Eine Analyse der in der Menschheitsgeschichte geführten Kriege lässt erkennen, dass asymmetrische Kriege die Regel waren. Bereits in der Antike haben ungleich gerüstete Mächte Kriege gegeneinander ausgetragen. Dies traf insbesondere auf die Kriege zwischen dem persischen Grossreich und den griechischen Stadtstaaten im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. zu. Zahlenmässig wies die persische Streitmacht gegenüber den Hopliten der Griechen eine erdrückende Überlegenheit auf. Am Ende musste sich die persische Grossmacht nach vielen Niederlagen mit einer Pattsituation abfinden. Zum Typus der asymmetrischen Kriege gehörten auch die vielen Abwehrkriege von Byzanz gegen die Angriffe der Araber und später der Türken im 7. bis 12. Jahrhundert n. Chr.

Dauerten asymmetrische Kriege lange an, dann endeten sie vielfach in Guerillakriegen. In Anbetracht der Überlegenheit des Angreifers blieb einer unterlegenen Seite keine andere Art der Kriegsführung übrig. Sie beruht auf der Unterstützung durch eine Bevölkerung oder ein ganzes Volk. Der Guerillakrieg ist seinem Wesen nach ein Volkskrieg und steht im Gegensatz zur Kriegsführung mit Berufssoldaten. Aus der Bevölkerung rekrutieren sich die Kämpfer, die Guerilleros, durch die Bevölkerung werden sie mit Nahrungsmitteln und Nachrichten über den Gegner versorgt. Kleine Verbände führen einen Guerillakrieg mit der Taktik von Hinterhalten und Überfällen aus. Ihre Waffen erbeuten sie vom Gegner. Vielfach fehlt der einen Guerillakrieg führenden Seite eine zentrale Kommandostruktur, was sich aber auch als Vorteil erweisen kann. Wird einer der Guerillaführer getötet, dann übernimmt wie bei einer Hydra ein anderer Kommandant die Führung des Widerstands.

 

Historischer Rückblick

Einer der ersten aus der Kriegsgeschichte der Menschheit bekannten Guerillakriege war der Widerstand der Sogdier und Baktrier gegen den Feldzug Alexanders des Grossen auf dem Gebiete des heutigen Afghanistans und südlichen Zentralasiens 330 bis 327 v. Chr. Während diesen 3 Jahren bekämpften im unwegsamen Gelände des Hindukush die Baktrier und Sogdier Alexanders Truppen mit Hinterhalten und Überfällen. Deren Widerstand konnte Alexander nur durch die Vernichtung der Viehherden und der Ernte der Sogdier und Baktrier brechen. Mit dieser erbarmungslosen Kriegsführung der verbrannten Erde entschied der Makedonier den Krieg für sich.[1]

Zur Zeit der Diadochenreiche errangen in Palästina 167-160 v. Chr. die Makkabäer mit einem Aufstand und einem Guerillakrieg ihre Unabhängigkeit von den Seleukiden.[2] Im Westen des Mittelmeeres kämpften die Lusitaner und die keltiberischen Stämme der Beller und Arevater gegen die römische Eroberung Spaniens mit einem lange andauernden Guerillakrieg von 154 bis 133 v. Chr.[3] Dem Lusitaner Viriatus gelang es 147 v. Chr., ganz Südspanien zu erobern. Auf Betreiben Roms wurde er 139 v. Chr. ermordet. Scipio Aemilianus eroberte 133 v. Chr. Numantia. Der Aufstand des gallischen Häuptlings Vercingetorix gegen Caesars Legionen 52 v. Chr. war teilweise auch ein Guerillakrieg.[4] Am Ende musste Vercingetorix bei Alesia kapitulieren. Die Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr. war ein klassischer Hinterhalt. Drei römische Legionen und 6 germanische Kohorten des römischen Generals Varus wurden durch die Guerillataktik des Cheruskerfürsten Arminius und seiner Verbündeten aufgerieben und vernichtet.[5]

Immer wieder wurde Rom mit Guerillakriegen konfrontiert. Ein solcher war der Aufstand des Numidiers Tacfarinas in Nordafrika von 17 bis 24 n. Chr.[6] In ihrem Aufstand führten die Juden von 66 bis 70 n. Chr. einen Guerillakrieg gegen Rom. Erst mit der Eroberung von Jerusalem durch Titus war dieser Krieg beendet.[7] Auch von 101 bis 102 setzten die Daker erfolgreich die Taktik des Guerillakrieges zur Behinderung des Vorstosses der römischen Legionen ein. Diese erlitten erhebliche Verluste.[8] Erwähnt sei auch der Bar-Kochba-Aufstand in Palästina von 115 bis 117. Im Jahr 152 brachen in Ägypten und Mauretanien Aufstände aus.[9] Nur unter erheblichen Schwierigkeiten gelang es einzelnen Kaisern immer wieder die Grenzen im Norden gegen die vorstossenden Germanen, im Osten gegen die Parther und später die Sassaniden zu halten und gleichzeitig das Reich im Innern zu stabilisieren. 395 wurde das Reich in West- und Ostrom geteilt. Die Hunnen, die 375 aus Zentralasien nach Südrussland vorstiessen, vernichteten dort das Gotenreich. Durch ihre Reiterangriffe wurden die ostgermanischen Stämme ins römische Reich hineingetrieben. Ihr Anführer Attila (434-453) verwüstete die römischen Donauprovinzen. Durch ihre Kriegführung dürften die Hunnen den Untergang des weströmischen Reichs beschleunigt haben.[10] 476 setzte der Skire Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romulus ab und beendete damit auch das Zeitalter der Infanterieformationen der römischen Legionen.[11]

Auch im Früh- und Hochmittalter führten durch Eroberer unterjochte Völker Guerillakriege. Dies trifft sowohl für Europa wie auch für Asien zu. Im frühmittelalterlichen Britannien versuchten die Kelten das Vordringen der Angel-Sachsen durch Kleinkriege abzuwehren. Auch die Sachsen im Norden des heutigen Deutschlands versuchten von 772 bis 782 die Eroberung ihrer Stammesgebiete durch Karl den Grossen mittels Guerillataktik abzuwehren. Viele Verteidigungskriege des byzantinischen Reiches gegen die Araber und die Türken hatten oft Kleinkriegscharakter.[12] Die keltischen Waliser kämpften gegen den Eroberungsfeldzug des anglonormannischen Königs Edward I. im 13. Jahrhundert mit einem Kleinkrieg bzw. Guerillakrieg.[13] Im 13. und 14. Jahrhundert führten die heidnischen Pruzzen zur Abwehr ihrer Versklavung durch den Deutschen Orden einen erbitterten Guerillakrieg.[14] Mit den Siegen ihrer Infanterieheere beendeten die Eidgenossen im 14. und 15. Jahrhundert die Vormacht der Ritterheere in der mittelalterlichen Kriegsführung. Morgarten, ihre erste Schlacht gegen ein habsburgisches Ritterheer, wurde 1315 mit der Taktik eines Hinterhaltes gewonnen. Die Bauernkriege im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation von 1524/25 waren sowohl ein Aufstand wie auch ein Guerillakrieg gegen die Feudalherrschaft.[15] Vom 16. bis ins 20. Jahrhundert lehnten sich die Irländer mit Guerillakriegen gegen die britische Besetzung immer wieder auf.[16] Auf dem Balkan konnten die Osmanen auch nach ihren Eroberungen im 14. und 15. Jahrhundert die Partisanenkriegführung der Christen nie bezwingen.[17]

 

Neuzeit und al-Kaida

Das bekannteste Beispiel eines grossen Guerillakrieges der Neuzeit war der Aufstand und Krieg der Spanier gegen die französische Besetzung von 1808 bis 1814. Napoleons Generäle konnten die spanischen Guerilleros nie bezwingen.[18] Die spanischen Guerilleros trugen in erheblichem Masse zur Niederlage Napoleons im europäischen und russischen Kriegstheater bei. Im 19. und 20. Jahrhundert folgten viele unterdrückte Völker dem Beispiel der Spanier. Im 19. Jahrhundert kämpften immer wieder Eingeborene gegen die Eroberung und Unterdrückung durch Kolonialmächte mit der Taktik des Guerillakrieges, so die Seminolen in Florida von 1855 bis 1858[19] und die Apachen im Südwesten der heutigen USA von 1869 bis 1886 gegen die US Army.[20]

Zum Vorbild für viele Guerillakriegstheoretiker der Neuzeit wurde der langwierige Krieg des Chinesen Mao Zedong von 1937 bis 1945 gegen die japanische Besetzung seines Landes und seines Revolutionären Krieges gegen die Herrschaft des Kuo-min-tang von 1927-1937 und 1947-49.[21]

In der jüngsten Vergangenheit wurde während Jahren der Guerillakrieg der afghanischen Mujaheddin gegen die Besetzung ihres Landes durch die Sowjetunion durch Fachleute sehr aufmerksam verfolgt. Dieser Krieg, der bereits 1978 begann und 1989 zum Rückzug der 40. Armee der UdSSR führte, dauert heute noch an. Immer noch führen die afghanischen Taliban mit improvisierten Sprengsätzen und Selbstmordanschlägen Krieg gegen die Streitkräfte der USA und ihrer Alliierten. Der berühmteste Kommandant und Vordenker des Guerillakrieges gegen die sowjetische Besatzungsmacht und später auch gegen die Taliban war der Afghane Ahmad Shah Massud (1954-2001).[22] Die Basis seiner Kriegführung waren seine Stützpunkte im Panjshir-Tal.

Aus der Gegenwart sind die Guerillakriege im Irak und in Afghanistan gegen die Besetzung durch die USA und ihrer Alliierten bekannt.[23] Trotz des Einsatzes von hochmodernen Waffensystemen, wie Bombern und Drohnen, gelang es den USA nicht, den Aufstand im Irak zu brechen. Bis heute ist es ihnen auch nicht gelungen, jenen der Taliban zu bezwingen. Für den Krieg im Irak von 2003 bis 2011 gaben die USA offiziell 3‘000 Milliarden Dollar aus und der Krieg in Afghanistan hat sie seit 2001 mindestens 1‘000 Milliarden Dollar gekostet.

Durch die Anschläge, die die Terror-Organisation al-Kaida seit 1998 gegen die USA und ihre Alliierten führt, muss auch diese Organisation zur Kategorie der Guerillakriegführenden gerechnet werden.[24] Im Gegensatz zu den vielen national bestimmten Guerillakriegen der Vergangenheit und Gegenwart ist der Krieg von al-Kaida ein Guerillakrieg globalen Ausmasses. Als Rückzugsgebiete von al-Kaida gelten der Jemen, Nordafrika, die arabische Halbinsel, der Irak und die Sahelzone. Die Aktionsfelder von al-Kaida sind die gesamte islamische Welt, Europa und die USA.

 

Ausblick auf die Zukunft

Die gegenwärtige geopolitische und geostrategische Lage wird in zunehmendem Masse durch das Great Game, das zwischen den USA und China und Russland ausgetragen wird, bestimmt. Die Weltmacht USA, die weiter an Einfluss und Macht in der Welt verliert, versucht mit allen Mitteln ihre bisherige Hegemonialstellung im Mittleren Osten und im westlichen Pazifik zu erhalten. Dieser globale Konflikt wird früher oder später zu gegenseitigen Machtdemonstrationen führen. Dabei dürften die Grossmächte für die Machtdurchsetzung Stellvertreterkriege, wie dies bereits jetzt der Fall in Syrien ist, führen. Diese könnten wie in Syrien zu Guerillakriegen eskalieren. Zur Unterstützung ihrer Klientel werden die Grossmächte in diesen Kriegen Eliteeinheiten (SOF, Special Operation Forces) verdeckt einsetzen. Für die Führung und Kampfunterstützung der Special Operation Forces werden, wie im Falle Afghanistans und Libyens, Drohnen verschiedenster Grössen eingesetzt werden.[25] Cyberwar-Operationen werden zur wichtigsten Waffe für die Lähmung der gegnerischen Führung und Infrastruktur mutieren. Klassische Kriege wird es nicht mehr geben, sondern nur noch Guerillakriege globalen Ausmasses. Kriege dieser Art könnten zum Zusammenbruch der internationalen Staatenordnung und damit der Zivilisation führen.

 


[1] The Times, History of War, Times Book, London, 2003, S. 19.

[2] Evans, A.A. und D. Gibbons, Militärgeschichte vom Altertum bis heute, Bassermann, München , 2009, S. 49.

[3] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 49.

[4] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 53.

[5] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 59.

So auch The Times, S. 33.

[6] Evans, A.A., und D. Gibbons, S. 59.

[7] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 59.

[8] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 59.

[9] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 59.

[10] Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 65-67.

[11] The Times, S. 36.

So auch Evans, A.A. und D. Gibbons, S. 69.

[12] The Times, S.44/ 45.

[13] Gann, L., Guerrillas in History, Hoover Institution Press, Stanford, 1971, S. 3-5.

So auch Evans, A.A., und D. Gibbons, S. 92.

[14] Evans, A.A., und D. Gibbons, S. 91.

[15] Gann, L., S. 6.

[16] Gann, L., S. 7-9.

[17] Gann, L., S. 10.

[18] Gann, L., S. 17/18.

[19] Covington, J.W., The Billy Bowlegs War  1855-1858, The Final Stand of The Seminoles Against The Whites, The Mickler House Publishers, Chuluota, Florida, 1982.

[20] Stahel, A.A., Widerstand der Besiegten – Guerilllakrieg oder Knechtschaft, von der Antike zur Al-Kaida, Strategie und Konfliktforschung, vdf Hochschulverlag, Zürich, 2006, S. 16/17.

[21] Stahel, A.A., S. 47-57.

[22] Stahel, A.A., S. 181-197.

[23] Evans, A.A., und D. Gibbons, S. 216/217.

[24] Stahel, A.A., S. 204-206.

[25] Creveld, van, M., The Age of Airpower, Public Affairs, New York, S. 401ff.

So auch Thomas, J., and Chr. Dougherty, Beyond the Ramparts, The Future of U.S. Special Operations Forces, CSBA (Center for Strategic and Budgetary Assessments), Washington, DC, 2013, S. 78ff.