no-easy-dayMark Owen ist ein Pseudonym, mit dem sich der Autor nach der Liquidierung von Osama bin Laden gegen eine Vergeltung durch islamistische Kreise absichern wollte. Sein wirklicher Name ist MATT BISSONNETTE und er ist ein ehemaliger SEAL der Elite-Einheit DEVGRU (United States Naval Special Warfare Development Group) der U.S. Navy. Mit seinem Buch will er einen Bericht aus erster Hand über die Exekution von Osama bin Laden 2011 liefern.

 

Eliteeinheiten SEAL und DEVGRU

Im Zweiten Weltkrieg gründete die Navy die Underwater Demolitions Teams (UDT), die Hindernisse und Brücken im Küstenbereich zu sprengen hatten. Auf der Grundlage der Erfahrungen mit diesen Eliteeinheiten und auch im Hinblick auf den sich abzeichnenden Vietnamkrieg hatte Präsident John F. Kennedy am 1. Januar 1962 die Bildung der SEALs Teams veranlasst.[2] Entsprechend ihrer Bezeichnung sind diese Eliteeinheiten sowohl im Meer (Sea), wie auch aus der Luft (Air) und auf dem Land (Land) einsetzbar. Die Verwendung erfolgt ab Unterseebooten, als Fallschirmspringer und als Infanteristen auf dem Land. Es gibt zwei Teams. Ein Team ist in San Diego, Kalifornien, stationiert und das zweite in Norfolk, Virginia.[3] Die Ausbildung für ein SEAL-Mitglied dauert mehrere Monate und ist äusserst hart. Dazu gehören die stetige Steigerung der körperlichen Ausdauer, Theorieunterricht in der Klasse, Schwimmen und das Fallschirmspringen aus grosser Höhe. Der „Rekrut“ wird permanent geprüft. Die psychischen Anforderungen werden gesteigert, bis der eine oder andere freiwillig aufgibt.

Die DEVGRU ist als Eliteeinheit im Anschluss an die gescheiterte Operation Eagle Claw, die 1980 auf Befehl des damaligen Präsidenten Jimmy Carter die 52 amerikanischen Geiseln in Teheran hätte befreien sollen, aufgestellt worden.  Die Verantwortlichen in der U.S. Navy beschlossen, ausgehend von den SEALs, eine besondere Einheit für Counterterrorism-Operationen aufzustellen. 1987 wurde aus dem SEAL-Team Six die DEVGRU. Diese Einheit ist heute dem Joint Special Operations Command (JSOC), einem der Kommandobereiche der Streitkräfte der USA, unterstellt.[4] Dieses wird, wie andere Kommandobereiche, durch einen Vier-Stern-General bzw. -Admiral als SOCOM (Commander of the Special Operations Command) befehligt. Zum JSOC gehören alle Spezialeinheiten der US-Streitkräfte, so auch die DELTA-Force der U.S. Army.

Die DEVGRU wurde bereits für viele Operationen eingesetzt, so 1983 in der Operation Urgent Fury zur Befreiung des britischen Generalgouverneurs Paul Scoon auf der karibischen Insel Grenada. 1989 jagte sie zusammen mit Soldaten der DELTA-Force Manuel Noriega in Panama. Im Oktober 1993 wurden Mitglieder der Einheit zur Verhaftung des somalischen Kriegsherrn Mohamed Farah Aidid eingesetzt. Diese Operation scheiterte. 1998 erfolgte ein Einsatz gegen Kriegsverbrecher in Bosnien. Seit dem 11. September 2001 folgte Einsatz auf Einsatz in Afghanistan und im Irak.

Mark Owen schildert in seinem Buch die eigene Ausbildung zum Mitglied der DEVGRU: Der Kandidat muss bereits ein SEAL sein und hat bereits einiges an Ausbildung und Einsätzen hinter sich. Für die DEVGRU erfolgt eine erste Selektion während 3 Tagen. Besteht er diese physischen und psychischen Prüfungen, wird er zur neunmonatigen Ausbildung im Green Team (Ausbildungseinheit der DEVGRU) zugelassen.[5] Tageweise folgen im Kampfanzug physische Herausforderungen, die mit Schikanen und Prüfungen verbunden sind. Jene Kandidaten, die das nicht aushalten, haben jederzeit die Möglichkeit das Green Team zu verlassen. Es gehören Höchstleistungen in Dauerlauf und Schwimmen (Durchschwimmen der San Diego Bay) dazu sowie Liegestützen. Jede Leistung muss in einer vorgeschriebenen Zeit erbracht werden. Erst wenn ein Kandidat einen Test bestanden hat, wird er zum nächsten zugelassen.

Nach der Selektionsphase von drei Monaten und einem Verhör durch ein halbes Dutzend Instruktoren folgt die eigentliche Ausbildungs- und Prüfungszeit von sechs Monaten. Erst am Ende der neun Monate weiss der Kandidat, ob er die Selektion bestanden hat. Wieder folgen ohne Pausen Schwimmen, Dauerläufe, Schiessen und das Absolvieren der Kampfbahn. Es folgen Übungen in Infiltrationen durch Fallschirmspringen aus grosser Höhe (HAHO, High Altitude, High Opening) oder durch Schwimmen und Exfiltrationen, im Nahkampf mit Feuerwaffen und Messer. Zu den Feuerwaffen gehören Karabiner M4, Pistolen SIG Sauer P226 mit Schalldämpfer und Sturmgewehre H&K 416 mit Schalldämpfer. Nachsichtgeräte, Granatwerfer und Schutzvesten vervollständigen die Ausrüstung. Bereits um sechs Uhr in der Frühe setzen schriftliche oder mündliche Prüfungen ein. Nur selten kann die Uniform angezogen werden. Green Team ist eine mentale Prüfung unter Dauerstress. Am Ende der Ausbildung ist der Angehörige der DEVGRU eine mit Verstand ausgerüstete Killer-Maschine.

 

Kampfeinsätze in Afghanistan

Zurzeit werden die DEVGRU-SEALs vor allem in Afghanistan eingesetzt. Einer der Einsätze in der afghanischen Provinz Kunar (grenzt im Osten an Pakistan an), an dem Mark Owen als Truppführer mitgewirkt hat, zeigt die Art und Weise der Kampfführung dieser Eliteeinheit. In der Provinz Kunar sind die Taliban sehr aktiv. Die Amerikaner bezeichnen die Provinz als „Enemy Central“ oder „Indian Country“. Solche Bezeichnungen widerspiegeln die Hintergedanken amerikanischer Kriegsführung in Afghanistan. Bei jener Operation sollten einige hochrangige Taliban in ihrem Stützpunkt südlich von Jalalabad gefangen oder getötet werden. Der Stützpunkt wurde durch amerikanische Drohnen überwacht. Das Team bestand neben dem Autor aus acht DEVGRU-SEALs. Es hatte eine Hügelkette zu überwinden und den Stützpunkt von hinten her zu umfassen. Zwei andere Teams mussten über die Strasse vorstossen, die zum Taliban-Stützpunkt in drei Häusern führte, und die Taliban in den Hinterhalt des ersten Teams treiben. Der Plan entsprach einer regelrechten Menschen-Treibjagd. Sollten diese beiden Teams unentdeckt bleiben, dann hatte das Team des Autors den Stützpunkt zu überfallen und alle Teams zusammen sollten den Stützpunkt zerstören.

Zur Verringerung des mitgeschleppten Gewichts an Magazinen, Waffen mit Schalldämpfern und Handgranaten entfernte der Autor die Platten in seiner Schutzveste. Für den Captain der U.S. Army, der die Teams über die Lage informierte, sahen die SEALs wie ein Haufen Desperados aus. Einige trugen lange Bärte und der grösste Teil von ihnen hatte gar keine Uniform an. Die Infiltration zum Stützpunkt erfolgte in der Nacht über einen sieben Kilometer langen Ziegenpfad. Während der Infiltration wurde der Stützpunkt durch Drohnen überwacht. Nach dem Fussmarsch nahm das Team die vorgesehene Stellung über dem Stützpunkt ein. Nun stiessen alle Teams vor, gedeckt durch Scharfschützen, und umzingelten die Häuser. Mit dem Laser seiner Waffe suchte Mark Owen Bewegungen in den Festern zu erfassen. Im ersten Haus wurden zwei Männer mit Kalaschnikows im Halbschlaf überrascht und getötet. Ein anderes Team stiess zum nächsten Haus vor. Einer der Scharfschützen erfasste ein halbes Dutzend Taliban, die ihre Waffen aus den Fenstern des Hauses richteten und begann sie abzuschiessen. Die Tür des Haus wurde aufgebrochen und eine Splitter-Handgranate ins Haus geworfen. Durch die Explosion wurden alle Taliban getötet. Das Team von Mark Owen eilte zu einem weiteren Haus. Der zweite Scharfschütze erschoss mit seinem Gewehr mit Schalldämpfer eine Wache mit Kalaschnikows und Raketenrohr RPG-7 (russische Panzerabwehrwaffe). Der Vordermann des Teams stiess die Tür auf und erschoss einen Mann mit einer Waffe.

Ausserhalb des Stützpunktes tauchten weitere Taliban auf. Auf diese feuerte ein anderes Team mit dem Maschinengewehr und tötete fünf weitere Taliban, die mit RPGs und Maschinengewehren ausgerüstet waren. Jetzt erhielten die drei Teams Unterstützung durch ein Gunship AC-130 (umgebautes Transportflugzeug C-130, das mit einer 105mm Haubitze, Maschinenkanonen und –gewehren ausgerüstet ist). Gleichzeitig wurden in und zwischen den Häusern durch den Autor und sein Team weitere Taliban getötet. Am Ende wurden alle Waffen und die Munition der Getöteten eingesammelt und gesprengt. Die Getöteten wurden fotografisch erfasst. Drei Stunden später, bei Tagesanbruch, waren die SEALs wieder im Stützpunkt der U.S. Army. Die Teams hatten 17 Taliban getötet und das Gunship sieben oder acht. Die eingesetzte Taktik entsprach der klassischen Guerillakriegführung. Im Prinzip wurde dabei das Wild-West-Motto befolgt: zuerst schiessen und dann fragen.

 

Planung der Operation

Bereits anfangs 2011 vernahmen die Angehörigen der DEVGRU, dass eine grössere Operation bevorstehe. Einzelne SEALs, wie der Autor, wurden kurzfristig ins Hauptquartier der Einheit kommandiert. Dort wurde er mit weiteren Mitgliedern der DEVGRU zu einem Rapport befohlen. Osama bin Laden (OBL)[6], dessen Standort durch die CIA dank dem Telefon einer seiner Kuriere, Ahmed al-Kuwaiti, in Abbottabad, Pakistan, entdeckt worden war, galt es auszuschalten.[7] Bis anhin waren bereits einige Operationen mit diesem Ziel  gescheitert, so auch jene 2007. Der Stosstrupp für diesen Einsatz bestand aus 28 Mitgliedern, einschliesslich des Sprengmeisters. Dazu kamen noch ein Übersetzer und ein Kampfhund. Der Stosstrupp wurde in zwei Gruppen (Chalk One und Chalk Two) mit insgesamt vier Teams gegliedert. Ein Team von Chalk One hatte unter dem Kommando des Autors das Guesthouse mit dem Kurier und Leibwächter von OBL, Ahmed al-Kuwaiti, und dessen Familie, zu stürmen. Das zweite Team von Chalk One hatte das erste Stockwerk des Hauptgebäudes mit dem Bruder von al-Kuwaiti, Abrar, und dessen Familie auszuschalten. Der Sohn von OBL, Khalid, lebte im zweiten Stockwerk. Anschliessend sollte der Einsatz gegen das dritte Stockwerk des Hauptgebäudes, in dem OBL wohnte, erfolgen. Dort hielten sich auch noch ein bis zwei Frauen und einige Kinder auf. Zwei Scharfschützen hatten die Operation zu sichern.

Beide Gruppen sollten in je zwei Black Hawk-Helikoptern transportiert werden. Während der erste Heli mit Chalk One im Hof landen sollte, musste der zweite mit Chalk Two (fünf SEALs) nördlich des Komplexes landen. Nach der Landung von Chalk Two hatten zwei SEALs mit dem Kampfhund den Komplex abzusichern und zwei andere hatten mit dem Übersetzer zusammen Neugierige und die pakistanische Polizei zu vertreiben. OBL erhielt den Decknamen „Geronimo“! Das Briefing wurde anhand eines Modells verdeutlicht. Anschliessend wurden über die Waffen, das Material und den Sprengstoff diskutiert. Der Gebäudekomplex war durch Drohnen und Satelliten sehr gut erfasst worden. Washington hatte noch nicht entschieden, ob ein Stosstrupp den Gebäudekomplex einnehmen solle oder ob er mittels B-2-Bombern mit 32 GPS-gelenkten Bomben, von denen jede eine Sprengkraft von 907 Kg hat, aus der Luft bombardiert werden solle. Die Möglichkeit des Scheiterns einer Bombardierung galt als gross, während man dem Stosstrupp mehr Erfolg versprach.

Nach dem Briefing mussten die DEVGRU-SEALs, die an der Mission teilnahmen, an einer massstabgetreuen Kopie des Gebäudekomplexes von OBL in North Carolina üben. Zum ersten Mal konnten die SEALs mittels der über dem Komplex kreisenden Drohnen das tägliche Leben von OBL verfolgen. Während Stunden schritt er den Hof ab und liess sich von vorbeifliegenden Helikoptern der Pakistani nicht stören. Nun wurde immer wieder trainiert. Verschiedene Szenarien wurden erdacht und beübt. Der Stosstrupp wurde zu einer Besprechung des Ablaufs der Mission mit Admiral Mike Mullen, Chairman of the Joint Chiefs of Staff, Admiral Eric Olson, Commander of the Special Operations Command in Tampa und Vice Admiral Bill McRaven, früherer Kommandant der DEVGRU befohlen. Anschliessend erfolgte eine Demonstration des Einsatzes vor den Admirälen.

 

Infiltration und killen

Nachdem alle Vorbereitungen einschliesslich der Entscheidungen über die mitzunehmenden Waffen erledigt waren, flog die Mannschaft nach Ostern mit einer C-17 nach Deutschland und von dort aus zum grossen US-Stützpunkt Bagram in Afghanistan. Während des Fluges sprach der Autor mit der CIA-Agentin Jen.[8] Diese hatte während fünf Jahren an der Aufspürung von OBL gearbeitet und war von ihrem Ergebnis zu 100% überzeugt. Sie hätte die Bombardierung des Gebäudekomplexes in Abbottabad gegenüber dem Stosstrupp-Einsatz bevorzugt. Kaum gelandet musste das Team in eine C-130 mit laufenden Triebwerken umsteigen und nach Jalalabad fliegen. Jalalabad ist der Helikopterstützpunkt der US-Streitkräfte für Einsätze im nordöstlichen Afghanistan. 1500 US-Soldaten, eine grosse Anzahl ziviler Kontraktors und ein JSOC-Detachement sind in diesem Stützpunkt stationiert. Innerhalb des Stützpunkts hat das JSOC seinen eigenen Kommandobereich. Dazu gehören  Rangers der U.S. Army, Angehörige der DEVGRU und die Betriebsdienste.

Für die Unterstützung der Mission wurden zusätzlich zwei Teams von regulären SEALs abkommandiert, die mit zwei riesigen Transporthelikoptern CH-47 Chinook zu einem vorgeschobenen Versorgungsstützpunkt in Pakistan zu fliegen hatten. Im Falle von Schwierigkeiten konnten sie durch den DEVGRU-Stosstrupp zu Hilfe gerufen werden. Einer der SEALs, der über Arabischkenntnisse verfügte, wurde zu Chalk One abkommandiert. Er wurde gebrieft. Mark Owen traf seine Vorbereitungen mit Waffen und Ausrüstung.

Nach drei Tagen wurde die Operation ausgelöst. Mark Owen rüstete sich mit zwei Funkgeräten aus – eines für die Verbindung mit seinem Team und eines zur Verbindung mit der Führung – dem Sturmgewehr H&K 416 mit Schalldämpfer, Zielfernrohr und Laserzielgerät, drei Magazinen und einer Handgranate mit Splittermantel. Dazu kam noch der Helm mit dem speziellen Nachsichtgerät und Taschenlampen. Tarnanzug und Kampfstiefel vervollständigten die Ausrüstung von 30 kg. Die Black Hawks hoben ab. Der Flug bis zum Ziel dauerte 90 Minuten, Ankunft nach Mitternacht. Als Chef seines Teams hatte der Autor als Erster über das Seil den Heli zu verlassen. Plötzlich verlor der Black Hawk über dem Hof an Höhe. Der Autor hatte bereits ein Bein durch die offene Tür gestellt. Der Rotor setzte aus und der Heli schlug auf. Durch den Rotor wurde Dreck aufgewirbelt. Mark Owen stürmte hinaus. Da es dem Piloten gelungen war, den Heli mit dem hinteren Teil auf die Mauer aufzusetzen, blieben alle SEALs unverletzt. Die Mission wurde fortgesetzt und sollte nach 30 Minuten abgeschlossen sein.

Das Team von Mark Owen stürmte zuerst den Gebetsraum. Der andere Black Hawk war in der Zwischenzeit ausserhalb des Komplexes gelandet. Die Metalltür zum Guesthouse war zu sprengen. Plötzlich schoss Ahmed al-Kuwaiti mit einer Kalaschnikow AK-47 aus dem Guesthouse. Mark Owen schlug das Fenster ein und schoss zurück. Die Tür wurde gesprengt. Die Frau von Ahmed al-Kuwaiti rannte mit 4 Kindern hinaus. Ihr Mann war tot. Um sicher zu sein, dass er tot war, schoss Mark Owen mehrmals in den leblosen Körper hinein.

Das andere Team sprengte die Metalltür, die zum Hauptgebäude führte, und stürmte zum ersten Stockwerk des Hauptgebäudes. Der Vordermann erblickte eine Gestalt im ersten Raum. Er schoss. Die Gestalt verschwand. Abrar al-Kuwaiti war verletzt und torkelte in den Gang. Als wieder auf ihn geschossen wurde, versuchte seine Frau ihn zu schützen. Beide wurden dabei getötet. Im Raum hielt sich eine weitere Frau mit Kindern auf. Eine AK-47 wurde entladen und in den Hof geworfen. Mit seinem Laserzielgerät beleuchtete Mark Owen das zweite und das dritte Stockwerk. Zehn Minuten waren seit der Landung vergangen. Die Metalltür zum zweiten Stockwerk musste gesprengt werden. Das Team wartete ab, ob sich was regte. Ein SEAL rief den Namen des Sohnes von OBL, Khalid. Jetzt schaute jemand hinaus. In diesem Augenblick schoss ihm der SEAL ins Gesicht und der Körper fiel die Treppe hinunter. Neben Khalid lag eine Kalaschnikow AK-47. 15 Minuten waren verstrichen. Nun blieb nur noch OBL übrig.

Der Stosstrupp rannte die Treppe zum dritten Stockwerk hoch und erreichte einen Gang. Am Ende des Gangs lag ein Raum mit einem Balkon und auf der linken und rechten Seite lagen ebenfalls zwei Räume. Plötzlich schoss der Vordermann – hinter ihm folgte Mark Owen – mit seiner Waffe auf einen Mann, der aus dem rechten Raum blickte. Der Mann verschwand im Raum. Der Stosstrupp stürmte den Raum und sah zwei Frauen vor einem Mann, der am Ende des Bettes in einer Blutlache lag. Die jüngere Frau schrie auf und rannte auf den Vordermann zu. Dieser trieb beide Frauen weg. Mark Owen trat in den Raum mit einem weiteren SEAL. Der Schuss war in die rechte Seite des Schädels des blutenden Mannes eingedrungen. Blut und Hirnmasse traten aus dem Schädel aus. Nach wie vor regte er sich. Mark Owen und ein weiterer SEAL schossen ihm mehrmals in die Brust, bis er leblos darniederlag. Drei Kinder kauerten in einer Ecke des Raumes. Sie wurden zusammen mit den Frauen auf den Balkon getrieben. Es erfolgte die Meldung: „Third deck secure.“[9]

Das Gesicht von OBL war vom Schuss zerfetzt, ein Teil des Schädels weggeschossen und die Brust von den Schüssen zerrissen. Mark Owen analysierte den Tatbestand. Der Körper lag in einer riesigen Blutlache und war entsprechend der erhaltenen Informationen ca. 183 cm lang. Auch die schmale, lange Nase traf zu. Nur der Bart war schwarz und nicht grau. Mark Owen entnahm dem Körper DNA-Proben. Amal al-Fatah, die fünfte Frau von OBL, war von einem Querschläger getroffen worden und wurde versorgt. Der Autor wischte das Blut aus dem Gesicht von OBL, damit er ihn fotografieren konnte. Zuerst fotografierte er den gesamten Körper und dann das Gesicht frontal und im Profil. Dazu mussten die Augen geöffnet werden. Im zweiten Stockwerk sammelte der Stosstrupp alles ein, was zu finden war und transportiert werden konnte: „computers, memory cards, notebooks, and videos.“[10] Sie fanden die CDs, DVDs und Speicherkarten sehr gut aufgeräumt und gut geordnet.

Anschliessend wurde die Zerstörung des abgestürzten Black Hawk durch eine Sprengung befohlen. Washington verfolgte das Geschehen mit Hilfe einer Drohne. Unterdessen flogen einer der Chinooks und der andere Black Hawk über dem Komplex und warteten das Ende der Mission ab. Mark Owen fotografierte weiter und ein anderer SEAL entnahm dem Blut und dem Mund von OBL weitere DNA-Proben. Für die Blutentnahme wurde eine Spritze eingesetzt. Die Frauen wurden durch den arabischsprechenden SEAL verhört. Die nicht verletzte Frau bezeichnete den Körper als den „sheikh“![11] Und eines der Mädchen identifizierte ihn mehrmals als „Osama bin Laden“![12] Auch die verletzte Frau identifizierte ihn. Über die Satellitenverbindung meldete der Kommandant des Stosstrupps Admiral McRaven in Jalalabad: „For God and country, I pass Geronimo“,“ Geronimo E.K.I.A.“[13]

Der leblose Körper von OBL wurde hinausgetragen. Mark Owen warf Papiere, Audiokassetten, einige Hemden und eine Veste in einen mitgebrachten Beutel. Schlafraum und Badezimmer waren im Gegensatz zu den anderen Teilen des Gebäudes sehr aufgeräumt. Er fand eine AK-47 und eine Makarow Pistole vor, beide nicht geladen. OBL hatte offenbar nicht die Absicht gehabt sich zu verteidigen. Mark Owen fand dies seltsam. Er nahm die beiden Schusswaffen und einen Föhn mit.

 

Exfiltration

Nachbarn, geweckt durch den Helikopterlärm und die Schüsse, tauchten auf, wurden aber durch das patrouillierende Sicherheitsteam weggescheucht. 30 Minuten waren vergangen. Den SEALs, die das zweite Stockwerk nach wertvollen Unterlagen absuchten, wurden noch weitere 5 Minuten bewilligt. Die Frauen und Kinder von OBL weigerten sich, die Räume zu verlassen. Der Körper von OBL wurde weggeschleift und hinterliess auf dem Körper von Khalid eine Blutspur. Auch dem Körper von Ahmed al-Kuwaiti wurden DNA-Proben entnommen und er wurde fotografiert. Dessen Frauen und Kinder fanden sich im Hof ein. Nun rannten alle Mitglieder des Stosstrupps, beladen wie „Santa Claus“ u.a. mit 1950 Aktentaschen und Addidas-Taschen aus dem Hauptgebäude.[14] Der tote OBL im Sack wurde in den zweiten Black Hawk geworfen. Der geplante Zeitpunkt für den Abflug war um 8 Minuten überschritten. Einer der SEALs zwang den Offizier, der offiziell die Mission kommandierte, aber selten an solchen Einsätzen teilnahm, zu handeln und den Abflug anzuordnen.[15] Der Black Hawk stieg auf. Der Chinook-Helikopter landete nach der Explosion des abgestürzten Black Hawk. In diesen stiegen das Team von Chalk Two und die Piloten des abgestürzten Black Hawk.

Der Chef von Chalk One sass auf dem Sack mit dem toten OBL, der zu Füssen von Mark Owen lag. Der Black Hawk landete auf dem vorgeschobenen Versorgungsstützpunkt in Pakistan. Der Black Hawk wurde durch die Mannschaft eines wartenden Chinooks aufgetankt. Einige SEALs stiegen in den Chinook hinüber. Zu dieser Zeit stiegen zwei pakistanische F-16 auf und flogen über Abbottabad. Nun flogen beide Helikopter nach Jalalabad. Der Sack mit dem toten OBL wurde aufgemacht und die Säcke des Toten auf weitere Unterlagen abgesucht. Eine Stunde zuvor war der Black Hawk abgestürzt. Der afghanische Luftraum war erreicht. Im Stützpunkt von Jalalabad wurde der Körper drei U.S. Army Ranger übergeben.

Im Hangar erwartete Admiral McRaven den Stosstrupp und wollte den Toten sehen. Mark Owen machte den Sack auf. Quasi zur Sicherheit musste sich einer der SEALs, der 183 cm lang war, zum Vergleich neben dem Toten legen. Auch die CIA-Agentin, die die Mission vorbereitet hatte, war anwesend und betrachtete den toten OBL.

Der Stosstrupp flog nach Bagram mit einer C-130. Mark Owen fühlte Schmerzen in der Schulter. Ein Fragment eines Schusses der AK-47 von Ahmed al-Kuwaiti war unter die Schutzveste gedrungen. FBI- und CIA-Spezialisten sichteten in einem Hangar die mitgebrachten Unterlagen und Computer. Es fand ein Debriefing der Mission statt. Die Waffen und der Föhn wurden übergeben, die Bilder der Kamera heruntergeladen und Zeichnungen über den Verlauf der Mission erstellt. Die Rangers nahmen den Körper auf den Flugzeugträger Carl Vinson für die Bestattung mit.

 

Lecks für die Medien und „Lob“ von Obama

Die Teilnehmer am Stosstrupp schlossen Wetten ab, dass sehr bald ruchbar würde, dass SEALs an der Operation teilgenommen hatten. Um 23.35 (US-Ostzeit) erschien Obama am Fernsehen und informierte die USA, dass Osama bin Laden im Rahmen einer Operation gegen den Gebäudekomplex in Abbottabad während einem Feuergefecht getötet worden war. Die SEALs waren frustriert. Obama würde dank der erfolgreichen Mission wiedergewählt, der Offizier, der sich während der Mission als nicht sehr fähig erwiesen hatte, würde eines Tages Admiral werden und Admiral McRaven würde innert eines Jahres Chef von SOCOM (Special Operations Command) werden. Bereits vier Stunden später waren die Medien über ein Leck im Bilde, dass die SEALs von der DEVGRU, die in Virginia Beach stationiert waren, die Operation ausgeführt hatten. Eine C-17 flog den Stosstrupp über Deutschland nach Virginia Beach.

24 Stunden nach der Ankündigung von Obama landeten die SEALs in den USA. Mark Owen deponierte seine Ausrüstung und seine Waffen im Stützpunkt der DEVGRU. Bevor er in seine Freizeit fuhr, schaltete er noch einmal das Fernsehen an. Die Berichte beruhten auf reinen Spekulationen. So wurde berichtet, dass das Gefecht 45 Minuten gedauert habe, dass bin Laden versucht habe, sich mit einer Waffe zu wehren, bevor er erschossen wurde und dass er noch in die Augen der SEALs geblickt habe. Dann erschienen Bilder über die Mission, die bis anhin als top secret gegolten hatten.[16] Reuters verfügte sogar über Bilder der Brüder al-Kuwaiti und des toten OBL.

Zwei Tage später wurden alle in den Konferenzraum einberufen. Es wurde ihnen eingeschärft, dass sie sich von den Medien fernhalten sollten, was natürlich Konsternation beim Stosstrupp hervorrief. Sie hatten bis anhin alle Informationen geheim gehalten. Washington selbst gab die geheimen Informationen weiter. Nun machte man ihnen quasi Vorwürfe. Sie hatten den Top-Terroristen getötet und sicher nicht gewollt, dass ihre Namen bekannt wurden. Sie erhielten Urlaub.

Wochen und Monate nach der Mission richtete sich das Interesse der Medien wieder auf die Einheit. So wurden sie in ABC News als Egomanen mit Gazellenbeinen und einem riesigen Oberkörper, einem mentalen Block versehen, beschrieben. Sie wurden zu einem Treffen mit dem Präsidenten ins Hauptquartier des 160th Special Operations Aviation Regiment befohlen. Dazu bestiegen sie eine uralte MC-130E Combat Talon I, die noch an der gescheiterten Operation Eagle Claw teilgenommen hatte. Vor Ort mussten sie eine Flagge für den Präsidenten mit ihrer Unterschrift versehen und dadurch wurden zum wiederholten Mal die Sicherheitsvorschriften verletzt. Obama erschien zusammen mit Biden. Seine Worte entsprachen einem Textbook:[17]

„You guys are America’s best.“
”You are what America stands for.“
”Thank you from the American people.”
”Job well done.”

 

Es folgte die Foto-Session und Biden gab ein paar faule Sprüche zum Besten, die bei den SEALs nicht gut ankamen. Am Schluss lud Obama den Stosstrupp zu einem Bier ins Weisse Haus ein. Die Einladung blieb Strohfeuer. Ein Jahr später verliess Mark Owen die Einheit. Alles was in der Öffentlichkeit über die Operation erzählt worden war, war falsch. Nach dem 1. Mai 2011 hatten alle Verantwortlichen Interviews über die Operation gegeben, beginnend mit Obama bis zu Admiral McRaven. Angesichts der Lügen und Falschmeldungen stand Mark Owens Entschluss fest: Zur Ehrung all jener SEALs, die im Irak und in Afghanistan gefallen waren, wollte er ein Buch schreiben. Die Toten sind im Buch aufgeführt und der grösste Teil des Geldes, das er durch das Buch einnimmt, hat er drei Stiftungen vermacht, die sich für die Familien der gefallenen SEALs einsetzen.

 

Fazit

Das Buch gibt ein eindrückliches Bild von der Brutalität der Operation, die zur Liquidierung von Osama bin Laden geführt hat. Klare Feststellungen können daraus abgeleitet werden:

  1. Zielgerichtet werden die SEALs der DEVGRU zu intelligenten Killermaschinen ausgebildet und mit den modernsten Waffen ausgerüstet;
  2. Der Verlauf der Operation widerspricht den offiziellen Verlautbarungen der Obama-Administration. Während der Operation wurde systematisch liquidiert. Die Gefangennahme von bin Laden ist vermutlich gar nie geplant gewesen. Ob eine Gefangennahme überhaupt möglich gewesen wäre, kann nicht rekonstruiert werden.
  3. Am Ende erhält man ein Bild von Obama, das nicht jener der heilen Welt der Medien entspricht. Nachdem er die DEVGRU vermutlich mit der Liquidierung von bin Laden beauftragt hatte, hat er sich anschliessend mit deren Erfolg geschmückt und die Operation für seinen Wahlkampf instrumentalisiert. Dabei dürfte es ihm gleichgültig gewesen sein, dass er durch seine medienwirksamen Informationen über die Operation das Leben der beteiligten SEALs gefährdet hatte.

 

Beim Leser bleibt der bittere Nachgeschmack, dass durch diese Art von Kriegsführung das Kriegsvölkerrecht obsolet wird. Nach derartigen Exekutionen bleiben nur noch Tote übrig.


[1] Owen, M., with Kevin Maurer (2012). No Easy Day, the Autobiography of a Navy SEAL, the firsthand account of the mission that killed Osama bin Laden. Dutton, New York.

[2] Padden, I. (1985). U.S. Navy SEALs, From Boot Camp to the Battle Zones. Bantam Books, Toronto, New York, London, Sydney, Auckland, S. 13.

[3] Walmer, M. (1984). An Illustrated Guide to Modern Elite Forces, The weapons, uniforms, tactics and operations of the world’s toughest troops. Salamander Book, Published by Arco Publishing, Inc., New York, S. 148.

[4] Owen, M. (2012). S. 18.

[5] Owen, M. (2012). S. 19.

[6] Im Buch wird bin Laden als Usama bin Laden (UBL) bezeichnet.

[7] Owen, M. (2012). S. 177. Auf die Frage der SEALs, ob es sich um eine kill mission oder nicht handeln würde, antwortete ein Anwalt des amerikanischen Verteidigungsministeriums sibyllinisch: „If he is naked with his hands up, you’re not going to engage him. I am not going to tell you how to do your job.“

[8] Owen, M. (2012). S. 182. Es dürfte sich auch hier um ein Pseudonym handeln, wie auch die anderen Namen des Stosstrupps im Buch.

[9] Owen, M. (2012). S. 237.

[10] Owen, M. (2012). S. 242.

[11] Owen, M. (2012). S. 245.

[12] Owen, M. (2012). S. 245.

[13] Owen, M. (2012). S. 247. „Geronimo ist tot!“

[14] Owen, M. (2012). S. 252.

[15] Owen, M. (2012). S. 255. Das Kastensystem in den US-Streitkräften zwischen Offizieren und Mannschaft trifft offenbar auch für die SEALs zu. Zwischen den professionellen SEALs der DEVGRU und dem zur Einheit abkommandierten Offizier bestand eine offensichtliche Kluft.

[16] Owen, M. (2012). S. 285.

[17] Owen, M. (2012). S. 292.

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