In der International Herald Tribune vom 29. November 2011 analysiert Roger Cohen die Vor- und Nachteile der Kriegführung von Obama und bezeichnet diese als eine neue Art der Strategie und Kriegführung der USA:[1]

„On U.S. strategic policy, Obama has gone covert – and made the right call. So why I am uneasy?“

Im Gegensatz zur Bush-Administration würde die Kriegführung von Obama offenbar primär auf den Einsatz von Spezialeinheiten beruhen. In zunehmendem Masse würden diese Einheiten als verlängerter Arm der amerikanischen Aussenpolitik wirken und die Gegner der USA, wo immer sie sich befänden, töten. Cohen bezeichnete diese Art der Kriegführung in Anlehnung an die israelische Regierungspartei Likud als „Likudization“.  Die Tötung von Gegnern der USA durch kleine Detachemente von Spezialeinheiten seien sehr effiziente Mittel der US-Aussenpolitik:

„Foreign policy has been Obama’s strongest suit. He deserves great credit for killing Obama bin Laden, …, dealing repeated blows to Al Quaeda and restoring America’s battered image.“

Aber die doctrine of silence könnte in der Zukunft scheitern und damit, wie die fallierte Wirtschaftspolitik, bei den Amerikanern ungute Gefühle hinterlassen:

„it betrays a presidential reticence, coolness and aloofness that leave Americans uncomfortable.“

Wie funktioniert diese „neue“ Kriegführung? 12 bis 48 Angehörige amerikanischer Spezialeinheiten (Rangers, Green Berets, SEALs, DELTA) operieren zunehmend in der Nacht[2] in feindlichen Gebieten. In Afghanistan werden sie in diesen Operationen durch Soldaten der afghanischen Armee ANA (Afghan National Army) unterstützt. Während die Amerikaner dabei mit einem Arsenal von Scharfschützengewehren (Kaliber 12.7 mm), schweren Maschinengewehren (12.7 mm), Sturmgewehren M16A2 (5.56 mm) mit Granatwerfern (40 mm), Panzerabwehrwaffen Carl Gustav (84 mm), Minenwerfer (60 mm) und Geländefahrzeugen GMV ausgerüstet sind, haben die Afghanen nur Sturmgewehre Kalaschnikow AK-47 (7.62 mm), Maschinengewehre PKM (7.62 mm), Panzerabwehrwaffen RPG-7[3] und als Fahrzeuge Ford Ranger Pickups. Während die amerikanischen Elitesoldaten über Nachsichtgeräte verfügen, ist dies bei den afghanischen Soldaten nicht der Fall.

Da diese kombinierte Einheiten ihren Gegnern – so insbesondere den Taliban – in den Gefechten zahlenmässig immer unterlegen sind, sind sie auf Gefechtsfeldunterstützung (CAS, close air support) durch Kampfflugzeuge und -helikopter angewiesen. Für diese CAS-Einsätze hat jede Einheit einen Fliegerleitoffizier (JTAC, joint tactical aircraft controller).   Zum Einsatz gelangen schwere Bomber B-1B, Kampfflugzeuge F/A-18E/F, F-15E und F-16. Gefragt sind aber insbesondere Kampfhelikopter AH-64A Apache, Kampfflugzeuge A-10C Thunderbolt II und Gunships AC-130H Spectre (umgebaute Transportflugzeuge des Typ C-130 Hercules). Für die direkte Unterstützung sind die Kampfhelikopter mit Kanonen (30 mm) und ungelenkten Lenkwaffen ausgerüstet. Die A-10A verfügen über ihre riesigen Revolverkanonen (30 mm) und die AC-130H haben als schwere Waffen 105mm-Haubitzen und 40mm-Maschinenkanonen. Aufgrund der verheerenden Wirkung werden die AC-130H von den Taliban als „Todesvögel“ bezeichnet. Ausgerüstet mit mehreren GPS-gelenkten 906 kg-Bomben ist auch das Potential der B-1B vernichtend. Gleichzeitig wird ein Gefechtsfeld durch unbemannte Aufklärungsdrohnen des Typ Predator überwacht, so dass das rückwärtige Kommando einer Spezialeinheit jederzeit zusätzliche Unterstützung leisten kann. Für den Abtransport der Verwundeten werden Chinook-Transporthelikopter beordert.

Sehr detailliert wird der Einsatz eines britischen JTAC in Afghanistan im Buch „Fire Strike 7/9“ beschrieben.[4] Während sechs Monaten diente Sergeant Grahame[5] der B Company, 2 MERCIAN Battle Group in der Provinz Helmand als JTAC. Das Fire Support Team (FST) von Sergeant Grahame setzte für die CAS-Einsätze verschiedene Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter (B-1B, F-15, F-16, F-18, A-10, Mirage, Harrier, Apache) ein – sogar eine bewaffnete Predator-Drohne leistete Unterstützung.

Wie setzen  amerikanische Spezialeinheiten ihre afghanischen Verbündeten ein? Informationen dazu sind in einem Bericht über die Eroberung der Taliban-Festung Sperwan Ghar (Bezirk Panjwayi, Provinz Kandahar) während der Operation Medusa vom August bis September 2006 ersichtlich. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete das Operational Detachment Alpha (ODA, Green Berets) 331 der U.S. Army Special Forces Task Force 31 (TF 31).[6] Aus anderen Berichten ist bekannt, dass der kommandierende Offizier eines solchen Detachments fähig sein muss, mit den paschtunischen Soldaten in Paschto kommunizieren zu können. Im Rahmen der Vorbereitungen zum Gefecht konditionierte der amerikanische Captain seine afghanischen Mitkämpfer (Hilfstruppen) mit Hilfe des Stammesrechtes der Paschtunen, dem Paschtunwali. Er erinnerte seine Afghanen dabei an die wichtigsten Regeln des Paschtunwali. Im bevorstehenden Kampf sollte die Blutrache (badal) gegen die Taliban befolgt werden. Auch die Ehre (nang), die Hochachtung der paschtunischen Kultur (dod-pasbani) und der Eid auf diese (tokhm-pasbani) sollten beachtet werden. Mit folgenden Sätzen heizte der Offizier den Kampfwillen seiner Paschtunen regelrecht an:[7]

„Will your people remember your names? Do you want to live under the heel of Taliban rule again? You are the Lions of Kandahar! You are the protectors of southern Afghanistan! We have fought and bled with you many years. Will you not fight with me now? No country has ever helped Afghanistan like America. Did we not help you to defeat the Russians?“

Die Anwerbung von Hilfstruppen unter Eingeborenen ist übrigens nicht neu. Schon die Kolonialmächte Grossbritannien und Frankreich warben in ihren Kriegen in Nordamerika indianische Hilfstruppen an und setzten sie skrupellos ein. Nach einem Sieg oder einer Niederlage vergass man deren Dienste und lieferte sie ohne irgendwelche Gewissenbisse der Rache ihrer Feinde aus. Andere Beispiele waren der Einsatz von Hilfstruppen in den Vietnamkriegen der Franzosen und der Amerikaner. Die Hilfstruppen wurden nach diesen Kriegen einfach vergessen, als ob sie nie existiert hätten und dem Massaker der Sieger ausgeliefert.

Ist die Kriegführung von Obama neu? Genau gleich wie der Einsatz von Hilfstruppen hat auch diese Kriegführung eine Vorgeschichte. Der erste grosse Einsatz einer Spezialeinheit, unterstützt durch afghanische Hilfstruppen, war die Operation gegen die „Festung“ von bin Laden bei Tora Bora durch eine DELTA-Einheit im Dezember 2001. Sehr eindrücklich hat der damalige Kommandant dieser Einheit auch den massiven Einsatz von Bombern B-52, Kampfflugzeugen und Gunships AC-130 Spectre gegen die Festung in seiner Schrift „Kill bin Laden“ beschrieben.[8]

Die nächste Operation der Amerikaner in Afghanistan mit Hilfstruppen war ANACONDA im März 2002 gegen Kampftruppen von Al-Kaida und der Taliban im Tal von Shahi Khot (Provinz Khowst). Die Operation scheiterte an der ungenügenden Kommunikation zwischen den regulären Einheiten der 101st Airborne Division und der 10th Mountain Division mit dem Team der Special Forces. Die gegnerischen Kommandanten konnten sich der Umfassungen entziehen und nach Pakistan absetzen.[9] Von da an beschlossen die Teams der Special Forces, vorderhand nicht mehr mit konventionellen Einheiten zusammenzuwirken.

Die Kriegführung von Obama ist deshalb nicht neu. Unter Obama ist sie verfeinert und weiter entwickelt worden. Im Gegensatz zu Bush jr. setzt Obama diese Kriegführung jedoch mit Priorität gegen die Taliban in Afghanistan und in Pakistan ein. Nicht von ungefähr sind die Protagonisten dieser Kriegführung in der Obama-Administration der heutige CIA-Direktor und frühere General David Petraeus, der dazu seine Erfahrungen im Krieg gegen die Aufständischen im Irak und in Afghanistan gesammelt hat. Auch der gegenwärtige Verteidigungsminister Panetta hat während seiner Zeit als CIA-Direktor immer wieder verdeckte Operationen mit Spezialeinheiten durchführen lassen. Sehr eindrücklich wird die Entwicklung dieser Kriegführung in der Schrift America’s Secret War von George Friedman[10] beschrieben. Aufgrund dieser Entwicklung und Verfeinerung ist es denkbar, dass Obama diese Kriegführung nun gegen alle Feinde der USA einsetzen wird.


[1] Cohen, Roger. Doctrine of silence. IHT, November 29, 2011, p. 8.

[2] Nordland, Rod. Afghans seek to end night raids. IHT, December 5, 2011, p.6.

[3] Kalaschnikow AK-47, PKM und RPG-7 sind Waffensysteme russischer Herkunft.

[4] Grahame, Sergeant Paul ‚Bommer’, and Damien Lewis. Fire Strike 7/9. Ebury Press, Random House, London, 2011.

[5] im Gegensatz zu den US-Streitkräften haben in den britischen Streitkräften JTAC vielfach nur den Grad eines Noncommissioned Officer und damit eines Unteroffiziers.

[6] Bradley, Major Rusty, and Levin Maurer. Lions of Kandahar. The Story of a Fight Against All Odds. Bantams Books, The Random House, Inc. New York, 2011.

[7] Bradley. p. 54.

[8] Fury, Dalton (ein Pseudonym). Kill Bin Laden. A DELTA Force Commander’s Account of the Hunt for the World’s Most Wanted Man. St. Martin’s Griffin, New York, 2008.

[9] Bradley. p.52.

[10] Friedman, George. America’s Secret War. Inside the Worldwide Struggle between the United States and its Enemies. ABACUS, London, 2007.

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