63364e8634Vom 8. September bis 1. Oktober 2014 erlebten meine Frau und ich Kanada und die USA auf einer Eisenbahnreise, die uns zuerst von Montréal mit dem Corridor nach Toronto (1)* führte. Von da aus reisten wir 5 Tage lang (die Nächte im Schlafwagen) mit dem Canadian der VIA Rail Canada (2) nach Vancouver (3). Während wir in Montréal nur eine Nacht verbrachten, gönnten wir uns in Toronto und Vancouver je zwei Nächte. Dank dem Canadian bewunderten wir die herrlichen Landschaften (Wälder, Prärien, Berge) der kanadischen Provinzen Ontario, Manitoba (4), Saskatchevan, Alberta und British Columbia. Beindruckt waren wir immer wieder von der Sauberkeit in den Grossstädten. Einen sehr positiven Eindruck hinterliess uns Winnipeg, die Hauptstadt der Provinz Manitoba. Dank unseres vierstündigen Aufenthalts konnten wir die Stadt etwas kennenlernen. Als Folge der Besiedlung durch die Métis (Mischlinge aus der Verbindung französischer Trapper mit indianischen Frauen) im 19. Jahrhundert ist diese Stadt inmitten von Kanada zweisprachig.

Von Vancouver aus ging es zuerst per Bus nach Seattle und von dort aus mit dem Coast Starlight (5) der amerikanischen Bahngesellschaft Amtrak weiter nach San Francisco. Diese Reise dauerte mehr als einen Tag und die Nacht verbrachten wir wieder in einem Schlafwagen. Der Coast Starlight führte uns teilweise durch schöne Landschaften, teilweise an Meeresküsten entlang und durch Industriegebiete. Im Gegensatz zu Kanada sind in den USA vielfach die Auswirkungen der Zivilisation erkennbar.

Nach zwei Nächten in San Francisco – unter anderem mit dem Erlebnis des America’s Cup (6) – bestiegen wir in Emeryville, dem Bahnhof von San Francisco, den California Zephyr der Amtrak (7). In drei Tagen sollten wir Chicago erreichen. Wegen eines Unwetters in Colorado musste der Zug nach Salt Lake City über Wyoming (Laramie, Cheyenne) nach Denver fahren. Die Fahrt von San Francisco nach Salt Lake City führte zuerst durch Wälder und anschliessend durch ein sehr trockenes Gebiet. In Wyoming (8;9;10;11) erlebten wir die beinahe menschenleere Prärie. Selten sahen wir Ranches und weidendes Vieh. In Colorado war die Landschaft wieder fruchtbarer. Ackerland dominierte das Bild. Am frühen Morgen fuhr der Zug über den Mississippi nach Chicago. Leider war hier wegen der anschliessenden Verbindung nur eine Nacht angesagt. Dafür gönnten wir uns vor der Abreise eine Rundfahrtdurch die Stadt und ihr Flusssystem. Chicago (13;14;15) ist nicht nur frei von jedem Littering, sondern kann als sehr sicher bezeichnet werden.

Es folgte die Fahrt (1 Nacht) im Lake Shore Limited (16) nach New York. Sonnenuntergänge und –aufgänge über den Flüssen waren unvergesslich. Vier Nächte blieben wir in New York (17;18) und weiter führte uns die Fahrt mit dem Adirondack nach Montréal (19). Die unberührte Landschaft des Lake Champlain (20) mit dem Adirondack Forest Reserve haben uns beindruckt. Vor dem Rückflug in die Schweiz blieben wir noch zwei Nächte im französischsprechenden Montréal (21).

Wir haben auf der Reise mit vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft oft Gespräche auf hohem Niveau geführt. Beeindruckt haben uns die Höflichkeit dieser Begegnungen und auch die Bereitschaft zu politischen Diskussionen. Beinahe alle Gesprächspartner(innen) bekundeten ihre uneingeschränkte Sympathie für die Schweiz und gleichzeitig ihre Ablehnung gegenüber weiteren Kriegen der USA. Andere Staaten sollten ohne Mitwirkung der USA ihre Probleme selbst lösen. Die Führung der USA wird sich in Zukunft mit Priorität den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung zuwenden müssen.

Beeindruckt hat uns auch die Bescheidenheit der Amerikaner, die wir auch im Canadian kennenlernten. Im Gegensatz zu den in diesem Zug mitfahrenden Schweizern konsumierten die Amerikaner keinen Alkohol. Neben der Höflichkeit war auch ihre Offenheit bemerkenswert. Vor der Verabschiedung bedankte sich jeder für das Gespräch.

Leider war in den Zügen der Amtraks das Essen sehr bescheiden. Obwohl die Bedienung sich sehr bemühte, waren vielfach die Hamburger ungeniessbar. Trotzdem assen vor allem weniger wohlhabende Rentner diese fragwürdige Kost mit Genuss. Viele Bahnfahrer können sich Flugbillette nicht leisten und benützen deshalb den Zug. Viele unter ihnen haben auch nicht einmal das Geld für den Schlafwagen. So bleiben ihnen in der Regel nur die Liegesitze der Roumette oder der Coachs übrig. Der untere Mittelstand in den USA ist durch die Finanz- und Wirtschaftskrise, so der Eindruck, sehr verarmt. Trotzdem lassen sich auch diese Amerikaner nicht unterkriegen.

Die Landschaft in Wyoming hinterliess teilweise ein trostloses Bild. So sind einzelne Häuser von ihren Bewohnern aufgegeben worden. Des Weiteren leben viele Amerikaner das ganze Jahr über in Wohnwagen oder Wohnmobilen. Die Dörfer sind sehr ärmlich. Die Bundesstaaten Utah und Wyoming hinterlassen das Bild eines Drittweltstaates (22;23;24). Die Landschaft – Berge und Prärie – wurde und wird rücksichtslos ausgebeutet. Energiegewinnung hatte und hat – in der Gegenwart werden Erdöl und Erdgas durch Fracturing gefördert – Vorrang vor dem Schutz der Natur (25;26;27).

Die Sauberkeit und Sicherheit in den Millionenstädten dagegen hat uns beeindruckt.

Als wichtigster Eindruck von dieser Reise bleibt, dass das amerikanische Volk keine Kriege mehr will. Das hat Obama nach den letzten Umfragen begriffen. Deshalb hat er auch das militärische Abenteuer gegen Syrien abgebrochen. Die amerikanischen Politiker, die heute für neue Kriegsabenteuer eintreten, können bei den nächsten Wahlen ihre Wiederwahl vergessen. Die politische Forderung, auf weitere Kriege zu verzichten, haben vor allem die Republikaner erhoben. So propagiert die Tea Party unverhohlen den Isolationismus. Diese neue Lage haben auch der russische Präsident Putin und der iranische Präsident Rouhani erfasst. Ihre Strategie und ihre Diplomatie gegenüber den USA in letzter Zeit beruhen auf dieser Erkenntnis. Die Europäer und andere von den USA abhängigen Staaten werden diesen Sinneswandel zur Kenntnis nehmen müssen. Inskünftig werden die europäischen Staaten ihre Sicherheitspolitik ohne Hilfe der USA bewältigen müssen. Die USA werden sich in der Zukunft vermehrt den eigenen Problemen zuwenden. (28;29;30)

* Die Zahlen in den Klammern beziehen sich auf die Fotografien, die auf der Homepage einsehbar sind.