Vor ihrem Zerfall übte die UdSSR im Mittleren Osten einen erheblichen Einfluss aus. Zur sowjetischen Klientel gehörten Syrien und der Irak. Aber auch mit der islamischen Republik Iran pflegte Moskau gute Beziehungen. Nach 1991 beschränkte sich die Einflussnahme Russlands als Nachfolgestaat der UdSSR auf Syrien und den Iran. Schrittweise musste Moskau eine Verminderung seines Einflusses im Mittleren Osten in Kauf nehmen. Nach beinahe 2 Jahren Bürgerkrieg ist Syrien zerfallen. Das Regime von Assad kontrolliert heute nur noch einen schmalen Streifen des Landes. Dementsprechend verfügt auch Russland nur noch über einen begrenzten Einfluss auf Syrien.

Bis heute konnte Moskau die Spannungen zwischen Teheran und Washington DC für sich ausnützen und die Politik und Strategie der USA in diesem Gebiet immer wieder konterkarieren. Seit dem Telefongespräch zwischen dem iranischen Präsidenten Rouhani und dem amerikanischen Präsidenten Obama zeichnet sich eine Verschiebung der geopolitischen Lage im Mittleren Osten ab. Die Annäherung zwischen dem Iran und den USA könnte im Endergebnis dazu führen, dass die USA nach der Anerkennung der Einflusssphäre des Iran weitgehend von ihren militärischen und politischen Verpflichtungen im Mittleren Osten entbunden werden könnten. Während die USA in einer solchen Lage nach wie vor als Schutzmacht Israels wirken würden, müssten sich Saudi-Arabien und die Türkei mit der neuen Lage abfinden. Die USA, die dank den Schiefergas– und –erdölvorkommen wieder zum Exporteur werden, könnten sich aufgrund der Entspannung mit dem Iran ihrem eigentlichen Herausforderer China zuwenden.

Die geopolitische Kehrtwende von Washington DC im Mittleren Osten hat sich eigentlich bereits mit der Hinnahme des Sturzes des ägyptischen Machthabers Mubarak abgezeichnet. Die USA haben aber nicht nur ohne Zögern Mubarak, der ihnen jahrzehntelang treu gedient hatte, fallengelassen, sie haben anschliessend auch den Putsch der ägyptischen Militärs gegen den Präsidenten und Muslimbruder Mursi verurteilt. Obama hat im Sinne einer Strafe die Militär– und Waffenhilfe an Ägypten massiv gekürzt. In ihrer Not wandten sich die Ägypter an Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese sicherten ihnen eine Unterstützung von 12 Milliarden Dollar zu. Bisher sind in Kairo davon 7 Milliarden Dollar eingetroffen. Ägypten ist nach Mursis Sturz mit erheblichen innenpolitischen Auseinandersetzungen konfrontiert, die auch die Volkswirtschaft des Landes geschwächt haben. So kämpft Kairo mit einer explorierenden Inflation.

Ägyptens Not und das Abseitsstehen von Washington DC in dieser Krise versucht Moskau für sich auszunützen und Kairo mit Versprechungen für Russland zu gewinnen. Dazu gehören Angebote für Waffenlieferungen (MiG-29 Kampfflugzeuge, Fliegerabwehr– und Panzerabwehrlenkwaffen) im Umfang von 1.5 bis 4 Milliarden Dollar und eine Steigerung des Weizenexports an Ägypten. Dank den Einnahmen aus den Erdgaslieferungen an die Europäer kann sich Moskau zum gegenwärtigen Zeitpunkt solche Versprechen leisten. Jahrzehnte nach der Vertreibung durch den ägyptischen Präsidenten Sadat, der durch Jihadisten ermordet wurde, wäre Moskau in Ägypten wieder präsent. Nach der Annäherung zwischen Teheran und Washington, die möglicherweise zu einer neuen geopolitischen Lage im Mittleren Osten führen könnte, und dem Verlust seines Einflusses auf Syrien, nützt Moskau die ägyptische Not aus und betreibt im Mittleren Osten gegen die USA ein Great Game, ähnlich wie es im 19. Jahrhundert die Briten und die Russen um Zentralasien führten.

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