Erschienen am 19.8.2013 auf «20 Minuten».

Der US-Geheimdienst NSA hat offenbar ein Telefonat von zwei hochrangigen Al-Kaida-Mitgliedern abgehört: Demnach plant das Terrornetzwerk eine Anschlagsserie auf europäische Schnellzüge – etwa auf Züge wie den ICE. Sind die Terrorwarnungen übertrieben oder begründet? Professor Albert A. Stahel, Dozent für Strategische Studien an der Universität Zürich, gibt Auskunft.

Der US-Geheimdienst NSA stand wegen seiner Abhörpraktiken in der Kritik. Jetzt warnt er vor Anschlägen auf das europäische Schienennetz. Ist das Ganze ein Legitimationsversuch der NSA – oder droht echte Gefahr?

Albert Stahel: Man muss schon sehen: Die NSA macht jetzt mit ernsthaften Meldungen Public Relations. Doch ja, man muss das sehr ernst nehmen, auch in der Schweiz. Aus meiner Sicht sollte eine solche Nachricht aber nicht öffentlich gemacht werden. Da schlägt man aus einer bedenklichen Situation Kapital.

«Bedenkliche Situation» – auch für die Schweiz und unsere SBB?

Absolut. Der Schutz des Eisenbahnnetzes wurde sträflich vernachlässigt, hierzulande und in ganz Europa. Das ist das eine. Das andere: Gerade Deutschland dürfte im Visier von Terroristen stehen, denn hier haben terroristische Organisationen aus Pakistan und Afghanistan aktive Ableger aufgebaut. Wollen die Terroristen Deutschland eins auswischen, ist auch die Schweiz gefährdet.

Wieso denn das? Wir sind doch neutral und mischen nicht in den Kriegen im Mittleren Osten mit.

Die Al Kaida und ihre Verbündeten denken vor allem strategisch – und studieren Karten. Nehmen wir den Gotthard, eine sehr wichtige Transitachse für ganz Europa. Hier transportiert auch die Deutsche Bundesbahn millionenschwere Frachten. Will man dieser Wirtschaftsgrossmacht schaden, können Terrorgruppen sehr gut auch in der Schweiz zuschlagen. Und mehr noch: Eine schwere Beschädigung dieser zentralen Transitachse hätte weitreichende Konsequenzen, zumal wir keine wirkliche Ausweichmöglichkeit haben. Der Lötschberg etwa ist nur einspurig befahrbar.

Was muss denn jetzt geschehen?

Es braucht verstärkte Polizeipräsenz. Stellwerke müssen regelmässig kontrolliert werden, damit sie nicht sabotiert werden können. Die Videoüberwachung muss ausgebaut werden. Und auch das muss man wissen: Das Eisenbahnnetz ist nur eines von insgesamt drei Zielen von Terroristen.

 

Was sind die anderen Anschlagsziele?

Nebst dem Eisenbahnnetz sind auch das Stromnetz und der Gasverbund gefährdet. Die Amerikaner machen sich derzeit gerade grosse Sorgen um die Sicherung ihres Stromnetzes. Sollte ein Schlag dieses grossflächig und für längere Zeit ausser Kraft setzen, wäre der wirtschaftliche Schaden enorm.

Print Friendly, PDF & Email