Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist um den Besitz der Senkaku-/Diaoyu-Inseln zwischen Japan und China ein Konflikt im Gange. Diese Inseln sind die Fortsetzung der Ryukyu-Inseln und versperren dadurch den chinesischen Seemacht-Ambitionen den Zugang zum Pazifik. Interessant ist die Rolle, die die USA in diesem Konflikt einnehmen. Obwohl die USA mit Japan verbündet sind, hat man als Beobachter den Eindruck, dass die Obama-Administration am liebsten eine Art Neutralität in diesem Konflikt einnehmen möchte. Ein solches Verhalten ist, wie ein kurzer historischer Rückblick aufzeigt, nicht untypisch für die USA.

1945 besiegten die USA mit den beiden Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki Japan. Der Ausbruch des Koreakrieges 1950 zeigte Washington die prekäre Lage ihres militärischen Dispositivs im westlichen Pazifik auf. Ab Mitte der 50er Jahre wurde Japan aus diesem Grunde schrittweise als Bollwerk gegen die Sowjetunion und China aufgerüstet. In Japan selbst bauten die Amerikaner ihre Stützpunkte aus. Nach dem Zerfall der UdSSR Ende 1991 ist Japan zunehmend zum Vorwerk der USA gegenüber ihrem neuen Herausforderer, der Volksrepublik China, geworden.

Trotz der 2011 von Hillary Clinton verkündeten Neuorientierung der geopolitischen Interessen der USA gegenüber Asien sieht es gemäss den neuesten Äusserungen von Vizepräsident Biden ganz danach aus, als ob der Konflikt um diese Inseln Washington höchst ungelegen kommt. Ein wichtiger Grund dafür dürfte die amerikanische Verschuldung sein. Teilweise als Folge der Ausgaben von über 4‘000 Milliarden US-$ für die gescheiterten Kriege im Irak und in Afghanistan und ihrer Haushaltspolitik sind die USA bankrott und ausgerechnet bei ihrem neuen Rivalen China hochverschuldet. Dies ist einer der Gründe, warum die USA in der Welt erheblich an machtpolitischem Einfluss verloren haben. Nun sieht es ganz danach aus, als ob für die Obama-Administration der Mohr Japan seine Schuldigkeit getan hätte und sie auf Distanz gegenüber den japanischen Ansprüchen gehen möchte.

Ein solches Verhalten der USA ist nicht neu. Es beruht auf einer während Jahrhunderten ausgeübten Machtpolitik ihrer Ziehväter, der Briten. Die Briten haben zum Beispiel im 18. Jahrhundert die Franzosen und deren indianische Verbündete dank einer Allianz mit den kriegserprobten Irokesen besiegt und Frankreich aus Nordamerika vertrieben. Als ihre Untertanen, die Amerikaner, eine Revolution gegen sie anzettelten, hetzten die Briten erneut die Irokesen auf ihre aufständischen Untertanen. Nachdem die USA ihre Unabhängigkeit im Frieden von Paris von 1783 erhalten hatten, liessen die Briten ihre irokesischen Verbündeten im Stich und lieferten sie den USA aus. Diese wiederum machten kurzen Prozess, enteigneten die Irokesen und vertrieben sie von ihren Ländereien.

Die USA haben diese britische Machtpolitik schrittweise übernommen und verbessert. Das 20. Jahrhundert weist dafür viele Beispiele auf:

Nach den Besuchen des Sicherheitsberaters Kissinger in Beijing wurde die Kuomintang-Regierung in Taipeh wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen. Taiwan musste 1971 zugunsten der kommunistischen Volksrepublik China auf Druck der USA den Sitz im UN-Sicherheitsrat räumen.

Im gleichen Jahr wurde die pakistanische Militärregierung in Islamabad gegen das abtrünnige Ost-Pakistan, das heutige Bangladesch, von der Nixon-Administration aufgehetzt und aufgerüstet. Als Indien militärisch intervenierte und die pakistanische Armee besiegte, liess Washington seinen treuen Verbündeten Pakistan im Stich.

Nachdem die USA mit ihren Luftstreitkräften von 1965 bis 1972 einen massiven Krieg geführt hatten, überliessen sie 1975 ihren ehemaligen Alliierten Südvietnam ohne Widerstand dem kommunistischen Nordvietnam zur Eroberung.

Ende 2014 könnte der nächste Kandidat Afghanistan sein. Nach ihrem Rückzug könnten die USA das Land an den Iran und die Taliban ausliefern. Die beiden Ex-Feinde der USA würden dann das Land brüderlich unter sich aufteilen.

Denkbar ist nun, dass die USA quasi als Morgengabe für einen Schuldenschnitt durch China die japanischen Ansprüche auf die erwähnten Inseln an die Volksrepublik abgeben könnten. Wieder würden sie einen „Freund“ und Vasallen an einen Gegner verraten. Allerdings könnte sich dies nicht als eine weitere Meisterleistung ihres lang geübten machtpolitischen Opportunismus erweisen, sondern als die endgültige Abdankung ihres Status’ als Weltmacht.

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