Im Oktober 2009 steht John Allison vor dem Eingang eines Ausbildungszentrums für ein Sonderprogramm der US-Army. Im Untergeschoss des  Einkaufszentrums „Quilter Quarters“ in Fort Leavenworth in Colorado soll der 72jährige Ethnologe über die nächsten Monate auf seine neue Aufgabe in der Aufstandsbekämpfung vorbereitet werden. An der dunkel verglasten Eingangstür hängen Verbotsschilder: Das Mitbringen privater Computer oder von Waffen ist verboten. Dort prangt auch in großen Lettern das Kürzel jenes Programms, für das Allison arbeiten soll: HTS – Human Terrain System.

Dahinter verbirgt sich die neue Methode der US-Armee, sozialwissenschaftliche Instrumente für die Aufstandsbekämpfung in Irak und Afghanistan einzusetzen. Allison kennt die Diskussionen dazu in Ethnologenkreisen, er weiß, wie kritisch diese Herangehensweise beäugt wird. „Ich war möglicherweise naiv,“ sagt Allison heute, „aber ich dachte wirklich, ich könnte meine Erfahrungen dazu einsetzen, die Denkweise der Militärs zu verändern.“ Allison hatte vor Jahren selbst lange als Ethnologe die Afghanen erforscht. Weniger Gewalt und mehr Verständnis für diese Menschen, das war sein Ziel.

Doch über die nächsten Monate verlor Allison seine Illusionen. In seinem Kurs saßen nur wenige echte Ethnologen, dafür um so mehr Sozialwissenschaftler aller anderen Studienrichtungen – und viele ehemalige hochrangige Soldaten. Angelockt von rund 250.000 US-Dollar Jahresgehalt. Manche hatten bereits selbst in Afghanistan gekämpft und dabei die Achtung vor den Afghanen verloren. Einer gestand Allison sogar, dass er dort einen Zivilisten erschossen hatte – aus dem schlichten Bedürfnis, sein neues Scharfschützengewehr zu testen.

Nach und nach glaubte Allison zu begreifen, worum es bei HTT wirklich geht. Er notierte sich ein Zitat aus dem Unterricht, das seiner Meinung nach das HTS-Programm charakterisiert: “Ihr seid bis über die Ohren in etwas verwickelt, das man früher als geheimdienstliche Tätigkeit bezeichnete”.  Der Ethnologe, der das Training nur ein paar Monate aushielt, ist bis heute darüber entsetzt, welche Differenz sich zwischen dem offiziellen Zweck und den tatsächlich vorgegebenen Zielen auftat: “Man tat immer so, als würde es darum gehen, die „Hearts and Minds“ der Afghanen zu gewinnen – tatsächlich, so erklärte man uns, würden wir geheimdienstlich arbeiten.”

Entstanden war das Programm 2004, als die USA im irakischen Aufstand nicht mehr weiterkam. Politik, Religion, ethnische Zugehörigkeit verbanden sich zu einer explosiven Mischung, die Fronten waren unklar – niemand hatte ein klares Bild, wie man diesen gordischen Knoten durchtrennen konnte.

Schon im Herbst 2003 hatte der damalige Befehlshaber der Koalitions-Streitkräfte im Irak darauf aufmerksam gemacht, dass die steigende Gewalt kulturelle Aspekte habe, dass mangelnde Sprach- und Ortskenntnisse ein Teil des Problems seien. Die Fehlerliste war lang: Von der Beschädigung von Moscheen und heiliger Stätten über die Demütigung von Familienoberhäuptern vor Publikum bis hin zum Ausschluss ehemaliger Baath-Parteimitglieder und Sunniten für die neue irakische Regierung. HTS schien hier, wo die traditionellen militärischen Methoden der Aufstandsbekämpfung versagten, eine neue Lösung anzubieten. Zusätzlich zur Kontrolle des geographischen sollte in Zukunft auch das menschliche Terrain in den Vordergrund rücken. Die US-Army wollte sich darum kümmern, nicht nur Falludscha oder Kandahar einzunehmen, sondern auch die Iraker und Afghanen für das amerikanische Modell zu gewinnen.

Dennoch dauerte es drei Jahre, bis das HTS-Programm erstmals umgesetzt wurde. Die Rahmenbedingungen waren klar: Ethnologen und Sozialwissenschaftler sollten ethnografische Gespräche führen, soziokulturelle Studien erstellen und so die Militärs bei ihrer Vorgehensweise beraten. Dazu stellten die HTS-Leiter fünfköpfige Teams zusammen, bestehend aus einem Sozialwissenschaftler, einem Human Terrain Analytiker, einem Forschungsleiter und dem militärischen Teamleiter – alle direkt bei einer US-Militäreinheit vor Ort angesiedelt.

„Die Kommandeure benennen Projekte oder wir schlagen ihnen welche vor, beispielsweise über Korruption oder Handelswege in einem bestimmten Gebiet“ erklärt Christopher King, wissenschaftlicher Leiter des HTS-Programms, das Procedere. Er sieht den Zweck von HTS darin, dem Militär ein möglichst umfassendes Bild der kulturellen Faktoren in der Region zu liefern und ebenso als eine Art militärische Entwicklungshilfe zu arbeiten. “Viele Einheiten arbeiten in Regionen, in denen Hilfsorganisationen aus Sicherheitsgründen nicht mehr präsent sein können.”

Als Beispiel nennt King ein HTS-Projekt, bei dem es darum ging, makroökonomische Trends in Kandahar festzustellen. Dazu besuchte ein HTT (Human Terrain Team) zusammen mit regulären Armeeeinheiten über Wochen hinweg mehrere Basare und interviewte lokale Kaufleute und Ladenbesitzer. Dabei fanden sie heraus, dass zuwenig Afghani- Scheine in Umlauf waren, was wiederum den ärmeren Schichten schadete: Für ihre Arbeit wurden sie unterbezahlt, konnten sich gleichzeitig angesichts der hohen Preise aber auch weniger Essen kaufen.  Als Gegenmaßnahme nutzte die US-Army eine klassische Methode der Hilfsorganisationen: Sie etablierte ein Cash-for-Food Projekt, mit dem sie ärmere Menschen finanziell unterstützte und dadurch gleichzeitig Geld in die lokale Wirtschaft pumpte.

Ein perfides Vorgehen, findet David Price vom Bund der kritischen Anthropologen. Er sieht in HTS einen verkappten Versuch der US-Armee, Erkenntnisse für das militärische Vorgehen zu sammeln. “Das US-Militär hat eine lange Tradition darin, die Wissenschaft auszunutzen”, sagt er. Das Programm sei der Versuch einer amerikanischen Besatzermacht, Afghanen auszuhorchen und sie zu manipulieren. Selbst die gemäßigte Vereinigung der amerikanischen Ethnologen verwarf 2009 in einer Stellungnahme HTS, da es mit den ethischen Zielen der Wissenschaft nicht vereinbar sei. Statt die befragten Individuen im Sinne der Ethnologie zu schützen, könnten HTS-Ethnologen in Versuchung geraten, Erkenntnisse an die Militärspitze zur Kriegsführung weiter zu geben.

Tatsächlich zeigt der Fall des Ethnologen Michael Bhatia, der für HTS tätig war, wie schwierig es ist, bei der merkwürdigen Doppelfunktion zwischen friedlicher Wissenschaft und militärischer Kriegsführung die Balance zu halten. Er arbeitete im Rahmen in der Provinz Khost an der Konfliktlösung zwischen verfeindeten afghanischen Gruppen. Am 7 Mai 2008 saß der 32jährige – wie bei HTS üblich – in einem Humvee der US-Armee zusammen mit normalen Soldaten. „Wir reisten auf einer Nebenstraße durch ein gefährliches Gebiet, auf dieser Strecke hatte es schon viele Probleme gegeben“ sagt sein Kollege in einem Filminterview. „Als wir den Berg hochfuhren, war da auf einmal diese unglaubliche Explosion vor uns.“

Bei diesem Sprengstofffallen-Attentat kam Bhatia zusammen mit zwei US-Soldaten ums Leben. In der Dokumentation “Human Terrain” kommt er anhand von Briefen, Tonaufzeichnungen und Filmschnipseln zu Wort. In einem der letzten Mitschnitte hört man ihn in einem Gespräch mit den Dorfältesten. Über den Dolmetscher informiert er sie, dass die Informationen ans Militär gehen, aber dass seine spezielle Einheit Studien zu Kultur, Politik, dem Dorf und die Stämme, zu Wirtschaft und dem Markt erarbeite. Nachdem der Übersetzer als US-Kollaborateur angefeindet wird, fragt Bhatia, ob eine bestimmte Gruppe aus dem Dorf mit den Taliban zusammenarbeite. Nach einem positiven Bescheid beginnt er, militärische Informationen zu sammeln: „Sind die Taliban aus diesem Gebiet?“ fragt er. „Das ganze Jahr über gehen Leute von hier nach Pakistan und trainieren dort, kommen dann zurück.“ „Wieviele Leute von hier?“ Vom Ethnologen, dem es um die Menschen geht, mit denen er spricht, wandelt er sich zum Militär, der Ziele erfasst.

Christopher King vom HTS-Programm behauptet dagegen, Bhatia sei nur ein Einzelfall, der seine Funktionen überschritt. Doch die Afghanistan-Berichte der US-Armee bei Wikileaks zeichnen ein anderes Bild der Realität: Es wird deutlich, dass Informationsmaterial der HTS-Ethnologen vor Ort an militärische Analysten weitergegeben wurden. Immer wieder zitieren Offiziere des Militärgeheimdienstes ihre Berichte. Die Trennung von zweckfreier Ethnologie und Kriegsführung ist aufgehoben. Deutlich wird auch, wie tief das Human Terrain Konzept als erweitertes Instrument der Kriegsführung in die Köpfe des Militärs eingedrungen ist. In einem Bericht von 2007 heißt es beispielsweise, das zivile Personal solle “das menschliche Terrain soweit vorbereiten, dass die kinetische Kriegsführung der Operation Hammer” durchgeführt werden kann“. Kinetisch, so die Sprache der Soldaten, bedeutet Kriegsführung mit Mörsern, Artillerie und Kampfhubschraubern. Im Gegensatz zur psychologischen Kriegsführung – oder HTS.

Die Möglichkeit, Informationen über den Feind auf friedlichem Weg durch Ethnologen – oder sogar Hilfsorganisationen oder Journalisten – zu gewinnen, ist längst in den Kanon der Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen des US-Militärs eingegangen. Eine gefährliche Tendenz, die sich langfristig als Problem herausstellen könnte. Denn die Hilfsorganisationen müssen sich komplett vom Militär abgrenzen, um vor Ort tätig zu sein. Marianne Huber, die für die Caritas in Afghanistan aktiv ist, erklärt, dass NGOs nur dann akzeptiert werden, wenn sie nicht als „langer Arm” des ausländischen Militärs oder der afghanischen Regierung angesehen werden.

Doch Afghanistan und Irak sind für das US-Militär nur der erste Schritt. Obwohl der amerikanische Kongress nachdrücklich am Nutzen von HTS zweifelte, genehmigte die  Obama-Regierung jüngst einen dreistelligen Millionenbetrag für das Programm. Das nächste Ziel: Afrika. Hier sollen HTS-Sozialwissenschaftler in Zivil das menschliche Terrain für das amerikanische Afrika-Oberkommando Africom analysieren.


Alexander Bühler ist freier Journalist und schreibt Reportagen und Berichte u.a. für Zeitungen und Nachrichtenmagazine wie Der Spiegel, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung und Cicero. Ebenso verfasst er Fernsehbeiträge für das Kulturmagazin TTT (ARD) und Features sowie kürzere Beiträge für Radiosender wie Deutschlandfunk, NDR Info, DRS2 und WDR5. Im Oktober war er undercover in Syrien und hat für deutsche und internationale Medien über die aktuelle Situation und über die Aufständischen berichtet.
Er hat unter anderem Vorträge zur Flutkatastrophe in Pakistan an Schulen gehalten, hat an Fachhochschulen über Journalismus referiert sowie Seminare abgehalten, hat an der Universität Zürich über Söldner in Afghanistan und Irak berichtet und hat am Humanitären Kongress in Berlin über die Lage in Syrien referiert.


 

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