsache, dass mit der Stationierung amerikanischer Truppen an diesen Standorten die USA im ehemaligen Vorfeld der UdSSR militärisch präsent sein werden. Mit allen Mitteln versucht Moskau den durch den Zerfall der UdSSR verlorenen Einfluss auf die ehemaligen Satelliten rückgängig zu machen. Dabei bedient sich Russland des altbekannten Erpressungsinstrumentariums und sucht Polen und Litauen durch die angedrohte Stationierung von Iskander-Lenkwaffen in Kaliningrad unter Druck zu setzen. Sollten die USA wegen ihrer veränderten Beziehungen zum Iran auf die Errichtung ihres Abwehrsystems in Ostmitteleuropa verzichten, dann würde Moskau dies als einen Sieg in der Reihe der jüngsten Erfolge gegen die USA interpretieren und versuchen, seinen Einfluss auf Ostmitteleuropa auszudehnen. Sollten die USA aber aufgrund ihrer geopolitischen Interessen in Ostmitteleuropa an der Errichtung ihres Abwehrsystems festhalten, dann wären die Europäer mit einem neuen Kalten Krieg konfrontiert, den die USA und Russland wieder auf ihrem Kontinent austragen würden.


[1] Iskander (Rakete), Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wikiI/Iskander_(Rakete), 30.12.2013, S. 3.

[2] The Military Balance 2013, The International Institute for Strategic Studies, London, 2013, S. 227.

[3] 9K720 Iskander, http://en.wikipedia.org/wiki/9K720_Iskander, 30.12.2013, S. 1.

[4] Scud, Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Scud, 30.12.2013, S. 2.

[5] OTR-23 Oka, Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/OTR-23_Oka, 30.12.2013, S. 1.

[6] Stratfor, Russia, Missiles and the Tactics of Intimidation, December 20, 2013.

So auch Iskander (Rakete), S. 1.

[7] INF-Vertrag, Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/ING-Vertrag, 30.12.2013, S. 1.

[8] Iskander (Rakete), S.2/3.

So auch 9K720 Iskander, S. 2/3.

[9] Iskander (Rakete), S. 3.

[10] 9K720 Iskander, S. 5.

[11] Iskander (Rakete), S. 2.

[12] Iskander (Rakete), S. 2.

[13] Iskander (Raketen), S. 4.

[14] George C. Marshall and Claremont Institutes, Russia plans new ICBM to replace Cold War ‚Satan‘ missile, Missile Threat, December 17, 2013.

[15] 9K720 Iskander, S. 3.

[16] Stratfor, S. 2.

[17] Aegis Ballistic Missile Defense System, Wikipedia, http://en.wikipedia.org/Aegis_Ballistic_Missile_Defense_System, 30.12.2013, S. 2.

[18] Aegis, S. 3.

[19] Aegis, S. 3.

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