Hier finden Sie das Interview mit Prof. Dr. Albert A. Stahel, welches in Xecutives.net The Swiss Management Network Anfangs April 2012 erschienen ist.

 

Prof. Dr. Albert Alexander Stahel, geboren 1943, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich, wo er auch promovierte. In seiner Habilitationsschrift an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich setzte er sich sehr intensiv mit strategischen Studien auseinander, ein Thema, das ihn sein ganzes berufliches Leben lang beschäftigen sollte. Medieninteressierten Menschen ist Professor Stahel als Experte für Sicherheits- und geopolitische Fragen im Radio und Fernsehen sowie als Autor von Sachbüchern bekannt. Professor Stahel lehrt bis heute an der Universität Zürich und wirkte bis 2006 als Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie an der ETH Zürich. Professor Stahel ist u.a. auch Gründer des Instituts für Strategische Studien in Wädenswil, das sich mit geopolitischen und sicherheitspolitischen Themen auseinandersetzt, und ist Geschäftsführer des Forums Humanitäre Schweiz. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Professor Stahel über seine Faszination für den chinesischen Militärstrategen Sun Tzu. Er berichtet auch über seine Reisen nach und seine Beziehungen zu Afghanistan und weist auf Parallelen zwischen der Schweiz und Afghanistan hin. Professor Stahel beantwortet Fragen zu aktuellen Risiken, welchen sich die Schweiz annehmen muss und macht darauf aufmerksam, dass die Schweiz mehr kann, als sie zurzeit tut und sich auf dem politischen Parkett mutiger verhalten müsste.

 

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Professor Stahel, der chinesische Kriegstheoretiker Sun Tzu hat Sie im besonderen Masse in Ihrem Leben beschäftigt. Sie haben viel über ihn geschrieben und über ihn referiert. Was fasziniert Sie an dieser Person und was können wir Ihres Erachtens von einem Experten für Kriegsführung, der vor über 2‘000 Jahren lebte, heute noch lernen?

Albert Stahel: Es gibt weltweit eine lange Tradition von Kriegstheorien. Viele chinesische Kriegstheoretiker haben diese Tradition gepflegt und sich mit den Themen Krieg und Strategien intensiv auseinandergesetzt. Ihre Erkenntnisse spielen, allen voran diejenigen von Sun Tzu, bis heute eine grosse Rolle. Faszinierend an Sun Tzu ist für mich, dass seine Schriften über die Jahrhunderte immer wieder aufgelegt wurden und auch heute noch publiziert werden, respektive noch aktuell sind. Das Original datierte wohl von 510 v.Chr. Es ist leider verloren gegangen. Es gibt aber Abschriften aus verschiedenen Dynastien Chinas, die aufgrund ihrer inhaltlichen Qualität und ihrer Aktualität noch heute beachtet werden. Seine Kriegslehren sind immer wieder umgesetzt worden. Mich beeindruckt an der Lehre von Sun Tzu – und damit unterscheidet er sich ganz wesentlich von den meisten anderen Kriegstheoretikern -, dass er eine gesamtheitliche Betrachtungsweise der Kriegsstrategie verfolgt. Er geht auf Moral, Psychologie aber auch auf Themen wie Spionage ein, die in der Kriegsführung sehr wichtig sind. Das ganze Instrumentarium zielt darauf ab, wie ein Gegner ohne grosse eigene Verluste besiegt werden kann.

 

Mir schien bei der Lektüre von Sun Tzu, dass seine Lehren, die mich im Übrigen an Machiavelli erinnern, auch für die Privatindustrie interessant sein könnten, sagen wir bei schwierigen Mergers und Acquisitions oder schwierigen Vertragsverhandlungen. Seine Strategien, wie man gewinnen kann, könnten auch bei kritischen Verhandlungen auf Bundesebene herbeigezogen werden, wenn es beispielsweise um unsere Banken und den Umgang mit anderen Staaten geht…

Das ist sicher so. Die Thesen von Sun Tzu werden auch in der Wirtschaft angewendet, oft jedoch nur intuitiv, ohne dass man seine Theorien genauer kennen würde. In verschiedenen Staaten haben sich Analytiker mit den Lehren von Sun Tzu auseinandergesetzt, so in der ehemaligen UDSSR und heute in den USA. Gerade Letztere haben aber den tieferen Sinn seiner Lehre vielfach nicht verstanden. Machiavelli ist aber sicher auch ein Stratege, dessen Gedankengut bis in unsere Zeit wirkt. Seine Thesen weisen auch ein gesamtheitliches Denken auf. In seinen Schriften widmet er sich insbesondere der politischen Führung.

 

Sie selber sind von Hause aus Wirtschaftswissenschafter. Wie kam es, dass Sie eine Karriere als Strategieexperte und Spezialist für geopolitische Fragen eingeschlagen haben?

(Lacht) Bis zum Lizenziat verlief meine Karriere normal. Ich war auf mathematische Wirtschaftstheorien und Operations Research ausgerichtet, Themen, die mich sehr interessiert hatten. Ich bekam dann die Möglichkeit beim damaligen Uni-Professor und späteren Regierungsrat Hans Künzi mein Promotionsthema anzugehen. So bewegte ich mich in Richtung Strategie.

 

Sie haben sich sehr intensiv mit militärischen und politischen Krisen sowie Sicherheitsfragen auseinandergesetzt, oft verbunden mit traurigen Kapiteln in der Menschheitsgeschichte. Ich denke dabei an Afghanistan, auf das wir noch zu sprechen kommen. Resigniert man nicht manchmal nach so vielen Jahrzehnten der Studien, wenn Sie heute um sich und zurückschauen?

Ich bin ein Analytiker. Ich beobachte und analysiere Probleme, Kriege und sonstige Konflikte auf der Welt und stelle diese in einen grösseren wissenschaftlichen Zusammenhang. Meine Resultate lege ich dann auf den Tisch – gedacht für die Wissenschaft, aber auch für die Medien. Mit Ausnahme meiner Zeit in Bern war ich für Lösungen nie operativ im Einsatz. Ich muss hier kurz ausholen und Voltaire ins Spiel bringen: Voltaire wurde vorgeworfen, dass er das, was er selber schrieb, gar nicht befolgte. Er selber meinte in Bezug auf diese Kritik, dass man nicht gleichzeitig eine Prozession einläuten und ihr vorangehen könne. Mir geht es ähnlich. Ich selber verstehe mich vor allem als Analytiker. Natürlich sehe ich Möglichkeiten, wie Lösungen herbeigeführt und beispielsweise Konflikte entschärft werden könnten. Darum habe ich mich auch schon als Vermittler zur Verfügung gestellt, beispielsweise im Fall von Afghanistan. Das ist aber nicht meine Hauptkompetenz. Aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es ist schon interessant und nach so vielen Jahrzehnten der Studien merkwürdig zu beobachten, wie Staatsmänner und Staatsfrauen auf der Welt, auch in der Schweiz, immer wieder die gleichen Fehler begehen und offensichtlich aus der Geschichte nur wenig lernen. Gerade in Bezug auf Afghanistan, ein Thema, das bei mir mit vielen Emotionen verbunden ist, stellen sich auch bei mir manchmal Augenblicke der Resignation ein. Afghanistan leidet in einem besonderen Masse an Fehlentscheiden und der Ignoranz des Auslandes im Umgang mit geschichtlichen Vorkommnissen und menschlichen Tragödien.

 

Afghanistan ist ein Kapitel in Ihrem Leben, das sie sehr beschäftigt. Sie haben das Land oft besucht und verfügen über beste Kontakte in diesem Land. Was können wir heute von diesem traurigen Kapitel der Menschheit lernen und was hat man in Bezug auf das Land Ihres Erachtens falsch gemacht?

Ich habe mich schon in meiner Habilitation mit Kleinkriegen auseinandergesetzt. Mit der Besetzung Afghanistans durch die UdSSR beschlossen mein Freund Professor Pierre Allan von der Universität Genf und ich, den Krieg in Afghanistan zu untersuchen. Aufgrund von Simulationen konnten wir schon damals nachweisen, dass der Krieg sich ganz anders entwickeln würde, als es die Führungsriege der UDSSR propagierte. Uns war klar, dass die Sowjetunion diesen Krieg nicht gewinnen konnte. Ich nahm damals auch mit Paul Bucherer aus Liestal Kontakt auf, der eine Bibliothek über Afghanistan und seine Geschichte aufgebaut hatte und leitete. Er ist ein profunder Kenner dieses Landes. Er und ich entschieden uns, uns vor Ort ein Bild zu machen. 1986 reisten wir ein erstes Mal in diese Weltgegend und schauten uns an der Grenze zu Afghanistan die Flüchtlingslager an. In den folgenden Jahren reiste ich immer wieder dorthin und traf interessante Menschen an. Wenn man die Armut dieses Landes und der Menschen so direkt sieht, eine Armut, von der sich viele Menschen auch hier in der Schweiz keine Vorstellung machen können, dann wird man gezwungenermassen emotional. Ich kenne verschiedene Vertreter der afghanischen Elite, so auch Hamid Karzai. Einige dieser politischen Führer wirkten auch 2003 an einem Seminar an der Uni Zürich über Afghanistan mit. Die Ergebnisse dieses Seminars und anderer Veranstaltungen sind als Publikationen der Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, ASMZ, veröffentlicht worden. Mit Freunden habe ich auch ein Bauprojekt von Architekten der ETHZ in Afghanistan unterstützt. Das Land gilt immer noch als zerstört. Was können und müssen wir aus diesem Fiasko lernen? Es ist sicher das traurigste Kapitel, mit dem ich mich je beschäftigt und auch kennen gelernt habe. Es gibt zwei Dinge, die wir daraus lernen können: Es müsste verhindert werden, dass das Land allen Einflussnahmen von aussen ausgesetzt wird. Die Eliten sind leider korrupt. Sie werden von verschiedensten Staaten zu den unterschiedlichsten Zwecken schlicht gekauft und im Sinne derer Interessen missbraucht. Mir scheint das jedoch nicht nur in Afghanistan der Fall zu sein, sondern zunehmend auch in der westlichen Welt, die Schweiz nicht ausgenommen. Vielleicht ist nicht immer alles so offensichtlich, wie in Afghanistan. Aber auch hier in der Schweiz werden Politiker für ausländische Zwecke instrumentalisiert. Oft sind sich viele dessen gar nicht bewusst, dass sie missbraucht werden. Es gibt sehr viele Parallelen zwischen Afghanistan und der Schweiz, über die wir staunen würden.

 

Was können wir tun, damit Afghanistan in den nächsten Jahrzehnten wieder gesunden kann?

Wir sollten gerade in der Schweiz den Mut haben, uns über die Interessen von mächtigen Staaten bewusst hinwegzusetzen. Dieser Mut, immer wieder Zeichen zu setzen, ist in den letzten Jahren vollkommen verschwunden. Die Schweiz ist wie viele andere Länder geopolitisch zu einem Spielball anderer Staaten geworden. Wir sehen das heute auch ganz deutlich in Bezug auf die Frage der Banken und des Bankgeheimnisses sowie der Steuern.

 

Was müsste Ihrer Ansicht die Schweiz machen, um mutige Entscheide treffen zu können?

(Lacht) Seit rund 5 Jahren propagiere ich, dass man Vertreter der Taliban und der Nordallianz in die Schweiz im Rahmen eines Seminars zu Gesprächen einladen müsste. Die Schweiz könnte aufgrund ihrer Neutralität ein solches Treffen organisieren und dabei vermitteln. Ich habe mich vor beinahe 2 Jahren mit verschiedenen Vertretern der Taliban und der Nordallianz in Afghanistan getroffen. Die Schweizer Regierung könnte dies in der Schweiz wohl besser tun als ich. Die Angst vor den USA ist offenbar so gross, dass solche Entscheide zuerst auf ihre USA-Kompatibilität hin geprüft werden.

 

Die wohl zum Teil auch begründete Angst zeigt sich zurzeit in Bezug auf den Umgang der USA mit den Schweizer Banken. Die USA scheinen hier nicht gerade zimperlich zu sein…

Ich halte das alles für unglaublich! Will man mit Ländern wie den USA verhandeln, so braucht es Personen, die die dortigen Verhältnisse kennen und mit der amerikanischen Denkweise voll und ganz vertraut sind. Dazu braucht es auch eine gute Strategie. Was zurzeit in der Schweiz passiert, ist ein trauriges Kapitel. Politiker, die in der Provinz gross geworden sind, verfügen in der Regel nicht über diese Denkweise und es fehlt ihnen an Erfahrungen auf dem internationalen Parkett. Trotzdem muten sich diese Menschen zu, wichtige und schwierige Verhandlungen zu führen.

 

Wie können wir Ihres Erachtens dieses Provinzdenken überwinden?

Wir haben heute in der Schweiz beinahe keine Politikerinnen und Politiker mehr, die Querdenken könnten. Leider werden schon auf der kommunalen Ebene Menschen, die quer oder anders denken, durch die Parteien von einem Aufstieg in die kantonale Politik ferngehalten. Wählerinnen und Wähler erhalten damit nicht die Möglichkeit diese Querdenker zu wählen. Sie fehlen auf den Listen. Aber es ist nicht so, dass die Wählerschaft keine kritischen Stimmen wählen würde. Ganz im Gegenteil! Kritische Menschen würden sehr wohl gewählt werden. Aber auch in der Wirtschaft werden Anpassungsfähige ausgewählt. Menschen, die visionär denken und neue Ideen haben, werden ausgeschaltet. Wir haben ein echtes System der „Kooptation“.

 

Gewisse Querdenker haben in der Wirtschaft Erfolg. Ich denke an Nicolas Hayek, der sich – mit viel Gegenwind aus der ganzen Gesellschaft – nicht von seinen Visionen abbringen liess.

Er ist natürlich ein Vorbild und der Erfolg gibt ihm auch nach seinem Tode Recht. Herrn Hayek hätte man klonen müssen (lacht). Ich habe einmal seine Vorschläge bei der Beschaffung des Panzers Leopard 2 für die Schweizer Armee verfolgt. Hayek hat damals ganz offen den technologischen Nutzen, der mit der Beschaffung des Leopard 2 propagiert wurde, hinterfragt. Seine Beurteilung war richtig.

 

Nun muss ich Sie natürlich, obwohl das nicht beabsichtigt war, auf den Fall Gripen ansprechen. Wie denken Sie, nicht nur als Strategieexperte, sondern auch als ehemaliger Oberstleutnant der Schweizer Armee, verhält es sich in Bezug auf dieses Flugzeugbeschaffungsprojekt, das in den letzten Wochen Schlagzeilen machte? Wie würde ein Nicolas Hayek die Sache heute beurteilen?

In der nahen Zukunft werden bemannte Flugzeuge überholt sein! In 20 Jahren wird nur noch ein ganz kleiner Teil moderner Luftstreitkräften mit bemannten Kampfflugzeugen ausgerüstet sein. Bezogen auf die Zukunft müssten die Verantwortlichen jetzt die Beschaffung unbemannter Kampfflugzeuge und nicht den Kauf bemannter Flugzeuge planen. Was den Gripen betrifft, so will der Bundesrat das neutrale Schweden berücksichtigen. Der Bundesrat hätte übrigens noch mutiger sein können und sich für ein russisches Flugzeug entscheiden können. Der Gripen ist, um es kurz zu machen, die Wahl der billigsten Flugzeuge, aber nicht ein glaubwürdiger Entscheid über die Zukunft unserer Luftwaffe. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn die Schweiz nach wie vor eine Armee aufrechterhalten will, dann wird diese nur durch die Aufrechterhaltung der Luftherrschaft über der Schweiz und damit durch den Einsatz von Kampfflugzeugen – bemannten oder unbemannten – für das Ausland glaubwürdig sein.

 

Sie haben sich Ihr Leben lang mit Risiken und politischen Spannungen bis hin zu Kriegen auseinandergesetzt. Es sind heute wohl weniger militärische Risiken, die der Schweiz drohen. Welches sind Ihres Erachtens ernstzunehmende Risiken, die die Schweiz betreffen und mit denen sie sich heute und morgen auseinandersetzen muss?

Die vielen kriminellen Netzwerke auf der ganzen Welt suchen auch die Schweiz heim, mehr als wir gemeinhin denken. Sie führen eine Schattenwirtschaft von unerhörtem Ausmass und die Schweiz spielt für ihr Funktionieren eine wichtige Rolle. Hier sehe ich für die Schweiz ein enormes und sehr aktuelles Gefahrenpotential. Diese kriminellen Netzwerke und Organisationen zu bekämpfen, ist vor allem Aufgabe des Nachrichtendienstes, der Justiz und der Polizei. Die Schweizer und Schweizerinnen sind sich zuwenig bewusst, wie weit die organisierte Kriminalität auch in unserem Land bereits fortgeschritten ist. In Bezug auf aktuelle Risiken für die Schweiz gilt es auch an die Umweltprobleme zu denken, die uns beschäftigen werden. Die Schweiz kann diese Probleme allein nicht lösen. Es braucht dazu die ganze Welt. Wir haben aber noch ein weit gefährlicheres Problem, das entscheidend ist und auf das immer wieder der Basler Wissenschafter Daniele Ganser hinweist – die Erschöpfung des Erdöls. Erdöl, auf dessen Verfügbarkeit unsere Technologie und Gesellschaft beruht, ist endlich. Sehr bald wird das Erdöl ausgehen und wir haben bis jetzt keine Lösungen bereit, wie es danach weitergehen soll.

 

Gerne möchte ich etwas näher auf diese Risiken eingehen, möchte Sie jedoch zuerst fragen, ob sich die Risiken – ich denke beispielsweise an Kriege, Atombomben, politische Spannungen, der kalte Krieg, Terrorismus etc. – der letzten Jahrzehnte auch auf unsere innenpolitischen Entscheide ausgewirkt haben?

Nun muss ich Ihnen etwas ganz Ketzerisches sagen: viele Risiken rund um die Schweiz haben sich innenpolitisch vielfach gar nicht ausgewirkt. Dank unserer Lage – wir waren im Kalten Krieg eine Art Insel – standen wir beinahe abseits. Viele Rüstungsentscheide seit dem Zweiten Weltkrieg sind aufgrund innenpolitischer Kriterien entschieden worden. Ein Beispiel hierfür war der Leopard 2-Entscheid. 1974 war ich an einer Tagung in England. Anwesend war ein deutscher Generalmajor, der für das Tornado-Projekt verantwortlich war. Wir sprachen über die anstehende Panzer-Beschaffung durch die Schweiz. Er stellte fest, dass wir aufgrund unserer Topographie Kampfhelikopter beschaffen müssten und nicht Panzer. Er hatte vollkommen Recht! Der Leopard 2 wurde auf Druck einer Lobby beschafft. Die Beschaffung dieses Panzers war angesichts unseres Geländes nicht sinnvoll. Seit der EWR-Abstimmung Ende der Achtzigerjahre verfolgt die Schweiz die Strategie, sich an jedem Strohhalm festzuhalten, den man sieht. Internationale Entwicklungen werden innenpolitisch im Grunde genommen auch gar nicht wahrgenommen. Wir sind mit den konstanten Armeereformen, um beim Thema Militär zu bleiben, ständig nur mit uns selber beschäftigt und bewegen uns im luftleeren Raum.

 

Wie geht Ihres Erachtens die Schweiz innenpolitisch mit besorgniserregenden Themen wie kriminellen Netzwerken oder Umweltproblemen um?

Die Schweiz müsste viel stärker die Fakten prüfen und sich eingehend mit diesen Themen beschäftigen. Sie muss fähig sein, geopolitische Zusammenhänge zu erkennen. Dafür braucht es aber Menschen, die eine geopolitische Denkweise überhaupt haben. Ich gebe Ihnen hierfür ein Beispiel. Es geht wieder um Afghanistan: Das meiste Heroin auf der Welt kommt aus Afghanistan. Die vielen chemischen Substanzen, die bei der Produktion dort für die Herstellung von Heroin aus Opium benötigt werden, stammen nicht aus Afghanistan, sondern aus westlichen Ländern, so auch aus der Schweiz. Die kriminellen Netzwerke bedienen sich der legalen Wirtschaft, um ihre Ziele zu erreichen. Es handelt sich um eine Schattenwirtschaft, die ein eigenes geopolitisches Denken hat und es gibt viele Schnittstellen mit der legalen Wirtschaft. Denken Sie an die Geldwäscherei. Ziel der illegalen Wirtschaft ist es, ihre Renditen zu legalisieren, eben durch die Geldwäsche. Die legale Wirtschaft wird eingesetzt, damit die illegale Wirtschaft funktionieren kann. Wir wären gut beraten, uns auch über diese Machenschaften mehr Gedanken zu machen.

 

Nun hat die Schweiz aber nach Fukushima sehr schnell reagiert und will von Atomkraftwerken in der Zukunft absehen, auch scheint mir, ist man bemüht, umweltrelevante Herausforderungen aktiv anzugehen. Sind das nicht doch Beispiele, die belegen, dass sich die Schweiz innenpolitisch auf externe und weltweit lauernde Risiken einstellt?

Die Medien haben den Atomausstieg thematisiert. Nachdem Frau Merkel sich vom Atomstrom verabschieden wollte, hat sich der Bundesrat diesem Entscheid angeschlossen. Merkel wollte schon vor Fukushima weg vom Atomstrom. Mit Fukushima konnte sie schnell entscheiden und sie hatte die nötige Rückendeckung in der Bevölkerung. Vielleicht muss in Bezug auf Ihre Fragestellung aber noch der Zivilschutz genannt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man in der Schweiz die Gefahr durch Nuklearwaffen erkannt und als Schutzmassnahme für die Bevölkerung den Zivilschutz aufgebaut. Hier bestand eine klare Beziehung zwischen der aussenpolitischen Bedrohung und den innenpolitischen Entscheidungen.

 

Was sind Ihres Erachtens denn die externen Gefahrenpotentiale, die uns beschäftigen und sich innenpolitisch auswirken müssten?

Die entscheidende Gefahr ist die Erschöpfung des Erdöls in den kommenden Jahrzehnten. Deshalb wäre nachhaltiges Denken über eine neue und andere Industriegesellschaft notwendig. Halten wir weiterhin am Erdöl als Grundlage unserer Industrie fest, dann wird unsere Zivilisation in sich zusammenbrechen. Anstatt uns mit dieser gewaltigen Herausforderung auseinanderzusetzen, blicken wir gebannt auf den Iran und haben Angst davor, dass bei einem allfälligen Krieg der Erdölpreis in die Höhe getrieben würde.

 

Sie haben den Iran genannt. Die ganze arabische und islamische Welt ist in Bewegung und viele Mächte haben ihre Hände im Spiel. Wo sehen Sie diesbezüglich – und einmal abgesehen vom Thema Öl – Herausforderungen, die auch die Schweiz betreffen und mit dieser Weltregion zu tun haben?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen, denn auch die Vorkommnisse im Nahen Osten, im Iran und beispielsweise im Irak müssen in einem geopolitisch grösseren Rahmen analysiert werden: Wir vergessen oft allzu schnell, dass die Weltmacht USA in diesen Ländern ihre eigenen Ziele verfolgt. Die Einflussnahme von Drittstaaten auf die arabische Welt und auf den Iran hat eine Tradition. Vieles geht auf die Kolonialzeit zurück. Im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Grossbritannien der Hauptakteur in dieser Region. Die Kolonialgeschichte von England ist hier und auch in anderen Weltgegenden mit Intrigen verknüpft, durch die versucht wurde, auf diverse Länder Einfluss zu nehmen. Grossbritannien hat zum Beispiel im ersten und zweiten Opiumkrieg die Mandschu-Dynastie, die im 19. Jahrhundert über China herrschte, gezwungen, Opium einzuführen! Damit sollte das Handelsbilanzdefizit zwischen Indien und China ausgeglichen werden. Dies waren die kriminellen Machenschaften der damaligen Weltmacht Grossbritannien. Opium wird heute noch teilweise an denselben Orten angebaut wie damals. Übrigens dürften die Briten in Ägypten und Syrien jetzt im Auftrag der Amerikaner handeln.

 

Die CIA liess eben erst verlauten, dass der Iran nun doch nicht beabsichtige, Atomwaffen zu bauen. Was sagen Sie zur Aussage der CIA?

Das lässt sich dadurch erklären, dass die Führung der CIA versucht, die Wahlen für Obama zu unterstützen. Sollte der Iran wirklich Nuklearwaffen entwickeln, dann wird Obama auf Druck seiner politischen Gegner gezwungen werden, Luftschläge gegen die Nuklearanlagen zu befehlen. Geheimdienste sind schon immer politisch instrumentalisiert worden. Die Lage am Persischen Golf ist aber komplexer. Im Prinzip stehen hier geopolitische Entscheidungen bevor. Die Führung in Teheran verfügt nach dem Rückzug der USA aus dem Irak über einen gewaltigen geopolitischen Einfluss, der sich auf das westliche Afghanistan, den Irak, Syrien und den Libanon erstreckt. Dies können die USA nicht akzeptieren. Die Nuklearfrage und die Unterstützung des Aufstandes in Syrien sind Mittel um den Iran wieder auf seine ursprüngliche Grösse zurückzustutzen. Übrigens dürften in Syrien bereits Spezialeinheiten aus Katar und Grossbritannien im Einsatz sein. Am Ende geht es um die Kontrolle über das Erdöl, das Erdgas und das Pipeline-System im Persischen Golf und im Mittleren Osten.

 

Sehr geehrter Herr Professor Stahel, was wünschen Sie sich für die Schweiz, die Sicherheit und was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Für die Schweiz wünsche ich mir fähigere Politiker, die den anstehenden Herausforderungen, denen die Schweiz gegenüber steht, gewachsen sind und Lösungen dafür finden. Deshalb sind Politiker gefragt, die strategisch denken können. Ich wünsche meinen Enkeln und ihrer Generation, dass sie ebenfalls einmal mit der gleichen Sicherheit werden leben können, wie ich und meine Generation sie erlebt haben. In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben wir auf einer „Insel der Seligen“ gelebt und uns keine Gedanken über die Verhältnisse in der wirklichen Welt gemacht. Dieser Zustand ist vorbei. Des Weiteren müssen wir eine Industrie entwickeln, die nicht mehr vom Erdöl abhängig ist, sonst wird unsere Gesellschaft keine Zukunft haben.

 

Sehr geehrter Herr Professor Stahel, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei Ihren Tätigkeiten!