Zum gegenwärtigen Zeitpunkt berichten Schweizer Medien über die Rohstoffvorkommen nahe der Senkaku-/Diaoyu-Inseln. Gleichzeitig wird der Konflikt zwischen Japan und China als Streit um unbedeutende Inseln apostrophiert. Die seestrategische Bedeutung der Senkaku– bzw. Diaoyu-Inseln wird in diesen Berichten übersehen und damit vernachlässigt.

Gemäss japanischen Quellen lebten von 1884 bis 1940 Japaner auf diesen Inseln und nach der Besetzung von 1945 haben die USA die Inseln 1972 zusammen mit Okinawa an Japan zurückgegeben.[1] Diese Inseln gehören zur Kette der Ryukyu-Inseln, die mit Okinawa beginnt und sich bis zur Insel Taiwan erstreckt. Gegenüber der aufstrebenden Seemacht China bildet diese Inselkette eine Art Maginotlinie auf See.[2] Solange die USA und ihr Alliierter Japan diese Inseln kontrollieren, blockieren sie im Falle eines bewaffneten Konfliktes jeden Vorstoss der chinesischen Seestreitkräfte in den Pazifik.

Sollte China in der nächsten Zeit die Übernahme dieser Inseln erreichen, dann wäre nicht nur die Übernahme von Taiwan der nächste logische Schritt[3], sondern gemäss Aussagen hoher chinesischer Offiziere würde dies die Beherrschung der ersten Inselkette durch die chinesischen Seestreitkräfte ermöglichen. Diese erste Linie erstreckt sich von Japan über die Ryukyu-Inseln bis ins Südchinesische Meer. Zum Machtbereich Chinas würden nach Abschluss dieses Vorstosses Taiwan und die Spratly-Inseln gehören. Der nächste Schritt und Vorstoss Chinas wäre die definitive Verdrängung der USA aus dem westlichen Pazifik bis nach Guam.

Die aktuelle Modernisierung und Aufrüstung der drei chinesischen Flotten Chinas (Nord-, Ost- und Süd-Flotte) mit Kriegsschiffen, U-Booten und Kampfflugzeugen dürften ein Hinweis auf die see- und geostrategischen Ambitionen von China im westlichen Pazifik sein. Zu diesen strategischen Ambitionen gehört auch der Bau und Modernisierung von vier Häfen im Indischen Ozean (Gwadar in Pakistan, Hambantota in Sri Lanka, Chittagong in Bangladesch, Sittwe in Myanmar), die als Perlenkette Chinas im Indischen Ozean bezeichnet werden und offenbar auch als Bollwerk gegen die Machtansprüche Indiens dienen könnten.

Zum jetzigen Zeitpunkt findet zwischen China und den USA mit ihrem Alliierten Japan eine Art seestrategisches Schattenboxen im Ostchinesischen Meer um die erwähnten Inseln statt. Während China eine Air Defense Identification Zone, die sich über die Inseln erstreckt, erklärt hat, demonstrieren japanische Kampfflugzeuge und amerikanische B-52-Bomber mit Unterstützung südkoreanischer Flugzeuge durch Überflüge die Nichtbeachtung dieser Zone. Auf diese Demonstration reagiert China wiederum mit Einsätzen eigener Kampfflugzeuge. Die Konfliktaustragung um diese Inseln entspricht einer klassischen Eskalation von Drohung und Gegendrohung. Die USA als Schutzmacht von Japan können es sich nicht leisten nachzugeben. Ein amerikanisches Nachgeben wäre mit dem Gesichtsverlust in Asien gleichbedeutend und würde zum Zerfall des amerikanischen Bündnissystems mit Japan, Südkorea, Philippinen und Thailand führen. Dieses seestrategische Schattenboxen muss nicht zwangsläufig zum Krieg führen, ist aber ein Hinweis auf die Neuausrichtung der Geostrategie der USA auf den westlichen Pazifik und auf eine zunehmende Konfrontationsbereitschaft mit China.


[1] Ahr, K., How Japan Defends Itself – Facing the Power Shifts in East Asia -. Thesis for the Degree of Doctor of Philosophy, University of Zurich. Unveröffentlichtes Manuskript, Zürich, 2013, S. 106.

[2] Ahr, K., S. 14.

[3] Ahr, K., S. 108.

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