Der erste Zar, der für Russland den Status einer Seemacht anstrebte, war Peter der Grosse (1672-1725). Nachdem er den Aufstand der Moskauer Streltsi-Milizen (1682-1684) niedergeschlagen und sich als Alleinherrscher in Moskau durchgesetzt hatte, schritt er zur Eroberung des Asowschen Meeres und entriss es den Osmanen. Bei dieser militärischen Expedition, die vom Sommer 1695 bis Juli 1696 dauerte, wurde er durch seinen Freund und russischen Admiral, den Genfer F.J. Lefort (1656-1699), unterstützt. Die Krönung seiner Bemühungen um die Durchsetzung Russlands als Seemacht in der Ostsee war der Sieg über Schweden in der Seeschlacht von Hangö (7. Juli 1714). Peter erzwang im Vertrag von Nystad (30. August 1721) von den Schweden die Abtretung des Baltikums und Südkareliens. Russland wurde zur Seemacht in der Ostsee. Am 2. November 1721 ernannte Peter sich zum Imperator.

Alle nachfolgenden Zaren strebten für Russland die Vergrösserung des Status einer Seemacht an. Als Seemacht sollte Russland zu den warmen Meeren vorstossen und andere Seemächte aus diesen Meeren verdrängen. Bereits 1809 hatte Russland unter Zar Alexander I. dieses Ziel in der Ostsee durch die endgültige Bezwingung der Schweden mit der Annektierung von Finnland erreicht. Grössere Schwierigkeiten bereitete den Russen der Vorstoss ins östliche Mittelmeer. Dazu musste das Osmanische Reich, das den Bosporus und die Dardanellen beherrschte, bezwungen werden. Neben ihrer Militärmacht setzten die Zaren dazu ihren Anspruch als Schutzherr der Orthodoxie ein. Zar Iwan IV. (der Schreckliche, 1533-1584) hatte bei seiner Krönung zum Zar 1547 Moskau als das dritte Rom bezeichnet und sich zum Nachfolger der Kaiser von Byzanz erklärt. Für die Zaren als Schutzherren der Orthodoxie war es naheliegend, Byzanz, das zweite Rom, das die Osmanen 1453 besetzt hatten, zurückzuerobern. Im 19. Jahrhundert erklärte sich Russland zum Befreier der christlichen Untertanen der ungläubigen Sultane in Südosteuropa und hetzte die orthodoxen Christen für die russischen Ziele gegen den Sultan auf.

Nachdem Russland bei seinem Angriff auf das osmanische Reich im Krimkrieg von 1854 bis 1856 gegen die Allianz der Briten, Franzosen und Osmanen eine Niederlage erlitten hatte, schien es, als ob Moskau auf diesen Machtanspruch definitiv verzichtet hätte. Durch die Oktoberrevolution von 1917 wurde gar die Zarenherrschaft beseitigt.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges meldete der russische Herrscher Stalin wieder Ansprüche auf das östliche Mittelmeer an. Dazu unterstützte er ab 1945 den Aufstand der Kommunisten gegen die griechische Regierung in Athen. Mit der Verkündung der Truman-Doktrin am 12. März 1947 lösten die USA die Briten, deren Wirtschaft aufgrund des Zweiten Weltkrieges vor dem Kollaps stand, als führende Grossmacht im östlichen Mittelmeer ab. Dank dem Bruch des jugoslawischen Herrschers Tito mit Stalin brach der kommunistische Aufstand in Griechenland 1949 zusammen. Auch Stalins Gebietsforderungen an die Türkei wehrten die USA ab. Der Tod Stalins am 5. März 1953 beendete vorerst die Vorstösse der UdSSR ins östliche Mittelmeer.

Mit dem Machtantritt des sowjetischen Generalsekretärs Nikita Chruschtschow knüpfte Moskau enge Beziehungen zu arabischen Despoten im östlichen Mittelmeer an. Im Mai 1964 zeichnete Chruschtschow während seiner Ägypten-Reise den Herrscher am Nil Nasser mit dem Lenin-Orden und dem Titel „Held der Sowjetunion“ aus. Schrittweise erhielt die UdSSR Zugang zu den ägyptischen Mittelmeerhäfen Salum und Alexandria und zu Latakia in Syrien. Vor den Kriegen von 1967 und 1973 wurden beide arabischen Staaten durch Moskau mit massiven Waffenlieferungen versorgt. Dank den Häfen konnte immer ein sowjetisches Kriegsgeschwader im östlichen Mittelmeer stationiert bleiben. Bereits mit der Abwendung Ägyptens von Moskau 1972 unter dem ägyptischen Herrscher Sadat schien die Stellung der UdSSR im östlichen Mittelmeer geschwächt. Einen weiteren Rückschlag erlitt Moskau mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 und der beinahe erfolgten Auflösung seiner Schwarzmeerflotte. Die Flotte wurde nicht nur unter der Russischen Föderation und der Ukraine aufgeteilt, sie erhielt durch den Zerfall der sowjetischen Rüstungsindustrie keine neuen Kriegsschiffe mehr. Die Präsenz Russlands im östlichen Mittelmeer schien beendet zu sein.

Nach seinem Machtantritt von 1999 leitete der neue russische Machthaber Wladimir Putin eine Wende ein. Wohl hat die Schwarzmeerflotte bis heute keine neuen Kriegsschiffe erhalten, aber sie wird besser versorgt und die russische Präsenz im östlichen Mittelmeer ist gefestigt worden. Im Krieg gegen Georgien von 2008 bewies die Schwarzmeerflotte ihre Einsatzbereitschaft und hielt die amerikanische Mittelmeerflotte von einer Unterstützung Georgiens ab.

Dank den Schwierigkeiten der EU bei der Rettung von Zypern vor dem Staatsbankrott erhält nun Moskau eine neue Möglichkeit, seine seestrategische Stellung im östlichen Mittelmeer auszubauen. Dabei setzt Putin wieder die Mittel der Zaren ein. Einerseits beansprucht Moskau die Schutzmachtfunktion über die Orthodoxie und anderseits beeinflusst Russland das griechisch-orthodoxe Zypern indirekt über die zypriotisch-orthodoxe Kirche. Das Ziel dieses Manövers ist offensichtlich. Moskau will mindestens die alte Stellung vor dem Zusammenbruch der UdSSR im östlichen Mittelmeer wieder erlangen. Dies vor allem auf Kosten der EU. Das Fernziel dürfte aber die Verwirklichung des alten Plans der Zaren sein. Mit Hilfe der orthodoxen Brüdernationen auf dem Balkan und der mit Russland liierten Iraner könnte die Türkei politisch in die Knie gezwungen und damit der Riegel gegenüber dem russischen Vorstoss ins östliche Mittelmeer beseitigt werden. Auch Israel, in dem eine grosse Gemeinschaft russischer Juden lebt, könnte die russische Strategie unterstützen. Nach einer Demütigung der Türkei ergebe sich die Möglichkeit, das syrische Regime von Assad dank der erzwungenen Beendigung der türkischen Hilfe an die syrischen Aufständischen aufrecht zu erhalten. Sollte diese russische Strategie Erfolg haben, dann würden die USA ihre seestrategische Machtstellung im östlichen Mittelmeer verlieren. Der Verlust dieser Machtstellung wäre gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer geopolitischen Vorherrschaft in Europa. In einer solchen Lage könnte Russland nicht nur als Seemacht das östliche Mittelmeer dominieren, sondern auch den Europäern die russischen Ansprüche diktieren.