Nachdem die Bush-Administration innert Wochen den Irak mit der Operation „Shock and Awe“ besetzt hatte, waren die US-Streitkräfte bereits Mitte 2003 mit einem gross angelegten Aufstand verschiedener Gruppierungen konfrontiert. Zu den Aufständischen gehörten ehemalige Soldaten der irakischen Armee – diese war übereilt durch den amerikanischen Prokonsul Bremer aufgelöst worden -, ehemalige Baathisten, die abgesetzt wurden, sunnitische Stammesführern, die aus ihrer Machstellung verdrängt wurden und Jihadisten, die nach dem Sturz von Saddam Hussein zur Macht drängten. Gleichzeitig führten aber auch in zunehmenden Masse schiitische Milizen, wie jene von Muktada al-Sadr, Anschläge gegen die alliierten Truppen aus. Die Amerikaner und ihre Koalition der Willigen mussten sehr bald erkennen, dass sie die politische und militärische Lage im Irak falsch eingeschätzt hatten und trotz dem Sturz des verhassten Saddam Hussein nicht als Befreier begrüsst wurden. Nur mit grösstem Aufwand konnten aufständische Städte, wie Falludscha, mit der Feuerkraft der Kampfhelikopter Apache und Erdkampfkampfflugzeugen A-10 wieder eingenommen werden. Sobald aber die amerikanischen Streitkräfte einen „pazifizierten“ Ort verliessen, waren die Aufständischen wieder da.

Ab 2004 wurden die Amerikaner auch in Afghanistan mit einem ähnlichen Guerillakrieg wie jenem im Irak konfrontiert. Hier waren die Akteure hauptsächlich die Taliban und die mit ihnen verbündeten Gruppierungen, die zwar von der Macht verdrängt, aber nicht besiegt worden waren. Sehr bald mussten die verantwortlichen Truppenkommandanten erkennen, dass den US-Streitkräften für ihre Anti-Guerillakriegführung (Counterinsurgency) im Irak und in Afghanistan eine zweckmässige und wirksame Einsatzdoktrin fehlte. Auch verfügten die Einheiten der US Army und des US Marine Corps nicht über die für diese Kriege zweckmässige Ausrüstung und Ausbildung. In den amerikanischen Streitkräften waren die Lehren aus dem Vietnamkrieg in Vergessenheit geraten. Nach dem verlorenen Vietnamkrieg wollten die US-Streitkräfte von Counterinsurgency nichts mehr wissen. Konsequent  waren die Streitkräfte deshalb nur noch für die Führung grosser konventioneller Kriege ausgerüstet und ausgebildet.

Der erste, der offenbar die miserable Lage in der sich die US-Truppen im Irak befanden, schnell erkannte, war der später zum General beförderte David H. Petraeus. Vermutlich durch ihn gefördert wurde das U.S.Army Field Manual No. 3-24 / Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5 verfasst, das zum ersten Mal am 15. Dezember erschienen ist. Seit 2007 ist auch eine für die Öffentlichkeit zugängliche Version verfügbar (The U.S.Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual, The University of Chicago Press, Chicago and London, 2007). Dieses Reglement wurde nach dem Erscheinen von den US-Militärs begrüsst und soll seither die amerikanische Counterinsurgency gegen die Aufständischen im Irak und in Afghanistan entscheidend bestimmt haben.

 

Im Manual werden sowohl die Guerillakriegführung wie auch die Counterinsurgency beschrieben und analysiert. Die Chicagoer Version wird durch die Vorworte von Lieutenant Colonel John A. Nagl, der Sozialwissenschaftlerin und früheren stellvertretender Leiterin der Friedenssicherung und humanitäre Hilfe  des Pentagons Sarah Sewall und der Generäle David H. Petraeus und James F. Amos eingeleitet. Anschliessend wird auf drei Werke verwiesen, die offenbar als eigentliche Grundlagen bei der Abfassung des Manuals gedient haben:

  • Counterinsurgency Warfare: Theory and Practice, von David Galula, 1964
  • Battle Lessons, What the Generals Don’t Know, von Dan Baum, The New Yorker, January 17, 2005
  • Defeating Communist Insurgency: The Lessons of Malaya and Vietnam, von Sir Robert Thompson, 1966

Was bei diesen Werken auffällt ist, dass das erste und das dritte Werk einen Bezug auf den Beginn des US-geführten Vietnamkrieges und der dabei eingesetzten Anti-Guerillakriegführung aufweisen. Offenbar wollten die Autoren bewusst auf diese für die US-Streitkräfte damals noch einigermassen erfolgreiche Phase des Vietnamkrieges und der dazu formulierten Einsatzkonzepte hinweisen.

Im Manual werden kapitelweise folgende Themen des Guerillakrieges und seiner Bekämpfung abgehandelt:

  • Insurgency and Counterinsurgency
  • Unity of Effort; Integrating Civilian and Military Activities
  • Intelligence in Counterinsurgency
  • Designing Counterinsurgency Campaings and Operations
  • Executing Counterinsurgency Operations
  • Developing Host-Nation Security Forces
  • Leadership and Ethics for Counterinsurgency
  • Sustainment

Dazu kommen noch fünf Anhänge:

  • A Guide for Action
  • Social Network Analysis and Other Analytical Tools
  • Linguist Support
  • Legal Considerations
  • Airpower in Counterinsurgency

Ausgehend von einer im ersten Kapitel teilweise genauen Beschreibung verschiedener Guerillakriege der Vergangenheit, so der Aufstand der Philippinos gegen die Amerikaner zu Beginn des 20. Jahrhundert, der Machergreifung durch Trotzki und Lenin in Russland 1917-21, der Arabische Aufstand von T.E. Lawrence 1917/18 und der Widerstand in den durch Deutschland und Japan besetzten Gebiete, werden Konzeptionen der Führung von Guerillakriegen abgehandelt. Im Zentrum steht das Phasenkonzept des Langwierigen Krieges von Mao Zedong und der vietnamesischen Kopie und  Umsetzung durch Dau Tranh und Vo Nguyen Giap. Die Quintessenz aus diesen Beschreibungen und Analysen ist, dass Motive und Ideologie der Bevölkerung und der Zustand der Wirtschaft im Aufstandsgebiet über den Erfolg oder Misserfolg eines Anti-Guerillakrieges entscheiden können. Diese Erkenntnis, die nebenbei schon im 19. Jahrhundert in Schriften über den Guerillakrieg festgehalten wurde, bestimmen die nachfolgenden Ausführungen über den Aufbau des Nachrichtendienstes und die Führung von Operationen der Counterinsurgency. Sehr viel Wert wird dabei auf den Wiederaufbau einer erfolgreichen Volkswirtschaft durch die Zusammenarbeit zwischen zivilen Dienststellen und Militärs der Besatzungsmacht gelegt.

Das Manual ist wirklich sehr umfassend abgehandelt. Der Eindruck, den das Studium hinterlässt ist aber, dass es sich dabei weniger um ein Reglement, wohl eher um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt. Ein Bataillons- oder Kompaniekommandant wird aus diesem Manual wenig brauchbare Anleitungen für seine Taktik der Anti-Guerillakriegführung erhalten. Dagegen bietet das Manual interessante Hinweise für Politiker und Generäle bei der Planung und Vorbereitung der Befreiung bzw. Besetzung eines fremden Staates. Da das Manual aber erst 2006 erschienen ist, ist es sowohl für die Vorbereitung der Counterinsurgency im Irak wie auch für jene in Afghanistan zu spät erschienen. In beiden Fällen war das Ende der US-geführten Counterinsurgency absehbar und im Prinzip bereits gescheitert. Ende 2011 sind die USA aus dem Irak abgezogen und haben ein geteiltes, unregierbares Land hinterlassen. Ende 2014 werden sich die USA und ihre Alliierten aus Afghanistan zurückziehen. Das Ergebnis in Afghanistan dürfte ähnlich sein. Im Prinzip ist dieses Manual für den Afghanistankrieg nicht nur zu spät erschienen, die im Manual aufgelisteten Empfehlungen haben sich für die Führung einer humanitären Anti-Guerillakriegführung als unbrauchbar erwiesen. Die Umsetzung des Manuals ist trotz der Anweisungen der Generäle Stanley McChrystal und David Petraeus über die Schonung der zivilen Bevölkerung bei der Führung von Luftangriffen an der brutalen Wirklichkeit des Krieges gescheitert. So haben die intensive Verwendung von Kampfdrohnen und der Einsatz von Eliteeinheiten in nächtlichen Razzien die zivile Bevölkerung gegen die US- und ISAF-Truppen und der mit ihnen verbündeten Karzai-Regierung aufgebracht. Am Ende standen die USA nur vor der Wahl der Ausrottung der paschtunischen Bevölkerung als Trägerschaft der Taliban oder den Abzug. Den ersten Weg konnten sie trotz der historischen Erfahrungen mit ihrem Genozid an der amerikanischen Urbevölkerung im 21. Jahrhundert nicht mehr beschreiten. Demzufolge blieb ihnen nur den Abzug übrig. Ihre Hinterlassenschaft in Afghanistan ist trostlos. Nicht nur ist das Land zwischen Nord und Süd geteilt, in Kabul herrscht die Organisierte Kriminalität der Drogenbarone.

Das Manual lässt insgesamt auch eine gewisse Kriegsmüdigkeit der Führung der amerikanischen Streitkräfte erkennen. Diese Führung will offensichtlich von der brutalen Wirklichkeit eines Kriegs nichts mehr wissen. Nur so lassen sich die Appelle an die Menschlichkeit in der Kriegführung im Manual erklären. Der Krieg ist aber in seinem Wesen unmenschlich. Trotz Kriegsvölkerrecht und Genfer Konventionen hat die Menschlichkeit in der Brutalität des Krieges keinen Raum.