Seit der Absetzung Mursis als Präsident versucht die Armee in Ägypten dem ausgebrochenen Chaos durch Polizei- und Armeeeinsätze Einhalt zu gebieten. Mit Gewalt werden teilweise bewaffnete Demonstrationen der Muslimbrüder zerschlagen. Diese Repression hat unter den Demonstranten und der Polizei zu Toten und Verletzten geführt. Nur durch das Zerschlagen der Muslimbrüder aber kann die Armee einen Bürgerkrieg im Land verhindern.

Trotz dieser Gefahr wird das Vorgehen der ägyptischen Armeeführung sowohl von den USA als auch von der EU in Verkennung der gefährlichen Lage verurteilt. Diese hingeworfenen Pauschalurteile weisen auch auf fehlendes Wissen über die Gesellschaften in der arabischen Welt hin. Gleichzeitig sind sie ein Beweis dafür, dass insbesondere die USA nicht mehr in der Lage sind, die Geschehnisse in den arabischen Staaten zu beeinflussen. Obwohl die ägyptischen Generäle wesentlich von den Geldzuwendungen aus Washington DC abhängig sind, foutieren sie sich um die Ermahnungen Obamas, gewaltlos bei der Zerschlagung der Demonstrationen der Muslimbrüder vorzugehen. Offensichtlich hat die Weltmacht USA gerade in Ägypten wesentlich an Einfluss verloren. Obamas Ermahnungen und Appelle sind auch ein Spiegel für die Hilflosigkeit der Weltmacht USA gegenüber den Situationen nach dem sogenannten „arabischen Frühling“.

Obwohl die USA in Afghanistan noch mit beinahe 60‘000 Mann die afghanischen Sicherheitskräfte gegen die aufständischen Taliban unterstützen, kümmert sich Präsident Karzai wenig um die Interessen Washingtons. Auch nach dem Abzug Ende 2014 möchten die USA weiterhin mit rund 7‘000 Mann im Land präsent sein. Dazu benötigt Washington die Zusicherung Karzais, dass die US-Soldaten keiner rechtlichen Verfolgung ausgesetzt sein und ihre Stützpunkte einen exterritorialen Status erhalten werden. Karzai soll dies der Obama-Administration in einem Vertrag zusichern. Bis anhin hat der Afghane dies verweigert. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass kein Vertrag abgeschlossen wird und die Amerikaner Ende 2014 vollständig abziehen werden.

Mit einem ähnlichen Fiasko ihrer Diplomatie sind die USA bereits 2011 bei ihrem Abzug aus dem Irak konfrontiert worden. Trotz der damaligen Vorsprachen von US-Vizepräsident Biden hatte die irakische Regierung al-Malikis eine solche Zusicherung nicht gegeben.

Sowohl die Lage in Ägypten als auch die Beziehungen zu Afghanistan sind Hinweise auf den zunehmenden Macht- und damit Einflussverlust der USA in der Welt. Angesichts der Ereignisse im Mittleren Osten ist der Begriff Machtzerfall angebracht. Dieser Machtzerfall setzte mit der amerikanischen Invasion in den Irak im Jahr 2003 ein. Nach dem offiziell durch Präsident Bush verkündeten Sieg über das Regime Saddam Husseins brach im Irak ein allgemeiner Aufstand aus, dessen die Amerikaner trotz Truppenverstärkungen bis zu ihrem Abzug nie Herr wurden. Der Krieg im Irak hat der gesamten Welt die Überdehnung der militärischen Macht der USA und damit auch die Grenzen ihres Einflusses aufgezeigt.

Durch die Finanzkrise von 2008 wurde der Machtzerfall noch verschärft. Die Interventionen sowohl der Bush- als auch Obama-Administration zur Rettung des amerikanischen Finanzsystems führten zu einer enormen Verschuldung. Diese Schuldenlast hat u.a. bewirkt, dass das von den Republikanern geführte Repräsentantenhaus die Obama-Administration zu Einsparungen zwingen kann. Die Regierung muss in den nächsten 10 Jahren insbesondere bei den Verteidigungsausgaben beinahe 1000 Milliarden Dollar einsparen, was zu einschneidenden Massnahmen bei den Streitkräften führen wird. Abgesehen von den Personalkürzungen ist jetzt auch von der frühzeitigen Ausserdienststellung von Waffensystemen die Rede. So könnte die US Navy bis zu drei Flugzeugträger verlieren. Anstelle von 10 einsatzbereiten Flugzeugträgern wären nur noch deren 7 verfügbar. Die aufstrebende Grossmacht China wird im westlichen Pazifik die zunehmende Schwäche der USA ausnützen. Die USA könnten in Asien zu einem Papiertiger degenerieren, was zum Zusammenbruch ihres Bündnissystems im Pazifik führen dürfte.

Die Unfähigkeit, die Ereignisse in Ägypten und Afghanistan zu beeinflussen, und die einschneidenden Budgeteinsparungen beim Pentagon könnten die Zeichen an der Wand für den immer schneller werdenden Machtzerfall der USA sein. Die Konsequenzen dieses Zerfalls dürften sich auch sehr bald in Europa bemerkbar machen. Durch die Lähmung der USA könnten insbesondere die europäischen Staaten Ostmitteleuropas den zunehmenden Machtansprüchen Deutschlands und Russlands hilflos ausgeliefert sein.