151790_e49ecd4a6bEin Beitrag für “Gewalt und Gewalten – Zur Ausübung, Legitimität und Ambivalenz rechtserhaltender Gewalt”, herausgegeben von Torsten Meireis – Mohr Siebeck 2012.

1. Die Taliban und ihre Kriegführung

Im Nachgang zum Rückzug der 40. Armee der UdSSR 1989 und dem an­schliessend durch die Mujaheddinführer verursachten Bürgerkrieg und Chaos in Afghanistan gründete der Paschtune Mullah Omar 1994 in der Provinz Kandahar die Organisation der Taliban, die als Ordnungsmacht Afghanistan wieder stabilisieren sollte. Die ideologische Ausrichtung von Mullah Omar und seiner Taliban beruhte auf der islamischen Deobandi-Schule, die im 19. Jahrhundert in Indien entstanden war und heute weitgehend der saudischen Wahabbiten-Sekte entspricht[1].

Die zweite Regierung von Benazir Bhutto entschloss sich, nachdem bis zu diesem Zeitpunkt Pakistan die Hezb-e Islami-Gruppe von Gulbuddin Hekmatyar unterstützt hatte, zur Unterstützung der Taliban. Der Innenmi­nister von Benazir Bhutto, Naseerullah Babar[2] – dieser hatte in den siebziger und achtziger Jahren als Generalinspekteur des paramilitärischen Frontier Corps die Ausbildungslager für die Mujaheddin errichten lassen – liess die Taliban-Kämpfer von Mullah Omar, dem selbsternannten Amir al-Momineen (Führer der Gläubigen)[3], durch den pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter-Ser­vices Intelligence) ausbilden und ausrüsten. Ziel dieser Aktion war der Sturz der nichtpaschtunischen Regierung von Burhanuddin Rabbani und Ahmad Shah Massud in Kabul.[4] Mit den Taliban sollte in Kabul eine paschtuni­sche Regierung gebildet werden, die Pakistan hörig war und dem Land ein strategisches Hinterland gegenüber dem Erzfeind Indien verschaffen würde. Im September 1996 eroberten die Taliban dank der Beratung, Waffen, Finanzierung und Ausbildung durch den ISI, und vermutlich auch mit Hilfe ehemaliger pakistanischer Soldaten, Kabul.

Nach der Eroberung von Kabul wurde die Taliban-Regierung nur von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate anerkannt. Was die damalige Clinton-Administration betraf, so war diese an einer Stabilität in Afghanistan durch die Beseitigung der Regierung von Rabbani und an der Umsetzung des Projektes der amerikanischen Erdölfirma UNOCAL, eine Pipeline von Turkmenistan quer durch Afghanistan nach Pakistan zu errich­ten, interessiert. Deshalb kam es wegen dieses Projektes auch zu Verhandlun­gen zwischen UNOCAL und den Taliban. Wegen der Diskriminierung der af­ghanischen Frauen durch die Taliban hielten amerikanische Frauenbewegun­gen die Clinton-Administration jedoch davon ab, die Taliban-Regierung offi­ziell anzuerkennen. Auch nach den Anschlägen von Osama bin Laden und der Al-Kaida 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam und des anschliessenden Vergeltungsschlages der USA mit Marschflugkörpern gegen Ausbildungslager der Al-Kaida in Afghanistan wurden offenbar bis Ende Au­gust 2001 inoffizielle Beziehungen zwischen den USA und den Taliban auf­rechterhalten.

Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten eine Wende in den Be­ziehungen zwischen den USA und Afghanistan. Am 7. Oktober löste US-Prä­sident George W. Bush die Bombardierungen der politischen und militäri­schen Führungsinfrastruktur der Taliban aus. Zu den Zielen gehörten das Hauptquartier der Taliban in Kandahar, der Präsidentenpalast in Kabul und die Flugplätze von Kabul, Kandahar, Herat und Mazar-e Sharif. Unter Anwei­sung von CIA-Agenten wurden die Milizen der nach der Ermordung ihres Kommandanten Massud fast führungslos gewordenen Nord-Allianz finan­ziert, mit Waffen versorgt und ausgebildet. Dank der amerikanischen Luft­schläge und der Spezialeinheiten eroberte die Miliz des Kriegsherrn Dostum am 9. November die Stadt Mazar-e Sharif.[5] Es folgten die Eroberungen von Ka­bul und Kandahar. Mullah Omar floh nach Pakistan. Heute stellt sich im­mer noch folgende Frage: Warum haben die USA damals die militärischen Strukturen der Taliban nicht definitiv zerstört und die Flucht von Mullah Omar zugelassen? Möglicherweise geschah dies mit Absicht. Dank des Fort­gangs des Krieges konnten die USA ihre Besetzung Afghanistans rechtferti­gen.

Aufgrund des Beschlusses der Bonner Konferenz wurde am 5. Dezember 2001 der Paschtune Hamid Karzai als Chef einer Interimsregierung in Kabul eingesetzt. Am 6. Dezember erfolgte der Stopp der Bombardierung durch die USA. Für die Sicherheit von Karzai und seiner Regierung wurde mit der Re­solution 1386 des UN-Sicherheitsrates die International Security Assistance Force (ISAF) gebildet. Zuerst übernahmen am 20. Dezember 2001 die Briten das Kommando über die ISAF in Kabul.[6]

Bis 2004 sah es so aus, als ob es der Karzai-Regierung gelingen würde, mit Hilfe der Kontingente der ISAF, die der NATO unterstellt wurden, Afghani­stan zu stabilisieren. Gefördert durch die zunehmende Korrumpierung der Karzai-Regierung erstarkten aber ab 2005 die Taliban wieder. Nach und nach nahmen die Anschläge der Taliban auf Stützpunkte und Patrouillen der ISAF und der neugebildeten afghanischen Sicherheitskräfte (Afghan National Army (ANA) und Afghan National Police (ANP)) zu. Insbesondere in den südlichen und östlichen Provinzen des Landes konnten die Taliban eine Schattenregie­rung errichten[7], die auch nach der amerikanischen Operation Moshtarak von 2010/11 immer noch besteht.[8]

 

Innerhalb der Taliban sind drei Fraktionen zu unterscheiden:[9]

  • Quetta Shura Taliban von Mullah Omar
  • Haqqani Network (HQN) von Jalaluddin Haqqani
  • Hezb-e Islami von Gulbuddin Hekmatyar (HIG)

 

Während die Kampfgruppen von Mullah Omar aus der pakistanischen Pro­vinz Baluchistan ihre Einsätze in den afghanischen Provinzen Kandahar und Helmand führen, haben Jalaluddin Haqqani und sein Sohn Sirajuddin ihren Stützpunkt in Miram Shah, dem Hauptort des Stammesgebietes North Waziri­stan, das Teil der halbautonomen Federally Administered Tribal Areas (FATA) von Pakistan ist. Von dort aus führt die HQN Anschläge in der af­ghanischen Provinz Paktika und in der Hauptstadt Kabul aus.[10] Internationales Aufsehen erregten die Anschläge von 2011 auf das Hotel Interconti und die US-Botschaft in Kabul. Für die amerikanischen Nachrichtendienste ist die HQN der eigentliche Handlanger des ISI.[11] Die HIG von Hekmatyar hat ihren Stützpunkt in Peshawar, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa (früher North-West Frontier Province, NWFP) und führt Ope­rationen in den afghanischen Provinzen Kunar und Nangarhar durch.

Die Streitmacht der drei Fraktionen wird in amerikanischen Quellen auf 25’000 gut ausgebildete Kämpfer geschätzt.[12] Daneben gibt es noch Taliban un­ter der Führung lokaler Maliks und Mullahs, die Afghanistan nie verlassen haben. Des Weiteren soll es noch Taliban-Kampfgruppen geben, die vom Iran aus operieren.

Von den Taliban wird folgende Taktik angewendet:

  • Improvisierte Sprengfallen, die aus Kunstdünger (Ammonium Nitrat) herge­stellt werden und für 49 Prozent der Toten unter der Zivilbevölkerung verantwortlich sein sollen[13];
  • Scharfschützeneinsätze;
  • Selbstmordeinsätze und –anschläge.

 

Teilweise wirken gewisse Taliban-Kampfgruppen mit lokalen Kriminellen und Drogenhändlern zusammen[14].

2. Terroristen

Auch die Herausbildung der Al-Kaida ist eine Folge der Finanzierung und Unterstützung der Mujaheddin in ihrem Kampf gegen die sowjetische Beset­zung durch die USA und Saudi-Arabien. Insgesamt gaben Saudi-Arabien und die USA dafür während zehn Jahren neun Milliarden US-Dollar aus. Dazu kamen noch finanzielle Zuwendungen einzelner reicher Muslime aus Saudi-Arabien und der Golf-Staaten sowie die Erträge aus dem Drogenanbau in der FATA.[15] Mit den für die Mujaheddin gekauften Waffen kamen insgesamt 10’000 Freiwillige aus der islamischen und arabischen Welt. Diese wurden in den Lagern westlich von Peshawar ausgebildet und vielfach für die Logistik der Mujaheddin eingesetzt. Zu ihnen gehörte auch der Saudi Osama bin La­den, der ab 1984 im Auftrag des saudischen Königshauses den Zustrom der islamischen und arabischen Freiwilligen koordinieren sollte.

Offenbar soll Osama bin Laden 1986 einen eigenen Stützpunkt in einem afghanischen Dorf nahe von Jalalabad errichtet haben. Er und seine Araber sollen einen sowjetischen Angriff auf den Stützpunkt zurückgeschlagen ha­ben. Der Ägypter Ayman al-Zawahiri vom islamischen Jihad brachte sein Netzwerk mit. [16] Damit war der Grundstein zur Gründung der Al-Kaida ge­legt.

Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen 1989 zogen viele der Frei­willigen wieder aus Afghanistan ab und zu den Kriegen in Bosnien und Tschetschenien weiter. Andere blieben in Pakistan. Bin Laden kehrte nach Saudi-Arabien zurück.[17] Nachdem er sich 1990 wegen des Zustroms der Trup­pen der USA und ihrer Verbündeten nach Saudi-Arabien in Opposition zum Königshaus gestellt hatte, wich er in den Sudan aus, wo er offen zum Sturz der Saudis aufrief. Das Königshaus erkannte ihm das saudische Bür­gerrecht ab. Ob der Anschlag von 1992 auf die Zwillingstürme von New York auf sein Konto ging, ist zu hinterfragen, denn die beiden Organisatoren des Anschlages, Khalid Sheikh Mohamed und sein Neffe Ramzi Youssef, hatten Osama bin Laden keinen Gefolgschaftseid geleistet[18].

Die USA übten auf den Sudan Druck aus, Osama bin Laden auszuweisen. Bin Laden reiste mit der Unterstützung des ISI 1996 erneut nach Jalalabad.[19] Am Anfang waren die Taliban und Mullah Omar aufgrund ihrer Ziele nicht an einer Zusammenarbeit mit Osama bin Laden interessiert. Zwecks Erwerbs des Gastrechtes der Taliban korrumpierte bin Laden mit seinem Vermögen gegne­rische Mujaheddin-Kommandanten.[20] Gleichzeitig unterstellte er den Taliban seine 055 Kampfbrigade mit ausländischen Elitekämpfern, die bei den Po­gromen der Taliban gegen die Hazara mitwirkten.[21]

Vor den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania sollen die Saudis versucht haben, die Taliban zur Auslieferung von bin Laden zu überzeugen. Vielleicht auch wegen der amerikanischen Marschflugkörperan­griffe auf die Ausbildungslager nahe von Khost gingen die Taliban Ende 1999 mit bin Laden und Al-Kaida eine regelrechte Allianz ein.

Die Vergeltung der USA auf die Anschläge des 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon brachte die Wende. Die Luft­schläge führten zur Flucht der Jihadisten von Al-Kaida aus Afghanistan. Am 9. Dezember 2001 griffen Angehörige der amerikanischen Spezialeinheit DELTA mit afghanischen Milizen die Festung Tora Bora von Osama bin La­den an.[22] Am 16. Dezember konnten Osama bin Laden und Zawahiri mit ein paar Getreuen im letzten Augenblick aus der bombardierten Festung Tora Bora fliehen und sich in die pakistanischen Stammesgebiete der FATA in North und South Waziristan absetzen. Hier fanden sie bei Jalaluddin Haqqani Unterschlupf.[23]

Bereits in den achtziger Jahren hatte unter dem damaligen Diktator Zia ul-Haq die Jihadisierung vieler Pakistani eingesetzt. Zu diesen gehörten Fazlur Rehman Khalil und Qari Saifullah Akhtar mit der Harakat-ul-Jihad Islami (HUJI).[24] Mit dem Kashmir-Konflikt wurden dank der Förderung des ISI wei­tere Jihadisten-Kampfgruppen in Pakistan gebildet, so die Lashkar-e-Tayiba (LeT), deren Angehörige den Koran und die Hadith (die mündlich überliefer­ten Aussagen des Propheten) wortwörtlich umsetzen wollten, und die radika­len Deobandi-Kampfgruppen Jaish-e-Mohammed (JeM) und Harakat-ul-Ansar.[25] Im Dezember 2001 führten mutmassliche Mitglieder der LeT und der JeM einen Angriff auf das indische Parlament durch.[26]

Während Mullah Omar und seine Taliban nach ihrer Vertreibung aus Af­ghanistan durch den ISI in Quetta Gastrecht erhielten, konnten sich viele der Jihadisten von Al-Kaida in der FATA festsetzen. Neben dem Haqqani-Netz­werk boten ihnen junge Stammesführer, wie Nik Mohamed Wazir und Bai­tullah Mehsud, Unterschlupf. Mehsud verfügte damals über eine Streitmacht von 5‘000 bis 10‘000 Mann.[27] Dank dieser Hilfe versuchten die Führer von Al-Kaida, neue Ausbildungslager zu errichten. Auf Druck der USA lösten die pakistanischen Generäle die ersten Angriffe auf die Stützpunkte der pakistani­schen Jihadisten und von Al-Kaida aus, die aber 2004 und 2006 mit Waffen­stillständen mit Stammesführern in der FATA endeten.[28]

Im Dezember 2007 gab Baitullah Mehsud die Gründung von Tehrik-e-Ta­liban Pakistan (TTP, pakistanische Taliban) als Dachorganisation von 40 Stammesführern bekannt. Zu Feinden wurden sowohl die NATO wie auch die pakistanische Armee erklärt. Im Juni 2009 löste die pakistanische Armee ge­gen die TTP-Stützpunkte in South Waziristan die Operation Rah-e-Nijat aus, die zur Flucht von einer Million Menschen aus dem Stammesgebiet und zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur führten.[29] Die TTP-Terroristen flohen nach North Waziristan zu Haqqani.

Nach der Exekution von Osama bin Laden durch die Operation einer ame­rikanischen Eliteeinheit der Navy SEAL am 2. Mai 2011 dürften noch rund 100 Al-Kaida-Kämpfer in Pakistan unter dem Schutz von Haqqani und der TTP leben.[30] Zwischen der LeT, der TTP und der Al-Kaida soll es enge Bezie­hungen geben, dies obwohl die TTP und andere Deobandi-Kampfgrup­pen gegen den pakistanischen Staat kämpfen, während die LeT loyal zu die­sem steht. Interessant ist, dass Mullah Omar und die Quetta Shura die Selbst­mordangriffe von Haqqani und seiner TTP-Verbündeten verurteilt haben.[31] Es ist allerdings durchaus vorstellbar, dass es aufgrund des angekündigten Abzu­ges durch die USA im Jahr 2014 zu einer Allianz zwischen der Quetta Shura, dem Haqqani-Netzwerk, der TTP und der Al-Kaida kommen könnte. In die­sem Fall wären die erklärten Feinde die USA und die NATO und nicht mehr der pakistanische Staat.[32] Möglicherweise findet diese Metamorphose bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt statt.

Trotz dieser denkbaren Zukunftsaussichten der Terroristen tobt in der FATA und in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa nach wie vor eine blutige Auseinandersetzung mit Bombenanschlägen, Mord und Selbstmordanschlä­gen der TTP gegen gegnerische Stammesführer, gegen die schiitische Min­derheit und gegen Einrichtungen von pakistanischen Sufi-Anhängern, aber auch gegen Soldaten des Frontier Corps.[33] Sowohl Schiiten wie auch Sufis wer­den von den fanatischen Deobandi-Anhängern als Ketzer verurteilt. Trotz der Angriffe der pakistanischen Armee auf einzelne Stammesgebiete, so South Waziristan, Mohmand und Kurram, sowie der Drohnenangriffe der CIA kann sich die Führung der TTP immer wieder regenerieren. Diese Regenerie­rung verdankt die TTP dem Gastrecht von Haqqani.

3. Kriegführung der USA und ihrer Alliierten

Auch nach der Ankündigung der USA und ihrer Alliierten 2014 das Land zu verlassen wird immer noch in und über Afghanistan Krieg geführt. Zur Unter­stützung der kleinen Detachemente der amerikanischen und alliierten Spezial­einheiten, um die Taliban-Kommandanten zu liquidieren, setzen die USA und die NATO ihre Luftstreitkräfte ein. Gemäss den Angaben der US Air Force übertrifft der Einsatz an Kampfflugzeugen in Afghanistan heute bei weitem den früheren Luftkrieg im Irak. Von 2007 bis 2011 wurden folgende Einsätze für die Gefechtsfeldunterstützung in Afghanistan geflogen:[34]

 

2007          13’962  Einsätze          davon       37%  Waffeneinsätze

2008          20’359  Einsätze          davon       26%  Waffeneinsätze

2009          27’815  Einsätze          davon       15%  Waffeneinsätze

2010          33’679  Einsätze          davon       15%  Waffeneinsätze

2011           8’386  Einsätze          davon         8%  Waffeneinsätze (noch unvollständig)

 

Dazu werden durch die Amerikaner und ihre Verbündeten folgende Typen von Kampfflugzeugen eingesetzt:

  • schwere Bomber B-1B, die von der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean oder von Oman aus starten;
  • schwere Jagdbomber F-15E, die auf den US-Flugplätzen von Begram oder Kandahar in Afghanistan stationiert sind;
  • Jagdbomber F/A-18E/F eines US-Flugzeugträgers im Arabischen Meer;
  • Erdkampfflugzeuge A-10C, die in Begram stationiert sind;
  • die Gunships AC-130 Spectre.[35]

 

Des weiteren sind britische Kampfhelikopter Apache und Senkrechtstarter Harrier im Einsatz. Bis vor kurzem setzten die Franzosen Kampfflugzeuge Rafale und Mirage-2000 von Dushambe, Tadschikistan, ein.

Bei diesen Bombardierungen werden auch afghanische Zivilisten getötet.[36] Entsprechend den Untersuchungen des amerikanischen Wissenschafters Marc W. Herold  hat die Zahl der getöteten Zivilisten durch den Luftkrieg der USA und der ISAF nicht abgenommen. Nach wie vor werden durch den Luftkrieg im Vergleich zu den Verlusten der fremden Truppen mehr Zivilisten getötet.[37]

Die Operation Moshtarak in der Provinz Helmand 2010 ist fast zu einem Modellfall für die Kriegführung der alliierten Bodentruppen geworden.[38] Unter­stützt von Kampfhelikoptern und einer Abteilung Stryker-Leichtpanzer durchkämmten zwei Kompanien amerikanischer Marineinfanteristen und vier afghanische Kompanien den Bezirk Nad Ali mit der Ortschaft Marjah, mit dem Ziel, die Taliban zu bekämpfen bzw. zu vertreiben. Die Jagd auf Taliban-Kommandanten oblag einer Spezialeinheit der Navy SEAL.

Im Einsatz stürmten US-Marines die Qalas und traten deren Türen ein. Anschliessend wurden die Räume ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der Einwohner nach Waffen durchsucht.[39] Wurden Waffen gefunden, dann wurde der Hausherr den afghanischen Einheiten übergeben. Jeder, der sich zu Fuss oder mit einem Motorrad den US-Soldaten näherte, wurde zuerst als Feind identifiziert und erst nach einer Abklärung freigelassen. Offenbar sollen die Taliban nach dem Ende der Operation wieder zurückgekehrt und die Kontrolle über die Bezirke und Ortschaften übernommen haben.

Im September 2011 verfügten die Alliierten und ihre afghanischen Ver­bündeten für ihre Kampfführung über folgendes Kampfpotential an Solda­ten:[40]

US-Truppen

97’795 ANA

(Afghan  National Army)

170’781
Nato und Verbündete (ISAF) 46’400 ANP

(Afghan National Police)

136’122
Total 144’195 Total 306’903

 

Damit war Ende 2011 die für die Kontrolle eines solchen grossen Landes notwendige Zahl von 500’000 Soldaten fast erreicht worden. Für eine Streit­macht dieser Grösse und Kampfkraft sollten die 25’000 Taliban eigentlich kein ernsthafter Gegner sein.

Entsprechend den bisherigen Plänen der USA und der NATO sollen im Oktober 2012 in Afghanistan folgende Streitmächte an alliierten und afghani­schen Soldaten im Einsatz sein:

US-Truppen 64’795 ANA

(Afghan  National Army)

195’000
NATO und Verbündete

(ISAF)

43’780 ANP

(Afghan National Police)

136’000
Total 108’575 Total 331’122

 

Die US-Truppen haben für ihre Einsätze insgesamt über 40 grössere und klei­nere Stützpunkte errichtet, deren Bau sie im Rahmen des Kriegsbudgets und nicht über das ordentliche Budget des Pentagons finanziert haben. Damit hat es sich erübrigt, dem Kongress über den Bau der Stützpunkte Rechenschaft abzulegen. Offenbar wollen die USA auch nach 2014 mehrere Stütz­punkte direkt kontrollieren können. Mit der Bewachung und dem Schutz der übrigen Stützpunkte werden nach 2014 Angehörige verschiedener privater Militärfirmen beauftragt. Zahlenmässig sollen diese bereits heute über gegen 150’000 Söldner in Afghanistan verfügen[41]. Und bezieht sich diese Zahl auf die Präsenz in Afghanistan?

4. Krieg gegen die halbautonomen Stammesgebiete Pakistans

Neben dem Afghanistankrieg führen die USA einen zweiten Krieg aus und zwar gegen hochrangige Ziele in den pakistanischen Stammesgebieten der FATA. Im Gegensatz zur Counterinsurgency in Afghanistan wird dieser Krieg entsprechend den hochrangigen Führern des Terrorismus als Counterterrorism bezeichnet. Mit stillschweigender Unterstützung der paki­stanischen Armee werden vermutlich hochrangige Führer der Al-Kaida und der pakistanischen Taliban TTP als Ziele gekennzeichnet und durch bewaff­nete Drohnen der Typen Predator[42] und Reaper [43]getötet. Während die Aufmu­nitionierung und der Start der Drohnen Angehörigen privater Militär­firmen in Afghanistan obliegt, werden die Drohnen durch Piloten der US Air Force oder der CIA in den USA oder auch in Kandahar gegen die erwählten Ziele gesteuert. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama sind diese Drohnen­einsätze zum bevorzugten Mittel der Counterterrorism-Strategy der US-Ad­ministration geworden. Die Zahl der Drohneneinsätze ist seither durch die Regierung der USA massiv erhöht worden[44]. Durch diese Drohnen-Strikes wer­den neben den anvisierten Führer der Al-Kaida und TTP auch Zivilisten getötet[45]. Bestandteil dieser Counterterrorism-Strategy, die gemäss dem ameri­kanischen Journalisten Woodward durch Vizepräsident Biden formuliert und propagiert wurde[46], war auch die Exekution von Osama bin Laden durch das Kommando der SEAL.

5. Der Anbau von Schlafmohn und Cannabis in Afghanistan

Der Anbau von Schlafmohn und Cannabis in Afghanistan ist als direkte Folge des Krieges der Mujaheddin gegen die sowjetische Besetzung in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts anzusehen. Dieser Krieg der Mujaheddin wurde, wie bereits erwähnt, einerseits durch die Saudis und die USA und anderseits mit Hilfe des Anbaus von Schlafmohn in den pakistanischen Stammesgebie­ten der FATA finanziert. Das aus dem Schlafmohn gewonnene Heroin wurde auf den Strassen nach Karachi transportiert und von da aus in die westliche Welt verschifft. Gleichzeitig wurden in Afghanistan sowjetische Soldaten durch Cannabis und Opium drogensüchtig. Nach dem Rückzug der 40. Arme der Sowjetunion im Februar 1989 dehnte sich der Anbau von Schlafmohn auf Afghanistan aus. Sehr schnell nahm der Anbau aufgrund der im Lande herr­schenden Rechtslosigkeit, das Ergebnis der nicht existierenden Regierung, zu. Nach ihrer Eroberung von Kabul 1996 übernahm die Taliban-Regierung von Mullah Omar diese Situation und nützte sie für die eigenen Einnahmen aus. Als Osama bin Laden 1996 wieder nach Afghanistan kam, stellte er den Tali­ban sein internationales Netzwerk für den Verkauf des Heroins zur Verfü­gung. 2000 verbot Mullah Omar den Anbau von Schlafmohn. Die Gründe hierfür sind bis auf den heutigen Tag unbekannt. Lediglich im Herrschaftsge­biet der Nordallianz, in Badakshan, wurde weiterhin Schlafmohn angebaut.

Aufgrund dieser Situation war die Weltgemeinschaft bereits vor dem Fall des Taliban-Regime, Ende 2001, mit den Auswirkungen des Drogenanbaus in Afghanistan konfrontiert. Erstaunlicherweise nahm aber der Anbau nach der Stationierung der europäischen und amerikanischen Truppen im Dezember 2001 wieder zu, dies obwohl Afghanistan durch die amerikanischen Satelliten sehr genau überwacht wird. Die Weltgemeinschaft ist heute mit der Tatsache konfrontiert, dass Afghanistan 90 Prozent des Opiums und 83 Prozent des He­roins in der Welt produziert.[47]

Die Anbaufläche von Schlafmohn erreichte in Afghanistan 2007 mit 193’000 Hektaren einen Höhepunkt. Mit dieser Anbaufläche wurden 8’200 Tonnen Opium produziert. Bis 2009 wurde der Anbau schrittweise auf 123’000 Hektare reduziert. 2009 betrug die Produktion dementsprechend 6’900 Tonnen Opium.[48] Dieser Rückgang hatte verschiedene Ursachen: der Preis­zerfall für Opium und Heroin, das Wetter, die Schädlinge und auch das Anbauverbot der Karzai-Regierung. Allerdings wurde die Anbaufläche 2011 bereits wieder auf 131’000 Hektare gesteigert; die Produktion betrug 5’800 Tonnen Opium.[49]

Die südlichen Provinzen Helmand mit 63’307 Hektaren, Kandahar mit 27’213 Hektaren, Farah mit 17’499 Hektaren und Uruzgan mit 10’620 Hekta­ren bildeten 2011 den Schwerpunkt des Schlafmohnanbaus in Afghanistan.[50] Dies bedeutet nicht, dass nicht auch in anderen Provinzen Schlafmohn ange­baut wird, so im Norden in den Provinzen Badakshan und Badghis.[51] Offiziell gelten dank der verschiedenen Eradication-Massnahmen (Vernichtungsmass­nahmen) vor allem die nördlichen Provinzen als poppyfree[52] oder sollen nur noch in geringem Masse Anbauflächen aufweisen:[53]

 

Zentrum                                      Khost, Logar, Paktia, Paktika, Panjshir, Parwan, Wardak, Ghazni

nördliche Region                      Balkh, Bamyan, Jawzjan, Samangan, Sari Pul

nordöstliche Region                 Kunduz, Takhar,

Osten                                           Nuristan

westliche Region                       Ghor

 

Offenbar kann aber die Eradication langfristig nicht immer durchgesetzt wer­den. Während in der Provinz Nimroz der Anbau von 2009 bis 2011 wieder zugenommen hat, hat die Provinz Zabul eine starke Abnahme zu verzeich­nen.[54] Trotz der Anwesenheit der fremden Truppen wird für jedermann sicht­bar angebaut. In einem Beitrag im Wall Street Journal ist diese Situation mit Fotographien dokumentiert worden. Die US-Soldaten diskutieren mit einem Bauer in seinem Mohnfeld über die Anwesenheit von Taliban, einer der Sol­daten hat sich sogar am Helm eine Mohnblume angesteckt.[55]

Gemäss neuen Studien der UNO wird als Substituierung oder Ergänzung zum Mohnanbau seit ein paar Jahren offenbar wieder vermehrt Cannabis an­gebaut,[56] dies sowohl in den südlichen wie auch den nördlichen Provinzen.[57]

6. Organisierte Kriminalität (OK) in Afghanistan und das internationale Netzwerk

Sowohl der Anbau wie auch die Produktion von Drogen wird in Afghanistan durch eine gut durchstrukturierte organisierte Kriminalität (OK) gesteuert und überwacht. Diese OK dürfte sich bereits vor dem Fall der Taliban-Regierung gebildet haben. Heute ist die afghanische OK gut mit der internationalen or­ganisierten Kriminalität vernetzt. Dank dieser Vernetzung ist auch der Trans­port der Drogen ins Ausland, so über die FATA und Belutschistan nach Paki­stan gesichert.[58] Während die OK in Afghanistan pro Jahr aus dem Drogenhan­del ca. zehn Milliarden Dollar erwirbt, wird geschätzt, dass der Drogenhandel aus Afghanistan weltweit pro Jahr Einnahmen bis zu 200 Mil­liarden Dollar generiert[59].

Die afghanische OK ist, wie jede Form der organisierten Kriminalität, wie eine Pyramide aufgebaut.[60] Die Basis bilden die kleinen Bauern und Händler. Danach kommt die Ebene der mittleren Händler. Über diese herrschen 25 bis 30 Grosshändler, die den Handel mit dem Ausland betätigen und kontrollie­ren. An der Spitze steht die Protektion durch die Politik, vermutlich durch korrupte Angehörige der Regierung. Zu diesen gehörte auch der Halbbruder von Präsident Hamid Karzai, Walid Karzai, der vor seiner Ermordung wie ein Fürst in Kandahar residierte. Zwischen den Politikern und den Grosshändlern besteht eine enge Wechselbeziehung mit Geld- und anderen Zuwendungen.

Auf jeder Ebene wird die Pyramide durch die afghanische Polizei, ANP, geschützt[61]. Auf der unteren Ebene sind dies die lokalen Polizeichefs und Kommandanten. Die Grosshändler werden durch die Polizeichefs der Bezirke geschützt. Zuoberst auf der Pyramide sind die Polizeichefs der Provinzen für den Schutz der OK verantwortlich. Alle Ebenen erhalten von der OK Geld und Zuwendungen. Gleichzeitig überwacht und kontrolliert die Polizei im Auftrag der OK die unteren Ebenen der OK. Zwischen den beiden Strukturen, der OK und der Polizei, herrscht eine enge Verfilzung und Zusammenarbeit, eine Art „Checks and Balance“ der Kriminalität.

Der Transport der Drogen aus Afghanistan ist wiederum Teil eines Netzes der internationalen Drogenrouten. Während die USA und Westeuropa mit Kokain aus Südamerika über Mittelamerika, den Atlantik und Nigeria ver­sorgt werden, gelangt das afghanische Heroin, ergänzt durch das Heroin aus dem alten Goldenen Dreieck, nach Südostasien, China, Ostafrika, die arabi­sche Halbinsel, Zentralasien, Russland und Westeuropa. Die wichtigsten He­roinkonsumenten leben in Russland und Westeuropa.[62] Der afghanische Canna­bis gelangt zusammen mit jenem aus Zentralasien nach Russland.[63]

Wie verlaufen die Transporte? In Afghanistan befinden sich die Handels­zentren für Opium, für Heroin und jene für Cannabis in der Nähe der wichtig­sten Verbindungsachsen ins Ausland. So gibt es Umschlagplätze Richtung Khyber-Pass, beim Übergang Hairatan nach Usbekistan und Kojak-Pass nach Belutschistan.[64] Über diese Achsen verlaufen die Transporte mit Lastwagen un­gehindert durch die Zollstationen in die Nachbarstaaten Pakistan, Tadschi­kistan, Usbekistan und den Iran.[65]

Pro Jahr erreichen 70 Tonnen Heroin über Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan die Russische Föderation. [66]

Die wichtigste Transportroute nach Belgien, in die Niederlande, nach Frankreich und Grossbritannien verläuft über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich und Deutschland. Ein kleinerer Ast zweigt bei Bulgarien ab und verläuft über Mazedonien, den Kosovo, Albanien und ge­langt über das Meer nach Italien. Von dort aus wird das Heroin in die Schweiz transportiert.[67] Westeuropa wird pro Jahr mit 80 Tonnen Heroin versorgt.

Das dritte Ausfalltor ist Pakistan. Von da aus werden China, Indien, Süd­ostasien und der Iran versorgt.[68]

Die afghanische OK ist sehr gut in das internationale Netzwerk der OK eingebunden (vgl. Abbildung 1).[69] Die wichtigsten Ansprechpartner dürften die OK-Banden in Russland, der Türkei und der arabischen Staaten sein.

 

Abbildung 1: Die Vernetzung der afghanischen OK mit der internationalen OK. (siehe Organized Crime Groups benefiting from the Afghan Opiate Trade, 2009[70])

Dank diesem Netzwerk können die Einnahmen aus den afghanischen Drogen gewaschen werden.[71]

„Geldwäscherei ist die Platzierung von verbrecherischen Vermögenswer­ten (…). Die Vermögenswerte sind deren Ersatzwerte (beispielsweise Liegen­schaften) gleichgestellt. Die Platzierung muss (…) in der Absicht erfolgen, den kriminellen Ursprung oder die Auffindung der Vermögenswerte zu ver­schleiern oder zu tarnen und damit den Strafverfolgungsbehörden zu entzie­hen, um die Werte nachträglich mit einer fiktiven Legende versehen in den legalen Wirtschaftskreislauf einzubringen oder im illegalen Markt zu (re)investieren.“[72]

Die Geldwäscherei erfolgt in der Regel in den drei bekannten Phasen Plat­zierung, Verwirrspiel und Integration.[73]

Das Waschen des Drogengeldes erfolgt insbesondere in Dubai und in Ka­bul über die Investitionen in Liegenschaften. Nach dem Waschprozess fliesst das Geld in die internationalen Finanzzentren[74].

7. Der Afghanistankrieg, ein Scheinkrieg?

Oberstleutnant Daniel L. Davis, U.S. Army, wirft in seinem kürzlich erschie­nen Bericht den Generälen vor, sie würden über den Verlauf des Afghanistan­krieges lügen und den Politikern einen Scheinkrieg vorgaukeln.[75] Er belegt seine Aussage u.a. anhand der durch die US-Streitkräfte in den vergangenen Jahren erlittenen Verluste. Trotz zusätzlicher Truppen und damit der Surge-Operation von General Petraeus hätten die Verluste, Tote und Verwundete, seit 2006 prozentual zugenommen:[76]

 

Verwundete Tote                total             in Prozenten der Gesamtstärke der                                        stationierten US-Truppen

2006              400            98                498              0.0213

2007              749            117                866              0.0328

2008              795            155                950              0.0267

2009             2142            317                2459            0.0356

2010             5240            499                5739            0.0562

2011             5124            418                5542            0.0543

 

Gleichzeitig konnten die Taliban von 2006 bis 2009 ihre Kampfkraft offenbar steigern.[77] Dem Beobachter kann sich der Eindruck aufdrängen, dass die USA und ihre Alliierten trotz der erfolgten Verstärkungen den Afghani­stankrieg mit sehr disparaten Zielsetzungen führen. Die Analyse von Davis bestätigt diesen Eindruck teilweise. So kann man fragen, ob hier mit einer Art Scheinkrieg die Wirklichkeit des Drogen­anbaus und -handels in Afghanistan verdeckt werden soll. Denn nach dem geschilder­ten Waschprozess fliessen die Einnahmen aus dem Handel mit den afghani­schen Drogen vermutlich in die Finanzzentren von Karachi, New Delhi, Kuala Lumpur, London und New York hinein. Hier könnten sie als Ausgleich zu den immer wiederkehrenden riesigen Spekulationsverlusten der Branche dienen.

8. Der Abzug

Gemäss den Verlautbarungen von Präsident Obama hat sich seine Admini­stration für einen Abzug der US-Truppen und damit auch jener ihrer Alliierten aus Afghanistan bis spätestens 2014 entschieden[78]. Die USA haben ihre Streit­kräfte durch die beiden Kriege im Irak und in Afghanistan überdehnt. Aber auch innenpolitisch ist der Afghanistankrieg, wie es auch der Krieg im Irak war, in der amerikanischen Bevölkerung zunehmend weniger populär. Dazu kommen noch die Verschuldung und die Defizite, welche die USA belasten. Begründet wird der Abzug auch mit der strategischen Neuorientierung der US-Streitkräfte auf den neuen Rivalen China, den es in der Zukunft in Schach zu halten gelte.

Das offizielle Konzept der USA und der NATO für Afghanistan könnte wie folgt aussehen:

  1. die Prämisse ist, dass der Abzug in der Welt und in den USA unter Umstän­den als ein Scheitern der Kriegführung der USA und der NATO angesehen werden darf;
  2. deshalb müssen so schnell wie möglich übergelaufene Taliban in die Kar­zai-Regierung integriert werden;
  3. bis 2014, evtl. früher, wird der ANA und der ANP die volle Verantwortung für die Sicherheit des Landes übertragen;
  4. die Zukunft der Stützpunkte gilt es vorgängig zu klären. Zu diesem Zweck soll mit der Karzai-Regierung ein Vertrag über die nach wie vor zu kontrollierenden Stützpunkte abgeschlossen werden;
  5. vorderhand soll die Karzai-Regierung nach dem Abzug finanziell weiter un­terstützt werden.

9. Beurteilung der Zeit nach dem Abzug

Was könnte nach diesem Krieg und dieser Besetzung von Afghanistan übrig bleiben? Im Norden werden die früheren Kriegsherren der Nordallianz – so Fahim, Atta und Dostum – mit Unterstützung Russlands, Irans und der zen­tralasiatischen Despoten wieder die Macht übernehmen. In den südlichen Provinzen wird Mullah Omar wieder der unangefochtene Herrscher der Gläu­bigen werden. Im Osten wird der ISI-Kollaborateur Haqqani wirken. Alle werden sich mit der afghanischen OK arrangieren, die ihnen Wohlstand und ein gutes Leben garantieren wird. Evtl. werden Reste der Al-Kaida wieder Gastrecht erhalten. Vielleicht werden die Taliban zur Beruhigung der Bevöl­kerung auch die korrupten Beamten in Kabul und Kandahar liquidieren. Diese Entwicklung dürfte zu einer Art Teilung der Macht zwischen dem Norden und dem Süden von Afghanistan führen. Die Kontrahenten werden alles daran set­zen, um einen kostspieligen Bürgerkrieg zu vermeiden. Nur so werden sie ih­ren bis heute „erworbenen“ Reichtum sicher verwalten und geniessen können.

Welche Alternative zur Bildung dieses Konglomerats von Kriminellen, Kriegsherren, Islamisten und Terroristen hätte es für die USA angesichts ihrer steigenden Verluste und der Erkenntnis, dass sie den Krieg auch langfristig nicht gewinnen konnten, gegeben? Die einzige Alternative wäre die Aus­trocknung des afghanischen Morasts durch einen ‚Befreiungsschlag’ gewesen. Einen solchen hätten sie nur durch die systematische Ausrottung aller pasch­tunischen Stämme Afghanistans und der FATA, die die Basis der Terroristen und Kriminellen in Afghanistan und Pakistan bilden, erreichen können. Ein solches Vorgehen kann sich aber – angesichts der damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen und der mindestens ambivalenten Erfolgsaussichten – im 21. Jahrhundert selbst eine Weltmacht nicht mehr leisten. Deshalb dürfte sich das politische Establishment in Wa­shington DC für den Abzug entschieden haben, auch in der Erwartung, dass nach dem Abzug die afghanische OK mit dem Drogenanbau erhalten bleibt und die finanziellen Zuwendungen für die amerikanische und europäische Fi­nanzindustrie weiterhin fliessen werden. Dazu kommt noch, dass die USA ihre Stützpunkte in Afghanistan weiterhin werden kontrollieren können. Da­mit werden die USA ihre geopolitische Stellung in Zentralasien bewahren können.

Am Ende wird die afghanische Bevölkerung, die wieder einmal von ihren Regierenden und den involvierten Staaten verraten wird, die Zeche für den an ihr begangenen Betrug bezahlen müssen – verbunden mit einem hoffnungslo­sen Blick in die Zukunft.[79]

10. Literatur

Davis Daniel L., Dereliction of Duty II. Senior Military Leaders’ Loss of Integrity Wounds Afghan War Effort, 2012.

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[1] A. Rashid 2001, 161-169.

[2] R. Roy-Chaudhury 2011, 168.

[3] N. Inkster 2015, 149.

[4] R. Roy-Chaudhury 2011, 168-170.

[5] A. Nicoll 2011, 25.

[6] A. Nicoll 2011, 26.

[7] Departement of Defense 2011, 60.

[8] ICOS 2010; ICOS 2011.

[9] Heidelberg Institut for International Conflict Research 2011, 94.

[10] Heidelberg Institut for International Conflict Research 2011, 94; R. Roy-Chaudhury 2011, 180.

[11] R. Roy-Chaudhury 2011, 180.

[12] K. Katzmann 2011, 18.

[13] K. Katzman 2011, 18; United Nations Assistance Mission in Afghanistan 2011, 15.

[14] Department of Defense April 2012, 100.

[15] N. Inkster 2011, 143.

[16] N. Inkster 2011, 144.

[17] N. Inkster 2011, 145.

[18] N. Inkster 2011, 145.

[19] N. Inkster 2011, 145.

[20] N. Inkster 2011, 146.

[21] N. Inkster 2011, 146.

[22] D. Fury 2008.

[23] N. Inkster 2011, 150.

[24] N. Inkster 2011, 151.

[25] N. Inkster 2011, 152.

[26] N. Inkster 2011, 153.

[27] N. Inkster 2011, 155.

[28] N. Inkster 2011, 156.

[29] N. Inkster 2011, 157.

[30] N. Inkster 2011, 158.

[31] N. Inkster 2011, 159.

[32] N. Inkster 2011, 160.

[33] Heidelberg Institute for International Conflict Research 2011, 84f.

[34] USAFCENT Public Affairs Directorate 2010; USAFCENT Public Affairs Directorate 2011.

[35] Global Aircraft.

[36] United Nations Assistance Mission in Afghanistan 2011, 23.

[37] W. Herold 2011.

[38] ICOS 2010, 5.

[39] The Wall Street Journal 2009.

[40] Departement of Defense 2011, 13ff.

[41] Diese Zahl ist eine Schätzung und beruht auf Aussagen von Afghanen und eigenen Beobachtungen.

[42] B. Roggio 2011.

[43]  U.S. Air Force 2012.

[44] B. Roggio / A. Mayer.

[45] B. Roggio / A. Mayer.

[46] B. Woodward 2010, 166-168.

[47] UNODC Juli 2011, 16.

[48] UNODC Oktober 2011, 2;14.

[49] UNODC Oktober 2011, 14.

[50] UNODC Oktober 2011, 3.

[51] UNODC Oktober 2011, 5.

[52] UNODC Oktober 2011, 6.

[53] UNODC Oktober 2011, 7.

[54] UNODC Oktober 2011, 3.

[55] The Wall Street Journal, 2009.

[56] UNODC Juni 2011.

[57] UNODC Juni 2011, 11.

[58] UNODC Juli 2011, 75ff.

[59] UNODC Juli 2011, 22ff.

[60] M. Shaw, 2011, 189-212.

[61] M. Shaw, 2011, 200.

[62] UNODC Juli 2011, 8ff.

[63] Rianovosti 2010.

[64] UNODC Juli 2011, 26.

[65] UNODC Juli 2011, 29.

[66] UNODC May 2012, 32.

[67] UNODC Juli 2011, 58.

[68] UNODC Juli 2011, 34ff.

[69] UNODC Juli 2011, 23.

[70] UNODC Juli 2011, 23.

[71] S. Oesch 2010, 40.

[72] Definition von Detlev Basse-Simonsohn, zitiert durch S. Oesch, 40.

[73] S. Oesch 2010, 41.

[74] Diese Beurteilung beruht auf Beobachtungen von Fachleuten vor Ort.

[75] D.L. Davis 2012.

[76] D.L. Davis 2012, 32.

[77] D.L. Davis 2012, 40. Anmerkung: Vielleicht sogar mit Zustimmung der Amerikaner!

[78] B. Obama / H. Karzai 2012, 4.

[79] Frau Dr. des. Martina Meienberg danken wir für die Durchsicht und ihre Korrekturen.