Das Ende vom Jahr 2014 rückt immer näher und damit auch der Abzug der Streitkräfte der USA und ihrer Alliierten aus Afghanistan. Während die Hauptstadt Kabul Ende September wie immer voller Dreck ist, die Präsenz der Armee und der Polizei Afghanistans zunimmt und auf den Strassen immer weniger Ausländer zu sehen sind, glänzt Mazar-e Sharif, die Hauptstadt der Provinz Balkh im nördlichen Afghanistan, vor Sauberkeit. Im Gegensatz zu Kabul ist hier die Polizei beinahe nicht sichtbar. Während in Kabul vor allem die private Bautätigkeit von Häusern überhand nimmt – offenbar ein Mittel für das Geldwaschen des Drogengeldes – werden in Mazar neue Alleen und sechsspurige Autobahnen gebaut.

Die Aussagen der politischen Elite in Afghanistan für die Zeit nach dem Abzug sind widersprüchlich. Gemäss General Jurhat, dem früheren Kommandanten der Polizei von Kabul und Mitstreiter von Massud, herrscht in Kabul Ratlosigkeit und die Bevölkerung blickt mit Angst auf das Ende 2014. Nun gelte es eine politische Bewegung zu bilden, mit der das Chaos nach 2014 vermieden werden könnte.

Auch Ishaq Gailani, Parlamentarier, beurteilt die Lage ähnlich. Dessen Aussagen gemäss versucht Präsident Karzai mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch nach 2014 an der Macht zu bleiben. Zu diesem Zweck stelle er die Afghanen vor die Situation, nach 2014 zwischen ihm und dem Chaos wählen zu müssen. Dabei wollten er und seine Familie, sowie die Familien Fahim und Khalili durch die Erhaltung der Macht lediglich ihre ergaunerten Vermögen sichern, die vermutlich mehr als 50 Milliarden Dollar betragen dürften. Des Weiteren habe Karzai viele Gouverneure, alle Minister und viele Polizeichefs korrumpiert. Als Gegenmassnahme zu diesen Intrigen von Karzai und seiner Cronies haben 20 Parteien, die im Parlament vertreten sind, eine Allianz gebildet. Durch eine Änderung der Verfassung will diese Allianz die Präsidialdemokratie Afghanistans in  eine Parlamentsdemokratie umwandeln.

Wie beurteilen einzelne Anhänger von Karzai die Lage? Der frühere Botschafter und Berater von Karzai, Mohammad Omar Daudzai, sieht für die Zeit nach 2014 eine sehr optimistische Entwicklung. Er glaubt nicht an das Eintreten eines Chaos. Vor kurzem hätten sich in Dubai 580 afghanische Businessmen[1] getroffen. Diese wollten die von ihnen bisher in Afghanistan getätigten Investitionen auch für die Zeit nach 2014 nicht aufs Spiel setzen. Im Gegensatz zu 1992 sei Afghanistan in den letzten zehn Jahren nicht zerstört, sondern wieder aufgebaut worden.[2] Fünfzig Prozent der Einwohner Afghanistans seien früher Flüchtlinge in Pakistan und im Iran gewesen. Ein solches trostloses Dasein möchten sie nicht noch einmal erleben. Mental sei die afghanische Bevölkerung nicht bereit, das Zerbrechen des Landes zuzulassen. In Afghanistan gebe es nun 150’000 Studierende, 27’000 Studierende hätten ein Scholarship im Ausland und 15’000 junge Menschen hätten ihr Studium bereits abgeschlossen. Die Taliban müsse man auf dem Verhandlungsweg zum Frieden bringen.[3] Die USA und die NATO würden aus mehreren Gründen Afghanistan verlassen wollen. Der Westen habe für den Krieg viel Geld ausgegeben und viele Särge seien nach Hause transportiert worden. Die Afghanen müssten ihre Probleme nun selber lösen und die Weltöffentlichkeit davon überzeugen, dass sie die Korruption und den Drogenanbau bekämpfen und eine ‚good Governance’ errichten würden. Die Voraussetzung dazu sei die Beseitigung des Krebsgeschwürs der Warlords. Die USA würden für den ‚Counterterrorism’ während der Zeit nach 2014 vermutlich 30’000 Soldaten in Afghanistan belassen. Er selbst könnte es sich vorstellen, für das Amt des Präsidenten zu kandidieren.

Nach Mohammad Masoom Stanekzai, Sicherheitsberater von Karzai und Chef des joint secretariat of the High Peace Council (HPC), befindet sich Afghanistan bis 2014 in einem Übergangsprozess. In dieser Zeit müssten u.a. die Beziehungen und Probleme mit dem Iran und Pakistan gelöst werden. Im Innern gelte es, die Stabilität und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben. Der Aufwand und die Zuwendungen der ISAF würden heute immer noch fünfzig Prozent des Bruttosozialproduktes des Landes ausmachen. Ende 2014 würde eine ganze Zahl von Studierenden ihren Abschluss machen. Die Gefahr sei reell, dass diese alle arbeitslos sein könnten. Ein weiteres anstehendes Problem für 2014 seien die anstehenden Präsidenten-Wahlen. Leider seien die Parteien nur dem Namen nach Parteien. Zum Friedensprozess mit den Taliban bemerkt er, dass Afghanistan nach 2014 nicht mehr besetzt sei und eine islamische Regierung das Land regieren würde. Die Taliban hätten daher ab 2014 keinen Vorwand mehr, weiter gegen Kabul zu kämpfen. Um die Absichten der Taliban beurteilen zu können, benötige Afghanistan aber einen funktionsfähigen Nachrichtendienst.

Im Gegensatz zur Lagebeurteilung der Gegner und der Freunde von Karzai sind die Aussagen von Generalleutnant M. Ayoub Salangi, Polizeikommandant von Kabul und früher Kommandant von Massud, zur Lage in Kabul als realistisch zu bewerten. Neben der Bedrohung durch die Taliban – so insbesondere durch das Haqqani-Netzwerk, das aus dem pakistanischen North Waziristan operiert – rekrutiert sich die Kleinkriminalität in Kabul vorwiegend aus den Armen und Analphabeten. Kabul sei trotz der Zusammenarbeit mit der ISAF und ihren Nachrichtendiensten sehr schwer zu überwachen. Siebzig Prozent der Kabulis seien polizeilich nicht erfasst und damit auch nicht registriert. Der Auto- und Transitverkehr habe in den letzten Jahren in Kabul um den Faktor Acht zugenommen. Die Strassen der Hauptstadt seien daher masslos überfüllt und der Verkehr nur schwer zu regeln. Die Polizei befindet sich immer noch im Aufbau. Durch die Organisierte Kriminalität würde die Polizei von Kabul nicht herausgefordert werden.[4]

Der Gouverneur der Provinz Balkh, Mohammad Noor Atta, vermittelt die beste und genaueste Beurteilung der Lage von Afghanistan. Seine Provinz und seine Stadt könnten übrigens als Vorbild für den Aufbau von ganz Afghanistan dienen. Für Atta ist es an der Zeit, dass die afghanische Führung sich endlich für Afghanistan einsetzt. Anstatt zu schiessen, müssten die Afghanen endlich miteinander reden. Die internationale Gemeinschaft müsse ihre Versprechen wahr machen und Afghanistan beim Aufbau von Wirtschaft und Ausbildung wirklich unterstützen. Was die Nachbarn Pakistan und Iran betreffe, so müsse die internationale Gemeinschaft auf diese beiden Staaten soviel Druck ausüben, dass sie zu Verhandlungen mit Afghanistan bereit seien. Die Auseinandersetzung mit Pakistan gleiche dem Great Game. Afghanistan müsse Pakistan signalisieren, dass die Afghanen auf die weitere Infragestellung der Rechtmässigkeit der Durand-Linie verzichten würden. Unter Ausnützung der Abhängigkeit vom afghanischen Wasser müsste Pakistan Afghanistan einen ungehinderten Zugang zum Indischen Ozean abtreten. Aufgrund seiner Informationen gebe es innenpolitische Bestrebungen die Verfassung so zu ändern, dass eine Loyal Jirga Karzai eine dritte Amtsperiode ermöglichen könnte. Eine andere Machenschaft von Karzai und seinem Vizepräsident Fahim könnte das Kopieren der Medvedev-Putin-Rochade sein. Fahim würde nach einem vorzeitigen Rücktritt von Karzai, vor Ende von dessen Amtszeit, für eine kurze Zeit Präsident und anschliessend wieder durch Karzai abgelöst werden. Die beiden hätten aber abgewirtschaftet, so Atta, und sollten sich mit Anstand zurückziehen.

Von allen konsultierten Persönlichkeiten weist Atta das grösste Mass an Glaubwürdigkeit und  Integrität auf. Afghanistan ist zu wünschen, dass er der nächste Präsident wird. Unter ihm könnte das Land endlich zu einem blühenden Staat werden.


[1] Bemerkung: dabei dürfte er sich um Mafiosi und Drogenhändler handeln!

[2] Bemerkung: diese Aussage widerspricht der gegenwärtigen Situation des Landes. Der Aufbau von Afghanistan hat nur zu einem Bruchteil stattgefunden.

[3] Wie und mit welchen Mitteln?

[4] Diese besteht aus den Drogenbossen und ihrer Klientel und dürfte  mit Sicherheit durch die Regierung protegiert werden!

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