Prof. Dr. Rabbani war von 1993 bis 2001 Präsident Afghanistans. In den siebziger und achtziger Jahren war er einer der sieben politischen Führer des afghanischen Widerstandes gegen die sowjetische Besetzung in Peshawar. Rabbani war Vorsteher der Widerstandspartei Jamiat-e Islami. Zu den bedeutendsten Kommandanten dieser Partei gehörten Ahmad Shah Massud, der Löwe des Panjshir-Tals, Ismael Khan von Herat und Mohammad Ata aus Mazar-e Sharif. Im Gegensatz zu den sechs Paschtunen-Parteien im pakistanischen Peshawar rekrutierte sich Rabbanis Partei vor allem aus Tadschiken.

Ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes von Najibullah übernahm Rabbani 1993 das Präsidium Afghanistans. Entgegen den ursprünglichen Abmachungen zwischen den Parteiführern, das Amt alle halbe Jahre an andere Führer weiter zu geben, hielt Rabbani am Präsidium fest. Der Grund hierfür war die Furcht, dass der Paschtune Gulbuddin Hekmatyar, der Führer der Hezb-e Islami, das Präsidentenamt für ethnische Säuberungen missbrauchen würde. Aufgrund der Weigerung Rabbanis löste Hekmatyar einen Bürgerkrieg in Kabul aus. An diesem Bürgerkrieg, der bis 1995 andauerte, beteiligten sich fast alle Parteien. Kabul wurde zur Hälfte zerstört und mindestens 50’000 Menschen wurden getötet. Am Ende siegte Ahmad Shah Massud, Rabbanis Kommandant. Die anderen Kommandanten wurden vertrieben. 1994 tauchte aber eine neue Gruppe in Kandahar auf, die Taliban, die ihrerseits 1995 Kabul angriffen. Massud konnte deren Angriff zurückschlagen, sie aber nicht bis Kandahar verfolgen, da die Hazara seine rückwärtigen Linien in Kabul bedrohten.

Im April 1995 empfing Rabbani eine Schweizer Delegation, zu der u.a. Peter Arbenz und seine Frau, Paul Bucherer, Dieter Kläy und Albert A. Stahel gehörten, im Kabuler Königspalast. Die Delegation wollte sich ein Bild über die Lage in Afghanistan verschaffen. Nach dem Antrittsbesuch beim Präsidenten wurden verschiedene Persönlichkeiten und Institutionen in Kabul besucht, so auch die im Bürgerkrieg zerstörte Universität. Diese hatte bis zu jenem Zeitpunkt den Hazara als Hauptquartiert gedient. Während des Aufenthaltes war immer wieder das Sprengen von Blindgängern und Minen zu hören. So blieb der Aufenthalt für die gesamte Delegation unvergesslich.

1996 griffen die Taliban Kabul erneut an. Trotz der von Massud vorbereiteten Stellungen mussten Massud und Rabbani ins Panjshir-Tal ausweichen. Offenbar war Verrat im Spiel, gab doch Hekmatyar ohne Widerstand seine Stellungen in der Provinz Nangarhar auf. Durch dieses Manöver geriet Massud in Gefahr, von den Taliban von hinten her umfasst zu werden. Rabbani gab den Anspruch auf das Präsidentenamt jedoch nicht auf. Seine Regierung wurde von der UNO auch nach der Eroberung von Kabul durch die Taliban als legitime Vertretung Afghanistans anerkannt.

Als Präsident besuchte Professor Rabbani Ende der neunziger Jahre die Schweiz. Nach dem Sturz der Taliban-Herrschaft kehrte er im Dezember 2001 als Präsident nach Kabul zurück. Nachdem auf dem deutschen Petersberg die afghanischen Delegationen auf Druck der USA und der Europäer den Paschtunen Hamid Karzai als Chef der Übergangsregierung bestimmt hatten, räumte Burhanuddin Rabbani das Präsidentenamt. Er erwies sich in der Folge als loyaler Gefolgsmann Karzais und diente mit seinen Beziehungen zu den Tadschiken als Vermittler zwischen diesen und dem paschtunischen Präsidenten. Vermutlich verhinderte er durch seine Loyalität zu Karzai, dass sich der Zorn der Tadschiken – so insbesondere jener der Panjshiris – in einen bewaffneten Aufstand gegen die korrupte Regierung hätte entladen können.

Nach 2002 empfing Rabbani seine Freunde aus der Schweiz immer wieder zu angeregten Gesprächen in seinem Haus in Kabul. 2007 besuchte er die Schweiz erneut und nahm zusammen mit den Parlamentariern Per Sayed Ishaq Gailani und Amanullah Paimann am 12. Juni an einem Seminar über Afghanistan an der Universität Zürich teil. Er hielt selbst ein Referat. Im Interview mit der Neuen Luzerner Zeitung vom 13. Juni 2007 fragte ihn der Journalist Fabian Fellmann, was Afghanistan von der Schweiz erwarten würde. Seine Antwort war klar und prägnant:
“Wir brauchen keine militärische Hilfe von der Schweiz. Aber sie soll ihr humanitäres Engagement weiterführen. Sehr wichtig ist, dass unsere jungen Menschen zum Studium in die Schweiz dürfen, um dann zu Hause zu helfen.”

Mit diesem Satz sprach er die überflüssige Präsenz von Schweizer Offizieren in Afghanistan an, die dann auch sehr bald darauf vom VBS abgezogen wurden. Des Weiteren hoffte er auf eine engere Zusammenarbeit im Hochschulbereich zwischen der Schweiz und Afghanistan. Während seines Besuches betonte Professor Rabbani bei jeder Gelegenheit seine Sympathien für die Schweiz. Er hoffte auf eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Leider blieb dieser Wunsch unerfüllt.

Nun ist Burhanuddin Rabbani tot, ermordet durch einen Selbstmordattentäter in seinem eigenen Haus in Kabul. Vermutlich wurde er das Opfer seiner eigenen Grosszügigkeit, hatte der Attentäter das Haus vermutlich ohne Kontrolle betreten. Der Attentäter dürfte im Auftrag des berüchtigten Haqqani-Netzwerkes aus dem pakistanischen Nord-Waziristan gehandelt und damit Al-Kaida gedient haben. Das Ziel dieses und der anderen bis anhin erfolgten Anschläge gegen Anführer der Tadschiken dürfte die Schaffung eines Machtvakuums nach dem Abzug der Amerikaner im Jahr 2014 sein. Afghanistan soll führungslos und vor allem für die Al-Kaida sturmreif werden, denn diese Organisation hat ihr Interessen an Afghanistan nicht aufgegeben.

Mit der Persönlichkeit Rabbani hat Afghanistan nicht nur einen ehemaligen Präsidenten verloren, sondern auch einen erfolgreichen Mujaheddin-Kommandanten, der sich im Kampf gegen die sowjetische Besetzung ausgezeichnet hat.