Der Krieg in Syrien wird in den Schweizer Medien vielfach als Bürgerkrieg bezeichnet. Ist dies wirklich der Fall? Ein Blick auf die religiöse und ethnische Verteilung der über 22 Millionen Einwohner des Landes zeigt gemäss Wikipedia[1] folgendes Bild auf:

  • 74 Prozent sind Sunniten, meistens Araber, Tscherkessen (wurden durch die Russen im 19. Jahrhundert aus dem Kaukasus vertrieben) und Turkmenen,
    16,3 Millionen
  • 12 Prozent sind Alawi und Zwölfer-Schiiten, die auch als Imamiten bezeichnet werden, meistens Araber,
    2,7 Millionen
  • 10 Prozent sind Christen(so Jakobiner, Griechisch-Katholiken, Assyrer, Armenier, usw.),
    2,2 Millionen, mehrheitlich Araber[2]
  • 3 Prozent sind Drusen, im Prinzip Araber,
    0,7 Millionen

Die Alawi werden auch als Nusairier bezeichnet. Gemäss Fachleuten gehören sie zu den Siebner-Schiiten und damit zu den Ismaeliten.[3] Andere Fachleuterechte äussern sich bezüglich dieser Zuordnung nicht eindeutig.[4] Die Drusen bilden ihrerseits ein Seitenzweig der Ismaeliten und damit der Siebner-Schiiten.[5] Für die Zwölfer-Schiiten, welche die Mehrheit der Schiiten in der Welt bilden, sind die Alawi und die Drusen Häretiker. Die Zwölfer-Schiiten, die Imamiten (die eigentliche Staatsreligion im Iran) ihrerseits werden durch die orthodoxen Sunniten, welche die Mehrheit innerhalb des Islam sind, als Ketzer bezeichnet. Alle Schiiten zusammen führen ihren Ursprung auf den vierten Kalif des Islam, Ali, dem Schwiegersohn und Cousin des Propheten, zurück. Er wurde 661 von einem Kharijiiten (Angehöriger einer anderen islamischen Sekte) ermordet.[6] Ali gilt für alle schiitischen Richtungen des Islam als erster Imam.[7] Schia bedeutet nichts anderes als Shi’at Ali, die Partei von Ali.[8] Rechnet man die schiitischen Ketzer (Alawi und Drusen) und die Zwölfer-Schiiten zu den Moslems in Syrien, dann gehört die syrische Bevölkerung zu 87 Prozent dem Islam an (87%=19,2 Millionen). Ähnlich verhält es sich mit der ethnischen Zugehörigkeit zu den Arabern.

Das Regime von Assad beruht auf den Alawi, die als Ketzer beurteilt werden und die bereits unter dem französischen Mandat die Macht an sich rissen. Beim Aufstand der sunnitischen Araber, der im Jahr 2011 ausgebrochen ist, wird das Regime von den Drusen, auch schiitische Ketzer, der Mehrheit der Christen, den Zwölfer-Schiiten und teilweise den Kurden[9] unterstützt. Dazu kommt noch die Unterstützung seitens des Iran (Zwölfer-Schiiten) und der libanesischen Hizbollah (Zwölfer-Schiiten). Die Unterstützung des syrischen Regimes der Alawi durch den Iran beruht auf den geostrategischen Zielen der Ayatollahs von Teheran. Sie möchten den alten persischen Machtbereich der Sassaniden der Antike wieder errichten und damit ihren Einfluss vom westlichen Afghanistan bis in den Libanon geltend machen. Ihnen gegenüber stehen die Saudis (Wahhabiten, sunnitische Fundamentalisten) und die sunnitischen Türken, welche die Ausdehnung des iranischen Machtbereichs unbedingt verhindern möchten. Dies ist auch der Grund, warum die Saudis und die Türken die sunnitischen Aufständischen in Syrien mit Waffenhilfe und Beratern unterstützen. Ermuntert werden sie dabei von der Obama-Administration und Israel, welche die Ausbreitung des iranischen Machtbereichs nur schon wegen ihrer geopolitischen Interessen verhindern möchten. Ein weiterer Vasallenstaat von Washington DC ist Katar, das mit Spezialeinheiten und Waffenlieferungen mitwirken dürfte. Auch Russland versucht seine geopolitischen Interessen in der Region durch die Unterstützung von Assad und Teheran wahrzunehmen.

Wird der Krieg in Syrien auf der Grundlage der Religionszugehörigkeit und der beteiligten Mächte beurteilt, dann muss man erkennen, dass in diesem Land ein Religionskrieg geopolitischen Ausmasses tobt, in dem sogar ethnische Gegensätze (Kurden gegen Araber, Perser gegen Araber) mitwirken. Wie einst der bekannteste strategische Denker, den die Schweiz je hervorgebracht hat, Antoine-Henri Jomini, zu Recht beurteilt hat, sind solche Kriege die blutigsten und schlimmsten aller Kriegsarten.[10] Und wenn sich das Ausland dabei einmischt, werden sie noch blutiger. Dazu kommt, dass Syrien seit der Eroberung durch die Araber und den Islam, zwischen 634 und 641, ein religiöser und ethnischer Kessel gewesen ist.[11]


[1] Wikipedia, Syrien. 31.07.2012

[2] Fischer, R. (1991). Religiöse Vielfalt im Vorderen Orient, Oberdorf, Dritte Auflage, S. 61.

[3] Fischer, R. (1992). Der Islam, Oberdorf, S. 47.

[4] Salibi, K. (2009). Syria under Islam, Dar Nelson (Lebanon), reprint, S. 55.

[5] Fischer, R. (1992).S. 47.

[6] Salibi, K. (2009). S. 32.

[7] Salibi, K. (2009). S. 44.

[8] Salibi, K. (2009). S. 31.

[9] einzelne Kurden-Familien gehören der alten Religion des Zoroastrismus (begründet durch Zarathustra) an, die vorherrschende Religion im persischen Sassanidenreich bis zur Eroberung durch die Araber, 640-650.

[10] Stahel, A.A. (2003). Klassiker der Strategie, Reihe Strategie und Konfliktforschung, Vdf, Zürich, dritte Auflage, S. 152/153.

[11] Salibi, K. (2009). S. 18ff.

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