seal_target_geronimoIn diesem Jahr ist das Buch „No Easy Day“ erschienen, in dem ein ehemaliger Angehöriger der Elitetruppe DEVGRU-SEAL der U.S. Navy, Matt Bissonnette alias Mark Owen, über den Einsatz und die Tötung von Osama bin Laden (OBL) berichtet. Mit dem Buch will der Autor, der an der Tötung als SEAL beteiligt war, die verschiedenen Falschmeldungen über diesen Einsatz richtigstellen. Das Buch hat in den USA gewaltiges Aufsehen erregt. Der jetzt wiedergewählte Präsident der USA, Barack Obama, erscheint darin nicht als eine Lichtgestalt.

Bereits 2011 war ein anderes Buch über diesen Einsatz erschienen. Chuck Pfarrer hat es verfasst.[1] Auch Pfarrer ist ein ehemaliger Angehöriger der SEAL und hat während Jahren als Team-Leader an verschiedenen Einsätzen der SEAL teilgenommen. Im Gegensatz zu Bissonnette beschreibt er den Einsatz gegen OBL nicht als Augenzeuge, sondern aufgrund von Berichten von Teilnehmern. Vermutlich weicht deshalb seine Berichterstattung teilweise von der Bissonnettes ab. Ein weiterer Grund für die abweichende Schilderung könnte auch Pfarrers bewusste Absicht gewesen sein, die Details über die Operation und die Namen der beteiligten SEALs soweit als möglich zu tarnen. Trotz der Abweichungen beinhaltet das Buch einige interessante Angaben über die Operation selbst sowie Informationen über Al-Kaida und die CIA. Auch im Buch von Pfarrer kommen die Politiker in Washington DC – so Präsident Obama und der ehemalige CIA-Chef und heutige US-Verteidigungsminister Leon Panetta – schlecht weg. Der CIA wirft er bei der Jagd nach OBL Inkompetenz vor. Obwohl OBL verschiedene seiner Frauen und Kinder nach dem Anschlag von 9/11 als gewöhnliche Passagiere unter ihrem wirklichen Namen von Saudi-Arabien nach Islamabad hatte einfliegen lassen, habe es die CIA damals versäumt, alle zivilen Flüge nach Pakistan überwachen zu lassen.

Zu den sehr interessanten Ausführungen gehört die Beschreibung der Planung und der Logistik des Stosstrupps. Offenbar hat Admiral William McRaven, Chef von JSOC (Joint Special Operations Command) und früher Kommandant der SEAL, die gesamte Operation und die dazu gehörige Logistik in allen Details geplant. McRaven stand während des ganzen Einsatzes mit dem Weissen Haus und dem CIA-Chef Panetta in Kontakt. Pfarrer bemerkt dazu, dass Panetta trotz der laufenden Informationen den Ablauf der komplizierten Operation nicht verstanden habe. Was den Kontakt zu Obama am Tage der Operation betrifft, so habe der Präsident zuerst Golf gespielt und sei dann zu Vizepräsident Biden, Verteidigungsminister Gates, Aussenministerin Clinton und Admiral Mullen, Chairman of the Joint Chiefs of Staff, die sich im Führungsraum aufhielten, gestossen. Durch Pfarrers Schilderung erhält man den Eindruck, dass die Golfpartie für Obama wichtiger gewesen sei als die Tötung von OBL. Gleichzeitig wirft Pfarrer Obama vor, dass er durch das frühzeitige Ausplaudern der Tötung von OBL – dies im Hinblick auf die kommende Wiederwahl – das Leben der beteiligten SEALs gefährdet und das definitive Aufspüren der übrigen Al-Kaida-Spitze verhindert habe. Wäre das Ergebnis der Operation länger geheim gehalten worden, hätten die Amerikaner durch die Auswertung der bei OBL gefundenen Informationen Al-Kaida definitiv zerschlagen können.

Die Operation selbst betreffend liefert Pfarrer verschiedene interessante Informationen, die im Buch von Bissonnette nicht enthalten sind. Offenbar setzte die U.S. Navy für die elektronische Störung der verschiedenen pakistanischen Radars während der gesamten Operation ein Störflugzeug des Typ EA-6B ein, das vom Flugzeugträger USS Carl Vinson aus startete. Damit bestand die Gewähr, dass die Pakistani das Eindringen der amerikanischen Helikopter in ihren Luftraum nicht erfassen konnten. Des Weiteren wurden für die Überwachung des Einsatzes auf einer geosynchronen Umlaufbahn vier Aufklärungssatelliten über Kandahar stationiert. Zu diesen gehörte auch der KH-12 ‚Keyhole’, der modernste Satellitentyp, über den die USA verfügen. Und schliesslich wurde die Operation über Abbottabad durch eine Stealth-Drohne RQ-170 ‚Sentinel’ überwacht, die McRaven auch die ständige Führung der Operation ermöglichte.[2] An der Operation nahm der Kampfhund Karo, ein vierjähriger belgischer Malinois, teil. Die M-4-Sturmgewehre der SEALs waren mit Predator bzw. Green Tip munitioniert. Diese Spezialmunition besteht aus Komposite und soll gegen Menschen sehr wirksam sein. Die Wirkung ist auf den verschiedenen Bildern des toten OBL ersichtlich.

Der interessanteste Teil des Buches betrifft, die These von Pfarrer, dass der Vize von OBL, der Ägypter Ayman Zawahiri, den Aufenthaltsort seines Chefs bewusst der CIA zugespielt habe. Schon zur Zeit des Jihad gegen die 40. Armee der UdSSR habe Ayman Zawahiri, der OBL als finanzielle Milchkuh ausnützte und den Pfarrer als ‚megalomaniacal sociopath’ bezeichnet[3], zum Märtyrertod im Kampf gegen die Sowjets ermuntert.[4] Durch den vorzeitigen Tod von OBL erhoffte sich Zawahiri schon damals den Zugriff auf sein Geld und die Kontrolle über dessen Organisation:[5]

„All it would take was one well-placed Russian mortar shell and Osama bin Laden would become the martyr that he’d always hoped to become. This was Zawahiri’s simple plan. A Soviet bullet might kill Osama, but not his money or his organization: That would be Zawahiri’s ripe for the plucking.”

Im Gegensatz zu OBL habe sich Zawahiri während des afghanischen Krieges selten in Gefahr begeben. Als am 17. April 1987 OBL mit 100 seiner Kämpfer den Stützpunkt der afghanischen Armee nahe Khost angreifen wollte, sorgte Zawahiri dafür, dass dieser Plan vor der Aktion in ganz Peshawar bekannt wurde. Die Aktion misslang und Osama bin Laden zog sich nach Peshawar zurück.[6] Zawahiri liess OBL von da an durch einen seiner Ägypter, Abu Ubaydah, ständig überwachen und beraten. Im Rahmen einer anderen Operation unternahm dieser alles, damit der geheime Stützpunkt von OBL an der pakistanisch-afghanischen Grenze durch eine sowjetische Einheit enttarnt wurde. Die sowjetische Einheit bombardierte den Stützpunkt mit Napalm und OBL und seine Araber zogen sich fluchtartig zurück.[7] Am 17. Mai 1988 gründete bin Laden in Peshawar Al-Kaida als Kaderorganisation für den kommenden Jihad gegen die USA.[8]

Nach der Abreise von OBL nach Saudi-Arabien liess Zawahiri dessen Freund und früheren Berater, den Palästinenser Abdullah Azzam und dessen zwei Söhne am 24. November 1989 durch eine Autobombe an der Gulshan Iqbal Road im Universitätsviertel von Peshawar umbringen.[9] Damit hatte Zawahiri seinen wichtigsten Rivalen auf dem Weg zur Macht über Al-Kaida beseitigt. An der Beerdigung seines Rivalen war der lachende Zawahiri selbstverständlich anwesend. Danach verdrängte Zawahiri mit Hilfe von Verleumdungen den blinden Scheich Omar Abdul Rahman von seiner Führungsposition in Al-Kaida.[10]

Nach dem Ende des Krieges von 2003 gegen Saddam Hussein soll Al-Kaida im Irak verschiedene C-Waffen-Vorräte erbeutet haben. Einige der Waffen sollen ab 2004 gegen die US-Truppen im Irak und in Afghanistan eingesetzt worden sein.[11] Khalid Sheikh Mohammed (KSM), Planer von 9/11, soll OBL bei der Erbeutung der C-Waffen beraten haben. Als Berater von OBL wurde er für Zawahiri zum Rivalen. Nun spielte dieser über einen Mittelsmann der CIA Informationen über den Aufenthaltsort von KSM zu. Am 2. März 2003, 0200 Uhr stürmte ein Kommando der pakistanischen Polizei das Schlafzimmer von KSM und fand ihn im Pyjama vor.[12]

Nach der Verhaftung von KSM musste Zawahiri erfahren, dass Abu Faraj al-Libbi durch OBL zum Operationschef von Al-Kaida ernannt wurde.[13] Am 2. Mai 2005 wurde dieser, angeblich dank einem abgehörten Telefongespräch, auf einem Motorroller verhaftet.[14]  Im Juni 2006 wurde der Aufenthaltsort des Al-Kaida-Chefs im Irak, Musab al-Zarqawi, der für OBL immer wichtiger geworden war, durch einen Kurier an die Amerikaner verraten und von ihnen am 7. Juni getötet.[15] Interessanterweise verschwieg der ausgebildete Arzt Zawahiri auch OBL dessen Addison-Krankheit an den Nebennierendrüsen und verhinderte gleichzeitig die Versorgung des Kranken mit den notwendigen Medikamenten.[16] Offenbar hoffte Zawahiri, dass die Krankheit OBL umbringen würde.

Obwohl Zawahiri wusste, dass KSM beim Verhör durch die CIA den Namen des Bodyguards von OBL, Abu Ahmed al-Kuwaiti, mit grosser Wahrscheinlichkeit preisgegeben hatte, setzte er diesen bewusst weiterhin als Kurier zwischen sich und OBL ein.[17] Als sich Ende 2009 eine Entfremdung zwischen Zawahiri und OBL abzeichnete, beschloss der Vize offenbar OBL definitiv zu beseitigen und die Macht über Al-Kaida an sich zu reissen.[18] Durch den regen Verkehr des Kuriers zwischen seinem Standort und jenem von OBL enttarnte er gezielt für die Amerikaner das Versteck von OBL in Abbottabad. [19]

Sollte Pfarrers These zutreffen, dann wären die USA ein willfähriges Werkzeug der Intrigen von Zawahiri gewesen und hätten ihm durch die Tötung von OBL die Machtübernahme über Al-Kaida ermöglicht.


[1] Pfarrer, Ch. (2011/2012). SEAL Target Geronimo, The Inside Story of the Mission to Kill Osama Bin Laden. Quercus, London.

[2] Pfarrer, Ch. (2012). S. 260/261.

[3] Pfarrer, Ch. (2012). S. 177.

[4] Pfarrer, Ch. (2012). S. 178/179.

[5] Pfarrer, Ch. (2012). S. 179.

[6] Pfarre, CH. (2012). S. 183.

[7] Pfarrer, Ch. (2012). S. 187.

[8] Pfarrer, Ch. (2012). S. 189.

[9] Pfarrer, Ch. (2012). S. 197.

[10] Pfarrer, Ch. (2012). S. 199.

[11] Pfarrer, Ch. (2012). S. 213-219. Dabei verweist der Autor auf Informationen, die durch WikiLeaks verbreitetet worden sind.

[12] Pfarrer, Ch. (2012). S. 244.

[13] Pfarrer, Ch. (2012). S. 246.

[14] Pfarrer, Ch. (2012). S. 249.

[15] Pfarrer, Ch. (2012). S. 250.

[16] Pfarrer, Ch. (2012). S. 187, 256.

[17] Pfarrer, Ch. (2012). S. 241.

[18] Pfarrer, Ch. (2012). S. 256.

[19] Pfarrer, Ch. (2012). S. 241/256.