In die Hauptstadt Afghanistans gelangt man in der Regel nur auf Umwegen. Das ist auch ratsam, damit nicht auffällt, daß man aus Europa angereist ist. Bis man das Land am Hindukusch erreicht, hat man schon einen Dreitagebart, den inzwischen viele Afghanen tragen. Als ich von Frankfurt über Dubai in Peschawar ankomme, heißt der Flughafen zu meiner Überraschung nicht mehr »Peshawar International Airport« sondern »Pachakhan International Airport«. Im Vielvölkerstaat Pakistan werden die Paschtunen offensichtlich immer selbstbewußter. Die von ihnen dominierte »National Awami Party« regierte sogar zwischenzeitlich in der Grenzprovinz zu Afghanistan. Seit einiger Zeit hinterlassen die Paschtunen dort deutliche Spuren. Die »Nordwestfrontprovinz« (NWFP) wurde in »Khaibar Pashtunkhwa« umbenannt. Ein deutlicheres Signal ist kaum denkbar. Und der Flughafen in Peschawar trägt nun den Namen des legendären Paschtunenführers und Kampfgefährten Mahatma Gandhis, Abdul Ghafar Khan, genannt »Pachakhan«. Er trat ausdrücklich für einen einheitlichen indischen Subkontinent nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ein. Ob die anderen Völker Pakistans es den Paschtunen gleichtun werden, bleibt abzuwarten.
Mit einem möglicherweise unabhängigen Belutschistan südlich der Paschtunengebiete, das von einigen US-Parlamentariern seit Anfang 2012 in die Diskussion gebracht wurde, könnte einer Zerstörung Pakistans Vorschub geleistet werden. Deswegen haben alle politischen Kräfte die Einmischung der US-Stellen in die inneren Angelegenheiten ihres Landes kategorisch zurückgewiesen. Auch in den Medien wurde das Thema heftig diskutiert. Beobachter vor Ort sind der Meinung, daß die politische Klasse der USA der pakistanischen Führung signalisieren will, das Land zu spalten, wenn dessen politische und militärische Elite sich von den USA abwenden und sich der Volksrepublik China annähern sollte. Ob sich die US-Strategen mit dieser provokanten Haltung gegenüber ihrem seit Beginn des Kalten Krieges engsten Verbündeten einen Gefallen tun, muß bezweifelt werden. Eine Spaltung Pakistans würde zumindest einen regionalen Konflikt zwischen den drei Atommächten China, Indien und Pakistan herbeiführen, in den auch Afghanistan und Iran hineingezogen würden.

Über die Grenze

Nach einem kurzen Aufenthalt in Peschawar fahren die aus Dubai kommenden afghanischstämmigen Passagiere in einem Sammeltaxi über den Khyberpaß in Richtung Kabul. In »Turkham« an der afghanisch-pakistanischen Grenze sieht es aus wie am Jüngsten Tag. Tausende Menschen passieren auf beiden Seiten die Grenze in allen möglichen Fahrzeugen. Frauen, Männer, alte und junge Menschen, viele Familien mit Kindern, Kranke, die wegen des Mangels an medizinischer Versorgung und Medikamenten in Afghanistan zur Behandlung nach Peschawar kommen, tummeln sich an dem Checkpoint.
Nach dem Überqueren der Grenze gilt es, sich ein neues Sammeltaxi nehmen. Auf einen Fahrer mit ruhiger Fahrweise zu treffen, kommt einem Sechser im Lotto gleich. Es wird einem schwindlig, wenn der Wagen die Serpentinen des Khyberpasses hinauf- und hinabrast. Die in Europa lebenden Afghanen würden sich gerne anschnallen, aber entweder haben die Fahrzeuge keine Gurte oder sie funktionieren nicht. Fast jeder betet mit erhobenen Händen zu Allah, wenn er heil in Kabul angekommen ist. Nun hofft man, keinen Checkpoint der afghanischen Polizeikräfte passieren zu müssen. Ansonsten müssen die ersten Dollarscheine als Schmiergeld hingeblättert werden. Tut man das nicht, kann es noch teurer werden – denn der Chef der Station verlangt in der Regel mehr. Alle Fahrgäste, die die Randgebiete der Hauptstadt zum Ziel haben, nutzen eine Umgehungsstraße, um die »Hauptstadt der Diebe«, wie Kabul hier genannt wird, zu vermeiden. Darüber hinaus ist die Stadt dreckig und verstopft mit Fahrzeugen, von denen die meisten in Deutschland nie den TÜV passieren würden. Die Atmosphäre nimmt einem die Luft zum Atmen.
Faisal, ein aus der Nähe von Kabul stammender Student, berichtet von seiner ersten abenteuerlichen Reise nach Peschawar. Mit einem LKW sei er gefahren. Der Fahrer, aus Erfahrung klug, habe sich viele hundert Afghani- und pakistanische Kaldar-Scheine zurechtgelegt: Von Kabul bis Peschawar habe er an ausnahmslos allen Checkpoints zahlen müssen, betont Faisal.

Grassierende Korruption

Bei meinen Begegnungen mit alten und neuen Bekannten aus Kabul muß ich feststellen, daß sie nach einer Phase des Optimismus inzwischen sämtliche Hoffnungen auf ein lebenswertes Afghanistan verloren haben. Babrak, ein tüchtiger Unternehmer, hatte jahrzehntelange Erfahrungen in Pakistan und Dubai gesammelt und dabei gutes Geld verdient. Als er erfuhr, daß man in Afghanistan noch bessere Geschäfte machen könne, ging er nach Kabul. Sein Gebrauchtwagenhandel läuft gut, nur der Umgang mit den hiesigen Behörden hat ihn längst zur Verzweiflung gebracht. »Ich möchte lieber ein Bangladeschi sein«, sagt er. Bis man so etwas aus dem Munde eines stolzen Afghanen hört, muß schon einiges passiert sein: »Wenn ich bei einer Behörde, egal welcher, etwas Geschäftliches zu erledigen habe, schaut mich der Sachbearbeiter nicht einmal an. Habe ich mein Anliegen vorgetragen, antwortet er mir: ›Ach ja, davon habe ich mal gehört‹ und schaltet sein Mobiltelefon ein und spielt Musik ab. Das soll bedeuten: Wenn du kein Geld zahlen willst, dann lade doch zumindest mein Handy auf. Ist man dazu nicht bereit, muß man damit rechnen, daß es einem nicht erspart bleiben wird, noch etliche Male in seiner Amtsstube zu erscheinen«, erzählt der wütende Babrak. Farid, ein etwas intellektuell angehauchter Geschäftsmann, ergänzt, daß die Korruption in Afghanistan inzwischen längst die dort stationierten ausländischen privaten wie staatlichen Institutionen erfaßt habe. Selbst Diplomaten bestehen auf Gefälligkeiten.
Babrak ist ein konservativer Mensch. Er hat seinen jüngeren Bruder Ahmad Schah sogar dazu gebracht, daß dieser seine Tochter Mine aus der Schule nahm. Das hat mich sehr berührt, weil ich die sehr anständige und fleißige Mine in meinem Bildungsprojekt zur schulischen Förderung von afghanischen Flüchtlingskindern aufnehmen wollte. Sie ist nun dazu verurteilt, bald verheiratet zu werden und ein Dasein als Hausfrau und Mutter zu fristen. Damit ist ihr als Frau jede Aussicht auf ein besseres Leben genommen. Als ich Babrak auf seine eigene Tochter anspreche, antwortet er, daß er auch sie vor Beginn der Pubertät nicht mehr zur Schule gehen lassen werde.

Karsais Kabinettsstück

In der zweiten Februarwoche hat der afghanische Präsident Hamid Karsai sieben Minister, die seit Jahren kommissarisch arbeiten, ein weiteres Mal der Wolesi Dschirga, der Volksvertretung, vorgestellt. Da diese Kandidaten schon mehrfach von den Parlamentariern abgelehnt worden waren, haben sie kaum eine Chance, so ohne weiteres deren Zustimmung zu bekommen.
Anfang März kommt es deswegen im Parlament zu tumultartigen Szenen. Einige Parlamentarier berichteten, daß die angehenden Minister regelrechte Partys in Luxushotels für zahlreiche Abgeordnete veranstaltet hätten, um diese für sich zu gewinnen. Was dann auch geschah!

Helden des Widerstands

Ende Februar ist das Ehepaar Rahima und Mubin für einige Tage bei uns zu Gast. Sie wohnen in einem Dorf, das etwa 15 Kilometer außerhalb von Kabul liegt, und sind Analphabeten. Nach kurzer Zeit kommen sie auf Sabur zu sprechen, der »als Held des Widerstandes gegen die US-Besatzer« bezeichnet wird. Sabur hat kurz zuvor zwei ausländische Berater des Innenministeriums in Kabul erschossen. Mubin spricht auch mit Genugtuung von einem »anderen Helden«, der vor einigen Monaten sieben ISAF-Soldaten am Flughafen Kabul erschossen hat.
Wegen der Verbrennung des heiligen Koran durch US-Soldaten Anfang März auf der US-Militärbasis in Bagram ruft der Mullah der Zentralmoschee meines Heimatdorfes Schinah zum Dschihad, zum heiligen Krieg, auf. In vielen Teilen des Landes kommt es auch zu Demonstrationen, bei denen zahlreiche Menschen von den Besatzern getötet werden. Die US-Amerikaner haben ihren Ruf am Hindukusch so gründlich ruiniert, daß die Afghanen inzwischen nur noch in ihnen die Schuldigen sehen, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Obwohl sie natürlich wissen, daß auch andere NATO-Länder in Afghanistan präsent sind. »Wir dürfen nicht mehr untätig bleiben«, ruft der Mullah unserer Dorfmoschee. »Ihr sollt nicht randalieren und die eigenen Landsleute schädigen, sondern gegen die Ungläubigen kämpfen. Ich habe keine Angst, selbst, wenn sie mich umbrächten.« Der »König«, womit Karsai gemeint ist, »ist nicht unser König. Der hat auch nichts zu sagen.« In der Bevölkerung wird Karsai längst spöttisch »Charsai«, d.h. Esel, genannt. »Die USA sorgen selbst für Unruhe in Afghanistan, um länger im Lande bleiben zu können. Sie brachten im letzten Jahr Talibankämpfer mit Hubschraubern nach Nordafghanistan«, meinen meine Gesprächspartner. »Wir glauben nicht, daß der Widerstand ohne fremde Hilfe in einer so gesicherten Stadt wie Kabul operieren kann. Wenn der Westen in Afghanistan Erfolg hätte, würden sie uns aus unserem Land vertreiben. Gott schütze Afghanistan. Das Volk in Afghanistan hat keine Waffen zur Hand, ansonsten käme es zu einem Volksaufstand. Die derzeitige afghanische Regierung ist doch keine Regierung, sie nennt sich nur so. Das Land rings um unser Dorf ist von der Bodenmafia geraubt worden, wo bleibt denn eigentlich die Regierung?« seufzt Mubin.

Erinnerungen an die Sowjetzeit

»Es ist allgemein zu beobachten, daß die Menschen um ihre Zukunft bangen und sich nicht vor den Kafirs (den Ungläubigen) fürchten.« Seiner Meinung nach sind die Kafirs außerordentlich ängstlich. »Trotz ihrer ungeheuren Kriegsmaschinerie haben sie sich überall, wo sie wohnen oder stationiert sind, mit mindestens sechs Mauern abgeschirmt. Solche Angsthasen sind sie. Die Muslime aber haben keine Angst«, betont Mubin. Rahima ergänzt, daß die Flugzeuge der Kafirs Brandraketen abfeuerten. Damit hätten sie öfters die Ernte und Felder ihres Dorfes in Brand geschossen. »Die Amerikaner rauben unser Land und tun nichts für uns«, meint Mubin. »Die Sowjets damals waren auch Ungläubige, aber sie haben uns auch viel gegeben«, meinen die beiden strenggläubigen Muslime, die auch »Haji« sind. Mubin ist sogar zweimal nach Mekka gepilgert, weil er meinte, beim ersten Mal nicht alles richtig gemacht zu haben. Da er und seine Familienmitglieder im Dschihad gegen die sowjetische Armee gekämpft hatten, bin ich doch überrascht, wie positiv sie jetzt von der damaligen Zeit sprechen. Sie vergleichen jetzt nachträglich die Versorgung mit Haushalts- und Lebensmitteln. Der überwiegende Teil der Bevölkerung hatte in der »Sowjetzeit« einen »Coupon«. Damit konnte man vieles in staatlichen und kooperativen Geschäften sehr günstig einkaufen.
Rahima ist für afghanische Verhältnisse unter den Analphabeten eine Intellektuelle. Sie spricht wie eine gebildete Frau, obwohl sie weder des Lesens noch des Schreibens kundig ist. Sie hat ihre Kinder, auch die Töchter, zur Schule geschickt. Sowohl sie als auch ihr Mann erzählen ständig von ihrem ersten Sohn, Saryalei, der nach dem Einmarsch der Mudschaheddin in Kabul im Jahre 1992 beim Gebet von einer Rakete der Nordallianz zerfetzt wurde. Sie trösten sich damit, daß er direkt ins Paradies gegangen ist, weil er beim Gebet zum Märtyrer wurde. Rahima und Mubin brechen in Tränen aus, wenn sie von diesem Sohn, der Absolvent des von der Sowjetunion in den 70er Jahren aufgebauten »Technikums Jangalak« war, erzählen. Er sollte der künftige Ernährer der Familie werden.
Rahima hat all ihre Möglichkeiten genutzt, um zu verhindern, daß Schamim, ihre Enkelin, von der Schule genommen wird. Die Großmutter väterlicherseits wollte nicht, daß sie weiter dorthin geht. Zur Not hätte Rahima das Mädchen zu sich geholt, damit sie sich bilden kann.

Landraub als Staatsakt

In und um Kabul wird die landwirtschaftliche Nutzfläche von den Mächtigen enteignet, um darauf Häuser zu bauen. Dem Druck der mit der Karsai-Administration verbündeten Baumafia sind sogar schon Friedhöfe zum Opfer gefallen. In meinem Dorf haben die Bewohner ihren Totenacker mit Mauern umschlossen, damit der Boden nicht wieder von irgendwelchen dubiosen Baulöwen beansprucht oder weiterverhökert werden kann. Vor zwei Jahren mußten die Dorfbewohner einen angeblichen Bauunternehmer vertreiben, der mit einem gefälschten Papier riesige Ländereien für sich beanspruchte. Einmal war es zwischen den Dorfbewohnern und diesem Landräuber beinahe zu einer bewaffneten Auseinandersetzung gekommen, berichten mir zwei Dorfbewohner.
Fährt man von den Nachbarprovinzen in Richtung Kabul, fallen auf beiden Seiten der Straßen neu errichtete Gebäude auf, auch sind noch allerorten Bautätigkeiten im Gange. Diese haben außerdem dazu geführt, daß das Land immer weiter mit Straßen zugepflastert wird. Die Dimension der Bebauung von Ackerland ist erschreckend. Sollte dies unbegrenzt so fortgesetzt werden, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern, bis es in Afghanistan keine landwirtschaftliche Nutzfläche mehr gibt. Dann müssen nolens volens noch mehr Lebensmittel importiert werden, als dies bereits der Fall ist.

Kabul liebt nur die Reichen

Einige afghanische Frauen haben früher zu Hause Handtaschen hergestellt. Zu ihnen gehörte Haram Gul aus einem Vorort der Hauptstadt Kabul, wie mir ihre Mutter erzählt. Damit konnte sie zur Verbesserung des Familieneinkommens beitragen. Seit der Politik der »Offenen Tür« der Karsai-Administration sind die Handarbeiterinnen nicht mehr in der Lage, mit den importierten chinesischen Billigprodukten zu konkurrieren und müssen gezwungenermaßen aufgeben. »Nun steht sie auf einem Bein«, sagt die Afghanin und meint damit, daß jetzt der Mann allein für den Lebensunterhalt der siebenköpfigen Familie sorgen muß.
An verschiedenen Kreuzungen und Plätzen der Altstadt Kabuls tummelten sich zuvor fliegende Händler, die nun von der Ordnungsbehörde vertrieben wurden. Damit haben sie ihre einzige Einkommensquelle verloren. Von solchen Maßnahmen sind auch die Händler in einem Vorort von Kabul, dem »Arsanqimat«, einer Billigbaugegend, betroffen. Mir wird berichtet, daß diese Menschen vollkommen verzweifelt sind, weil sie nicht mehr wissen, wovon sie nun leben sollen. Eine Stelle, bei der man sich beschweren kann, gibt es natürlich nicht.

Private Alibihochschule?

Zwischen dem 8. und 11. März habe ich mehrere Begegnungen mit den Studenten der privaten Universität »Khane Nur« (Haus des Lichtes). Da viele Oberschulabsolventen keine Möglichkeit haben, an einer staatlichen Universität zu studieren, sind sie gezwungen, sich an einer privaten Hochschule einzuschreiben. Die staatlichen sind faktisch nur den Kindern der Herrschenden vorbehalten. Die Studierenden haben viel an »Khane Nur« zu bemängeln. Sie bezahlen monatlich Gebühren von umgerechnet 120 US-Dollar und mehr. Das ist zu viel für afghanische Verhältnisse. Hinzu kommt noch, daß sie in der Woche statt einen, wie in Afghanistan üblich, zwei Tage frei haben. Als die Universität umzog, gab es monatelang keine Vorlesungen, dennoch wurden Studiengebühren kassiert. Als die Studierenden sich beschwerten, holte der Rektor der Universität einen angeblichen Kontrolleur aus dem Hochschulministerium, der die Studierenden zur Zahlung der Gebühren verdonnerte. Die Lehrkräfte geben nur einführende und oberflächliche Vorlesungen. Für weitere Kenntnisse müssen die Studierenden private Kurse desselben Dozenten besuchen, wofür sie noch einmal zu zahlen haben. Die Lehrmaterialien dürfen nur von derselben Universität gekauft werden. Für die Benutzung der Bibliothek sind stundenweise Extragebühren zu entrichten. Zusammenfassend bezeichneten die Studierenden die Universität, an der auch der Sohn des Verteidigungsministers General Wardag Teilhaber ist, als reine Geschäftemacherei.
Am 8. März treffen ich mich mit Faisal. Er studiert EDV an der Abenduniversität »Khane Nur«. Da er außerhalb von Kabul wohnt, muß er nach den Vorlesungen nach 20 Uhr nach Hause fahren. Im Dezember vergangenen Jahres wurde er mitten in Kabul gegen 21 Uhr von einem als Taxifahrer Getarnten mitgenommen. An der nächsten Kreuzung drohte ihm der Fahrer mit gezogener Pistole und nahm ihm seine Uhr, sein Handy und sein Geld ab. Nachdem Faisal diese bitteren und bedrohlichen Erfahrungen gemacht hatte, lief er bei zwei weiteren solcher Versuche weg.

Der Drogenhubschrauber

Am 10. März strahlt »Nur-TV« eine Predigt des Mullahs der »Wasir Akhbar Khan«-Moschee aus dem Kabuler Diplomatenviertel aus, in der dieser das weltweite Tragen der Burkha befürwortet. Mit Genugtuung hebt er hervor, daß Musliminnen in Frankreich für das Tragen des Ganzkörperschleiers kämpfen. Er kritisiert dabei die Kabuler Administration, die es den Frauen in Verwaltung und Parlament untersagt, verhüllt zur Arbeit zu kommen. Warum dürfen Sikhs Turban tragen, unsere Frauen aber nicht ihre Burkha? fragt der Mullah. Seine Predigt ist wegen des internationalen Frauentages hauptsächlich den Frauen gewidmet. Er geht zwar auch auf deren allgemeine Benachteiligung ein, jedoch ohne sie konkret zu benennen.
In der Presse wird darüber berichtet, daß hohe Beamte der afghanischen Führung in Drogengeschäfte verwickelt seien. Das ist weder neu, geschweige denn aufregend. Sensationell ist jedoch, daß am 10. März am Kabuler Flughafen in einem Hubschrauber der afghanischen Luftwaffe Rauschgift entdeckt wurde. Dies belegt, daß in Afghanistan nicht mehr von einer Drogenmafia allgemein, sondern von einer, die die gesamten staatlichen Strukturen erfaßt hat, gesprochen werden muß!

Frühjahrsoffensive der NATO

Die NATO hat ihre Frühjahrsoffensive in den südlichen Provinzen Kandahar, Urusgun und Helmand angekündigt. Schon am 10. März 2012 wurden in der südlich von Kabul gelegenen Provinz Logar fünf und am 11. März nach verschiedenen Angaben zwischen 16 bis 18 Zivilisten im Kreis Panjwai der Provinz Kandahar in ihren Häusern im Schlaf durch einen tollwütigen US-Soldaten, der einer Spezialeinheit der Green Berets angehörte, erschossen. Unter ihnen waren neun Kinder und drei Frauen. Weitere neun Personen wurden verletzt. Es hat in mehreren Familien Opfer gegeben, in einer Familie sogar elf Menschen. Dieser Massenmord könnte zu einem ähnlichen Symbol werden, wie das Massaker im vietnamesischen My Lai im März 1968. Und das ist nur der erste Kreis der NATO-Frühlingshölle in Afghanistan. Die ISAF hat den Soldaten zum Einzeltäter deklariert. Die Angehörigen der betroffenen Familien sind jedoch davon überzeugt, daß der Amoklauf nicht die Tat eines einzelnen US-Soldaten gewesen ist. Eine von Karsai nach Kandahar geschickte Untersuchungskommission ist am 17. März zu dem Ergebnis gekommen, daß an der Tat zwischen 15 und 20 Soldaten beteiligt gewesen sein mußten, die dann ihre Opfer zum Teil verbrannt haben. Die Mitglieder der Kommission verlangten, daß die Täter in Afghanistan zur Rechenschaft gezogen werden. Aus Protest haben am 12. März zahlreiche Abgeordnete aus den südlichen Provinzen in der Nationalversammlung die Sitzung verlassen und die Bestrafung des US-Soldaten verlangt.

Patrioten nicht gefragt

Am 14. März 2012 spreche ich mit Abdullah. Er ist Hauptabteilungsleiter im Kommunikationsministerium in Kabul. Mit seinem gestutzten Bart macht er den Eindruck eines gläubigen Menschen. Doch seine Ausführungen überraschen mich. Sofort kommt das Gespräch auf die afghanische Politik unter der Linksregierung vor 1992 und danach unter den Mudschaheddin. »In der Regierungszeit Dr. Najibullahs konnte man sich noch auf Menschen verlassen. Sie haben in den Ämtern ihre Aufgaben sachgemäß erfüllt. Heute werden die von oben erteilten Anordnungen nicht einmal von den untersten Amtsstellen ernstgenommen. Sie finden immer irgendwelche Vorwände, um die Sache zu verzögern. Dahinter steckt natürlich Bakschisch.« »Im heutigen Afghanistan ist Ehrlichkeit verpönt«, sagt Abdullah. Hohe Ämter würden von Menschen bekleidet, die nicht einmal in der Lage sind, einen Brief an der richtigen Stelle zu unterschreiben. Im Lande mangele es vor allem in erschreckender Weise an Patrioten. »Wir brauchen mindestens eine Generation, um Afghanistan aus dem Sumpf herauszuholen«, resümiert Abdullah pessimistisch. Die Intellektuellen trauerten Najibullahs Regierung und das einfache Volk der Taliban-Zeit nach. »Überall auf Schritt und Tritt sind Posten wie Krebsgeschwüre eingerichtet. Das sind Checkpoints, die eigentlich für die Sicherheit sorgen sollen. Tatsächlich sitzen da Räuber, Diebe, Wegelagerer. Deren Chefs haben es zu ansehnlichem Reichtum gebracht«, stellt Abdullah fest und verabschiedet sich mit traurigen, feuchten Augen.
Was die Taliban als »Ordnungskraft« für viele Menschen attraktiv erscheinen läßt, ist neben der Korruption der enorme Sittenverfall und die allgegenwärtige Unsicherheit. Korruption, Drogen, Alkoholismus und Prostitution, unter den Taliban allesamt gnadenlos bestraft, sind heute sehr weit verbreitet. Das ekelt die Menschen an und treibt sie in die Reihen der Taliban.
Der afghanische Generalstaatsanwalt Alekuzai möchte mehrere hochrangige Politiker, u.a. eine von Karsai ernannte Senatorin, wegen Korruption, Menschenraub und Hehlerei zur Rechenschaft ziehen, berichten die Medien regelmäßig seit Mitte März. Alekuzai hat aber ein kleines Problem. Die Angeklagten haben einen direkten Draht nach ganz oben. Als ich darüber mit einem Einheimischen spreche, kommt es wie aus der Pistole geschossen: »Unter den Taliban hätte es so etwas nicht gegeben. Sie hätten mit solchen Verbrechern kurzen Prozeß gemacht, selbst wenn es ihre eigenen Mitglieder wären.« Die Schonung von Verbrechern durch die Karsai-Administration läßt bei vielen Afghanen die Sehnsucht nach den Taliban immer größer werden. »Afghanistan braucht einen Rechtsstaat«, betonten meine Gesprächspartner. »Davon sind wir aber Lichtjahre entfernt«, sagt der junge Zahnarzt Zaki. Er weist darauf hin, daß in den unter Kontrolle der Taliban stehenden Gegenden sich niemand an die staatlichen Organe wendet. Weil die Menschen wissen, daß diese nichts tun.
Die »Tarjuman«, so werden die Übersetzer für die NATO und andere ausländische Organisationen genannt, sind sehr verhaßt, weil sie in der Regel auch Agenten seien. Ich habe daher Verständnis, daß die Taliban mit ihnen kurzen Prozeß machen, sagt Hamid, mein letzter Gesprächspartner, vor der Abreise aus diesem zerrissenen und perspektivlosen Land am
Hindukusch.
Matin Baraki studierte in Kabul Pädagogik und arbeitete als Lehrer. 1974 ging er in die Bundesrepublik und promovierte 1995 an der Philipps-Universität Marburg. Er lehrt internationale Politik an der Universität Marburg