Interview im Tages-Anzeiger Online vom 14. Juni 2012.

Kinder werden derzeit in Kriegen gequält und verheizt wie lange nicht mehr. Historisch ist das leider keine Ausnahmesituation, sagt Strategieexperte Albert Stahel.

Herr Stahel, der UNO-Jahresbericht listet immer mehr Kriegsgräuel an Kindern auf. Warum kehrt man in Zeiten, da Kriege immer «moderner» werden, zu solch barbarischen Mitteln zurück?
Da muss ich Sie korrigieren: Die Kriege werden mitnichten immer moderner. Es gibt im Gegenteil heute immer mehr primitive Konflikte. Was derzeit in Teilen von Afrika abgeht, das sind schlicht Gemetzel. Und nicht nur dort: Auch in Asien, auf der Arabischen Halbinsel oder etwa im Irak wird auf eine Weise Krieg geführt, die mit den Regeln des Kriegsvölkerrechts nichts mehr zu tun hat.

Und da geht man dann hemmungslos gegen Kinder vor?
Nicht nur das. Noch viel beliebter ist ihr direkter Einsatz als Kindersoldaten.

Warum greifen Warlords nicht lieber auf erwachsene Söldner zurück?
Dafür gibt es eine deprimierende Erklärung: Kinder eignen sich für das Kriegshandwerk viel besser als Erwachsene. Sie sind viel leichter und schneller auszubilden. Sie sind einfacher prägbar mit Ideologie. Sie stellen keine Fragen und gehorchen besser.

Aber früher führten doch nur Erwachsene Krieg?
Stimmt natürlich auch nicht. Hitlers Verheizung der Hitler-Jugend in den letzten Kriegstagen ist bloss das berühmteste Beispiel. Je länger kriegerische Konflikte dauern, desto eher kommen Kinder zum Einsatz. Und desto jünger werden diese Kinder.

Kinder werden aber auch einfach gequält, gezielt getötet. Warum? Ist das Terror? Psychologische Kriegsführung?
Aus meiner Sicht steckt meist wenig Strategie dahinter. Im Krieg ist es wie sonst auch: Kinder werden misshandelt, weil sie ihren Peinigern ausgeliefert sind. Weil sie der Bosheit schutzlos gegenüberstehen. Noch einfacher: Man quält Kinder, weil man es kann.

Ein unerträglicher Gedanke. Wer tut das? Müssen die Täter sich mit Anabolika vollpumpen wie etwa die syrische Shabiha-Miliz?
Zur Enthemmung braucht es keine Drogen. Schon die alten Kelten zogen sich vor der Schlacht nackt aus, um Schutzlosigkeit körperlich zu erfahren. Dann tanzten sie sich so in Rage, bis sie bis oben voll mit Adrenalin waren. Immerhin, die Assassinen nahmen vor dem Kampf Haschisch; davon erhielten sie ihren Namen. Mittel gegen Müdigkeit sind ebenfalls bei allen Armeen gang und gäbe. Und Kriegsverbrecher liessen sich schon immer schlicht mit Alkohol volllaufen.

Die von der UNO dokumentierten Gräuel erscheinen uns einfach so barbarisch – so vormodern.
Als ob die modernen Kriege je «zivilisiert» gewesen wären! Wie grausam waren doch die zwei Weltkriege zur Zivilbevölkerung. Und dann die angeblich so zivilisierte napoleonische Zeit: Dabei liess ja auch Napoleon, etwa bei der Eroberung von Spanien, Massenerschiessungen durchführen. Und nach seinem Russland-Feldzug blieben bekanntlich nur verbrannte Erde und Hunderttausende Tote zurück.

Also ist alles, wie es immer war? Verbrechen an Kindern inklusive?
Nicht ganz. Immerhin bringen die Medien solche Verbrechen wieder vermehrt an den Tag. Kriegsfotografen leisten da eine sehr wichtige Arbeit. Das Phänomen der Kindersoldaten wurde im Westen für längere Zeit ignoriert. Das hat sich wieder geändert. Immerhin.

 

Link zum Zeitungsartikel: LINK