Der preussische Kriegsphilosoph Carl von Clausewitz (1780-1831) hat in seinem epochalen Werk „Vom Kriege“ die Strategie als „die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges“ definiert, im Gegensatz zur nachgeordneten Taktik als „die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“. Mit dieser Definition hat der Preusse auf die Griechen der Antike Bezug genommen, die die Strategie als die Feldherrnkunst oder als die Wissenschaft der Kriegführung bezeichneten.

Der Schweizer Antoine-Henri Jomini (1779-1869), der bis in die Gegenwart immer noch das strategische Denken in den USA beeinflusst, hat zur gleichen Zeit wie Clausewitz in seiner Abhandlung „Précis de l’art de la guerre“ für die Kriegführung eine Typologie von sechs Ebenen formuliert:

„La politique de la guerre; la stratégie; la grande tactique des batailles; la logistique; l’art de l’ingénieur; la tactique de détail“.

Für die erste Ebene wird in der Gegenwart der Begriff Sicherheitspolitik verwendet. Mit seiner Typologie hat Jomini die Strategie zu einer Aufgabe der Staatsführung aufgewertet und damit den engen Bezug auf den Feldherrn verlassen. Seither ist Strategie als die Aufgabe eines Staatschefs als obersten Strategen bei der Bewältigung von Krisen, die die Existenz des ihm anvertrauten Staates und seiner Bevölkerung bedrohen, zu sehen.

Für das grundlegende Ziel, das jede Strategie und damit jeder Stratege durchsetzen muss, ist wiederum Clausewitz zu konsultieren, der sich dazu in knappen Worten geäussert hat:

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen!“

Dieser Auftrag an den Strategen hat auch in der Gegenwart eine Erweiterung erfahren. Ein Staatschef hat mit seiner Strategie die Interessen seines ihm anvertrauten Staates gegenüber den Zielen der gegnerischen Staaten durchzusetzen. Nur so kann er alle existenzbedrohenden Gefahren, die seinen Staat herausfordern, abwenden.

Welche Mittel soll ein moderner Stratege dafür einsetzen? Konsultiert man den Chinesen Sun Tzu, dessen Werk „Die dreizehn Prinzipien der Kriegskunst“ aus dem Jahre 512 v. Chr. in China bis in die Gegenwart studiert wird, so sind alle Mittel erlaubt. Dazu gehören insbesondere die List und die Täuschung, die Korrumpierung des gegnerischen Staates und seiner Gesellschaft und die Bildung neuer Allianzen. Wie soll der Einsatz aller dieser Mittel erfolgen? Auch dazu äussert sich für jeden nachvollziehbar der Preusse Clausewitz:

„Es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen … es entsteht eine Wechselwirkung, die … zum äussersten führen muss.“

Welche Folgerungen lassen sich für den Kleinstaat Schweiz und seine kollegiale Staatsführung, den Bundesrat, aus diesen Grundsätzen ableiten? Es ist offensichtlich, dass die Schweiz heute unter dem enormen politischen Druck der westlichen Staaten, vor allem der USA und Deutschlands, steht. Diese haben nicht nur das Ziel, aus der Schweiz und ihrem Finanzplatz enorme Geldsummen zur Deckung ihrer Staatsschulden herauszupressen, sondern ein für alle Mal die Schweiz als Vorbild einer echten Demokratie, die ihrer Bevölkerung einen enormen Wohlstand sichert, zu demütigen. Gelingt dieses Vorhaben nicht, könnten sich zumindest in Deutschland die Bürgerinnen und Bürger die Frage stellen, warum im kleinen Nachbarstaat eine echte Demokratie herrscht, deren Bevölkerung nicht das Opfer geldgieriger Politiker und Beamter ist, sondern die im Vergleich zu anderen Nationen einen höheren Wohlstand in Frieden ermöglicht.

Zu fragen, warum die sogenannten Freunde von gestern heute für die Schweiz zu existenzgefährdenden Gegnern geworden sind, ist müssig. Als Folge ihrer hohen Staatsverschuldung sind alle diese Staaten samt und sonders bankrott. Unter Ausnützung ihrer politischen und militärischen Machtstellung stürzen sich deren Staatschefs, auch durch ihre Überheblichkeit getrieben, auf den Kleinstaat Schweiz. Dessen Führung reagiert aufgrund des Fehlens einer durchdachten Strategie hilflos und gibt immer wieder nach, bis von dem durch frühere Generationen erworbenen Wohlstand nichts mehr übrigbleiben wird.

Welche Strategie sollte der in dieser Bedrohungslage hilflos agierende Bundesrat anwenden? Das einzig massgebende Ziel für den Bundesrat ist die Erhaltung des Kleinstaates Schweiz und des Wohlstandes seiner Bürgerinnen und Bürger. Um dieses Ziel durchsetzen zu können, gilt es Allianzen zu bilden. Diese findet man nicht bei den früheren Freunden, sondern nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ bei den Gegnern der ehemaligen Freunde. Dazu gehören China und Russland. Zwischen diesen Staaten und ihren Gegnern herrscht seit Ende der 90er Jahre ein Kalter Krieg über die geopolitische Vormachtstellung in dieser Welt. Ermöglicht durch den wirtschaftlichen Wohlstand wird China immer mächtiger, rüstet seine Streitkräfte auf und stellt in zunehmendem Masse Ansprüche auf die Kontrolle über den westlichen Pazifik. Gleichzeitig ist China in Afrika und Lateinamerika wirtschaftlich und politisch präsent. Die bankrotten USA, deren geopolitische Hegemonialstellung zunehmend schwächer wird, versuchen durch die Mobilisierung ihrer Satelliten – zu diesen gehören Japan, Süd-Korea, Philippinen, Australien, Neuseeland, Indonesien, Thailand, Singapur, Taiwan – dem geopolitischen Aufstieg Chinas Einhalt zu gebieten. In Kenntnis dieser amerikanischen Strategie setzen die Machthaber in Beijing ihre Strategie der List und Täuschung um. Das gesetzte Ziel ist es, die USA noch mehr zu schwächen, aus dem westlichen Pazifik zu verdrängen und am Ende zu besiegen.

Welche Rolle könnte die Schweiz in der chinesischen Strategie einnehmen? Bedrängt durch ihre früheren „Freunde“ bleibt unserem Kleinstaat nichts anderes übrig als eine Quasi-Allianz mit dem Riesenstaat China einzugehen. Als Gegenleistung könnte die Schweiz China seinen Finanzplatz für die Konvertierung des Renminbi anbieten! Die Chinesen wollen die Stellung des Dollars als Weltwährung aushebeln, denn auf dieser Weltwährung beruht schlussendlich die Machtstellung der USA. Eine Möglichkeit dazu ist ein teilweiser Ersatz des Dollars durch den Renminbi. Dieser Vorschlag mag merkwürdig erscheinen, aber in der Strategie sind alle Mittel erlaubt und ihrem Einsatz sind keine Schranken gesetzt. Als Wegleitung dazu ist das Studium des „Il Principe“ des Florentiners Niccolo Machiavelli (1469-1527) zu empfehlen! Der Bundesrat könnte im „Il Principe“ sehr brauchbare Ratschläge für die Formulierung seiner Strategie finden!

Print Friendly, PDF & Email