In der letzten Zeit publizieren in zunehmendem Masse Think Tanks im Raume Washington DC Vorschläge für eine neue Strategie der USA. Dazu gehört auch eine Studie des Atlantic Council.[1] Dieser Think Tank wird übrigens von Brent Scowcroft, dem früheren Sicherheitsberater von George Bush sen., geleitet. Diese Studien sind ein Hinweis darauf, dass sich Obama in seiner zweiten Amtszeit mit den Auswirkungen der geschwächten Machtstellung der USA in der Welt wird auseinandersetzen müssen. Verantwortlich dafür sind neben Finanz- und Wirtschaftskrise der USA insbesondere die beiden gescheiterten Kriege im Irak und in Afghanistan. Ohne die Verluste der ISAF-Truppen und der afghanischen Sicherheitskräfte im Afghanistankrieg zu berücksichtigen, hatten die USA bisher in diesem Krieg allein über 2’000 Tote und über 18’000 Schwerverletzte zu beklagen. Zu der negativen Bilanz dieses Krieges und der Finanzkrise kommen noch die zukünftigen Einsparungen im Budget des Pentagon von beinahe 50 Milliarden Dollar pro Jahr ab 2013 hinzu. Für 10 Jahre sollen es gemäss Kongressbeschluss 487 Milliarden Dollar sein. Der Hegemon USA wird in Zukunft nicht mehr entsprechend dem Gusto der Politiker in Washington DC Kriege führen können, so wie es noch unter George Bush jr. und seinem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld der Fall war.

Im Sinne eines Ausblicks auf die Zukunft hat der scheidende US-Verteidigungsminister Leon E. Panetta in verschiedenen Referaten, die er u.a. in Kandahar am 13. Dezember[2] und im türkischen US-Stützpunkt Incirlik am 14. Dezember[3] gehalten hat, die neue Militärstrategie der Obama-Administration skizziert. In beiden Referaten wies Panetta darauf hin, dass in Zukunft die US-Streitkräfte bestandsmässig kleiner sein werden. Diese Streitkräfte müssten allerdings als Mittel der „force projection“ in Regionen, in denen die USA herausgefordert würden, schneller einsetzbar sein. Zu diesen Regionen gehöre der westliche Pazifik mit Nordkorea und der aufstrebenden Macht China. Der Mittlere Osten mit dem Iran und der Gefahr der Schliessung der Strasse von Hormuz sowie mit den Unruhen in der Arabischen Welt sei die zweite Region der Welt, mit der sich die USA auseinandersetzen werden. Zur Beruhigung der Europäer wies Panetta in Kandahar daraufhin, dass in Europa nach wie vor US-Truppen stationiert würden. Was die zukünftige Ausrüstung und Waffentechnologie der neuen US-Streitkräfte betreffe, so würden laut Panetta die USA vermehrt in unbemannte Systeme, in Systeme für den Weltraum und für den Cyber War sowie in Spezialkräfte investieren. Die USA würden sich in der Zukunft auf diese neuen Technologien ausrichten.

Zur neuen Militärstrategie gehörten, so Panetta in Kandahar, nach wie vor die Terrorismusbekämpfung in Afghanistan, in den autonomen Stammesgebieten Pakistans, in Jemen und in Nordafrika. Das Mittel dazu seien Spezialkräfte wie die SEALs. Er betonte gleichzeitig, dass die eigentlichen Herausforderungen auch für die neue Strategie der USA das Regime in Nordkorea, der Iran und die Unruhen in der Arabischen Welt, so insbesondere der Bürgerkrieg in Syrien, seien. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, müssten die USA auch nach dem Abzug aus Afghanistan weiterhin Landstreitkräfte aufrechterhalten, die aber mobiler und damit schneller einsetzbar werden müssten. Interessanterweise erwähnte Panetta in Incirlik den Bestand an Streitkräften, den die USA auch in Zukunft im Mittleren Osten auf See und auf den Stützpunkten in den arabischen Staaten beibehalten würden. Er nannte einen Bestand von 50’000 Truppen und mehr als 30 Schiffe. Die USA müssten bei einer Schliessung der Strasse von Hormuz und in Korea auch in Zukunft mit Landkriegen rechnen. Trotz Budgetkürzungen seien die USA nach wie vor gewillt, „the most powerful military force on Earth“ aufrecht zu erhalten.

Die Referate von Panetta weisen daraufhin, dass die USA die grösste und stärkste Militärmacht auf diesem Globus bleiben wollen. Mit dieser Militärmacht sollen die allfälligen Gegner der USA durch „power projection“ in Schach gehalten werden. Ob diese Absichten wirklich durchgesetzt werden können, wird durch die zukünftigen Wirtschafts- und Finanzleistungen der USA bestimmt werden. Die USA, die mit über 16’000 Milliarden Dollar verschuldet sind, müssen in absehbarer Zeit ihre Ausgaben und Einnahmen wieder ins Gleichgewicht bringen. Dazu gehört auch die Bewältigung der Finanzkrise durch Präsident Obama und den Kongress bis Ende dieses Jahres.


[1] Manning, R.A. (2012). Envisioning 2013: US Strategy for a Post-Western World. Atlantic Council, Washington DC.

[2] U.S. Department of Defense (2012). Remarks by Secretary Panetta in Kandahar, Afghanistan.

[3] U.S. Department of Defense (2012). Remarks by Secretary Panetta in Incirlik, Turkey.